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Ukrainischer Landwirt: "Die nächsten Wochen entscheiden, ob wir ernten können"

Die ukrainischen Landwirte bangen um die Zukunft ihrer Betriebe. Ein Ernteausfall im Krisengebiet könnte dramatische Folgen für den Weltmarkt haben. Wir sprachen mit einem Betriebsleiter aus Kiew.

Lesezeit: 6 Minuten

Die Lage in der Ukraine spitzt sich weiter zu. Viele Landwirte vor Ort mussten ihre Arbeit auf den Feldern einstellen. Betriebsmittel, Mitarbeiter und Planungssicherheit fehlen. Landwirt Dietrich Treis lebt seit 1999 mit seiner Familie in der Ukraine. Seit 2017 arbeitet er als Geschäftsführer auf einem Ackerbaubetrieb nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Der Betrieb umfasst 4.500 ha Ackerland auf dem sie Marktfrüchte, wie Mais, Weizen, Sonnenblumen, Roggen und Raps anbauen. Außerdem befinden sich auf dem Betrieb Getreidesilos mit einer Lagerkapazität von etwa 25.000 t. Im Gespräch mit top agrar erzählt er von der aktuellen Situation und den Auswirkungen für die Landwirtschaft vor Ort.

Ein Krieg war nicht abzusehen

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Bis zum Abend des vergangenen Mittwoch (23.02.) habe Treis nicht damit gerechnet, dass etwas passiert. Seine Familie war zwar bereits zwei Wochen zuvor nach Berlin ausgereist um möglichen Einschränkungen zu entgehen, er selbst blieb jedoch in Kiew. Für seinen Betrieb beginnt Ende März die entscheidende Phase auf dem Acker.

Als sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die Lage zuspitzte und er von den ersten Bombeneinschlägen aufwachte, habe er die letzten wichtigen Sachen zusammengepackt und saß eine halbe Stunde später im Auto auf dem Weg zur rumänischen Grenze. Dort fuhr der Deutsche mit zwei Bekannten weiter über Rumänien, Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Polen nach Berlin. „Für uns war es im Endeffekt fast eine Luxusausreise, im Vergleich zu vielen anderen Ukrainern, die bis zu drei Tage an den Grenzen warten mussten“, so Treis, der bereits am späten Samstagabend in Berlin ankam.

Diesel und LKW an Armee abgegeben

Seit seiner Ausreise aus der Ukraine verfolgt der Betriebsleiter das Geschehen vor Ort über das Telefon und die Sozialen Medien. Mit seinen Bekannten und Mitarbeitern kann er den Kontakt halten. „Wir koordinieren und unterstützen jetzt aus der Ferne so gut es geht.“ Er stehe dauerhaft mit den Kollegen vor Ort in Kontakt und entscheide gemeinsam mit ihnen, wie es weiter geht: „Gestern kam ein Anruf, dass kein Brot mehr da sei. Wir haben dann Kontakt zu einem Getreide-Kunden aufgenommen. So konnten wir fünf Tonnen Weizen zur Mühle fahren, sodass die Menschen in den umliegenden Dörfern aus dem Mehl Brot backen konnten.“

Wir koordinieren und unterstützen jetzt aus der Ferne so gut es geht.“ - Dietrich Treis

Die aktuelle Lage innerhalb der Landwirtschaft ist für Treis schwierig einzuschätzen: „Das hängt davon ab, wie es jetzt weiter geht“, erklärt er. Alles was aktuell auf den Feldern anstehe, sei unterbrochen worden. Wichtige Betriebsmittel, wie Diesel und LKW, habe man an die Armee gegeben, die es für die Verteidigung des Landes benötigen. „Bei uns geht die Frühjahrsbestellung in etwa drei Wochen los. Aber selbst wenn der Krieg in den nächsten Tage zu Ende sein sollte, habe ich Zweifel, dass ich die notwendigen Mittel zurück bekomme“, so Treis.

