Klimawandel

Borkenkäfer und Dürre: Steht die Fichte vor dem Aus? Premium

Stürme, Dürre und vor allem der Käfer bedrohen die Fichte. Der Brotbaum vieler Waldbesitzer kämpft ums Überleben. Hat die Fichte noch eine Perspektive? Eine Reportage von Christian Brüggemann.

Typisch für die Borkenkäfer-Katastrophe: Viele kleine Käfernester und massiv befallene Einzelbäume, die schnell absterben (Bildquelle: Brüggemann)

Wir stehen an einer Fichte, die bald hiebsreif wäre. Sie ist gut 30 m hoch, rund 70 Jahre alt und – tot. Die Rinde löst sich bereits großflächig vom Stamm ab. Unter einem Stück, das Beförsterer Nils Redde abhebelt, krabbeln darunter einige Borkenkäfer. Etliche weiße Larven stecken in den Fraßgängen. 20 Grad messen wir Anfang November in dem kleinen Fichtenbestand im Bergischen Land an der Grenze zu Rheinland-Pfalz! „Bei dem warmen Wetter schaffen die Käfer vielleicht sogar noch eine vierte Generation, die auch noch neue Bäume befallen können“, erklärt Redde. Rund ein Dutzend weitere Fichten hat der Borkenkäfer hier bereits ebenfalls vernichtet. Orkan, Trockenheit, Käfer! Bundesweit, aber auch in den Nachbarländern, hat die Kombination aus einer großen überwinterten Käferpopulation, Orkan Friederike, monatelanger Dürre und die dadurch explodierenden Käferzahlen zu einem Massensterben der Fichten geführt. In vielen Fichtenbeständen finden sich jetzt verbreitet braune Einzelbäume, große Käfernester und ganze vom Käfer vernichtete Waldbereiche. Die Schäden durch den Borkenkäfer treten fast bundesweit auf. Ein Schwerpunkt zeichnet sich in den nördlichen Mittelgebirgen ab: Sowohl im Sauerland als auch Harz und in den angrenzenden Regionen sind viele Fichten- bestände massiv betroffen. Allein in Nordrhein-Westfalen könnte der Käfer rund zwei Mio. Festmeter (fm) Schadholz produziert haben. Niedersachsen rechnet mit mindestens 1 Mio. fm Käferholz. Gemessen an der Schadholzmenge, wurden die Fichtenbestände bereits Anfang 2018 vom Sturm Friederike am stärksten geschädigt. In Deutschland knickte der Orkan rund 17 Mio. fm um, der größte Teil davon war Fichtenholz. Weil die immensen Windwurfflächen längst nicht komplett vor dem Start der Käfersaison geräumt werden konnten, hatte die erste Generation eine reichliche Futtergrundlage. Das durchgehend warme Wetter und die lang anhaltende Trockenheit sorgten dann für eine Explosion der Käferzahlen bis in den Spätherbst hinein. Experten rechnen inzwischen damit, dass in Deutschland 2018 zusätzlich zum Sturmholz mindestens 10 Mio. fm Käferholz anfallen. Der reguläre Fichtenholzeinschlag lag in Deutschland in den vergangenen Jahren meist bei etwa 20 Mio. fm. Der Markt für Fichtenholz ist nahezu zusammengebrochen, die Preise im Keller, nicht wenige Polter bleiben an den Forstwegen liegen. Der Frischholzeinschlag ist daher inzwischen in den meisten Landesforsten gestoppt, und auch private Waldbesitzer sollten möglichst keine frischen Fichten schlagen. Daran halten sich die meisten Forstwirte notgedrungen, da sie seit Monaten mit der Aufarbeitung der Sturmschäden und dem Ausmerzen von Käferbäumen und -nestern ausgelastet sind. Auch Forstdienstleister, Harvester und Rücker sind oft seit dem Sturm dauerhaft in den geschädigten Fichtenbeständen unterwegs. Angesichts der enormen Schäden in den Wäldern und den massiven finanziellen Einbußen fordern die Waldbesitzer finanzielle Hilfe und steuerliche Erleichterungen. So eine massive Bedrohung für die Fichte haben die meisten Förster und Waldbesitzer noch nicht erlebt. Experten sprechen vom schlimmsten Borkenkäferjahr seit 70 Jahren. Entsprechend unsicher und vielfältig sind auch die Aussagen zur Zukunft der Fichte: Die Fichte werde flächig aussterben, ist zu hören. 2019 drohe bereits das nächste Käferjahr, das die Bestände verbreitet weiter dezimieren könnte. Der Wald wird sich verändern Ganz abschreiben wollen viele Praktiker die Fichte als wichtigsten „Brotbaum“ aber noch nicht: Die Käferschäden träten auch in diesem Jahr eher auf ungünstigen, trockeneren Flächen, wie Südhängen und Waldkanten auf. Auf feuchteren Gunststandorten gebe es deutlich weniger befallene Bäume. 2018 bezeichnen sie als Ausnahmejahr. Experten empfehlen allerdings, nicht mehr uneingeschränkt auf die Fichte zu setzen. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser: „Ziel unseres Waldbaukonzeptes ist, den Wald klimafit und weniger anfällig auszubauen. Entscheidend ist dabei die richtige Mischung klimaangepasster Arten.“ Neben fast schon etablierten, noch käferresistenteren Nadelbäumen wie Douglasien und Lärchen könnten denn auch Exoten wie japanische Sicheltannen, Mammutbäume oder Esskastanien künftig mehr und mehr Standorte der Fichte einnehmen. Noch sind ...

Weiterlesen mit PREMIUM
Jetzt 30 Tage gratis testen
Mehr erfahren

Artikel geschrieben von

Aus dem top agrar-Magazin

Schreiben Sie Aus dem top agrar-Magazin eine Nachricht

Die Redaktion empfiehlt

Hitze und Trockenheit haben nicht mehr nur die empfindliche Fichte getroffen, sondern so gut wie alle Baumarten. Zu Guttenberg berichtet von Waldbauern, die nach dem Dürresommer verzweifelt sind.

Philipp zu Guttenberg, dem Präsidenten der „AGDW – Die Waldeigentümer“, über die massive Borkenkäferausbreitung dieses Jahr

Bodenzustandsbericht: Wie humusreich sind deutsche Äcker?

Meldung verpasst? Wir verhindern, dass Sie nicht mitreden können. Tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein und wir benachrichtigen Sie über alle wichtigen Ereignisse rund um die Landwirtschaft.


Diskussionen zum Artikel

Kommentar schreiben

von Erwin Schmidbauer

Steht die Rotbuche auch vor dem Aus???

In der Schweiz und auch bei uns haben wir in diesem Trockensommer ebenfalls Schäden an der Rotbuche festgestellt: vorzeitiger Abwurf von Blättern. Ob das der Buche gut tut. Ich finde das ganze Gerede um den Tod der Fichte für übertrieben. Die Fichte hat schwere Probleme, aber der Extremsommer hat allen Waldbäumen massiv zugesetzt.

Diskutieren Sie mit

Tragen Sie mit Ihrem Beitrag zur Meinungsbildung zu diesem Artikel bei.

Sie müssen sich einloggen um Kommentare zu bewerten

Abbrechen

Sie haben noch kein Benutzerkonto?

Benutzerkonto erstellen