Einloggen / Registrieren

Startseite

Schlagzeilen
Messen & Termine
Themen
Wir für Euch
Heftarchiv
Sonstiges

Bürokratieabbau Maisaussaat Stilllegung 2024

topplus News

Dänen werben mit Antibiotika-Verzicht

Die dänischen Schweinehalter arbeiten extrem exportorientiert. Jetzt wollen sie mit antibiotikafreier Schweineproduktion auf ihren Auslandsmärkten punkten. top agrar hat sich bei Landwirten und Vermarktern umgehört.

Lesezeit: 9 Minuten

Die dänischen Schweinehalter arbeiten extrem exportorientiert. Jetzt wollen sie mit antibiotikafreier Schweineproduktion auf ihren Auslandsmärkten punkten. top agrar hat sich bei Landwirten und Vermarktern umgehört. Ein Bericht von Katrin Sanderink und Marcus Arden aus der Ausgabe 6/2017, Spezialprogramm Schwein:


Das Wichtigste aus Agrarwirtschaft und -politik montags und donnerstags per Mail!

Mit Eintragung zum Newsletter stimme ich der Nutzung meiner E-Mail-Adresse im Rahmen des gewählten Newsletters und zugehörigen Angeboten gemäß der AGBs und den Datenschutzhinweisen zu.

In Dänemark lässt die Branche keine Zweifel daran aufkommen, dass heimisches Schweinefleisch gesundheitlich unbedenklich ist. „Das Risiko, dass man z. B. Antibiotikareste im Fleisch findet, ist äußerst gering“, gibt sich Prof. Dr. Hanne Ingmer von der Uni Kopenhagen unbeirrt.


Vor dem Hintergrund der anhaltenden kritischen Diskussionen rund um das Thema Antibiotika wächst in Dänemark mittlerweile aber auch das Interesse an einer antibiotikafreien Produktion. Immer mehr Verbraucher fordern das ganz offen, und viele Landwirte wollen weniger einsetzen. Zudem zeigen Umfragen bei den Supermarktketten, dass der Absatz entsprechender Ware den von Ökofleisch toppt.


OUA-Schweine


Die Produktion von Schweinen ohne den Einsatz von Antibiotika nennt man in Dänemark OUA-Produktion. OUA steht für „opdrættet uden antibiotika“, auf deutsch „aufgezogen ohne Antibiotika“.


Die Regeln schreiben unter anderem vor, dass die Tiere zeitlebens nicht mit Antibiotika behandelt werden dürfen. Betriebsleiter, die an den verschiedenen Programmen teilnehmen, müssen ihren Schweinen eine oder zwei grüne Ohrmarken einziehen. Das ist quasi das Erkennungszeichen für die antibiotikafreie Produktion. In einigen Programmen muss zudem fermentiertes Futter in der Mischung enthalten sein.


Muss ein Tier aus gesundheitlichen Gründen behandelt werden, wird die grüne Ohrmarke entfernt und das Schwein muss separat aufgestallt werden. Das gilt allerdings erst nach dem Absetzen, Saugferkel dürfen bei der Sau bleiben.


Danish Crown senkt Bonus


Aktuell unterstützen vier dänische Vermarkter das Konzept. Danish Crown (DC) hat nach eigenen Angaben derzeit 27 Landwirte unter Vertrag, die OUA-Schweine erzeugen. 110 weitere Interessenten stehen auf einer Warteliste, heißt es bei Danish Crown. Dass bislang nicht mehr Verträge geschlossen wurden, erklärt der Konzern damit, dass die Nachfrage noch nicht ausreicht.


Wer für Danish Crown Tiere ohne Antibiotikaeinsatz produzieren möchte, muss grundsätzlich die Standards der sogenannten „England-Schweine-Produktion“ erfüllen und am DC-Beratungsprogramm für die OUA-Produktion teilnehmen. Die Tiere dürfen z. B. keine tierischen Fette erhalten, sie müssen mehr Platz bekommen, die Sauen müssen nach dem Absetzen bis zum nächsten Abferkeln frei laufen können und es muss ein Vertrag mit einer Tierarztpraxis vorliegen. Der Schlachtkonzern behält sich außerdem vor, unangemeldete Kontrollen im Betrieb durchzuführen und Urinproben bei den Schweinen zu entnehmen. In Zukunft soll auch der Einsatz von Zink verboten werden.


Danish Crown untersagt den Antibiotikaeinsatz von der Geburt bis zur Schlachtung, Sauen dürfen bei Bedarf aber weiterhin behandelt werden. Jede Woche schlachtet Danish Crown 3 000 bis 3 500 antibiotikafrei aufgezogene Schweine an seinen drei Standorten in Rønne, Blans und Sæby. Die gesamte Produktion geht in den Export, vor allem in die USA und nach Australien. In Amerika ist das Interesse laut Danish Crown besonders stark gewachsen. Immer mehr Verbraucher dort machen sich demnach Sorgen um die Lebensmittelsicherheit. Das OUA-Fleisch aus Dänemark scheint für die Amerikaner eine Alternative zu sein.


