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topplus Bundeweites KoVeSch-Projekt

Langschwanzprojekt: Kupierverzicht kurzfristig nicht umsetzbar

Die Ergebnisse des KoVeSch-Projekts sind enttäuschend: In vielen Buchten führte der Kupierverzicht bei den Schweinen zu massivem Schwanzbeißen. Was bedeutet das für Praxis?

Lesezeit: 7 Minuten

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SUS.

Laut EU-Recht ist das Kürzen der Schweineschwänze als routinemäßiger Eingriff verboten. Allerdings ist dieser Weg be­­sonders wirksam, um der Verhaltensstörung des Schwanzbeißens vorzubeugen. Das Kupieren der Schwänze ist daher zulässig, wenn dies nachweislich zum Schutz der Tiere unerlässlich ist.

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Bissverletzungen am Schwanz der Tiere können zu erheblichen tierschutzrelevanten und ökonomischen Schäden führen. Schwanzbeißen tritt unab­hängig von der Haltungsform auf. Auch Bio-Betriebe sind betroffen.

Trotz intensiver Forschung ist es bisher nicht gelungen, die konkreten Ursachen für das Schwanzbeißen festzumachen. So gibt es zahlreiche betriebsindividuelle Einflussfaktoren. Im Fokus stehen die Buchtengestaltung, das Platzangebot, das Futter, die Gesundheit und die Genetik.

Ungeachtet dessen muss sich die landwirtschaftliche Branche weiter mit einem Verzicht auf das Schwänzekupieren aus­einandersetzen. Denn der Eingriff steht gesellschaftlich in der Kritik und auch die Politik drängt auf das Verbot.

Bundesweites Großprojekt

Aus diesem Grund hat das Berliner Bundeslandwirtschaftsministerium das Projekt „KoVeSch – Konsortialprojekt zum Verzicht auf das Schwanzkupieren beim Schwein“ eingerichtet. Hieran beteiligt waren fünf landwirtschaftliche Versuchseinrichtungen und weitere wissenschaftliche Partner. Dazu gehören:

  • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Celle,
  • Christian-Albrechts-Universität, Kiel,
  • TLLR Thüringen,
  • Versuchsstation Schwarzenau,
  • Bildungs- u. Wissenszentrum Boxberg,
  • Lehr- u. Versuchszentrum Futterkamp,
  • VBZL Haus Düsse,
  • Versuchsstation Wehnen.

Das Hauptziel des Projektes war, den Schweinehaltern konkrete Hilfen zu geben, damit sie mittelfristig auf das Schwanzkupieren verzichten können.

Maximaler Buchtenkomfort

Vor dem Start haben die Projektpartner umfangreiche Ansätze zusammengetragen, welche die Risiken für Schwanzbeißen reduzieren können. Im Fokus steht die Aufrüstung der konventionellen Ferkelaufzucht- und Mastbuchten zu maximal optimierten KomfortPlus-Buchten. Folgende Punkte wurden umgesetzt:

  • Umfangreich strukturierte Buchten zur Schaffung klarer Funktionsbereiche,
  • erhöhtes Platzangebot: 0,5 m²/Tier in der Aufzucht und 1,1 m² in der Mast,
  • Ruhezone mit geringem Schlitzanteil,
  • verschiedene Klima- und Lichtzonen,
  • Kühlungsmöglichkeiten,
  • organisches Beschäftigungsmaterial ab dem siebten Lebenstag,
  • Schaffung eines Wühlareals,
  • zusätzliches Angebot offener Tränken,
  • Tier-Tränke-Verhältnis unter 12 : 1,
  • großzügies Tier-Fressplatz-Verhältnis,
  • Verzicht auf Umgruppierungen.

Die KomfortPlus-Buchten wurden als höchster Standard definiert. Dieser sollte schrittweise reduziert werden, sobald die Haltung unkupierter Schweine erfolgreich war. Das galt als erfüllt, wenn in drei Aufzucht- bzw. Mastdurchgängen in Folge je maximal 5 % der Tiere Schwanzbeißen zeigten. Das heißt, am Mastende durften in Summe maximal 10 % der Tiere Schwanzverletzungen aufweisen.

