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Ukraine

Ein Jahr Krieg: Ukrainische Landwirte berichten über die Folgen

Was vorher undenkbar war, wurde am 24.2.2022 grausame Realität: Russland überfällt die Ukraine. Wir haben Betriebsleiter vor Ort gefragt, wie sich ihr Leben seitdem verändert hat.

Lesezeit: 6 Minuten

Unser Videoanruf in die Ukraine funktioniert einwandfrei. In normalen Zeiten wäre das nicht erwähnenswert. Doch seitdem Russland Kraftwerke und die Energieinfrastruktur in der Ukraine angreift, ist die Stromversorgung instabil. Eine Stunde lang berichtet Dr. Alex Lissitsa im Gespräch mit top agrar darüber, wie der Krieg sein Leben und das seiner 2 000 Mitarbeiter verändert hat. Fast nichts mehr sei auf seiner 124 000-Hektar-Farm im Nordwesten der Ukraine wie es einmal war (IMC Agrarholding).

Trotz der Unwägbarkeiten des Krieges hat Lissitsa seinen Optimismus offensichtlich nicht verloren. „Vor zwei Jahren wäre ich mit so einer Lage auf dem Betrieb verrückt geworden. Heute freue ich mich, dass wir leben und langsam mit der Ernte, dem Verkauf und den Aussaatvorbereitungen fürs Frühjahr vorankommen.“

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Auch in unserem zweiten Gespräch überwiegt Zuversicht. Dietrich Treis stammt aus Deutschland und lebt mit seiner Familie in der Ukraine. Seit 2017 führt er einen Ackerbaubetrieb nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit 4 500 ha und 80 Mitarbeitern. Er floh im Morgengrauen des 24. Februar aus Kiew in Richtung Deutschland, kehrte aber wenige Wochen später zurück. „Es muss irgendwie weitergehen“, sagt der Agraringenieur.

Belagerte Gebiete

Bereits einige Tage nach dem Einmarsch der russischen Truppen bekommen die beiden Betriebsleiter die ersten Konsequenzen zu spüren. Mitten in den Vorbereitungen für die Frühjahrsaussaat befiehlt Putin den Überfall auf die Ukraine. Wenige Tage später haben russische Soldaten schon 100 000 ha von Lissitsas 124 000 ha besetzt. Jeden zweiten seiner Mitarbeiter hat das ukrainische Militär eingezogen. Seitdem gibt es in seinem Leben ein Ritual, auf das er gerne verzichten würde: In einem WhatsApp-Chat fragt Lissitsa täglich, wer noch lebt. Zu Beginn des Krieges fehlte fast jeden Tag jemand.

Innerhalb weniger Tage spitzt sich auch die Lage auf seiner Milchviehfarm im Nordosten des Landes zu. Die Stromversorgung bricht zu­sam­men, seine verbleibenden Mitarbeiter müssen die Kü­he von Hand melken. Die Milch kann er nicht mehr verkaufen, verschenkt diese an Dorfbewohner oder muss sie wegkippen. Lissitsa bleibt nichts anderes übrig, als die Tiere zu schlachten oder zu verkaufen. Seitdem steht die Milchproduktion still.

Ähnlich ergeht es dem in die Ukraine zurückgekehrtem Treis. Putins Truppen kommen erst 20 km vor seiner Hof-stelle zum Stoppen. Er kann nicht alle Flächen bestellen und muss auf dringend benötigte Mitarbeiter verzichten, die die ukrainische Regierung zwangsrekrutiert hat.

Treis hat aber Glück im Unglück. Er beginnt die Frühjahrsaussaat auf den nicht besetzten Flächen. Währenddessen ziehen sich die Russen zurück und so kann er die Aussaat auch auf den restlichen Schlägen ohne Probleme abschließen.

Für Lissitsa verläuft die Aussaat weniger glücklich. Nach rund 45 Tagen befinden sich zwar auch im Nordosten die Truppen auf dem Rückmarsch, hinterlassen aber auf 30 000 ha seiner Flächen Minen. Es dauert Wochen, bis Spezialeinheiten des Staates auch die letzte im Boden aufspüren und entschärfen. Auf einigen Schlägen ist an eine Aussaat nicht mehr zu denken.

