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Habeck unterschätzt Rolle der Bioenergie in der Kraftwerksstrategie

Beim Energiedialog des Bundesverbandes Erneuerbare Energien offenbart Wirtschaftsminister Robert Habeck alte Vorurteile gegen Biogas. Die Energiebranche hält dagegen.

Lesezeit: 6 Minuten

„Flexibilität ist das neue Mantra der modernen Energiewelt. Flexible erneuerbare Energien wie Biomasse, Geothermie, aber auch Speicher können hier ein Back-up liefern für fluktuierende Energien wie Wind- und Solarenergie“, betonte Prof. Barbara Praetorius, Klima- und Energieökonomin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, auf dem Energiedialog des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) am 18. Januar in Berlin.

Sie hob hervor, dass auch die Lastverschiebung beim Stromverbrauch ein wichtiges Element sei, um im Stromsystem flexibler zu werden. Gemeint ist die Anpassung des Verbrauchs an Zeiten, an denen viel Sonne scheint oder Wind weht. „Es läuft auf einen Mix hinaus von zentralen und dezentralen Lösungen, die alle kleinteilig und im Netz verbunden sind. Das ist die kostengünstigste Lösung. Dazu kommt das gut ausgebaute, europäische Stromnetz. Was wir auf keinen Fall benötigen, sind neue Großkraftwerke“, sagt sie mit Blick auf die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung. Bei dieser ist aktuell im Gespräch, neue Erdgaskraftwerke zu bauen, die perspektivisch irgendwann einmal mit Wasserstoff betrieben werden könnten.

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"Zentrale Kraftwerke sind kontraproduktiv"

„Erneuerbare Energien sind jetzt systemsetzend. Das Festhalten an der Systematik zentraler Kraftwerksstrukturen ist völlig kontraproduktiv“, meint auch die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V. (BEE), Dr. Simone Peter. Dezentrale Flexibilität sei die energiewirtschaftliche Leitwährung der kommenden Jahre. Darauf müssten das neue Strommarktdesign und die Kraftwerksstrategie ausgerichtet und in einer Flexibilitätsstrategie zusammengebunden werden.

Der Fokus auf fossile Großkraftwerke, die in unbestimmter Zeit auf grünen Wasserstoff umgestellt werden sollen, passe weder zu den Klimazielen noch zur Dezentralität von Sonne und Wind und erst recht nicht zum klammen Bundeshaushalt. „Wir schaffen das Back-up für Sonne und Wind günstiger, schneller und sauberer als die konventionelle Kraftwerksbranche. Und resilienter ist ein heimisches Flexibilitätsportfolio ohnehin“, so Peter.

Habeck ist skeptisch

Bei dem Energiedialog äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck skeptisch in Bezug auf die Bioenergie als Reserveoption. „Die Mengen für Biogasanlagen sind begrenzt, wenn wir nicht überall Maisanbau haben und auch noch Flächen für die Nahrungsmittelproduktion und den Naturschutz behalten wollen“, sagt er. Man könne sich darüber streiten, ob Biogasanlagen 4 oder 6 GW flexible Leistung bereitstellen könnten. „Aber es werden nicht 60 GW sein, das können wir ausschließen.“ Dagegen sehe er großes Potenzial bei dezentralen Speichern. Gegen die Dunkelflaute könnten vor allem Wasserstoffspeicher helfen. Darum seien Wasserstoffnetze dringend nötig. „Und wir brauchen möglichst schnell Erfahrungen mit großen Kraftwerken auf Wasserstoffbasis“, betont er.

Potenzial unterschätzt

Das lässt der BEE nicht unwidersprochen. Allein durch die Flexibilisierung des Biogasanlagenbestands entstünden nach den Szenarien des BEE bis 2030 rund 12 Gigawatt (GW) flexible Leistung, beim Heben nachhaltiger Substratpotenziale sogar mehr. Bis 2050 seien insgesamt 27 GW flexible Biogas-Leistung möglich, für weniger als die Hälfte der ursprünglich von der Bundesregierung vorgesehenen 60 Milliarden Euro für den Gaskraftwerkspark. „Das ist auch ein Angebot an die Landwirte, für die ein Gesamtpaket geschnürt und zukunftsfähige Perspektiven geschaffen werden sollen. Die letzten Ausschreibungen für Biogasanlagen waren hier alles andere als zufriedenstellend“, sagt Peter, die auch auf der Biogas Convention in Nürnberg im Dezember ein Stimmungsbild eingeholt hatte. „Es ist bitter zu sehen, dass die große, heimische Biogasbranche keine Perspektive sieht für Zigtausende von Anlagen. D läuft etwas schief, das kann nicht so bleiben“, mahnt sie.

Investitionen in die Flexibilisierung von Biogasanlagen würden sich noch dazu doppelt lohnen, denn Biogaskraftwerke können dezentral Wärme auskoppeln und systemdienlich in Wärmenetze und Gasspeicher vor Ort einspeisen.