FAKTEN

73 % der Mastgruppen zeigten starkes Schwanzbeißen

24 € Mehrkosten je Tier durch den Kupierverzicht

50 % höhere Baukosten für Komfortbuchten in der Mast

Um die Verletzungen vergleichbar zu machen, hat sich das Team auf die Be­­wertung nach dem Deutschen Schweine Boniturschlüssel (DSBS) verständigt. Wobei das Verbundprojekt jegliche Längeneinbußen als Teilverluste gewertet hat. Hierunter fällt auch der Verlust der Schwanzspitze.

In der Aufzucht wurden die Ferkel zum Einstallen in der vierten Lebenswoche, in der achten Lebenswoche sowie zum Aufzuchtende in der zehnten bis elften Lebenswoche bonitiert. In der Mast erfolgten ebenfalls drei Bonituren. Diese wurden zum Einstallen, in der Mitte der Mast sowie kurz vor der Vermarktung der Tiere durchgeführt.

Nach diesem Schema haben die fünf Versuchsbetriebe während der dreijährigen Untersuchung insgesamt 196 Gruppen in der Aufzucht und 126 Gruppen in der Mast bewertet. Wobei eine Gruppe jeweils alle KomfortPlus-Buchten eines Durchganges umfasst.

Die Versuchsstationen haben im Projekt 8.649 Tiere in die Aufzucht ein­gestallt. Bis zum Ende der Mast erfolgten 34.596 Schwanzbonituren. Das ist eine riesige Datengrundlage, die bisher kein Projekt zum Kupierverzicht erreichte.

Neben den Verletzungen wurde ermittelt, welche Kosten der Verzicht auf das Kupieren verursacht. Im Fokus standen der Umbau der Buchten, das eingesetzte Beschäftigungsmaterial und der zusätzliche Arbeitsaufwand.

Aufzucht: Erste Verletzungen

Trotz der KomfortPlus-Buchten traten bereits in der Aufzucht erste Schwanz­verletzungen auf. Wobei die Ausprägung sehr unterschiedlich war. So gab es zum Ende der Aufzucht in Versuchsbetrieb 1 Buchten mit bis zu 96 % verletzten Ferkeln (siehe Übersicht 1). Dort hatte das Schwanzbeißen in der Aufzucht auf alle KomfortPlus-Buchten übergegriffen.

Relativ gut funktionierte der Kupierverzicht hingegen in den Versuchsbetrieben drei und fünf. Dort trat Schwanz­beißen bei bis zu 30 % der Ferkel in den KomfortPlus-Buchten auf. In diesen Stationen blieb ein Teil der Buchten auch ganz vom Beißgeschehen verschont.

Alle Daten beziehen sich auf die ­veröffentlichten Abschlussberichte des KoVeSch-Projektes. Wobei die Berichte keine Angaben zur exakten Anzahl der betroffenen Tiere machen.

Große Probleme in der Mast

In der Mast nahmen die Verletzungen weiter zu (siehe Übersicht 2). So hatte das Schwanzbeißen bis zum Mastende in vier von fünf Versuchsbetrieben auf alle KomfortPlus-Buchten überge­griffen. Nur im Versuchsbetrieb 5 gab es zu diesem Zeitpunkt noch Buchten ohne Schwanzbeißen! Allerdings wurde das selbst gesetzte Ziel von maximal 10 % Teilverlusten zum letzten Boniturzeitpunkt teilweise noch erreicht.

Auffallend ist auch in der Mast die große Spannbreite. So zeigte am Ende der Mast ein Teil der Buchten nur ein ge­­ringfügiges Beißgeschehen mit wenigen Tieren. Dem gegenüber wiesen andere Buchten mit mehr als 90 % verletzten Schwänzen stark ausgeprägte Probleme auf. KomfortPlus-Buchten mit 25 % und deutlich mehr verletzen Tieren traten zum Ende der Mastperiode in allen fünf Versuchsbetrieben auf.

Die enorme Ausprägung des Schwanzbeißens spiegelt sich in der Gruppenauswertung wider. So erreichten in der Aufzucht nur 55 % der Durchgänge das definierte Ziel von maximal 5 % Tieren mit verletzten Schwänzen (siehe Übersicht 3). Das heißt: Bei 45 % der Aufzuchtgruppen wiesen mehr als 5 % der Ferkel Schwanzbeißen auf.

In der Mast sind die Ergebnisse noch enttäuschender. Hier erzielten nur 27 % der Gruppen das Ziel von maximal 5 % Tieren mit Schwanzbeißen. In 73 % der Mastgruppen lag der Anteil der Tiere mit Schwanzverletzungen über 5 %.