Die ohnehin angespannte Situation verschärft sich für beide Landwirte als Russland wichtige Exporthäfen wie den in Odessa angreift. Binnen weniger Tage kommt der Export zum Erliegen. Dringend benötigte Einnahmen für die ukrainischen Landwirte bleiben aus. Erst der zwischen der Türkei, Russland und der Ukraine ausgehandelte Getreidedeal sorgt Mitte Juli 2022 für Entspannung. Allerdings müssen viele Landwirte noch große Mengen der alten Ernte verkaufen und zeitgleich drängt die neue Ernte auf den Markt, was die Preise unter Druck setzt. Zudem verlangen die Transporteure wegen der durch den Krieg gestiegenen Risiken höhere Frachtkosten. „Wir haben bis zu 80 €/t weniger für unseren Weizen erhalten als deutsche Landwirte“, berichtet Treis.

Die anschließende Getreideernte verläuft zwar zufriedenstellend. Im Schnitt erntet Lissitsa 6,7 t Weizen pro Hektar, was für seine Böden ein gutes Ergebnis ist. Allerdings ist der Juli relativ nass. Viele Betriebe können daher erst im September die Getreideernte beenden. Der Zeitverlust von einem Monat zog sich bis zur Körnermaisernte durch, die wiederum der Winter ausbremst. Vielerorts stehe daher nach wie vor Mais auf den Feldern. In Lissitsas Fall sind es 25 000 ha, die er dringend dreschen müsste. Bislang lässt das Wetter das aber nicht zu.

Angespannte Liquidität

Ein viel größeres Problem ist aus Sicht der beiden Betriebsleiter die angespannte Liquidität der ukrainischen Landwirte. Kleinere Betriebe mit wenigen Hektar würden zwar selten Geld von Banken leihen. Diese finanzierten sich stattdessen durch Vorverkäufe von bis zu 30 % der anstehenden Ernte. Allerdings sei ungewiss, inwieweit der Getreidedeal weiterhin Bestand habe. Viele Landhändler lehnten daher Vorverkäufe derzeit ab. Das bislang gut funktionierende Finanzierungsgerüst sei ins Wanken geraten.

Größere Betriebe decken sich hingegen meistens am Kapitalmarkt mit Geld ein. „Aber wer finanziert Unternehmen in der Ukraine, wenn nicht klar ist, in welche Richtung sich der Krieg in den nächsten Wochen entwickelt?“, so Lissitsa.

Immerhin bestätigen beide: Derzeit mangelt es den Betrieben nicht an Dünger, Pflanzenschutzmitteln oder Ersatzteilen. „Wer liquide ist, kann sich mit allem eindecken, was er benötigt“, berichtet Lissitsa. Er selbst habe erst vor kurzem 3 000 t Stickstoffdünger gekauft – und zwar für die erste Gabe. In „normalen“ Jahren wäre er mit einer Anfrage zu Jahresbeginn wohl leer ausgegangen. Denn die meisten Landwirte ordern, wie in Deutschland auch, weit vor Weihnachten erste Teilmengen. Aber diese Nachfrage sei wegen der Liquiditätsengpässe eingebrochen.

Mangelware sind hingegen Mitarbeiter. Viele hat das Militär eingezogen. Um trotzdem möglichst alle Flächen bestellen zu können, versucht Lissitsa vermehrt Frauen anzuwerben, die er im Umgang mit der Landtechnik schult.

Banger Blick auf die Ernte

Es ist der Mix aus den vielen kleinen und größeren Problemen, weshalb beide Betriebsleiter pessimistisch auf die anstehende Ernte blicken. „Denn wer weniger Flächen bestellt, weniger düngt und weniger Pflanzenkrankheiten bekämpfen kann, erntet auch weniger“, fasst Treis das Problem zusammen. Vor dem Krieg habe die Ukraine etwa 25 Mio. t Weizen pro Jahr produziert. Dieses Jahr könnte das Ergebnis um 10 Mio. t geringer ausfallen.

Auch die Anbauplanung verschiebt sich infolge des Krieges. Treis z. B. wird im Frühjahr deutlich weniger Mais anbauen und hat dafür im Herbst etwa doppelt so viel Weizen ausgesät wie in den Jahren zuvor. „Der Maisanbau ist kapitalintensiver als der des Weizens. Weil ich nicht weiß, was ich überhaupt im kommenden Jahr ernten kann, gehe ich auf Nummer sicher“, so Treis. Sogar die Bestandsdichte hat er reduziert.

Der Krieg hat die beiden Betriebsleiter ohnehin zu einem Umdenken gezwungen. Eigentlich sind sie darauf angewiesen, langfristig zu planen. Der Krieg hat den Zeithorizont hingegen auf wenige Wochen schrumpfen lassen. „Mehr lässt der unkalkulierbare Krieg nicht zu“, sagt Lissitsa.

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