Die meisten Betriebsmittel habe er bereits auf Vorrat eingelagert. Um das Maissaatgut und die Pflanzenschutzmittel müsse er jetzt jedoch bangen: „Wir hätten noch eine Woche benötigt, dann hätten wir alles auf dem Hof gehabt.“ Damit seien sie selbst aber einer der früheren Betriebe. „Ich glaube nicht, dass meine Kollegen schon alles auf dem Hof haben. Bis die Lieferketten wieder anlaufen, wird eine ganze Zeit vergehen“, glaubt Treis.

Neben den Betriebsmitteln fehlen den Landwirten aktuell jedoch vor allem auch die Mitarbeiter. „Wer sitzt denn auf den Panzern? Die jungen Männer. Und wer fährt die Traktoren? Die jungen Männer“, so der Geschäftsführer. Davon sind sowohl die Betriebe in der Ukraine als auch in Russland betroffen.

Lebensmittelpreise werden deutlich steigen

Der Großteil der landwirtschaftlichen Fläche in der Ukraine sei laut Treis aktuell noch nicht von den Kämpfen eingenommen. Wenn in vier Wochen immer noch Krieg herrsche, dann wisse er nicht, ob er die Felder weiter bewirtschaften kann. Für eine halbwegs geregelte Bestellung mit nicht allzu hohen Einbußen müsse er sobald wie möglich auf die Flächen.

Wer sitzt denn auf den Panzern? Die jungen Männer. Und wer fährt die Traktoren? Die jungen Männer.“ - Dietrich Treis

In den vergangenen Jahren produzierte die Ukraine jährlich etwa 70 Mio t Getreide. Etwa die Hälfte wird über den Weltmarkt exportiert. „Das Exportvolumen wird erheblich schrumpfen“, so Treis. Im Gegensatz zur ukrainischen Landwirtschaft, sehe es noch ernster auf dem Russischen Getreidemarkt aus: „Wenn man große Ernteverluste und Sanktionen einbezieht, haben die im Endeffekt nichts mehr zu exportieren.“ Die Mengen würden am Weltmarkt fehlen und die Preise erheblich steigern. „Im Prinzip ist es eine Katastrophe für die ganze Welt. Vor allem die afrikanischen und asiatischen Länder wird es noch sehr viel härter treffen als Deutschland.“

„Aktuell Reden wir hauptsächlich von der Verteidigung unserer ukrainischen Demokratie, aber schlussendlich ist jeder in der Welt von diesem Krieg betroffen, vor allem durch die Lebensmittelpreise.“ Treis vermutet weiter: „Die Preise sind schon jetzt stark gestiegen, aber wenn ich von dem Getreide auf dem Weltmarkt den russischen und ukrainischen Markt abziehe, dann bleibt nicht mehr viel übrig.“

Momentan stehe der Winterweizen und der Raps auf seinen Feldern sehr gut. Noch nie habe er so gute Bestände gehabt. Um eine gute Ernte zu erzielen, brauche der Bestand aber spätestens in drei bis vier Wochen Dünger. „Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die Ukraine durch die aktuelle Lage mindestens die 30 bis 50 % weniger produziert.“ Treis zufolge könne dadurch auch das Exportvolumen um 50 bis 100 % schrumpfen.

Die Zukunft ist ungewiss

Aktuell sei es an seinem Standort noch ruhig. Der Betrieb liege jedoch genau in der Einfahrtsschneise der Russen, die von Osten Richtung Kiew fahren. Aktuell sei die Front noch etwa 30 km entfernt: „Wenn die Truppen jedoch weiter in das Inland eindringen, können sie auch schnell vor unserer Tür stehen.“

Verbessere sich die aktuelle Lage vor Ort in den nächsten Tagen, so hofft der Landwirt, mit einem „blauen Auge“ davon zukommen. Um dann zumindest ansatzweise wirtschaften zu können und den Markt zu versorgen, müsse jedoch der Krieg zeitig beendet werden und das Wetter mitspielen.

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