Die teilnehmenden Schweinemäster erhalten von Danish Crown momentan einen Preisaufschlag von 26 Cent pro kg Schlachtgewicht für das Fleisch von OUA-Tieren. Der finanzielle Zuschlag wird gewährt, weil die biologischen Leistungen sinken und der Kontrollaufwand für den Betriebsleiter bzw. seine Mitarbeiter deutlich steigt. Die Tiere müssen viel intensiver beobachtet werden, um Probleme schneller zu erkennen. Auch Reinigung und Desinfektion müssen besonders gründlich erfolgen.


Umso unverständlicher ist für viele dänische Landwirte, dass Danish Crown jetzt völlig überraschend angekündigt hat, den Bonus ab Mai 2017 auf 20 Cent je kg zu senken. Das Unternehmen begründet das damit, dass die Abnehmer auf den Exportmärkten derzeit nicht alle Teilstücke aus der OUA-Produktion kaufen. Martin Villadsen, der bei dem dänischen Schlachtkonzern für Spezialprodukte zuständig ist, berichtet, dass die Verwertungsrate aktuell bei nur 57 % des Schlachtkörpers liege.


Doch kommen die Schweinehalter mit dem niedrigeren Zuschlag noch zurecht? Fachtierarzt Tage Rødbro warnt vor finanziellen Einbußen. Er hat ausgerechnet, dass ein Landwirt bei einem Zuschlag von 26 Cent mindestens 30 % seiner Schweine zu OUA-Konditionen abgerechnet bekommen muss, um schwarze Zahlen zu schreiben. Bei einem Zuschlag von nur noch 20 Cent muss dieser Anteil auf mindestens 54 % steigen.


Rødbro macht den Landwirten aber auch Mut. Derzeit werden im Schnitt 70 bis 85 % der abgesetzten Ferkel als OUA-anerkannt in die Ferkelaufzucht umgestallt. Von diesen Tieren durchlaufen zwischen 40 und 80 % als OUA-Tiere die Mast. Rødbro bezieht sich dabei auf die bisherigen Erfahrungen. „Die besten Mäster erreichen heute 85 bis 90 % anerkannte OUA-Schweine“, erklärt der Tierarzt.


Wiking Meat beliefert Lidl


Auch das Unternehmen Wiking Meat kümmert sich um den Absatz von Schweinen, die ohne Antibiotika aufgezogen wurden. Derzeit liefern sieben Betriebe entsprechende Ware. Wiking Meat lässt die Tiere bei Danish Crown schlachten und kauft anschließend ganze Viertel zurück. Diese werden dann von einem Schlachter in Silkeborg nach Kundenwunsch zerlegt. Die Ware wird in Dänemark u. a. in allen 105 Filialen des Discounters Lidl angeboten.


Der Bonus, der ausgezahlt wird, liegt zwischen 40 und 80 Cent je kg. Davon erhalten die Landwirte 75 % und das Unternehmen 25 %. „Um den Bonus langfristig zahlen zu können, müssen wir beim Verkauf im Supermarkt gegenüber der konventionellen Ware einen um gut 3 % höheren Preis durchsetzen“, erklärt Claus Wildenschildt, Landwirt und Geschäftsführer von Wiking Meat, seine Ziele.


Auf den ersten Blick wirkt der Bonus erfreulich hoch. Auf den zweiten Blick jedoch relativieren sich die Zahlen schnell. Denn Landwirte, die Tiere an Wiking Meat liefern möchten, müssen zusätzliche Kriterien erfüllen. Dazu zählen unter anderem:

  • mindestens 20 % mehr Platz,
  • Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel und Zink,
  • Einsatz von 90 % Futtermitteln, die aus lokaler Produktion stammen,
  • Verfütterung von fermentiertem Rapsschrot,
  • kein Schwanzkupieren,
  • maximale Transportzeit während der gesamten Lebensdauer 2,5 Stunden,
  • 100 %ige Rückverfolgbarkeit.
„Um die lückenlose Rückverfolgbarkeit des Fleisches garantieren zu können, drucken wir auf allen Verkaufsverpackungen einen QR-Code auf, mit dem der Weg bis zum Sauenhalter zurückverfolgt werden kann“, erklärt Mäster Claus Wildenschildt.


Tamaco setzt auf Restaurants


Das Unternehmen Tamaco ist das dritte rein dänische Unternehmen, das sich dem Verkauf von antibiotikafrei produzierten Schweinen verschrieben hat. Tamaco vermarktet seit Februar wöchentlich 75 antibiotikafrei aufgezogene Schweine unter dem Markennamen „Saga-Schwein“. Das Fleisch wird überwiegend an Restaurants und einige private Schlachter verkauft. Geschäftsführer von Tamaco ist Karsten Dejbjerg, der 20 Jahre lang bei Danish Crown für die Vermarktung von Freiland-Schweinen zuständig war.


