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topplus Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft

"Deutsche Herkunft ist kein Garant für höhere Preise“

In der ZKHL sollen LEH und Bauern endlich an einem Strang ziehen. Ob das den Absatz von deutschem Fleisch und Milch pusht, haben wir Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff gefragt.

Lesezeit: 10 Minuten

In der ZKHL sollen LEH und Bauern endlich an einem Strang ziehen. Erstes großes Projekt ist eine klare Definition von 5xD. Über die Chancen der neuen Plattform sprachen wir mit Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff.

Herr Dr. Nienhoff, die Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft e.V. (ZKHL) will die Zusammenarbeit in der Lebensmittelkette verbessern. Wo stehen Sie heute?

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Nienhoff: Wir haben jetzt die Strukturen, um als Moderator und Integrator innerhalb der Lebensmittelkette zu wirken. Wir haben einen übergeordneten Steuerungskreis und drei Arbeitskreise (Rind, Schwein und Taskforce Herkunft), die an konkreten Lösungen arbeiten.

Sie haben einige Vertreter des Agrardialogs in die ZKHL geholt. Warum konnten Sie nicht alle integrieren?

Nienhoff: Der Agrardialog hat gute Vorarbeit geleistet und die Tür zum Handel ein Stück weit mehr geöffnet. Wir müssen nun aber die nächsten Schritte gehen. Neben den drei ZKHL-Initiatoren Deutscher Bauernverband (DBV), Deutscher Raiffeisenverband (DRV) und Handelsverband Deutschland (HDE) haben wir wichtige Vertreter aus dem Agrardialog mit ins Boot geholt. Das neu gegründete Netzwerk Agrar ist jetzt Mitglied in der ZKHL und vereint alle konstruktiven Kräfte der Landwirtschaft aus dem Agrardialog. Auch der ZDG und die VEZG sind als Mitglieder dazugekommen. Die DLG und die ISN werden in Kürze dabei sein. Es werden weitere folgen.

Wer allerdings die Grundregeln der Marktwirtschaft nicht akzeptiert, hat in der ZKHL nichts verloren. Wir brauchen vorwärts gewandte Vertreter der Landwirtschaft, ebenso wie der Ernährungswirtschaft und vom LEH am Tisch. Nur so wird es uns gelingen, gemeinsam Lösungen zur Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherung der deutschen Landwirtschaft zu erarbeiten und auch umzusetzen.

Wir definieren gerade die Vorgaben für 5xD

An welchen konkreten Projekten arbeiten Sie?

Nienhoff: Wir arbeiten jetzt an einem Lebensmittelkodex für die faire Zusammenarbeit in der Kette und schaffen eine Schlichtungsstelle. Die Taskforce Herkunft entwirft die Grundregeln für eine einheitliche Kennzeichnung „Lebensmittel aus Deutschland“. Das soll bis Mitte des Jahres stehen.

In Abstimmung mit der Arbeitsgruppe Schwein sind wir bei der eindeutigen Definition von 5xD für deutsches Schweinefleisch auf der Zielgeraden. Die Arbeitsgruppen Schwein und Milch erörtern die Möglichkeiten von integrierten Kettenmodellen, um mehr Planungssicherheit und eine bessere Marktabsicherung zu generieren.

Warum ist ein einheitliches Logo für die Herkunft Deutschland wichtig?

Nienhoff: Aktuell hantiert jede Handelskette mit eigenen Logos. Ein einheitliches Zeichen hätte eine viel größere Strahlkraft im Markt. Noch wichtiger ist aber eine klare Spezifikation, damit nicht jeder den Begriff Herkunft frei interpretieren kann. Für den Handel beginnt die Aussage ‚Herkunft Deutschland‘ vielleicht erst auf der Verarbeitungsstufe, für den Schlachtbetrieb bei der Mast und der Landwirt will die deutsche Geburt berücksichtigt wissen.

Als deutscher Landwirt würde ich auf 100 % deutsche Erzeugung bestehen. Alles andere wäre unglaubwürdig, oder?

Nienhoff: Das kann man so sehen, aber dann werden Sie in bestimmten Warengruppen nie eine Marktbedeutung erlangen. Was bringt Ihnen 100 % von deutschen Kühen erzeugter Joghurt, wenn dieser am Ende 20 Cent teurer ist und im Regal stehen bleibt. Die Produkte mit der Kennzeichnung „Lebensmittel aus Deutschland“ müssen eine Marktchance haben, aber auch eine klare Spezifikation, die belastbar und glaubwürdig ist.

