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Försterin Hille vom Möhnesee und die Ruhe vor dem Borkenkäfersturm

Was der Borkenkäfer anrichten kann, kennt Försterin Anna-Maria Hille aus ihrem ersten Revier. Diese Erfahrungen helfen ihr nun im Siegerland.

Lesezeit: 8 Minuten

Am Möhnesee musste sich Försterin Anna-Maria Hille bereits mit der Wiederbewaldung von riesigen Käferflächen auseinandersetzen. Welche Erkenntnisse nimmt sie in ihr neues Revier im Siegerland mit, das bisher vom Käfer nicht so stark getroffen ist.

Försterin Anna-Maria Hille hat weit mehr Erfahrung mit dem Borkenkäfer, als ihr lieb ist. Die Revierförsterin war vor ihrem Antritt in Wilhelmsburg, Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein, im Bereich des Möhnesees tätig. Dort hatte der Käfer bereits 100 % der Fichten­bestände zerstört, und die Försterin musste die Wiederbewaldung in einem Revier mit vielen Privatwaldbesitzern koordinieren. Darüber haben wir bereits in unserem Forstmagazin 2020 ausführlich berichtet.

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Seit Dezember 2021 ist sie nun im Siegerland. In ihrem aktuellen Revier gibt es bislang weniger Schäden, als in anderen Regionen, berichtet die Försterin bei unserem Besuch im März. Wir wollen von ihr wissen, wie es am Möhnesee weiterging und welche Maßnahmen sie aktuell plant.

Anna-Maria Hilles aktuelles Revier umfasst insgesamt 2.214 ha. Die Baumarten verteilen sich auf 78 % Nadelholz, überwiegend Fichte, und 22 % Laubholz, davon zu einem großen Teil Eiche aus Stockausschlag. Wie im Siegerland an vielen Stellen üblich, sind die Flächen zu einem Großteil im Besitz von Waldgenossenschaften, jedes Genossenschaftsmitglied hält daran nur ideelle Anteile.

Das System geht auf die Wirtschaftsweise in Haubergen zurück. Försterin Hille betreut insgesamt neun Waldgenossenschaften. Die Bestände liegen im Schnitt 450 bis 500 m über Normalnull, die höchste Erhebung ist Oberndorf mit 665 Höhenmetern.

Im Vergleich zu den Vorräten hält sich die bisherige käferbedingte Schadholzmenge mit ca. 100 000 fm in Grenzen, berichtet die Försterin. Die Region war vom Sturm Friederike weitgehend verschont worden und die Genossenschaften haben befallene Bäume immer sehr schnell entnommen. Doch durch die trockenen Jahre 2018, 2019 und 2020 sind die Fichten gestresst und Mitte 2021 nahmen die Käferschäden auch im Revier Wilhelmsburg deutlich zu. Bei unserem Besuch steht in steilen Lagen noch etwas Käferholz. Die Aufarbeitung war vor den drei Stürmen im Frühjahr sehr gut vorangekommen. Aber zahlreiche Einzelwürfe und Kronenbrüche haben alles zurückgeworfen.

Försterin Hille hat im zeitigen Frühjahr nur wenig Bäume mit Anzeichen eines Käferbefalls gefunden. Zu diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, wo der Käfer überwintert hat – wahrscheinlich zu einem großen Anteil im Boden. Nach einem trockenen März haben sich ergiebige Niederschläge Anfang April angeschlossen, was den Käferflug noch gebremst hat.

Der Regen war hauptsächlich für die Kulturen gut. In den tiefen Bodenschichten fehlt immer noch Wasser. Besorgniserregend bei den Fichten ist nach Beobachtungen der Försterin, dass die Bäume an vielen Stellen massiv grüne Nadeln verlieren. Sie befürchtet, dass dieses noch die Folge der drei Trockenjahre in Verbindung mit den durch die Stürme abgerissenen Feinwurzeln ist.