Bei der Produktion von Saga-Schweinen darf kein Zink eingesetzt werden. Zwei Wochen vor der Abferkelung und während der gesamten Säugezeit dürfen die Sauen keine Antibiotika erhalten, wenn sie OUA-Ferkel säugen. Andernfalls fällt der ganze Wurf aus dem Programm. Tamaco will sich dadurch von der Konkurrenz abheben. Denn bei Danish Crown z. B. dürfen die laktierenden Sauen behandelt werden, wenn es nötig ist.


Im Tamaco-Programm sollen die Landwirte möglichst nicht mehr als 10 % ihrer Schweine mit Antibiotika behandeln. Müssen mehr als 20 % der Tiere behandelt werden, kann der Betrieb laut Vertrag ausgeschlossen werden. Hat der Betriebsleiter die Tiergesundheit wieder im Griff, kann er sich erneut bewerben.


Im Futter für Saga-Schweine muss neben den üblichen Komponenten wie Weizen und Gerste fermentierter Raps enthalten sein. Zudem wird Seetang empfohlen. Die meisten Landwirte, die entsprechende Schweine vermarkten, setzen auf die Futter-Fermentation. So wollen sie die Magen- und Darmflora, die Tiergesundheit und das Immunsystem insgesamt stärken.


Tamaco bezahlt seinen Vertragsmästern einen Zuschlag in Höhe von 24 Cent pro kg Schlachtgewicht für anerkannte OUA-Schweine mit über 100 kg Schlachtgewicht. Bis maximal 98 kg SG sind es 26 Cent.


Tönnies jetzt auch dabei


Tican, ein Unternehmen, das zur deutschen Tönnies-Gruppe gehört, ist erst im März dieses Jahres neu in die Vermarktung von OUA-Schweinen eingestiegen. Dem Unternehmen ist es gelungen, die Belieferung der großen dänischen Supermarktkette Dansk Supermarked zu übernehmen. Bislang hatte der Lebensmittelkonzern OUA-Fleisch von Tamaco gekauft.


Geschlachtet werden die Schweine mit der grünen Ohrmarke in Thisted in Nordjütland. Zurzeit sind es 250 bis 300 Schweine pro Woche. Man sei jedoch in der Lage, die Liefermenge kurzfristig zu erhöhen, wenn die Nachfrage der Supermarktkette steige, heißt es aus dem Hause Tican. Man habe mehrere Betriebe auf der Warteliste, die gerne in die antibiotikafreie Aufzucht einsteigen möchten.


Mit dem Absatz im Inland will man sich in Thisted aber auf Dauer nicht zufrieden geben. Das Unternehmen sondiert bereits die Exportmöglichkeiten nach Übersee. Im Fokus stehen vor allem die USA, China, Japan und Australien. Aber auch nach Deutschland will man künftig verstärkt Ware verkaufen.


Und das sind die Anforderungen:

  • Zink darf nicht verabreicht werden.
  • Muss eine laktierende Sau behandelt werden, gilt der komplette Wurf nicht mehr als „antibiotikafrei“.
  • Die Futtermischungen sollen fermentierten Raps enthalten.
  • Spezielle Anforderungen an die Haltung bestehen nicht.
Tican zahlt einen Preisaufschlag von 26 Cent je kg Schlachtgewicht.


„Ohne Antibiotika“ als Exportargument


Wenn es nach Prof. Hanne Ingmer von der Universität Kopenhagen geht, müssen die dänischen Landwirte in Zukunft noch viel stärker auf die antibiotikafreie Schweinehaltung setzen. Ingmer ist davon überzeugt, dass die wachsende internationale Nachfrage nach Fleisch von antibiotikafrei produzierten Schweinen und Hähnchen die Zukunft für die dänische Fleischproduktion sichert.


In Dänemark sieht sie optimale Voraussetzungen, um künftig auf Antibiotika weitgehend verzichten zu können. Viele Herden seien hochgesund und ausländische Viehtransporter fahren nicht im Inland umher. Viele Betriebe liegen zudem in Einzellage. Dadurch sinkt die Gefahr, dass Krankheiten von Betrieb zu Betrieb verschleppt werden. „Ich glaube, dass auf längere Sicht über die Hälfte der konventionellen Produktion in Dänemark ohne den Einsatz von Antibiotika auskommt“, prognostiziert die Wissenschaftlerin.

top + Zum Start in die Maisaussaat keine wichtigen Infos verpassen

Alle wichtigen Infos & Ratgeber zur Maisaussaat 2024, exklusive Beiträge, Videos & Hintergrundinformationen

Wie zufrieden sind Sie mit topagrar.com?

Was können wir noch verbessern?

Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Vielen Dank für Ihr Feedback!

Wir arbeiten stetig daran, Ihre Erfahrung mit topagrar.com zu verbessern. Dazu ist Ihre Meinung für uns unverzichtbar.