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„Der Wolf ist nicht mehr bedroht“ - 2.000 Tierhalter kamen zu Infoveranstaltung!

Das Thema Wolf polarisiert. Vor allem den Tierhaltern in Niedersachsen reicht es, wie eine Diskussionsveranstaltung in einer Reithalle bei Cuxhaven mit 2.000 Teilnehmern beweist.

Lesezeit: 7 Minuten

Das Thema Wolf füllt ganze Reithallen und sorgt für hitzigen Diskussionsstoff. Am Mittwoch gab es im Kreis Cuxhaven eine Debatte zum Umgang mit dem Wolf in Niedersachsen. 2.000 Zuhörer waren dabei. Tierhalter sind in Sorge. Sie fordern, den Schutzstatus des Wolf zu senken und ihn zu bejagen.

Wie ist aktuell die Lage?

Über 1.400 Nutztierrisse und immer mehr Rudel: Noch nie haben Wölfe in Niedersachsen so viele Schafe, Rinder und Pferde angegriffen und gerissen wie im vergangenen Jahr. In Summe der vergangenen zehn Jahre waren es mehr als 10.000 Fälle. Gleichzeitig verbreiten sich die Wölfe immer stärker.

Aktuell gibt es in Niedersachsen 55 Rundel, das sind zwischen 450 und 600 Wölfen. Von Jahr zu Jahr gibt das Land mehr Geld für den Herdenschutz aus (2022: 4,5 Mio. €; 2023: 6,9 Mio. €). Ein Wolf „kostet“ über seine Lebensdauer gerechnet 160.000 €. Die bisherige Wolfspolitik in Niedersachsen funktioniert für Tierhalter im Elbe-Weser-Dreieck so nicht mehr.

Fast jede Nacht Wölfe ums Haus

Für viele stellt sich nicht mehr die Frage, ob, sondern wann und wo der Wolf als nächstes zuschlägt. „Bei uns vergeht kaum eine Nacht, in der kein Wolf ums Haus läuft“, sagt eine junge Schafhalterin aus der Lüneburger Heide, die sich um die Zukunft ihres Betriebes sorgt. Auch für Rinder- und Pferdehalter ist die Situation unsäglich. „Nach einem Wolfangriff war die ganze Herde lange traumatisiert und es haben viele Kühe verkalbt“, berichtet ein Milchviehhalter.

Forderungen nach Wolfsabschüssen und konsequenter Bestandregulierungen zum Schutz der Nutztiere werden lauter. Ist eine Lockerung des Schutzstatus nicht längst überfällig? Wie geht es weiter? Wo bleiben pragmatische Lösungen?

Diskussion zur Zukunft der Weidetierhaltung

Das Thema Wolf wird von Befürwortern und Gegnern oft hitzig und emotional geführt. Der Rede- und Informationsbedarf der Betroffenen vor Ort ist dabei enorm. So auch am Mittwoch im Ort Wingst im Kreis Cuxhaven.

„Der Wolf ist ein ernstes Thema, das die gesamte Landbevölkerung und Städter, die sich fürs Landleben interessieren, bewegt“, sagte Welt-Herausgeber Stefan Aust, als er die Diskussion zur Zukunft der Weidetierhaltung mit Umweltminister Christian Meyer (Grüne), Helmut Dammann-Tamke, Präsident des deutschen Jagdverbandes, Wolfsberater Michael Ohloff und David McAllister, Europa-Abgeordneter, eröffnete. Rund 2.000 Landwirte, Pferdezüchter und -halter, Schäfer, Lokalpolitiker und Interessierte waren bei der Veranstaltung in der Reithalle am Dobrock dabei.

55 Rudel sind mehr als genug

Faktisch galt der Wolf seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland als ausgerottet. Seit etwa 20 Jahren ist er zurück in Niedersachsen. Aktuell sind es 55 Rudel. Die Population verdoppelt sich alle drei Jahre. Der einzige Gegner des Wolfes ist das Auto. „Wie bedroht ist der Wolf?“, fragte Moderator Stefan Aust den Grünen Umweltminister Meyer. Die Antwort des Politikers kam wie aus der Pistole geschossen: „Der Wolf ist nicht mehr bedroht. Wir haben den guten Erhaltungszustand erreicht.“ Dieser liege bei 44 Rudel.

Video: Wölfe greifen Hund an

Nach dem ersten Schlagabtausch wurde auf der großen Leinwand in der Reithalle eine Aufnahme einer Überwachungskamera eingeblendet. In der Szene ist zu sehen, wie zwei Wölfe in eine Diele kommen und den Hofhund anfallen und ihn zum Erliegen bringen. Die Wiedergabe wurde abgebrochen. „Machen Sie das aus“, hatte jemand laut aus dem Publikum gerufen und damit wahrscheinlich erreicht, was viele Zuschauer ebenfalls nicht wollten, nämlich das Ende der Szene sehen zu müssen.

Situation ist nicht mehr tragbar

„Wie sieht es mit dem Schutzstatus des Wolfes aus“, fragte Aust in Richtung des Europa-Abgeordneten David McAllister (CDU), er war live aus dem EU-Parlament zugeschaltet. „Ich halte die Situation für nicht mehr tragbar“, sagte der ehemalige Ministerpräsident Niedersachsen vorweg. Mit Blick auf Frankreich, Skandinavien und die Baltischen Länder fordert er: „Wir brauchen genauso ein Wolfsmanagement und nicht ein Re-Agieren auf Nutztierrisse.“ Er meint die rechtssichere Entnahme.

Der EU-Politiker kritisierte, dass die EU-Kommission zu langsam handelt. Erst im Dezember 2023 habe die Brüsseler Behörde nach langem Hin und Her entschieden, den Schutzstatus in der „Berner Konvention“ (Artenschutzabkommen) von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzustufen.

