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Borkenkäfer und Dürre: Steht die Fichte vor dem Aus?

Stürme, Dürre und vor allem der Käfer bedrohen die Fichte. Der Brotbaum vieler Waldbesitzer kämpft ums Überleben. Hat die Fichte noch eine Perspektive? Eine Reportage von Christian Brüggemann.

Lesezeit: 11 Minuten

Wir stehen an einer Fichte, die bald hiebsreif wäre. Sie ist gut 30 m hoch, rund 70 Jahre alt und – tot. Die Rinde löst sich bereits großflächig vom Stamm ab. Unter einem Stück, das Beförsterer Nils Redde abhebelt, krabbeln darunter einige Borkenkäfer. Etliche weiße Larven stecken in den Fraßgängen.

20 Grad messen wir Anfang November in dem kleinen Fichtenbestand im Bergischen Land an der Grenze zu Rheinland-Pfalz! „Bei dem warmen Wetter schaffen die Käfer vielleicht sogar noch eine vierte Generation, die auch noch neue Bäume befallen können“, erklärt Redde. Rund ein Dutzend weitere Fichten hat der Borkenkäfer hier bereits ebenfalls vernichtet.

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Orkan, Trockenheit, Käfer!

Bundesweit, aber auch in den Nachbarländern, hat die Kombination aus einer großen überwinterten Käferpopulation, Orkan Friederike, monatelanger Dürre und die dadurch explodierenden Käferzahlen zu einem Massensterben der Fichten geführt. In vielen Fichtenbeständen finden sich jetzt verbreitet braune Einzelbäume, große Käfernester und ganze vom Käfer vernichtete Waldbereiche.

Die Schäden durch den Borkenkäfer treten fast bundesweit auf. Ein Schwerpunkt zeichnet sich in den nördlichen Mittelgebirgen ab: Sowohl im Sauerland als auch Harz und in den angrenzenden Regionen sind viele Fichten- bestände massiv betroffen. Allein in Nordrhein-Westfalen könnte der Käfer rund zwei Mio. Festmeter (fm) Schadholz produziert haben. Niedersachsen rechnet mit mindestens 1 Mio. fm Käferholz.

Gemessen an der Schadholzmenge, wurden die Fichtenbestände bereits Anfang 2018 vom Sturm Friederike am stärksten geschädigt. In Deutschland knickte der Orkan rund 17 Mio. fm um, der größte Teil davon war Fichtenholz. Weil die immensen Windwurfflächen längst nicht komplett vor dem Start der Käfersaison geräumt werden konnten, hatte die erste Generation eine reichliche Futtergrundlage. Das durchgehend warme Wetter und die lang anhaltende Trockenheit sorgten dann für eine Explosion der Käferzahlen bis in den Spätherbst hinein.

Experten rechnen inzwischen damit, dass in Deutschland 2018 zusätzlich zum Sturmholz mindestens 10 Mio. fm Käferholz anfallen. Der reguläre Fichtenholzeinschlag lag in Deutschland in den vergangenen Jahren meist bei etwa 20 Mio. fm. Der Markt für Fichtenholz ist nahezu zusammengebrochen, die Preise im Keller, nicht wenige Polter bleiben an den Forstwegen liegen. Der Frischholzeinschlag ist daher inzwischen in den meisten Landesforsten gestoppt, und auch private Waldbesitzer sollten möglichst keine frischen Fichten schlagen. Daran halten sich die meisten Forstwirte notgedrungen, da sie seit Monaten mit der Aufarbeitung der Sturmschäden und dem Ausmerzen von Käferbäumen und -nestern ausgelastet sind. Auch Forstdienstleister, Harvester und Rücker sind oft seit dem Sturm dauerhaft in den geschädigten Fichtenbeständen unterwegs.

Angesichts der enormen Schäden in den Wäldern und den massiven finanziellen Einbußen fordern die Waldbesitzer finanzielle Hilfe und steuerliche Erleichterungen.

So eine massive Bedrohung für die Fichte haben die meisten Förster und Waldbesitzer noch nicht erlebt. Experten sprechen vom schlimmsten Borkenkäferjahr seit 70 Jahren. Entsprechend unsicher und vielfältig sind auch die Aussagen zur Zukunft der Fichte: Die Fichte werde flächig aussterben, ist zu hören. 2019 drohe bereits das nächste Käferjahr, das die Bestände verbreitet weiter dezimieren könnte.

