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Markt für langsam wachsende Hähnchen - Ein Landwirt berichtet

Frisches Hähnchenfleisch, das in den Niederlanden über die Verkaufstheke geht, stammt von langsamer wachsenden Tieren. Auch Matthias Temminghoff zieht diese auf. Er schätzt das Konzept sehr.

Lesezeit: 5 Minuten

Dieser Beitrag erschien zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Schon seit 30 Jahren halten Temminghoffs in Vreden Hähnchen. Sie begannen als freie Mäster und haben sich mit anderen Hähnchenhaltern zusammengeschlossen, um gemeinsam Futter einzukaufen und die Hühner zu vermarkten. Leichtmast, Schwermast mit und ohne Vorfangen – Matthias Temminghoff praktizierte schon so einige Verfahren.

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­Inzwischen hat sich am Aufzuchtprozedere jedoch etwas ganz Entscheidendes geändert: Seit etwa sieben Jahren zieht er langsamer wachsende Hähnchen für den ­niederländischen Markt auf. Damit ist Temminghoff nun zwar an den Futtermittelhersteller forfarmers gebunden, hat aber mehr Freude an der Aufzucht.

Entschleunigte Mast

In den Niederlanden gibt es seit ­einigen Jahren nur noch frisches Fleisch von Hähnchen zu kaufen, die mit mehr Tierwohl aufgezogen wurden. Hintergrund ist das massive Vorgehen der Tierschutzorganisation „Wakker Dier“, die die Mast schnell wachsender Hähnchen immer wieder anprangerte. Der Handel rief daraufhin in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Tierschutzbund verschiedene Aufzuchtkonzepte ins Leben und stellte nach und nach das Frischfleischangebot um.

Frisches Hähnchenfleisch im Einzelhandel stammt nun ausschließlich von Tieren, die aufgrund ihrer Genetik weniger hohe Tageszunahmen aufweisen und deshalb länger gehalten werden. Bestandteil der verschiedenen Programme sind darüber hinaus Beschäftigungsmaterial, Stallstrukturierung, Tageslichteinfall oder ein Wintergarten.

HD-Ballen für Struktur

Der Wechsel in das alternative Haltungssystem gestaltete sich für Temminghoff unkompliziert. Ein Umbau war nicht nötig und auch die Stallausrüstung konnte weiter genutzt werden. „Tageslicht war und ist ein wichtiger Punkt“, erläutert Temminghoff. Auch wurden gerade zum Start eher kleinere Ställe gesucht. Diesbezüglich konnte er mit seinen Offenställen mit etwa 1.200 m2 Fläche punkten. „Es war für mich einfach auszuprobieren“, sagt Temminghoff.

Beim Konzept „Guildehuhn“, nach dem er jahrelang gemästet hat, wird mit einer Besatzdichte von 30 kg/m2 gearbeitet. Statt der 27 .000 Tiere, die Temminghoff konventionell halten könnte, wurden nur 14 .000 eingestallt. Bei einer maximalen Tageszunahme von 45 g leben die Tiere mindestens 50 Tage. Pflicht ist auch die Stallstrukturierung, so kamen in den Ställen HD-Strohballen aus eigenem Weizen zum Einsatz. Diese nutzen die Hähnchen zur Beschäftigung und als Sitzplatz.

Das Futter enthält einen hohen Anteil an Getreide. Zusätzlich verstreut Temminghoff ganzen Weizen in die Einstreu, das regt die Tiere zum Scharren an. Bis zu 40 % der Futterration besteht zum Mastende daraus.

Ein entscheidender Punkt bei der alternativen Aufzucht ist der Einsatz langsamer wachsender Hähnchen, so werden Tiere der Herkunft Hubbard 987 oder 757 aufgezogen.

Ein Gebot der Niederländer ist es, den Markt immer passend mit Ware zu bedienen. Anfangs musste Temminghoff daher zwischendurch ein bis zwei Durchgänge konventionell fahren. Mittlerweile kommt das aber nicht mehr vor.

