Rehwinkel-Symposium

Landwirtschaft resilienter gegen künftige Krisen aufstellen

Versorgungssicherheit erfordert vermehrt ein starkes Risikomanagement für landwirtschaftliche Betriebe. In Berlin diskutierten Forschende die Auswirkungen der Krisen auf die Wertschöpfungskette.

Im Rahmen des diesjährigen Rehwinkel-Symposiums der Landwirtschaftlichen Rentenbank am vergangenen Mittwoch (1. Juni) wurde der Grundtenor deutlich: Krisen und Herausforderungen der vergangenen Jahre und die resultierenden Folgen erfordern eine resilientere Landwirtschaft, die ihre Stärken nicht zuletzt in regionalen Kreisläufen findet.

Während einer Podiumsdiskussion sprachen Agrarforschende gemeinsam über die aktuellen Probleme der Agrarmärkte. Unter der Moderation von Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur der top agrar, diskutierten sie auch über die Ergebnisse der, von der Rentenbank geförderten, Studien zu Management von Pandemien sowie neuer Tier- und Pflanzenkrankheiten in Landwirtschaft und Wertschöpfungsketten.

Schnelle Anpassung nötig

Prof. Ulrike Grote von der Leibniz Universität Hannover warnte in diesem Zuge, aktuelle Krisen an den Märkten zum Anlass zu nehmen, die nachhaltige Transformation der Agrarwirtschaft zu unterbrechen oder abzuschwächen. Sie sehe die Landwirtschaft nun in der Verantwortung einen nachhaltigen Beitrag zur weltweiten Lebensmittelversorgung zu leisten. Neben einem Verzicht von Getreide im Tank verwies sie auf den Einsatz von Präzisionstechnik und Digitalisierung, um regionale Wertschöpfungsketten zu stärken.

Auch Prof. Martin Odening von der Humboldt-Universität zu Berlin sieht die Landwirtschaft in einer regelrechten Serie von Krisen, die vom Agrarsektor ständige und schnelle Anpassungen verlangen. Er sprach sich dabei für mehr Flexibilität bei der Umsetzung von Korrekturen der Nachhaltigkeitszielen der EU aus. Laut Odening müsse in der aktuellen Situation die unmittelbare Bedeutung der Ernährungssicherung anerkannt werden.

„Einkaufstasche voll machen“

Krisen verändern Verbraucherprioritäten auch bei der Ernährung, schätzt Prof. Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt. Der Ökonom gab zu bedenken, dass viele konventionell produzierte Lebensmittel heute teurer seien als „nachhaltig erzeugte“ Produkte vor zwei Jahren. Zwar werde es immer einen „Kern“ von Kunden geben, die aus Überzeugung regional oder Bio kaufen würden. Wegen der derzeitigen Preisexplosion werde für einen größeren Teil der Kunden aber das Ziel, „dass die Einkaufstasche voll wird“, wieder wichtiger werden, erklärt der Darmstädter Ökonom.

Er hatte sich in seiner, von der Rehwinkel-Stiftung unterstützten Studie, gemeinsam mit Prof. Christian Kammlott von der Hochschule Trier mit der Resilienz regionaler Wertschöpfungsketten während der Coronakrise beschäftigt. Diese erwiesen sich ihnen zufolge in den vergangenen Krisen meist als stabiler als globale Lieferketten.

Lieferketten enger vernetzen

Auch Dr. Birgit Gassler von der Justus-Liebig-Universität Gießen befasste sich im Rahmen einer Studie mit regionalen Wertschöpfungsketten. Durch die Untersuchung von Unternehmensstrategien bei pandemiebedingten Nachfrageschocks konnte sie die Robustheit regionaler Lebensmittelketten gegenüber solcher Schocks aufzeigen. Auswirkungen von Krisenmaßnahmen seien dabei am stärksten am Ende der Lieferketten zu sehen. Jedoch führten diese auch zu intensiverer Zusammenarbeit innerhalb der Kette. Daher seien bspw. eine weitere Vernetzung der Akteure oder regionale Gütesiegel sinnvoll.

Schweinesektor weiter in der Krise

Welche Auswirkungen Corona-Pandemie und Afrikanische Schweinepest auf den deutschen Schweinesektor haben präsentierte Dr. Karl-Heinz Tölle, Leiter der ISN-Projekt GmbH, der Diskussionsrunde. Die Branche steckt nach seiner Einschätzung schon länger in der Krise, was der kontinuierliche Rückgang der schweinehaltenden Betriebe zeige. Dieser resultierte ebenfalls aus unzureichenden ökonomischen Grundlagen, häufiger jedoch aus fehlendem politischem und gesellschaftlichem Rückhalt und hohen Auflagen.

Tölle sehe den Sektor deshalb in einem regelrechten „Strukturbruch“. Die Politik habe sich in der Krise eher als Hindernis erwiesen. Er warnte davor, diesen Entwicklungen und einer Abwanderung der Produktion ins Ausland weiter tatenlos zuzusehen.

Die Relevanz einer resilienten Landwirtschaft mit starken regionalen Kreisläufen, betonte auch Nikola Steinbock, Vorsitzende des Vorstands der Edmund Rehwinkel-Stiftung. Ein Bewusstsein für die Anfälligkeit der Lieferkette fehlte vielen Verbrauchern bis zur aktuellen Krisenlage. Diese mache nun deutlich, dass Versorgungssicherheit nicht selbstverständlich sei, so Steinbock. Sie lobt die heimische Agrarwirtschaft, die „sich der Herausforderung bewusst“ sei und diese auch während der Krise anpacke.

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