Beim Thema deutsche Herkunft spielt auch die Warenverfügbarkeit eine Rolle

Also heißt deutsche Herkunft am Ende nicht, dass 100 % aus Deutschland stammen müssen?

Nienhoff: Unser Anspruch muss auf jeden Fall lauten: Heimische Ware von der Geburt oder vom Feld bis zur Ladentheke. Klar ist aber, dass es bei der Festlegung auch um Warenverfügbarkeit und zuverlässige Lieferbezeichnungen gehen muss. Ein Beispiel: Wenn eine Molkerei dem Handel Mozzarella mit der Kennzeichnung „Lebensmittel aus Deutschland“ anbietet, dann will die Handelskette die Sicherheit, dass dieser Mozzarella auch bei starker Nachfrage verfügbar ist. Im Sommer wird etwa 40 % mehr Mozzarella abgesetzt als im Winter.

Ähnlich ist die Situation bei der Butter oder bei den Filets vor Festtagen. Der Handel wird nicht wollen, dass ein Logo kurzfristig von der Verpackung genommen wird, weil zu wenig Ware aus Deutschland da ist. Ihnen ist wichtig, dass sich der Kunde bei seinem Einkauf auf das Sortiment verlassen kann.

Was hat der Landwirt von einer branchengetragenen Herkunftskennzeichnung, wenn es dem LEH nur darum geht, immer ausreichend Ware verfügbar zu haben? Der Landwirt hofft auf höhere Preise.

Nienhoff: Das ist verständlich, aber wir dürfen nicht mehr Kosten produzieren als Nutzen. Wir brauchen überschaubare Mehrkosten für die Separierung und Vermarktung, ausreichend verfügbare Mengen und ein positives Image - sonst ziehen weder die Verbraucher noch der Handel mit.

Bekommt der Bauer nun mehr Geld für deutsche Herkunft oder nicht?

Nienhoff: Ich verspreche heute keinem Landwirt, dass er durch die Herkunftskennzeichnung mehr Geld bekommt. Aber es ist eine Chance, die deutschen Produkte hervorzuheben und das bewusste Einkaufen beim Verbraucher zu fördern. Und wenn wir die Kosten im Griff behalten und der Handel in der Breite mitzieht, wird er heimische Ware auch nicht leichtfertig aus dem Regal nehmen. Es muss uns gelingen, eine Exklusivstellung zu erreichen, die es dem Handel schwer macht, deutsche Ware gegen andere Herkünfte auszutauschen.

Es wird auf keinen Fall ausreichen, allein auf den Standort der Erzeugung abzuheben. Wir müssen auf die qualitativ hochwertige und nachhaltige Erzeugung der deutschen Landwirtschaft setzen - und es wird notwendig sein, nicht nur alles mit Sachargumenten zu belegen, sondern für ein positives Image zu sorgen.

Wer soll diese neuen Regeln kontrollieren?

Nienhoff: Da wollen wir mit bestehenden Standards wie QS, QM-Milch, DLG oder KAT zusammenarbeiten. Wir sind bereits im Gespräch dazu und werden für die Herkunftsüberprüfung keinen neuen Kontrollapparat aufbauen.

Wird das Logo verpflichtend sein?

Nienhoff: Die Kennzeichnung wird freiwillig sein. Wer sie nutzt, muss sich aber an die Regeln halten, die wir in der ZKHL festlegen. Wir setzen die Regeln dabei so, dass die Marktteilnehmer sie erfüllen können und wollen. Nur dann werden sie sich auch als Standard am Markt durchsetzen.

Wir sehen bei der ITW, dass das funktioniert und die Freiwilligkeit für den LEH zur quasi-Verpflichtung wird, da untereinander Wettbewerbsdruck erzeugt wird. Das Wettbewerbsrecht würde eine Verpflichtung übrigens auch gar nicht zulassen. Außerdem sprechen wir nur mit den vier großen Handelsketten, die für etwa 80 % der privaten Lebensmitteleinkäufe stehen. Weitere Unternehmen des Lebensmittelhandels oder die Gastronomie dürfen natürlich auch mitmachen. Da setze ich auf den Zugeffekt.

Der Bund treibt das Thema Herkunftskennzeichnung ebenfalls voran. Wieso warten sie nicht einfach ab?

