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„Es braucht die passenden Arbeiten“

Der Hof Grafel beschäftigt eine Mitarbeiterin, die zunächst in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitete und nun einen „Außenarbeitsplatz“ hat. Das Netzwerk alma aus Verden berät.

Lesezeit: 4 Minuten

"Die Idee, mich in der Sozialen Landwirtschaft zu engagieren hatte ich schon immer“, berichtet Martin Lenzinger. Als Landwirt und Sozialarbeiter ­arbeitet er seit 2017 auf dem Hof Grafel im niedersächsischen Rotenburg (Wümme), der v. a. Urlaub auf dem Bauernhof anbietet und Gemüse anbaut. Als ein Jobcoach der örtlichen Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) für die Mitarbeiterin Nicole Sarnowski nach einem sog. Außenarbeitsplatz anfragte, war Martin Lenzinger schnell bereit, das auszuprobieren.

„Ich fühlte mich zu fit für die Werkstatt und wollte etwas mit Tieren und draußen machen“, erzählt Nicole Sarnowski. Zunächst machte sie ein Praktikum auf dem Hof Grafel. Mittlerweile arbeitet sie seit fast sieben Jahren dort und ist v. a. für die Versorgung der Pferde, Esel und Schafe zuständig. Sie füttert, äppelt die Weide ab und säubert die Unterstände, außerdem hilft sie im Gemüsebetrieb. Ihre Präsenzzeit auf dem Betrieb beträgt 35 Stunden/Woche.

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„Nicole hat die Ruhe weg und ist über die Jahre immer selbstständiger geworden“, berichtet Martin Lenzinger. „Gerade die Selbstständigkeit ist ganz wichtig. Denn wir haben zwar genügend passende Arbeiten, aber es kann nicht immer einer mit dabei sein.“

„Wir wissen Nicoles Tätigkeit sehr zu schätzen. Sie hat ihre eigene Arbeitsweise und macht auch Arbeiten, die wir nicht mal gesehen hätten. Das muss man nutzen und damit umgehen können“, so Lenzinger.

Arbeitgeber ist die Werkstatt

Mit einem sog. Außenarbeitsplatz ist Nicole Sarnowski weiterhin an die WfbM angebunden, die nach wie vor organisatorische Dinge, die Versicherung sowie die Zahlung der Ver­gütungspauschale übernimmt. Der Einsatzort von Sarnowski ist jedoch der Hof Grafel. „Als Betrieb zahlen wir dann noch 100 €/Monat an die WfbM“, so Lenzinger. „Das ist unbefriedigend, vor allem wenn man weiß, wie viel Fördergelder bei den Werkstätten hängen bleiben.“

Neues Beschäftigungsmodell

Für die Zukunft denkt der Landwirt deshalb über eine Alternative zum Außenarbeitsplatz für Sarnowksi nach.

Der Hintergrund: Seit 2018 können auch sog. „Andere Leistungsanbieter“ (ALA) Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Diese Anderen Leistungsanbieter – Unternehmen oder private Träger – müssen überwiegend die gleichen Anforderungen erfüllen wie eine Behindertenwerkstatt, haben aber z. B. keine Aufnahmeverpflichtung und dürfen mit nur wenigen Plätzen arbeiten.

Die Sozialgenossenschaft „Arbeitsfeld Landwirtschaft mit allen“ (alma) im niedersächsischen Verden ist ein solcher Anderer Leistungsanbieter. „Unser Ziel ist“, so Geschäftsführerin Rebecca Kleinheitz, „Beschäftigungsmodelle zu schaffen, von denen beeinträchtigte Menschen und landwirtschaftliche Betriebe profitieren können.“

Mehr Geld für beide Seiten

Im Falle vom Hof Grafel wäre dann nicht mehr die WfbM, sondern alma der Arbeitgeber von Sarnowski und würde die vielen organisatorischen Aufgaben übernehmen. Für die Mitarbeiterin und den Betrieb würde sich im Alltag wenig ändern, wohl aber finanziell.

Die alma zahlt dem Betrieb 190 € als Pauschale für den betreuerischen Aufwand, dazu Miete, Nebenkosten und Sachkosten. Bei geeigneter pädagogischer Qualifikation eines Mitarbeiters – beim Hof Grafel Martin Lenzinger – kommt noch eine Entlohnung von ca. 500 €/Monat hinzu. Andernfalls übernähme ein alma-Beschäftigter die stundenweise pädagogische Betreuung.

Der Hof Grafel seinerseits müsste Nicole Sarnowski eine Mindestvergütung von 150 €/Monat zahlen. Eine freiwillige höhere Vergütung ist selbstverständlich möglich. Für Lenzinger eine gute Sache: „Wir als Betrieb hätten mehr Geld und könnten dann auch Nicole eine höhere Vergütung zahlen. Mit dem organisatorischen Aufwand hätten wir aber nichts zu tun.“ Grundsätzlich kann übrigens auch ein landwirtschaftlicher Betrieb ein Anderer Anbieter sein und selbst Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigen. „Für uns mit nur einer beeinträchtigten Mitarbeiterin ist das jedoch aufgrund des damit verbundenden Aufwandes keine Option“, meint Landwirt Martin Lenzinger.

Wir wollen Beschäftigungen, von denen beeinträchtigte Menschen und Betriebe profitieren.“
Rebecca Kleinheitz

Vorbild für andere Höfe?

Im Fall vom Hof Grafel ist die Beschäftigung einer beeinträchtigten Mitarbeiterin gut gelungen. Und was rät Lenzinger anderen interessierten Landwirten?

  • Im Betrieb müssen genügend Arbeiten anfallen, die die betreffende Person alleine und im eigenen Tempo abarbeiten kann.

  • Als Betreuer sollte man regelmäßig ansprechbar sein und sollte nicht z. B. tagelang auf dem Acker „verschwinden“.

  • Der Betrieb sollte gut mit öffentlichen Verkehrsmittel oder dem Fahrrad erreichbar sein. Ein Fahrdienst wird nur in besonderen Fällen bezahlt.

  • Außerdem sollten Betriebe sich vorab umfassend informieren. Ansprechpartner könnten z. B. die örtliche Werkstatt für Menschen mit Behinderung sein.

Kontakte knüpfen

Innerhalb von Niedersachsen vermittelt das Netzwerk alma Kontakte zwischen Menschen mit Beeinträchtigung bzw. den Angehörigen und Landwirten.

„Darüber hinaus“, so Rebecca Kleinheitz, „helfen wir gerne auch Betrieben aus dem gesamten Bundesgebiet, passende Kontakte zu knüpfen und informieren über mögliche Beschäftigungsmodelle. Dies geht von Praktika bis zu dauerhaften Beschäftigungen mit ambulanter, stationärer oder ehrenamtlicher Unterstützung. Junge Menschen mit Beeinträchtigungen können auch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in der Landwirtschaft absolvieren“.

Ihre Meinung ist gefragt

Haben auch Sie schon Erfahrung mit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen auf Ihrem Betrieb gemacht? Was sind Ihre Gedanken oder Fragen zu dem Thema?

Schreiben Sie uns gerne an anne.Schulze-Vohren@topagrar.com

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