Der Wald wird sich verändern

Ganz abschreiben wollen viele Praktiker die Fichte als wichtigsten „Brotbaum“ aber noch nicht: Die Käferschäden träten auch in diesem Jahr eher auf ungünstigen, trockeneren Flächen, wie Südhängen und Waldkanten auf. Auf feuchteren Gunststandorten gebe es deutlich weniger befallene Bäume. 2018 bezeichnen sie als Ausnahmejahr.

Experten empfehlen allerdings, nicht mehr uneingeschränkt auf die Fichte zu setzen. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser: „Ziel unseres Waldbaukonzeptes ist, den Wald klimafit und weniger anfällig auszubauen. Entscheidend ist dabei die richtige Mischung klimaangepasster Arten.“ Neben fast schon etablierten, noch käferresistenteren Nadelbäumen wie Douglasien und Lärchen könnten denn auch Exoten wie japanische Sicheltannen, Mammutbäume oder Esskastanien künftig mehr und mehr Standorte der Fichte einnehmen. Noch sind echte Alternativen zur Fichte allerdings rar, und nicht zuletzt müsste sich auch die gesamte heimische Säge- und Verarbeitungsbranche auf das veränderte Angebot einstellen.

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Käfer-Kalamität

Im Frühjahr 2018 fanden die Borkenkäfer viel Sturmholz als Brutmaterial. Ein Käferweibchen kann bis zu 200 000 Nachkommen pro Jahr haben. Die Larven unterbrechen mit Fraßgängen in der Rinde die Nährstoffzufuhr des Baumes, der sich nur bei ausreichender Wasserversorgung mit vermehrter Harzproduktion wehren kann. 2019 droht ein weiteres Käferjahr, da eine große Käferpopulation in die Winterruhe geht.

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Holzmarkt kurz vorm Kollaps

„Unser Holz ist nichts mehr wert“, klagen viele Waldbesitzer und vermuten, das sich nicht wenige Säger derzeit auf ihre Kosten die Taschen voll machen. Denn die Bauindustrie boomt, und Bau- und Konstruktionsholz wird meist aus Fichte gesägt. Aber die schiere Masse an Sturm- und Käferholz hat die Preise für Fichtenholz seit dem vergangenen Winter nahezu halbiert. Bisheriger Tiefpunkt sind 40 €/fm für Fichten-Stammholz.

60 bis 100 Jahre alte Fichten werden inzwischen derzeit oft zum Brennholzpreis verkauft, wenn sie nicht im Wald liegen bleiben. Das niedrige Preisniveau öffnet inzwischen aber auch neue Märkte: Hackschnitzel fließen mittlerweile als Einstreu Richtung Niederlande ab. Mehrere 10 000 fm Stammholz werden zudem inzwischen in Überseecontainer verladen und nach China exportiert. Langfristig erwarten nicht wenige Marktkenner einen Mangel an heimischem Fichtenholz.

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„Der Käfer hat den Rest erledigt!“

Abgesägte Wurzelteller, abgebrochene Spitzen und Äste liegen noch wild durcheinander auf der Windwurffläche. Auf der rund acht Hektar großen Teilfläche von Forstwirt Marc Schwarzelühr (42) aus Iserlohn (Märkischer Kreis) stehen zwar auch noch einige der 70 bis 80 Jahre alten Bäume. Viele von ihnen haben aber braune Kronen oder sind bereits ganz trocken. „Hier hat Kyrill 2007 den Anfang gemacht. Friederike hat 2018 den geplanten Jahreseinschlag erledigt, den Rest macht der Käfer“, erklärt Schwarzelühr den Zustand der Fläche. Der Forst- und Landwirt bewirtschaftet rund 260 ha Wald mit etwa einem Drittel Fichte und 50 ha Kiefern. Der Rest ist Mischwald.

