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Fleischrindermast mit Direktvermarktung: Ganz oder gar nicht

Martin und Lisa Schlue sind vom Nebenerwerb in den Vollerwerb umgestiegen. Dazu haben sie einen Rindermaststall für 240  Tiere gebaut und setzen auf Direktvermarktung.

Lesezeit: 8 Minuten

Durchstarten oder verkaufen? Für Martin Schlue aus Horn-Bad Meinberg (Nordrhein-Westfalen) gab es nur diese beiden Optionen. Vor vier Jahren traf er gemeinsam mit seiner Frau Lisa die Entscheidung, den Nebenerwerbsbetrieb mit 130 ha Fläche und 25 Mutterkühen plus Nachzucht zu einem Vollerwerbsbetrieb umzugestalten.

Schon 2006 übernahm er den Betrieb von seinem Großvater. „Bis 2018 war ich angestellt in Vollzeitjobs und habe den Hof nebenbei geführt“, erklärt der Landwirt. Auf Dauer wurde das zu viel. Er wollte den Hof halten, entwickelte gemeinsam mit seiner Frau ein neues Konzept und gab seinen Vollzeitjob auf.

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Partnerbetriebe mit im Boot

Zusätzlich zum Ackerbau gehörten damals 25 Mutterkühe plus Nachzucht zum Betrieb. Heute zählt der Hof rund 60 Mutterkühe plus Nachzucht sowie 320 Masttiere.

Tierwohl stand bei dem Bau des neuen Stalls im Vordergrund. „Wir haben unsere Hofstelle um einen neuen Maststall, eine Fahrsiloanlage, eine Mistlagerfläche und um eine Strohlagerhalle erweitert“, sagt Martin Schlue. Zuvor wirtschaftete er in den vorhandenen Altgebäuden, die er auch heute noch nutzt: In den umgebauten Pferdeboxen sind die Kälber untergebracht. Im Winter finden die Mutterkühe in einer alten Remise Schutz vor Kälte und Nässe, die der Landwirt mit einem Schleppdach erweitert hat. Im Altgebäude ist auch der Quarantänestall für die Zukauftiere untergebracht. Martin Schlue kauft von Betrieben aus der Region im Frühjahr und im Herbst je nach Bedarf etwa 150 Absetzer zu. Damit keine Krankheitserreger in den großen Maststall gelangen, bleiben die rund 300 kg schweren Tiere zunächst 28 Tage in Quarantäne.

Neuer Maststall

In dem 2019 erbauten Tretmiststall ist Platz für 240 Tiere. Die Rinder stehen dort zu zehnt zusammen in einer Bucht, die 5 % Gefälle nach hinten hat. „Alle acht bis zehn Tage schieben wir den Mistgang ab“, erklärt Martin Schlue. Dazu gittert er die Tiere im Strohbereich ab. Den Mistgang nutzt der Betrieb ebenfalls als Treibgang. Denn hin und wieder wechseln die Rinder die Buchten, allerdings unabhängig vom Alter: „Wenn sich in einer Bucht mit leichten Tieren zu viel Mist angestaut hat, tauscht die Gruppe die Bucht mit schwereren Bullen, die den angesammelten Mist zuverlässig raus treten“, erklärt der Landwirt. Die Tiere lernen so auch den Treibgang kennen, was das spätere Verladen vereinfacht.

Martin Schlue möchte den Mist aus dem Stall in einer 99 kW-Biogasanlage, die ausschließlich mit Festmist gespeist wird, in Energie umwandeln. „Die Baugenehmigung liegt vor. Aktuell durchkreuzen die enorm gestiegenen Baukosten aber meine Pläne“, sagt er.

Die Familie hat sich auf keine bestimmte Rasse festgelegt. „Bei uns findet man einen bunten Mix“, sagt der Landwirt. Die Mutterkuhherde des Betriebes bildet sich aus den Rassen Limousin und Fleckvieh. „Die Fleckis bringen die Milch mit, die den Limousins zum Teil fehlt“, erklärt Schlue.

Im Sommer laufen die Mutterkühe auf den Weiden. Ein Limousin- und ein Fleckviehbulle sind die gesamte Weidesaison über in der Herde. In der übrigen Zeit verleiht Martin Schlue sie an andere Betriebe. „Ich bekomme von vielen der Berufskollegen die Absetzer. So kann ich bereits abschätzen, welche Qualität dabei herauskommt“, erklärt der Landwirt den Vorteil.