Unsere Fichten sind durch Dürre und die Frühjahrsstürme geschwächt

Schnell reagieren

Die Hauptstrategie wird auch in den nächsten Monaten sein: Augen aufhalten und befallenes Holz so schnell wie möglich aus dem Wald schaffen. Dazu arbeitet sie sehr eng mit den Verantwortlichen der Waldgenossenschaften zusammen.

Immerhin sei die Ausgangslage generell deutlich besser, als vor zwei Jahren am Möhnesee. Weil Holz sehr knapp und teuer ist, sind die Unternehmen schnell zur Stelle. „Am Möhnesee haben wir teils nicht einmal die Kosten für den Einschlag decken können, wenn überhaupt ein Unternehmer kam. Und wir konnten die riesigen Holzmengen nicht konservieren.“ Im März 2022 war der Preis für Exportware auf bis zu 120 € geklettert.

Wie alle Fachleute, setzt Anna-Maria Hille auf den langfristigen Waldumbau. Und dabei hat ihrer Ansicht nach Nadelholz einen festen Anteil: „Es ist hier oft kalt und verregnet. Außerdem werden wir immer einen hohen Bedarf an heimischem Bauholz haben, das zum überwiegenden Teil aus Nadelholz besteht.“

Die Fichte soll dabei nach Möglichkeit aus Naturverjüngung stammen. Durch die hohe Anzahl von naturverjüngten Fichten ist eine größere genetische Varianz gegeben, was die Bestände hoffentlich in Zukunft widerstandsfähiger macht. Fichtenpflanzungen sollen die Ausnahme bleiben. Eine reine Sukzession ohne steuernde Eingriffe ist aber nicht die Lösung. Denn dann würde wieder die Fichte dominieren. Neben etlichen Laubbaumarten sollen deshalb Weißtanne, Lärche, Küstentanne und teilweise Kiefer die Bestände ergänzen.

Wie haben sich die Flächen an der Möhne entwickelt? Hier gab es auf den geräumten Flächen Probleme mit frühem Begleitwuchs, vor allem mit Brombeere. Wegen der nicht angepassten Sika-Wildbestände in der Region ging es oft nicht ohne Gatter. Anna-Maria Hille ist der Meinung, dass das Wild intensiv bejagt werden muss – zumindest in dem engen Zeitfenster, in dem sich riesige Flächen im kritischen Stadium der Wiederbewaldung befinden. Danach könne man den Jagddruck wieder zurücknehmen.

Anfangs schwer verständlich und nur mit hoher Akribie umsetzbar, zeigten sich lange Zeit die Förderrichtlinien zur Wiederbewaldung in Verbindung mit den verpflichtenden Fachkonzepten. Teilweise entscheiden noch immer kleine Unterschiede von wenigen Quadratmetern oder prozentuale Abweichungen darüber, ob eine Maßnahme förderfähig ist oder nicht. Zudem muss das Förderziel auf zwölf Jahre gesichert werden, ansonsten können Rückzahlungen der Fördergelder drohen. Deshalb haben am Möhnesee Waldbesitzer teils auf die Förderung verzichtet.

Praxisgerechtere Förderung

Schwierig waren z.B. auch Vorgaben für unterschiedliche Verbände auf den Flächen. Das ist Pflanzkolonnen schwer zu vermitteln. Deshalb hat sich meist ein Standard von 2 x 1 m bewährt. „Auch dann gibt es noch Abweichungen, weil es Menschen sind und weil es schwer ist, bei diesen riesigen Herausforderungen haarklein Details einzuhalten“, sagt Försterin Hille.

