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„Viele Biogas-BHKW stehen da und verdienen kein Geld“

Das Unternehmen ESFORIN hat eine vollautomatisierte Plattform für die Stromvermarktung geschaffen. Davon können flexible Biogasanlagen profitieren – auch als Alternative zum EEG.

Lesezeit: 7 Minuten

Hintergrund

Das Unternehmen Energy Services for Industry (ESFORIN, www.esforin.com) ist im Jahr 2014 gegründet worden. Das Ziel war, eine Plattform für die flexible und günstige Energieversorgung von Unternehmen zu schaffen.

ESFORIN hat dabei vor allem die kurzfristigen Märkte für Strom und Gas im Blick. Dabei geht es darum, in Industriebetrieben möglichst viele Produktionsprozesse mit Hilfe intelligenter Algorithmen in Zeiten zu verlagern, wo viel Wind- und Solarstrom anfällt und der Strompreis somit niedrig ist. Dieses Konzept hat das Unternehmen mittlerweile auch auf Biogasanlagen ausgedehnt.

Wir sprachen mit den Firmengründern und Geschäftsführern Christian Hövelhaus und Christoph Gardlo über die Chancen, die der Markt aus ihrer Sicht für flexible Biogasanlagen bietet.

Ihr Kerngeschäft ist die Flexibilitätsvermarktung. Was bedeutet das konkret?

Hövelhaus: Mit der fortschreitenden Energiewende wächst der Anteil von Solar- und Windenergie am gesamten Strom-Mix. Damit wird die kurzfristige Optimierung am Strommarkt immer wichtiger. Denn plötzliche Wetterveränderungen können dafür sorgen, dass Netzbetreiber ihre Prognosen anpassen und kurzfristig Strom beschaffen oder abgeben müssen.

Wenn zu viel Strom in den Netzen ist, fallen die Preise oder sie können sogar negativ werden. Davon können vor allem Industrieunternehmen erheblich profitieren. Denn es gibt Sekundärprozesse, bei denen sie beispielsweise bestimmte Vorprodukte auf Halde produzieren können. Wenn sie dazu anstelle von eigenen Öl- oder Gas-Stromaggregaten günstigen erneuerbaren Strom nutzen, spart dies auch erhebliche Mengen an CO₂ ein.

Die Vorprodukte können sie dann in der Produktion nutzen, wenn der Strompreis wieder hoch ist – und in dieser Zeit entsprechend weniger produzieren.

Es gibt aber auch Primärprozesse wie die Ofentemperatur bei der Aluminiumherstellung. Auch diese können wir mit den Algorithmen je nach Strompreis schnell und variabel anpassen. Oberstes Ziel ist es, dass die Kunden auf diese Weise weniger Strom und Gas verbrauchen und somit Geld sparen.

Gardlo: Viele Industrieunternehmen wurden in den vergangenen Jahren auf Effizienz getrimmt. Statt Silos, Puffern oder Halden haben sie Vorprodukte just in time bestellt und eingesetzt – auch um Lagerhaltungskosten zu reduzieren. Das hat sich mit dem Ukraine-Konflikt radikal verändert. Seither musste die Industrie erkennen, wie anfällig Lieferketten sein können. Daher hat die Lagerhaltung wieder eine höhere Bedeutung gewonnen. Das hilft uns jetzt bei der Flexibilitätsvermarktung.

Wie können Biogasanlagen von Ihrer Dienstleistung profitieren?

Hövelhaus: Wir stellen fest, dass viele Anlagenbetreiber mithilfe der Flex-Prämie ein weiteres Blockheizkraftwerk (BHKW) gekauft und installiert haben. Auch wenn die Anlagen dann offiziell doppelt oder dreifach überbaut sind, läuft häufig eins von zwei BHKW im Dauerbetrieb. Damit verdient die Anlage jedoch kein Geld.

Schon mit verhältnismäßig wenig Aufwand könnten sie allerdings von höheren Strompreisen profitieren. Diese fallen vor allem morgens und abends an, während mittags aufgrund der Photovoltaik die Strompreise häufig niedrig sind. Darum ist es schon attraktiv, die hohen Preise morgens und abends mit zwei Blöcken mitzunehmen.

Da wir im Ultrakurzfristmarkt tätig sind, können wir die Laufzeit oder Stillstandzeiten je nach Strompreis auch kurzfristig verschieben und damit den Gewinn für den Anlagenbetreiber deutlich erhöhen. Der Anlagenbetreiber bekommt dafür von uns einmal wöchentlich einen Fahrplan, den wir im Rahmen der uns gewährten Freiheiten umsetzen.

Wie stark sollte die Anlage dafür flexibilisiert sein?

Gardlo: Dafür gibt es keine pauschale Antwort. Je größer der Gasspeicher ist und je weniger Wärmelieferverpflichtungen die Anlage hat, desto flexibler können wir den Strom vermarkten. Versorgt der Betreiber ein Wärmenetz, muss das BHKW natürlich zu gewissen Stunden laufen. Viele Anlagenbetreiber legen darauf viel Wert, weil der Wärmeverkauf eine wichtige Einnahmequelle ist. Mit einem großen Wärmepufferspeicher könnten sie sich auch hier unabhängiger machen. Oder mit einer Power-to-Heat-Anlage.