Im Maststall gibt es Bullen- und Färsengruppen. Bei den Färsen setzt Martin Schlue bei einigen Tieren auf eine sogenannte Färsenvornutzung: Er lässt sie einmal abkalben, bevor sie zum Schlachter gehen.

Die Ration besteht zu 60 % aus Gras- und zu 40 % aus Maissilage. Das ­Eiweiß versucht der Landwirt über ­Luzerne und Kleegras ins Futter zu ­bekommen. Stroh als Strukturfutter mischt er nicht unter. „Mit unserem Futtermischwagen streuen wir täglich die Buchten mit frischem Stroh ein“, erklärt er. Dabei rieselt Stroh auf die bereits vorhandene Futtervorlage. Wenn den Tieren das nicht reicht, können sie sich an den Strohraufen in den Buchten bedienen. Die Stallarbeit dauert täglich etwa drei Stunden. Unterstützt wird er dabei von Mitarbeiter Nico.

Klimagesteuerter Stall

Die Besonderheit des Stalls: Es handelt sich um einen „klima­gesteuerten Außenklimastall“. Hintergrund ist, dass der Betrieb aufgrund der Emissionsgrenzwerte keinen gewöhnlichen Außenklimastall bauen durfte. Deshalb hat das Gebäude keinen offenen First, sondern Abluftkamine. Die Curtains an den Seitenwänden fahren automatisch auf und zu. Im Stall entsteht so keine Zugluft, die Windgeschwindigkeit ist nie höher als 3 m pro Sekunde. Auch das Verhältnis von Luftfeuchte und Hitze steuert der Stall automatisch. Dank des Konzepts gibt es kaum Probleme mit Atemwegserkrankungen.

Bisher investierte Familie Schlue 1,8 Mio. € in den Betrieb. Für die Finanzierung konnten sie die Bank mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Businessplan und ihrer Flächenausstattung überzeugen. Unter die Rechnung „Kosten pro Tierplatz“ will der Landwirt erst nach dem Bau des zweiten Stalls und der Biogasanlage einen Strich machen. „Fakt ist, wir sind darauf angewiesen, Tiere direkt zu vermarkten und damit eine höhere Wertschöpfung zu erzielen“, sagt er.

Letztendlich hängt dieses Betriebskonzept von unserer Vermarktung ab.“ - Martin Schlue

Und die ist auf dem Hof Schlue sehr durchdacht. Rund die Hälfte der Schlachttiere vermarkten sie über ihren Online-Shop und ihren Hofladen. Wöchentlich gehen ein bis zwei Tiere zum Schlachter in einen nahe gelegenen Ort. „Ich bringe die Tiere selbst dorthin und bleibe so lange dabei, bis sie umfallen“, schildert er den Verlauf. Die Zerlegung erfolgt anschließend im Ort in einer ehema­ligen Molkerei. Die Räumlichkeiten konnten Schlues mieten und für die Zerlegung und für das Verpacken der Waren nutzen. Das passiert immer montags. „Die Kunden, die im Onlineshop Fleisch bestellen, bekommen die Ware per Expressversand frisch in mit Stroh isolierten Paketen zugesendet“, erklärt Lisa Schlue. Die studierte Sozialpädagogin und Innenarchitektin kümmert sich um die Direktvermarktung und verwaltet unter anderem alle Bestellungen.

Fleisch aus dem Online-Shop

Auf der Homepage können die Kunden zwischen vier verschiedenen Paketen wählen: Das kleine Fleischpaket (6 kg) enthält Roastbeef oder Entrecote, Steaks, Rouladen, Braten, Suppen- und Hackfleisch, Burger­patties und Rinderbratwurst. Die Kunden zahlen dafür 114,95 € (19,15 €/kg). Das große Paket enthält die gleichen Teilstücke, wiegt 11,7 kg und kostet 199,95 € (17,08 €/kg). In den Sommermonaten bietet Familie Schlue zusätzlich große und kleine Grillpakete an. Über den Onlineshop vermarkten sie etwa 75 Tiere im Jahr.