Mittlerweile ist aber Bewegung in die Förderung gekommen. Eine Novellierung der Richtlinien ist in Planung und soll helfen, Maßnahmen praxisgerechter umzusetzen und bürokratische Hürden abzubauen. Das ist eine Entwicklung, die Anna-Maria Hille ausdrücklich begrüßt. Sie stellt aber ebenso deutlich fest: „Wir müssen den Waldumbau ernst nehmen. Wir haben dazu jetzt eine Jahrhundertchance – nur muss es eben praxisgerecht laufen.“

Stabilere Bestände

Wichtig ist angesichts des Klimawandels die Bereitschaft zum Experimentieren, findet die Försterin. Hier gilt es, genau zu beobachten und frühe Schlüsse zu ziehen. Sie fasst einige Erfahrungen zusammen:

Der Baumhasel hat sich als relativ anfällig bei Spätfrösten herausgestellt. Auch der Gebirgs-Mammutbaum verträgt zumindest in den ersten zehn Jahren Spätfröste nur mäßig. Der Küsten-Mammutbaum kommt scheinbar besser damit klar. Die Hemlocktanne zeigte sich auf den großen Kahlflächen als lichtempfindlich. Dagegen vertrugen die Schattbaumarten Buche und Weißtanne die Sonne erstaunlich gut.

Ebenfalls positive Erfahrungen machte Försterin Hille bisher mit der Lärche, der Esskastanie, der Atlaszeder und der Elsbeere. Die Erle schlägt sich selbst auf trockenen Kahlflächen sehr gut. Bei der Schwarznuss legt sich die Expertin noch nicht fest. Keine Zukunft sieht sie für die Esche und auch nicht für den Bergahorn. Der steht im Siegerland zwar noch einigermaßen gut da, aber an der Möhne hat sie sehr große Schäden durch die Rußrinden-Krankheit festgestellt.

Wir werden für die Pflege der Kulturen viele Arbeitskräfte brauchen

Bei der Flächenräumung empfiehlt Anna-Maria Hille mittlerweile, wo es die Topographie zulässt, den Bagger. In der Rückschau stuft sie das flächige Mulchen tendenziell eher als Fehler ein: Es fehlt die Windruhe. Gras und Adlerfarn haben oft dichte Teppiche gebildet. Diese Bereiche sind für das Wild als Äsung und Deckung besonders attraktiv.

Dazu kommt die Bodenverdichtung durch das flächige Befahren. Unter der Bodenoberfläche bleiben die Stucken zurück. Hier hat sich dann der Rüsselkäfer an einigen Stellen entgegen der Erwartung deutlich vermehrt. Vorteil des Mulchens ist allerdings die deutlich einfachere Kulturpflege.

Im Siegerland will die Försterin nur noch situationsabhängig mulchen. Momentan sind Flächen in Planung, auf denen nur die Gattertrasse gemulcht werden soll.

Ein Nachteil der Baggerräumung ist nach Ansicht der Försterin, dass sich die Nährstoffe aus dem Schlagabraum später auf der Rückegasse konzentrieren.

Die Ausfälle in den neuen Kulturen an der Möhne sind bisher erstaunlich gering, hat Anna-Maria Hille festgestellt. Wenn, dann sind größere Flecken eingegangen. Das führt sie eher auf die falsche Lagerung einzelner Pflanzen-Partien zurück als auf die Standortbedingungen. Unter dem Strich ist es ihrer Ansicht nach besser als erwartet gelaufen.

Künftig sieht die Försterin riesige Herausforderungen in der Kulturpflege. Anders als nach Kyrill, als nach dem dunklen Fichtenbeständen kaum Samenpotenzial auf den Flächen vorhanden war, ist das heute anders. Unkraut und verdrängende Arten machen weit mehr Probleme. Im aktuellen Revier gibt es z.B. hohen Druck durch Ginster.

Es fehlen Arbeitskräfte für die Kulturpflege, vor allem die qualifizierten. „Die Leute müssen die Baumarten auseinanderhalten können, um nur die unerwünschten Konkurrenten zurückzudrängen – Fehler sind nicht zu korrigieren. Ab ist ab,“ fasst Anna-Maria Hille zusammen.

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