Zudem stünden dezentral Wasserkraft, grüne Kraft-Wärme-Kopplung sowie zukünftig auch Geothermie, Speicher in allen Varianten und Sektorenkopplung von dezentral erzeugtem grünem Wasserstoff bis Power-to-heat als Flexibilitätsdienstleister zur Verfügung. Hierzu hatte der BEE vor 2 Jahren bereits einen Vorschlag vorgestellt. „Für die Wasserstoffwirtschaft wurden erste Grundsteine gelegt, eine flexible, systemdienliche Wasserstoff-Strategie mit deutlichem Fokus auf die Industrie muss folgen; ebenso die Speicherstrategie als Gesamtstrategie, die neben einer weitreichenden Biomasse-, Wasserkraft- und Geothermiestrategie im Kontext des neuen Strommarktdesigns und der Kraftwerksstrategie dringend erforderlich sind“, fordert die Präsidentin.

Offener Brief des LEE NRW

Auch der Landesverband Erneuerbare Energien Nordrhein-Westfalen (LEE NRW) kritisiert die Äußerungen von Wirtschaftsminister Habeck auf dem Energiedialog bezüglich Biogasanlagen. In einem Brief, der der top agrar-Redaktion vorliegt, heißt es: „Sie haben dort sinngemäß ausgeführt, dass Sie das Potenzial der Bioenergie als Lösung für die notwendige Flexibilitätsenergie für sehr begrenzt hielten. Es sei nicht angemessen, noch mehr Mais anzubauen, lautete Ihr Argument. Man könne mehr Ausbau fordern, müsse aber die Einigung mit den Umweltministerien herstellen.“

Wie der LEE ausführt, stellt die Biomasse in Deutschland zurzeit mehr als die Hälfte der erzeugten erneuerbaren Energie bereit. Neben der fluktuierenden Solar- oder Windenergie birgt Bioenergie besonders durch ihre Speicherbarkeit und Flexibilität großes Potenzial. Damit liefert die Bioenergie laut LEE einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit und Resilienz des Energiesystems.

Was noch für Bioenergie spricht

Weitere Argumente:

  • Im Stromsektor unterstützt Bioenergie die Netzstabilisierung, durch die Speicherung von Biomasse als Ausgangsstoff oder von Biogas für Blockheizkraftwerke, werden Spitzenlasten bereits erfolgreich abgedeckt.

  • Bioenergie lässt sich mit anderen erneuerbaren Energien kombinieren und kann gleichfalls im Strom-, Wärme- und Verkehrssektor genutzt werden.

  • Ein großer Vorteil der energetischen Biomassenutzung besteht in der Kombinationsmöglichkeit mit der stofflichen Nutzung, d.h. Kaskadennutzung, Wertstoffrückgewinnung und Etablierung von Stoffkreisläufen. Hier besteht noch großes Potenzial für steigende Effizienzen ohne die Nutzung zusätzlich angebauter Ressourcen.

  • Gleichzeitig kann mit konsequenter Verwertung von biogenen Reststoffen, insbesondere landwirtschaftliche und kommunale Reststoffe wie Stroh, Mist, Aufwuchs von Naturschutz- und Blühflächen sowie der Inhalt der braunen bzw. Biotonne, die Biogaserzeugung noch deutlich wachsen. Dadurch könnte der vorhandene Biogasanlagenpark dezentral zu einer Spitzenstromerzeugung von 20 bis 30 Gigawatt beitragen, ohne die Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe und die Anzahl der Biogasanlagen auszubauen.

Bestandserhaltung wichtig

„Damit wir die Klimaschutzziele erreichen können, muss Ihr oberstes Ziel der Erhalt des aktuellen Biogasanlagenbestands sein. Ohne die Bioenergie sind wichtige Ziele zur CO₂-Emissionsminderung wie den Kohleausstieg und die Wärmewende sowie die Stabilität der erneuerbaren Stromversorgung nicht umsetzbar und in Gefahr“, mahnt der LEE in dem Brief.

Weil alternative Klimaschutzmöglichkeiten weder in ausreichendem Umfang noch entsprechend zeitnah zur Verfügung stünden, sei der etablierte Klimaschutz mit Bioenergie unverzichtbar zum Erreichen der Klima- und Energieziele. Angesichts der benötigten Energiemengen und der Systemdienlichkeiten der Bioenergie könne weder im Strom- noch im Wärme- und Kraftstoffbereich eine vollständig klimaneutrale Energiebereitstellung ohne Biomasse erreicht werden. „Wichtig zu betonen ist, dass die Kapazität nicht durch das Potenzial der Bioenergie begrenzt wird, sondern durch die politischen Restriktion, die vollständigen Möglichkeiten und Potenziale der Biogasbranche auszuschöpfen“, betont der Verband.

Wo die Politik jetzt tätig werden sollte

Die Biogasbranche braucht laut LEE seitens der Politik den Ausblick auf eine Perspektive, ihre Anlagen systemdienlich, wirtschaftlich und regionsangepasst einsetzen zu können. Dadurch könnten spezifische Anlagenkonzepte, die die Klima- und Energieziele auf verschiedene Weisen unterstützen, umgesetzt und der Anlagenbestand beibehalten werden.

Dazu gehöre unter anderem, dass die Bioenergie eine maßgebliche Berücksichtigung in der Kraftwerksstrategie finde und dass existente nachhaltige Potenziale der Biomasse in der Nationalen Biomassestrategie Beachtung finden. „Gleichzeitig muss das Ausschreibungsdesign an den Bedarf des Marktes angepasst werden. Es kann nicht sein, dass gut ausgebaute Bestandsanlagen keinen Zuschlag erhalten und gezwungen werden, aus wirtschaftlichen Gründen Ihre Anlage zu schließen“, fordert der Landesverband.

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