„Wir versenden die Pakete bundesweit. An die Nordseeküste bis nach München“, berichtet Lisa Schlue. Oft werden die Kunden über Mund-zu-Mund-Propaganda auf sie aufmerksam. Der ursprüngliche Plan war, das Fleisch überwiegend online zu vermarkten. Der Hofladen in der alten Scheune kam erst später hinzu. „Angefangen hat das Ab-Hof-Geschäft mit einem Gartentisch und einer Kühltruhe“, erinnert sich Lisa Schlue lachend. Inzwischen ist der Raum mit mehreren Truhen und Kühlschränken ausgestattet. Zusätzlich zum frischen, können die Kunden auch verarbeitetes Rindfleisch in Form von Bolognese oder Wiener Würstchen kaufen. Auf diese Weise kann die Familie das ganze Rind verwerten. Auch andere regionale Produkte wie Eier, Spirituosen oder Marmeladen haben Einzug in die Regale gefunden. „Wir wollen den Einkauf für die Kunden möglichst rund gestalten“, ist sich das Ehepaar einig. Weil die Nachfrage im Hofladen steigt, erweiterten sie erst kürzlich ihre Öffnungszeiten auf drei Tage pro Woche. „Wir wissen genau, was wir brauchen, um die Kosten für unsere Tierhaltung zu decken“, erklärt Martin Schlue. Die Kunden wissen das Tierwohlfleisch zu schätzen und sind bereit, tiefer in die Tasche zu greifen: Für ein Kilo Roastbeef zahlen sie z. B. 37 €. In den freien Markt verkauft die Familie nur dann, Tiere, wenn sie nicht über die eigenen Absatzwege vermarktet werden können.

Weitere Abnehmer des Fleisches sind vier Gastronomiebetriebe. Sie nehmen ganze Rinder ab und bieten sie in ihren Gaststuben an. Bio war für den Mäster keine Option. „Ich stehe da nicht hinter“, sagt er. „Wir müssen nicht bio zertifiziert sein, um gute Landwirtschaft zu betreiben.“

Geplant ist, einen zweiten Maststall zu bauen. Er soll genauso aussehen, wie das schon vorhandene Gebäude, nur mit mehr Gefälle in den Buchten. Auch dafür liegt die Baugenehmigung bereits vor. Aber auch hier hat der Landwirt die Pläne vorerst aufgrund der stark gestiegenen Baukosten auf Eis gelegt. Das Projekt hat nicht nur viel Mut und eine hohe Investitionssumme gefordert. Das Vorhaben ist auch mit viel Arbeit verbunden. „Wir verwirklichen unseren Traum und geben dem Betrieb eine Perspektive für die nächste Generation“, sagt Martin Schlue. „Aber eins ist klar: Ohne die Unterstützung der Familie und Freunde in den Arbeitsspitzen würde das alles nicht funktionieren.“

Alles in eigener Hand



Landwirte lernen, wie sie hochwertige Lebensmittel produzieren. Aber selten ist die Vermarktung Bestandteil der Ausbildung. Um mehr über Direktvermarktung und die Qualitäten von Rindfleisch zu erfahren, hat sich das Ehepaar viel Wissen angelesen. „Außerdem esse ich gerne Fleisch“, gesteht Martin Schlue lachend. Um mehr über Schlachtung und Zerlegung zu erfahren, besuchte der 43-Jährige einen Kurs zum Thema Töten und Betäuben von Rindern. „Ich habe außerdem einige Tage bei unserem Verar­beiter mitgearbeitet“, sagt er.



Um das Wissen über Rinderhaltung zu vermitteln, bietet die Familie alle 14 Tage Führungen an. „Das ist mein Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit“, sagt der ­Landwirt. Zahlen müssen die Besucher nichts, dafür gehen sie im Anschluss der Führung in den Hofladen.



Ziel von Familie Schlue ist, die Wertschöpfungskette komplett selbst abzudecken. „Von der Futterherstellung bis hin zum Schlachten und Zerlegen, wollen wir die Prozesse selbst in der Hand haben“, erklärt das Ehepaar. Auch die Produktion verarbeiteter Produkte wie Bolognese wollen sie mithilfe von Fachpersonal selbst erledigen. In fünf Jahren soll das Ziel umgesetzt sein,so Schlues. „Sonst werden wir irgendwann zu alt.“

Diesen Beitrag finden Sie auch in top agrar-Ausgabe 6 auf Seite R18.

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