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Niederländischer Landwirt bangt in der Ukraine um Ackerland und Ernte

Kees Huizinga betreibt einen Betrieb in der Zentralukraine. Er bangt aktuell um 15.000 ha Land und Tausende Tonnen Getreide. Die Exportprobleme machen ihm und seinen Berufskollegen schwer zu schaffen.

Lesezeit: 5 Minuten

Unser Autor: Niklas Golitschek, freier Journalist, Bremen

Landwirt Kees Huizinga ist derzeit viel unterwegs. Sein Betrieb im zentralukrainischen Kyshchentsi zwischen Kiew und Uman zählt 15.000 ha Ackerland und 2.000 Milchkühe. Während er sich darum kümmert, verschafft er der vom Krieg gebeutelten Branche europaweit Gehör: Ein Besuch im Düsseldorfer Landtag, eineAussprache im EU-Parlament in Brüssel, Treffen mit Vertretern der niederländischen Regierung und die Teilnahme an einer Konferenz zur russischen Blockade des Schwarzen Meeres sind nur einige seiner Stationen der vergangenen Wochen.

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Seit 20 Jahren bewirtschaftet Huizinga seine Flächen in der Ukraine. Er ist selbst aus den Niederlanden eingewandert. Mittlerweile trägt er die Verantwortung für 350 Mitarbeiter, die in den umliegenden Orten wohnen. "Die Stimmung ist sehr schlecht", weiß er. Ein Kollege habe wegen des Treibstoffmangels zehn Tage nicht auf den Traktor steigen können. "Zwei Nachbarn haben noch 50 % ihrer Ernte in der Halle", führt er weiter aus.

Die Getreidelager sind jetzt schon voll

Einer seiner Lastwagenfahrer wartete kürzlich sechs Tage, um eine Ladung über die Grenze nach Rumänien zu bringen - verbunden mit willkürlichen bürokratischen Auflagen, die nach einem Schichtwechsel nicht mehr erforderlich gewesen seien. "Sie müssen doch nur den Schlagbaum öffnen und den LKW durchlassen", zeigt Huizinga wenig Verständnis für solche zusätzlichen Hürden. Dabei könnte die Devise ganz einfach sein: "Getreide raus, Diesel rein."

Maximale Flexibilität an den Grenzen hatte Mitte Mai auch die EU-Kommission gefordert, um die Prozesse zu beschleunigen. Die Wartezeit liegt dort im Schnitt bei 16 Tagen, mancherorts sogar bei bis zu 30. Dabei müssen laut der EU-Kommission noch rund 20 Mio. t Getreide aus dem Land geschafft werden.

Er selbst sitze noch auf rund 3.000 t Getreide, erzählt der Landwirt. Zu Beginn der russischen Großoffensive Ende Februar hätten noch 5.000 t in den Speichern gelegen. Im gewohnten Umfang lässt sich der Bestand jedoch nicht exportieren. Durch die blockierten Häfen fehle der Ukraine der Zugang zu ihren wichtigsten Umschlagpunkten für Getreide. Das bringe Huizinga zufolge auch die Abnehmer in Not. "Für (den Export von) 250 t braucht es normalerweise ein paar Stunden, jetzt einen Monat", sagt der Landwirt, der wie andere Betriebe im Land sonst rund 80 % seiner jährlich 60.000 t Ernte exportiert.

Wenn er alle seine Lagerkapazitäten, darunter jeweils 10.000 t in Silos und Flachlagern, addiert, könne er zwar die diesjährige Ernte noch unter Dach bringen. Doch wenn dann noch immer keine Exportmöglichkeiten bestehen, habe auch er keine Möglichkeiten mehr, die Erträge weiter aufzubewahren. "Wenn wir nicht verkaufen können, dann ist Schluss. Dann gibt es keine Aussaat im Herbst und keine Ernte 2023", mahnt Huizinga. Dabei habe er trotz der bisher guten Wetterbedingungen bislang weniger Mais gesät, um Gas bei der Trocknung zu sparen. Stattdessen setze er auf Zuckerrüben zur lokalen Vermarktung.

Milchkühe als Überbrückungshilfe

Was den Betrieb derzeit rette, seien die 2.000 Milchkühe. Die Molkerei schicke jeden Tag pünktlich den Tankwagen zur Abholung und bezahle auch passen. "Das ist ein stabiles Einkommen für uns", sagt Huizinga erleichtert.

Klar ist allerdings auch, dass sich der gesamte Betrieb damit nicht langfristig retten lässt. Das gehe vor allem zulasten der Abnehmer, etwa in Ostafrika oder im Mittleren Osten. "Die Hungerkrise geht schon los", warnt Huizinga. Zuletzt hatten politische Vertreter Russlands Machthaber Wladimir Putin vorgeworfen, das Getreide als Kriegswaffe einzusetzen. Großbritannien spielte laut mit dem Gedanken, die Blockade militärisch aufzulösen; während EU-Politiker eine Aufhebung der Einfuhrzölle ins Spiel brachten.

Westeuropa sollte Eigeninitiative zeigen

Nachdem sich Deutschland so naiv bei Öl und Gas in russische Abhängigkeit begeben habe, könne er das zögerliche Handeln in der Bundesregierung bei Sanktionen und Waffenlieferungen nicht verstehen, sagt Huizinga: "Ihr seid die Lokomotive Europas. Ihr solltet Initiative zeigen und nicht so eine schwache Haltung." Er plädiert für ein entschiedenes Auftreten gegenüber der russischen Führung mit Blick nach vorn und nicht 80 Jahre in die Vergangenheit. "Das Wichtigste ist, dass das Schwarze Meer wieder geöffnet wird und die Russen aus der Ukraine verjagt werden", formuliert der Niederländer zwei klare Forderungen.

Das Wichtigste ist, dass das Schwarze Meer wieder geöffnet wird" - Kees Huizinga

Insbesondere angesichts der militärischen Misserfolge der Angreifer in Kiew, Charkiw und dem langsamen Vorrücken im Donbass sei ihm das Zögern der internationalen Gemeinschaft ein Rätsel. Dabei sei auch die Ukraine in vielen Belangen schlecht organisiert und gewiss nicht das reichste Land in Europa gewesen, habe sich jedoch mit jungen Köpfen schrittweise entwickelt. "Sie stoppen die russische Armee - das zeigt, wie schlecht die organisiert sind", sagt Huizinga. Die Angst der NATO, Deutschlands und Frankreich vor einem militärischen Eingreifen verstehe er daher nicht.

Während jedoch ein Kriegsende derzeit kaum absehbar scheint, pocht der Landwirt zumindest beim Getreideexport auf schnelle Lösungen. Er ist frustriert: "Eigentlich ist schon vieles zu spät. Es geht nicht mehr darum, etwas zu retten, die Verluste sind schon da."

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