Das Sturmholz seiner Fichten hat Schwarzelühr im Laufe dieses Jahres aus der Sturmfläche geräumt, verkauft und abgefahren. Die Stämme des ersten Käferholzeinschlags liegen nun in Poltern am Forstweg. Durch den Käferbefall gehen sie nur noch als C-Ware durch. Die Preise in der Region sind bis auf rund 40 €/fm eingebrochen. „Momentan ist zwar ein Verkauf noch möglich, eine Abfuhr ist aber fraglich“, berichtet er. Die Lagerplätze der Sägewerke seien voll, sodass große Mengen Holz vorerst im Wald blieben.

Seine Polter müsste Schwarzelühr spätestens im kommenden Frühjahr mit Insektiziden gegen Folgeschädlinge behandeln lassen – zusätzliche Kosten. Manche Berufskollegen ließen Käferbäume daher schon im Bestand stehen, weiß er. Ob der Borkenkäfer dort oder im Polter stecke, sei fast egal. „Und für die Holzqualität ist beides schlecht“, erklärt Schwarzelühr das Dilemma.

Käfer außer Kontrolle!

Gegen den enormen Käferdruck könne er zudem kaum etwas ausrichten, sondern immer nur reagieren. Nicht verkaufsfähige Abschnitte verbrennt Schwarzelühr in der Hackschnitzelheizung seines landwirtschaftlichen Betriebes. „Das Käferholz aus diesem Jahr ziehen wir vor, das reduziert den Käferdruck eventuell etwas“, hofft er.

Bis zum Frühjahr 2019 will der Forstwirt die Flächen weitgehend vom Schadholz räumen: „Alles können wir aber nicht schaffen, nötig wäre zudem, den Boden zu mulchen, um die überwinternden Käfer zu erwischen. Das ist aber einfach zu teuer.“ Er will eventuell Fanghaufen anlegen, die im Frühjahr Käfer anlocken und mit Insektiziden behandelt werden.

Flächendeckend könnte aber einzig das Wetter gegen die Plage helfen: „Was der Käfer nicht verträgt, sind 5 bis 10 Grad plus und längere Zeit feuchtes Pilzwetter“, erklärt er.

Auch weiterhin Fichte

Neben seiner Windwurffläche steht ein jüngerer, dichter Fichtenbestand in einer windgeschützten Senke. Dort ist Schwarzelührs Bäumen auch im Dürre-Sommer nicht das Wasser ausgegangen. Keine einzige Fichte ist vom Käfer befallen. Trotz des Katastrophenjahres sieht Schwarzelühr nicht ganz schwarz für die Fichte: „Auf den Kyrill-Flächen kommt die Naturverjüngung gut in Gang, das zeigt mir, dass die Fichte hier wachsen will“, meint er. Daraus werde einmal ein bunter Mischwald. Fichtensetzlinge neu anpflanzen wolle er aber nicht mehr.

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„Nicht nur große Fichtenbestände sind betroffen!“

Vonseiten der Naturschützer ist oft zu hören, die Käferschäden seien nur deshalb so massiv, weil Förster und Waldbauern jahrzehntelang auf Fichten-Monokulturen gesetzt hätten. „Das stimmt aber nicht“, ist Beförsterer und Forstdienstleister Dr. Nils Redde (46) aus Ruppichteroth (Rhein-Sieg-Kreis) überzeugt.

Im Bergischen Land und dem Rheinland komme die Fichte überwiegend in kleinstrukturierten Mischwäldern mit kleineren Beständen oder sogar in Kleinstgruppen vor. „Das sind eigentlich optimale Strukturen für einen vielfältigen und widerstandsfähigen Wald“, erklärt er. Das Problem: Auch hier sind fast überall vom Borkenkäfer befallene und geschädigte Fichten zu finden. Und zwar nicht nur in Waldgebieten; selbst Einzelbäume und Fichten in Wohngebieten sterben durch den Käfer ab.

„Das ist neu im Vergleich zu früheren Käferjahren. Die Population ist offenbar so groß geworden, dass der Käfer wirklich flächendeckend aktiv wird“, hat er beobachtet. Deshalb wirke das früher übliche Vorgehen, befallene Bäume aus dem Wald zu bringen und mindestens 500 m von der nächsten Fichte zu lagern, in diesem Jahr nicht mehr. Das gelte besonders dort, wo die Fichte zwar in geringen Stückzahlen vorkomme, die Bäume aber trotzdem nicht weit auseinander stehen. Die schnell absterbenden und Fichten bringen zudem noch ein weiteres Problem: Die toten Bäume werden schnell instabil. Stehen sie an Straßen oder dicht an Wohnhäusern, greift die Verkehrssicherungspflicht für den Eigentümer.