Verdienst bleibt gleich

Weil die sogenannten „Konzepttiere“ länger gehalten werden, schafft er damit sechs Durchgänge pro Jahr, einen weniger als konventionell arbeitende Kollegen. „Wichtig war mir, dass der Nettogewinn pro Jahr gleich bleibt“, sagt der Landwirt. Inzwischen verdiene er unterm Strich sogar etwas mehr.

Entscheidend ist für Temminghoff aber etwas anderes: „Die Mast läuft wesentlich entspannter und ruhiger, ich bin zufriedener damit“, sagt er. Am deutlichsten kann man das an den Fußballen sehen. Weil die Einstreu trockener ist, haben die Tiere viel weniger Veränderungen und Geschwüre an den Füßen.

„Das sind ganz andere Tiere, die sind viel höher auf den Beinen“, erklärt Temminghoff. Die ganze Herde, so beobachtet er, ist stets in Bewegung. Auch bei unserem Besuch, einen Tag vor der Schlachtung, fällt auf, wie agil die Hähnchen noch sind.

Mastsysteme verglichen

Deutlich weniger Tierverluste und gesündere Tiere sind der Lohn für die entschleunigte Aufzucht. Zusätze wie Säuren, die in konventionellen Betrieben häufig zur Stabilisierung des Darmes dem Tränkwasser zudosiert werden, benötigt Temminghoff nicht. Einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Tiere schreibt er der langsamer wachsenden Genetik zu.

Dies sieht auch Dr. Maike Eismann so, die als Veterinärin beim Landkreis Borken arbeitet. Sie hat im Rahmen ihrer Dissertation in der grenznahen Region um Borken jeweils zehn Hähnchenhaltungen verglichen, die konventionell (nach deutscher NutztierhaltungsVO) bzw. nach alternativen Konzepten der Niederlande arbeiten.

Ihre Auswertungen erfolgten in den Jahren 2016 bis 2018. Deutlich wurde dabei, dass die Konzepttiere grundsätzlich gesünder waren und es in der Folge sowohl im Stall als auch beim Transport weniger Tote gab. Ebenso wiesen die Tiere eine bessere Fußgesundheit auf.

Ihre Untersuchungen, so Eismann, lassen es nicht zu, die Auswirkungen der Konzeptmast auf die Effekte einzelner Punkte he­runterzubrechen. „Beim Vergleich der Systeme glaube ich aber, dass die Genetik einen großen Einfluss hat“, sagt sie.

Kaum Behandlungen nötig

Aus ihren Gesprächen mit den teilnehmenden Landwirten berichtet sie Folgendes: „Alle, die alternativ aufziehen, wollen nicht mehr zurück.“ Dies bestätigt auch Temminghoff. Er sagt: „Ich möchte nie wieder andere Tiere mästen.“

Sein gutes Gefühl wurde auch von seinem Vermarkter bestätigt. Für die Jahre 2020 und 2021 wurde er mit dem „esbro-award“ ausgezeichnet. Dieser steht für die 100%ige Freiheit von Salmonellen und den kompletten Verzicht auf Antibiotikabehandlungen.

In den Niederlanden ist derweil noch mehr Bewegung in die Haltung von Hähnchen gekommen. Die beiden größten Einzelhändler Jumbo und Albert Heijn fordern Eismann zufolge jetzt von allen Lieferanten, dass die Hähnchen nur noch in Ställen mit einem zusätzlichen Wintergarten aufgezogen werden.

Temminghoff, der dafür seinen Stall umbauen müsste, hält deshalb aktuell Hähnchen für das Konzept „Nieuwe standaard kip“ mit einer Besatzdichte von maximal 35 kg/m2. Das ist inzwischen das einfache Standardhähnchen in den Niederlanden. Fleisch dieser Tiere gelangt in die Gastronomie oder wird von kleineren Einzelhändlern abgenommen.

Weil seine Schlachterei auch nach Deutschland liefert, will der Landwirt erst einmal abwarten, gerade vor dem Hintergrund, dass Aldi angekündigt hat, zukünftig nur noch Fleisch aus Haltungsstufe 3 und 4 zu verkaufen. „Dafür werden ja auch Erzeuger benötigt“, sagt Temminghoff.

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