Der Blick von außen

Lebensmittelversorgung: Umweltschutz und Produktivität verbinden

Auf dem Gunststandort Europa sollte man sich nicht nur auf Umweltschutz konzentrieren, sondern auch weiterhin produktiv wirtschaften. Ein Kommentar von Prof. Dr. Matin Qaim.

Russlands Angriff auf die Ukraine und der dadurch weitgehende Wegfall der Agrarexporte aus der Schwarzmeerregion macht deutlich, auf welch wackeligem Fundament die globale Ernährungssicherung steht. Schon vor dem Krieg waren 800 Mio. Menschen von Hunger betroffen. Weitere 100 Mio. könnten dazukommen. Mehr als 25 Länder in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten beziehen regelmäßig über 50% ihrer Weizenimporte aus der Schwarzmeerregion. Diese Länder sind am stärksten von den fehlenden Exporten betroffen. Aber auch in anderen Ländern steigen die Preise, was vor allem für arme Menschen heißt, dass sie sich nicht mehr ausreichend Nahrung leisten können.

Die größten Engpässe werden für die zweite Jahreshälfte 2022 erwartet. Wir haben es also noch in der Hand, schlimme Hungerkrisen zu verhindern. Mehr als sonst zu produzieren, ist eine gute Idee, aber die Stellschrauben dafür sind kurzfristig begrenzt. Größere Mengen für die menschliche Ernährung ließen sich gewinnen, wenn man weniger Getreide und Ölsaaten für Futter und Bioenergie verwenden würde. Reduktion von Bioenergie ließe sich kurzfristig umsetzen. Die freiwerdenden Mengen würden reichen, die fehlenden Exporte auszugleichen, insbesondere, wenn Europa und die USA am gleichen Strang ziehen würden. Über die kurzfristige Brisanz hinaus verdeutlicht uns Putins Krieg aber auch, dass Ernährungssicherung eben nicht nur eine Frage der Verteilung ist.

qaim

Prof. Dr. Matin Qaim ist Agrarökonom und Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Uni Bonn. (Bildquelle: Lannert/Uni Bonn)

Ausreichende Mengen sind keine Selbstverständlichkeit. Die Weltbevölkerung wächst weiter, und der Klimawandel schreitet voran. Er hat vor allem in den Tropen negative Effekte auf die Landwirtschaft. Deswegen dürfen wir uns am Gunststandort Europa nicht ausschließlich auf den Umweltschutz konzentrieren, sondern müssen auch weiterhin produktiv wirtschaften.

Das heißt nicht, den European Green Deal über Bord zu werfen. Wenn wir die Umwelt- und Klimaziele nicht konsequent verfolgen, fahren wir das System gegen die Wand. Wir müssen nach klugen Instrumenten suchen, die Umweltschutz und hohe Produktivität verbinden.

Der Ökolandbau mit seinen niedrigeren Erträgen ist nicht die Blaupause, weil er bestimmte Technologien kategorisch ausschließt. Ich meine damit auch neue Züchtungsmethoden, die viel Potenzial bieten, hohe Produktivität und Vielfalt mit viel weniger chemischen Inputs zu erreichen. Allerdings sind neue Technologien allein nicht die Lösung. Wir müssen auch im Konsum nachhaltiger werden, mit weniger Fleisch und weniger Verschwendung.

Hinweis: Gastkommentare geben nicht in allen Bereichen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen sie dann, wenn wir sie für einen interessanten Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft halten. Wie stehen Sie dazu? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar unten.


Mehr zu dem Thema

Die Redaktion empfiehlt

Das Wichtigste aus Agrarwirtschaft und -politik montags und donnerstags per Mail!

Mit Eintragung zum Newsletter stimme ich der Nutzung meiner E-Mail-Adresse im Rahmen des gewählten Newsletters und zugehörigen Angeboten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.