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Der Pflegebauernhof von Familie Pusch: Senioren auf dem Hof ein neues Zuhause geben

Guido Pusch hat für seinen Nebenerwerbsbetrieb ein besonderes Konzept gefunden: Seit 2011 bietet er sowohl rüstigen als auch pflegebedürftigen Senioren ein Zuhause – Landwirtschaft inklusive.

Lesezeit: 5 Minuten

Von außen ein ganz normales Wohnhaus, doch innendrin eine Wohngemeinschaft der besonderen Art: Guido Pusch steht in Arbeitsklamotten in der Küche seines Elternhauses und zeigt auf den Holztisch in der Mitte, an dem gerade fleißige Hände selbst angebaute Kartoffeln für das Mittagessen schälen.

„Das verändert sich nie“, sagt der Landwirt und schmunzelt. „An diesem Tisch bin ich aufgewachsen. Hier haben sich alle getroffen“, erzählt er. „Alle“, das sind seit 1771 die Mitglieder der Familie Pusch. Heute teilen sie sich ihren 30 ha großen Nebenerwerbsbetrieb in Marienrachdorf, Rheinland-Pfalz, mit 22 Senioren. Außerdem Teil der Hofgemeinschaft: Rinder, Schweine, Hühner, Gänse, Bienen und Alpakas.

Initiative ergreifen

Es war die Situation der eigenen Oma, die den Landwirt auf die Idee brachte, den Betrieb umzustellen. „Meine Großmutter hat immer gesagt: ‚Hier bin ich geboren, hier will ich sterben.‘ Als sie pflegebedürftig wurde, war uns klar: Wir brauchen eine Lösung, um dem gerecht zu werden.“

Guido Pusch beschäftigte sich mit dem Thema Pflege und erkannte schnell den hohen Bedarf an regionalen und gut durchdachten Konzepten, die es Menschen ermöglichen, bis zum Ende an einem Ort zu bleiben. Und zwar unabhängig davon, ob sich der Pflegegrad verändert. Er nahm das Ruder selbst in die Hand: Umnutzungs- und Baugenehmigung für Haupthaus und Scheune wurden abgelöst von Renovierungen und Personalgesprächen. 2011 konnten dann die ersten Bewohner auf dem Pflegebauernhof einziehen.

Daran, plötzlich nicht mehr allein auf dem Betrieb zu sein, mussten sich die Puschs zunächst gewöhnen. „Es ist nicht zu vergleichen mit Urlaubsgästen oder Ferien auf dem Bauernhof“, weiß der Vater einer Tochter. Zwar lebt die Familie seit dem Umbau im Dorf, hat aber trotzdem das Gefühl, sich das Zuhause zu teilen. „Es ist anders als früher, aber auch sehr schön. Die Menschen, die zu uns kommen, sind dankbar. Genau so etwas wie hier brauchen wir in der Gesellschaft: Dass man zusammenhält und ein Zuhause hat, bis zum Schluss.“

Und Guido Pusch möchte die Bedürfnisse eines jeden Bewohners berücksichtigen: Rund um die Uhr ist Pflegepersonal vor Ort. Es gibt eine angeschlossene Wohngemeinschaft, in der rüstigere Senioren eigenständig leben. Je nach Pflegegrad ist auch eine Rundumbetreuung im Haupthaus möglich. Die Zimmer verfügen über eine gemütliche Einrichtung, gespickt mit persönlichen Gegenständen, und eigene Bäder.

Kontakt zu Hof und Tier

Ein Viertel der Hofbewohner beteiligt sich aktiv an der Landwirtschaft und übernimmt feste Aufgaben. „Das kann zum Beispiel das Eiersammeln sein, aber auch die Arbeit mit den Bienen oder Alpakas“, erzählt Alexandra Pusch, die ihren Job als Versicherungsfachfrau vor einem Jahr aufgegeben hat und nun fest in der Betreuung auf dem heimischen Hof arbeitet. Die Senioren, die nicht im Betrieb anfassen, genießen das Landleben, machen Spaziergänge, gehen ihren Interessen nach und verbringen Zeit in der Gemeinschaft.

In der offenen Küche ist jeder zur Mithilfe willkommen. „Mit unseren eigenen Produkten bereiten die Senioren jeden Tag leckere und gesunde Gerichte zu“, sagt Guido Pusch. Gemeinsam kochen, backen, am Tisch sitzen, essen und sich unterhalten, das gehört auf dem Pflegebauernhof zur Routine.

Rund 300 Anfragen für Neuaufnahmen erreichen den Pflegebauernhof im Monat.

Vor vier Jahren gründete der 50-Jährige sogar selbst einen Pflegedienst: „Es ist ein einzigartiges Konzept, das wir hier haben. Wir möchten das besondere Umfeld des Bauernhofs nutzen und die Bewohner einbeziehen“, erklärt er. Das sei mit externen Pflegediensten schwieriger gewesen. Die eigenen Mitarbeiter werden für die Arbeit im familiären Umfeld und der Landwirtschaft speziell geschult.

Bei der Betreuung spielt auch das ­Leben mit den Jahreszeiten eine Rolle: Wenn Guido Pusch in den dunk­leren Monaten nachts zum Schnee­räumen ausrückt, nimmt er gerne mal einen Bewohner mit, von dem er weiß, dass er Schlafprobleme hat: „Wir machen das hier gemeinsam. Diese Sinnhaftigkeit und das eigenständige Erfüllen von Aufgaben geben den Menschen sehr viel. Schließlich hatten sie alle ­früher einen Beruf.“ Der Kontakt zur Natur und den Tieren tue allen gut, gerade den Demenz-Patienten. Jeder redet sich mit Vornamen an, es herrscht eine lebendige und fröhliche Stimmung.

Das Konzept weitergeben

Die Bewohner des Hofes kommen mittlerweile aus ganz Deutschland und keineswegs zwangsläufig aus der Landwirtschaft. Über die Hälfte von ihnen sei männlich, eher untypisch für ein Seniorenheim. „Natürlich stammen einige auch aus dem Dorf, sodass ich sie schon mein Leben lang kenne“, erzählt Guido Pusch, der seiner Region etwas zurückgeben möchte. Rund 300 Anfragen für Neuaufnahmen erreichen ihn im Monat; die Warteliste ist lang.

Der Landwirt, der von dem Konzept restlos überzeugt ist, wünscht sich, dass es noch mehr Pflegebauernhöfe gibt: „Wenn man etwas teilt, dann hat man letztlich mehr“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Aktuell berät er 20 Höfe in ganz Deutschland, die ebenfalls umstellen wollen. Denn das ist mit einer Menge Arbeit verbunden: Umbauten, Businessplan, Finanzierung, Kooperationen und vieles mehr müssen stehen.

Weil der Tierarzt gleich zur Untersuchung seiner Rinder kommt, lädt Guido Pusch ein paar der Bewohner ein, ihn zur Weide zu begleiten – natürlich erst nach dem Dessert. Schließlich gibt es frisch gebackenen Kuchen.

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