Wie funktioniert das?

Gardlo: Viele BHKW produzieren Strom auch in Niedrigpreiszeiten, wenn Wärme benötigt wird. Da können sie auf aktuelle Gegebenheiten am Strommarkt wenig Rücksicht nehmen. Mit einer Power-to-Heat-Anlage müssten sie den Strom aber nicht sofort ins Netz einspeisen, sondern könnten ihn nutzen, um klassischerweise wie mit einem Tauchsieder Wärme zu erzeugen. Diese wird dann in einem großen Pufferspeicher geladen.

Wie bewerten Sie die Regelenergie? Ist das noch eine Option für flexible Biogasanlagen? Und lässt sie sich mit dem Fahrplanbetrieb kombinieren?

Hövelhaus: Die Regelenergievermarktung war ein sehr gutes Konzept in den letzten Jahren – vor allem für Biogasanlagen im Dauerbetrieb. Eine Kombination mit dem Fahrplanbetrieb ist aber nur schwer möglich. Denn wenn die Übertragungsnetzbetreiber Regelenergie benötigen, um die Frequenz von 50 Hertz im Netz aufrechtzuerhalten, läuft das unabhängig vom Strompreis. Es kann also sein, dass das BHKW zur Lieferung von Regelenergie in Betrieb sein muss, auch wenn der Strompreis gerade ziemlich unattraktiv ist. Zudem muss sich der Anlagenbetreiber für die Regelenergie zu einem Zeitpunkt entscheiden, bei dem die Strompreise noch gar nicht feststehen. Er lässt also sehr viel Potenzial ungenutzt liegen, das vor allem im kurzfristigen Intraday-Markt liegt.
 
Wie stark sind die Anlagenbetreiber noch von der Politik abhängig? Bietet der Strommarkt schon selbsttragende Alternativen für Ü20-Biogasanlagen, die keine EEG-Förderung mehr erhalten?

Gardlo: Es ist verständlich, dass sich die Anlagenbetreiber an die EEG-Vergütung gewöhnt haben und eine Anschlussvergütung haben möchten. Aber die stark überzeichnete Ausschreibung im vorigen Jahr zeigt eben auch, dass das in der Realität immer schwieriger wird.

Wegen der steigenden Zahl an Ü20-Anlagen und der schrumpfenden Ausschreibungsmenge erhöht sich nämlich das Risiko, nur eine sehr niedrige Vergütung zu erhalten oder vollkommen leer auszugehen. Daher kann ich den Betreibern solcher Anlagen nur empfehlen, unternehmerisch zu denken: Ist eine staatliche Vergütung wirklich noch nötig?

Auch wenn der Strompreis nach dem krisenbedingten Hoch in den Jahren 2022 und 2023 wieder gesunken ist, liegt der Marktpreis doch noch oft deutlich über der Garantievergütung. Wenn die Anlage von uns so flexibel gemanagt wird, dass sie in den fünf bis sieben teuersten Stunden am Tag Strom produziert, kann sie auch gut ohne EEG auskommen.

Genau wie Sie argumentieren auch Verbände und Wissenschaftler, dass die Bioenergie ein wichtiges Element zum Ausgleich von Wind- und Solarenergie ist. Trotzdem spielt Biogas in vielen Verordnungen und Strategien der Bundesregierung keine Rolle. Wie bewerten Sie das?

Gardlo: Es ist heute schon abzusehen, dass wir bei dem politisch gewollten weiteren Anstieg von Wind- und Solarenergie ein Problem bekommen. Auf der einen Seite belastet der Stromüberschuss die Netze. Auf der anderen Seite müssen in Zeiten einer Dunkelflaute fossile Kraftwerke einspringen.

Noch immer werben Politiker oder Projektierer damit, dass ein Solar- oder Windpark theoretisch Tausende von Haushalten mit Strom versorgen kann. Aber bezogen auf die rechnerische Viertelstunde sieht das ganz anders aus: Solaranlagen haben in Deutschland vielleicht 1.000 Vollbenutzungsstunden – so wird die Zeit genannt, in der sie die volle installierte Leistung produzieren.

Biogasanlagen wären ein sehr guter, erneuerbarer Partner. Uns stimmt es aber sehr positiv, dass sowohl die Bundesnetzagentur als auch die EU-Kommission die Bedeutung von Flexibilität erkannt haben.

Hövelhaus: Die Bundesregierung steuert faktisch auf ein im Ausgang noch ungewisses Experiment zu: Sie nimmt mit der Kernkraft und der Kohlekraft bedeutende Stützen der Stromerzeugung aus dem Markt, ohne zu wissen, ob die Erneuerbaren Energien diese Lücke wirklich schließen können. Auch und gerade deswegen ist nicht nur für uns, sondern vor allem für den Wirtschaftsstandort Deutschland die Flexibilität die wichtigste Währung der Zukunft: Sowohl beim Verbrauch in den Industriebetrieben als auch bei der Erzeugung. Hier könnten Biogasanlagen eine wichtige Rolle spielen – wenn zu wenig erneuerbare Energien verfügbar sind und man sie nur ließe.

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