Warten auf Zustimmung der Länder

Aber auch das geht nicht so schnell. Zunächst braucht es eine qualifizierte Mehrheit im Rat der europäischen Umweltminister. Das heißt, mindestens 20 der 27 Mitgliedsstaaten, die zusammen mindestens 65 % der Gesamtbevölkerung der EU repräsentieren, müssen zustimmen. Sobald der Vorschlag angenommen wurde, wird er dem Ständigen Ausschuss des Berner Übereinkommens vorgelegt.

Wenn die Berner Konvention im entsprechenden Punkt geändert wird, kann die EU ihre eigene Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie)  rechtskonform ändern. In der FFH-Richtlinie (Anhang IV) ist der strenge Schutz des Wolfs bisher festgeschrieben. Demnach ist in Stufe IV das absichtliche Stören, Fangen oder Töten sowie weitere Beeinträchtigungen von Wölfen verboten, anders als in Stufe V.

Forderung: Bundesumweltministerin soll Farbe bekennen

Die nächste entscheidende Tagung des EU-Umweltrates ist am 17. Juni. Der ständige Ausschuss der Berner Konvention tagt erst im November. Der Ausgang ist offen, genauso ist unklar wie sich Deutschlands Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) verhält.

„Das Abstimmungsverhalten der Bundesumweltministerin Lemke ist eminent wichtig“, appellierte Helmut Dammann-Tamke an Niedersachsens Umweltminister Meyer.  Der Präsident der deutschen Jägerschaft verwies darauf, dass die Bundesregierung Regeln zum Wolfabschuss bereits im Koalitionsvertrag angekündigt hat. Er fordert, dies umzusetzen. Eine im Oktober 2023 angekündigte Verordnung für Schnellabschüsse liege noch immer nicht vor.  Es bestehe dringender Handlungsbedarf.

Bestandsmanagement durch Patrone?

Ein eingeladener Vertreter des Nabu aus dem Kreis Cuxhaven betonte, dass der Wolf Bestandschutz hat.  „Ein Bestandsmanagement durch Patronen ist rechtlich nicht geklärt. Daher scheitern Schnellabschussgenehmigungen.“

 „Um Gesetze zu ändern, braucht es ein Gefühl für die Verbreitung“, brachte Moderator Aust an dieser Stelle ein und verwies auf das Wolfsmonitoring des Landesjägerschaft. Hiernach stieg die Anzahl von rund 130 Meldungen im Monitoringjahr 2011/2012 auf knapp 9.000 Meldungen im Monitoringjahr 2022/2023. Während der Diskussionsrunde liefen immer wieder Videos und Fotos auf der Leinwand. Sie zeigen verletzte Pferde, Ponys, Rinder und Schafe. Zu sehen ist wie Wölfe Zäune hochklettern und Schafe über ein Feld jagen.

Wo bleibt das Tierwohl?

„Zum Schutz vor dem Wolf lassen viele Züchter und Pferdehalter ihre Stufen und Fohlen nachts nicht mehr auf der Weide“, ergriff Dr. Hinni Lührs-Behnke, Präsident Hannoveraner Verband, auf dem Podium das Wort für alle Tierhalter und ergänzte: „Wir sprechen über Tierwohl und stellen ein einzelnes Tier über alles.“ Auch er konstatiert: „Der Erhaltungszustand ist erreicht.“

„Sechs Rudel müssten komplett erlegt werden“

Die bereits vor einem halben Jahr angekündigte Regelung für die erleichterte Entnahme von Problemwölfen müsse endlich umgesetzt werden, betonte sodann Dammann-Tamke erneut die Forderung nach pragmatischen Lösungen. „Von den mehr als 50 Rudeln in Niedersachsen sind sechs auffällig. Diese und auch der Zuwachs müssen komplett erlegt werden“, sagte er.

Ähnlich formulierte es auch Wolfsberater Michael Ohloff. Er sprach von „5 bis 6 % der Wölfe, die Mist bauen“. Aber niemand sage, dass diese Wolfe entnommen werden sollen – auch nicht Minister Meyer, so Ohloff. Der Wolfsberater und Jäger verwies darauf, dass der Herdenschutz funktioniert und stellte das sogleich zur Debatte: „Im vergangen Jahr haben wir 6,9 Mio. € dafür ausgegeben, wollen wir das“, fragte er. Er fordert in Richtung Politik klare Regelungen, eine Versachlichung der Debatte und keine Diskussion im „Kleinklein“. „Hier sind sich alle einig: So funktioniert es nicht mehr“, kommentierte Ohlhoff.

Klares Signal an Minister Meyer

Moderator Aust wandte sich wieder an den Umweltminister: „Herr Meyer, werden Sie sich bei der Bundesumweltministerin, Frau Lemke, dafür einsetzen, dass der Schutzstatus des Wolfes gesenkt wird?“  Der Politiker verwies zunächst auf das komplizierte Änderungsverfahren. Dann wurde er klarer: Er stehe dazu, dass es ein regional differenziertes Beschwerdemanagement brauche. „Und alles, was über 44 Rudel ist, zu reduzieren. Das muss uns der Bund ermöglichen.“ Der Umweltminister versprach: „Für eine Änderung des Jagdrechtes setze ich mich ein.“

Den Worten müssen nun Taten folgen. Tierhalter können es nicht nachvollziehen, dass die Politik so viel diskutiert. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es menschliche Opfer gibt“, formulierte Moderator Aust den Handlungsbedarf unmissverständlich. In seinem Schlusswort an die Runde auf dem Podium gerichtet sagte er: „Wir müssen aufhören, der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen.“

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