Ursprüngliches Ziel war, die zusätzlichen Komfortmaßnahmen in den Buchten schrittweise abzubauen. Dies sollte erfolgen, sobald der Kupierverzicht mit den Obergrenzen für verletzte Tiere sicher reproduzierbar war. Das Zurückfahren der Komfortmaßnahmen war aber in keinem Versuchsbetrieb umsetzbar.

Als unrealistisch erwies sich ebenso das Ziel, den Landwirten einen sicheren Weg zum mittelfristigen Verzicht auf das Schwänzekupieren aufzuzeigen. Das Friedrich-Loeffler-Institut als Projekt­koordinator erklärt hierzu in seinem Abschlussbericht, dass die Fortschritte über alle Versuchsstationen betrachtet nicht ausreichten, um in den KomfortPlus-Buchten verfahrenssicher unkupier­te Schweine halten zu können.

Arbeitsaufwand steigt

Neben den Verletzungen wurde bewertet, wie sich der Kupierverzicht auf den Arbeitszeitbedarf auswirkt. Wie erwartet, erfordern die KomfortPlus-Buchten eine intensivere Betreuung, wobei die Va­­riation zwischen den Versuchsstationen relativ hoch ist. Der Mehrbedarf entsteht vor allem bei den Routinearbeiten wie der Tierkontrolle, der Vorlage des Be­­schäftigungsmaterials so­­wie dem Ent­misten und dem Auffüllen der Vorräte.

Im Mittel aller Versuchsstationen be­­trägt der zeitliche Mehraufwand in der Aufzucht 72 % und in der Mast 36 %. Bei 25 € Lohnansatz je Stunde summieren sich die Kosten für die zusätzliche Arbeit auf 2,67 € je Aufzuchtferkel bzw. 3,30 € je Mastschwein (siehe Übersicht 4).

Der Kupierverzicht erhöht auch die sonstigen Direktkosten. Im Schnitt der Versuchsbetriebe waren die Aufwendungen für Raufutter, Tiergesundheit und Beschäftigungsmaterial in der Ferkel­aufzucht um 0,23 € und in der Mast um 2,92 € je Tier höher als in der Kontrollgruppen.

Die gestiegenen Kosten sind im Wesentlichen auf die Bereitstellung des Beschäftigungsfutters zurückzuführen.Die Festkosten stiegen ebenfalls deutlich. Dies ist auf die Investitionen für die KomfortPlus-Buchten zurückzuführen. Um die Mehrkosten zu vergleichen, ha­­ben sich die Versuchsbetriebe auf einen Standardstall verständigt. Hierbei wurde berücksichtigt, dass die Empfehlungen für moderne Ferkelaufzuchtställe häufig schon zahlreiche Merkmale einer KomfortPlus-Bucht enthalten.

Bis zu 50 % höhere Baukosten

Auf dieser Basis hat die Projektgruppe zusätzliche Investitionen von 124 € je Aufzuchtplatz für die KomfortPlus-Bucht berechnet. Dies entspricht einer Verteuerung um rund 35 %. In der Mast ist der Kostensprung durch die KomfortPlus-Buchten noch höher. Bei Baukosten von 750 € je Standard-Mastplatz ist mit Mehrkosten von rund 50 % zu rechnen. Unter dem Strich errechnen sich zusätz­liche Fix­kosten von 2,30 € je Ferkel sowie 12,80 € je Mastschwein.

Addiert man die variablen und festen Kosten, führte der Kupierverzicht in den KomfortPlus-Buchten zu Mehrbelastungen von 5,20 € je Ferkel sowie gut 19 € je Mastschwein. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu bewerten, dass die KomfortPlus-Buchten keine messbare Verbesserung der biologischen Leistungen erbringen konnten.

Fazit

  • Im KoVeSch-Projekt traten trotz maximal optimierter Buchten bereits in der Aufzucht vermehrt Schwanzverletzungen auf.
  • Am Mastende hatte sich das Schwanzbeißen in vier der fünf ­Versuchsbetriebe auf alle Komfortbuchten ausgeweitet!
  • Das Projekt sollte Landwirten Wege zum mittelfristigen Verzicht auf das Schwänzekupieren aufzeigen. Dieses Ziel war nicht umsetzbar.
  • Weitere Forschungsarbeit ist unver­zichtbar.
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