Auch mal Exoten pflanzen!

Zwar gibt auch Forstexperte Redde die Fichte noch nicht komplett auf. Er rät seinen Kunden aber zunehmend, nicht mehr ausschließlich auf den „Brotbaum der Waldbauern“ zu setzen. „Klar gibt es noch ausreichend kühle und feuchte Standorte, wo die Fichte weiterhin wächst“, ist er überzeugt. Das Motto: „Einmal Fichte geht noch.“ gelte dort weiter. „Diese Flächen werden aber weniger“, ist er überzeugt. Neuanlagen sollten Waldbesitzer daher auch mit Douglasien, Lärchen oder Küstentannen planen. Wobei es auch Borkenkäferarten gibt, die auf diese Bäume spezialisiert sind, wie den Kupferstecher in der Douglasie. Diese sei daher auch kein Wunderbaum, warnt Redde.

Seine Empfehlung lautet, auf gemischte Bestände zu setzen. Fichten und andere Nadelbäume seien dort zwar in Extremjahren wie 2018 ebenfalls nicht zu 100 Prozent vor dem Käfer geschützt. Aber gemischte Bestände böten weitere Vorteile: „Waldbesitzer mit einer vielfältigen Mischung an verschiedenen Bäumen können schnell auf Änderungen reagieren“, erklärt Redde. Das gelte sowohl für klimatische, waldbauliche als auch für Marktbedingungen. Es gehe darum, den Wald reaktionsfähig zu halten. Sein weiterer Tipp: „Pflanzen Sie ruhig auch mal echte Exoten, gemischt mit heimischen Arten, etwa Roteiche, Esskastanie und Mammutbaum. Niemand kann sagen, welche Bäume in Zukunft ebenfalls Probleme bekommen.“ Wie beispielsweise Eichen und Buchen das Dürrejahr überstanden haben, werde sich erst in einigen Jahren zeigen.

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Noch am selben Tag handeln!

In Südbayern ist das Käferaufkommen vor allem mit den heißen Sommern der vergangenen Jahre gestiegen. „Viele Waldbesitzer können mit dem Schädling nicht umgehen“, sagt Werner Fauth aus Aying bei München. Er ist erster Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung (WBV) in Ebersberg. „Wir predigen es unseren Mitgliedern immer wieder: Leute, lasst euch unterstützen!“

Er ist überzeugt, dass sich das Geld, das er in einen externen Berater investiert, rechnet. „Wir brauchen Manpower auf der Fläche, nur so können wir schnell genug reagieren“, sagt er. Der Landwirt investiert rund 50 Euro pro Hektar im Jahr in einen Berater, der wöchentlich seine Flächen kontrolliert. „Ich selbst gehe zusätzlich zweimal die Woche alle Gebiete ab“, sagt er. Um den Borkenkäfer in Schach zu halten, fällt er befallene Bäume noch am selben Tag. Der hohe Aufwand zahlt sich für den Bayer aus. „Statt 3,8 Festmetern Schadholz in 2017 erwarte ich in diesem Jahr nur einen Anteil von 1,3 fm pro Hektar“, sagt er. „Trotz der Extrakosten liegt der Deckungsbeitrag bei knapp 700 € pro Hektar.“ In der WBV fallen im Schnitt 7 fm Käferholz pro ha und Jahr an.

Über 150 Jahre lang konnten die Betriebe im Voralpenland gut mit der Fichte als Brotbaum leben. Noch heute liegt ihr Anteil auf Werner Fauths Flächen bei über 80%. Mit dem Waldumbau begann er in den 90er-Jahren. „Jetzt ist die Zeit, sich professionell aufzustellen“, so sein Appell. Bis 2040 möchte der Landwirt den Lärchenanteil auf 10% und den Douglasienanteil auf 20% steigern.

„Auf die Fichte verzichten will ich hier nicht. Mit einer Niederschlagsmenge von etwa 1100 Litern im Jahr ist das ein idealer Standort. Wir haben gelernt, mit dem Maiszünsler umzugehen, wir müssen auch lernen, den Borkenkäfer in Schach zu halten“, sagt er.

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