Nienhoff: Wie lange soll die Wirtschaft denn noch warten? Wir wollen jetzt Lösungen schaffen und nicht nur sagen, was man tun müsste. Die Bundesregierung hat das Thema nach Brüssel gegeben. Und die EU hat erstmal eine Umfrage gestartet. Der Politik fehlen Mut und Willen, das voranzutreiben. Wir werden Nägel mit Köpfen machen. Die Politik kann gerne auf unseren Konzepten aufsetzen. Zur Kooperation und zum Austausch mit der Politik sind wir immer bereit.

Ein Ziel der ZKHL ist der faire Umgang in der Kette. Aldi will beim Fleisch möglichst schnell auf Haltungsform 3 umstellen, Edeka noch dieses Jahr auf Milch aus Anbindehaltung verzichten. Viele Landwirte kommen da nicht mehr mit. Finden Sie das fair?

Nienhoff: Ich kann verstehen, dass sich Landwirte nicht mitgenommen oder sogar abgehängt fühlen. Die Landwirtschaft ist vom LEH nicht wirklich in die Entscheidungsprozesse eingebunden worden. Man könnte auch sagen, der Handel hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Hier hat in der Vergangenheit häufig die Offenheit und Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten gefehlt.

Deshalb gibt es jetzt uns. Wir werden die weiteren Pläne und Absichtserklärungen gemeinsam in der ZKHL erörtern. Es geht nur mit den Bauern, mit ihrer Investitions- und Umstellungsbereitschaft. Der LEH ist nach meiner Erkenntnis aber erst vorgeprescht, nachdem er sich mit seinen unmittelbaren Lieferanten abgestimmt hat. Und die haben offenbar grünes Licht gegeben.

Der LEH hat Entscheidungen ohne die Landwirte getroffen

Warum machen Molkereien und Schlachtbetriebe dem Handel Zusagen, obwohl viele rechtliche Fragen wie Genehmigung, Finanzierung etc. für den Umbau der Tierhaltung noch gar nicht geklärt sind?

Nienhoff: Das müssen Sie die Lieferanten fragen. Dazu muss man sicher berücksichtigen, dass auch die Lieferanten in hartem Wettbewerb stehen. Jeder versucht sich gegenüber dem Handel mit seinen Möglichkeiten und besonderen Angeboten hervorzuheben. Auch hier sehe ich eine Aufgabe für uns, dass wir uns geschlossen mit abgestimmten Positionen und Forderungen (wie Baurecht oder Umweltrecht) an die Politik wenden. Denn es ist ja richtig, dass sich die Umstellungspläne nur umsetzen lassen, wenn die rechtlichen und auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen das Hergeben.

Hätte eine ZKHL das Vorpreschen verhindern können?

Nienhoff: Wir können als ZKHL nicht direkt Einfluss nehmen auf einzelne Marktbeteiligte. Was wir aber können ist, die Kette am Tisch zu versammeln, für mehr Transparenz und einen offenen Dialog sorgen. Wenn man nicht miteinander redet, kann man nichts abstimmen.

Das Kartellamt schaut genau auf Vereinbarungen in der Kette. Hat die Abstimmung in der Kette auch Grenzen?

Nienhoff: Aber sicher und die müssen wir sehr ernst nehmen. Sobald wir in den Arbeitsgruppen über Preisfindung oder Mengensteuerung reden, verstoßen wir gegen Kartellrecht. Wir haben daher immer einen Kartellrechtsexperten in den Runden dabei, der sofort interveniert, falls die Diskussion kritisch wird und Thema Preis fällt.

Der neue Artikel 210a in der Gemeinsamen Marktorganisation der EU (GMO) bietet die Möglichkeit, leichter Absprachen in der Kette zu treffen, wenn dadurch die Nachhaltigkeit gefördert wird. Gilt das auch in Bezug auf Preisabsprachen?

Nienhoff: Das Kartellamt kann vertikale oder horizontale Absprachen genehmigen, falls bestimmte Nachhaltigkeitsziele nur so zu erreichen sind. Voraussetzung ist, dass die landwirtschaftlichen Erzeuger beteiligt und die im Artikel 210a GMO spezifizierten Nachhaltigkeitskriterien erfüllt werden.

Sofern die Kriterien mit zusätzlichen Kosten verbunden sind, muss auch der Aufwand beziffert und bestätigt werden. Mindestpreise ohne konkrete Gegenleistung lassen sich darüber aber nicht vereinbaren. Wir sehen in dieser Öffnung des strengen Wettbewerbsrechts tatsächlich große Chancen. Es geht darum, mit abgestimmten Nachhaltigkeitsinitiativen die gleichzeitig die Effizienz in der Kette erhöhen, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Erzeugung zu stärken.

Wenn der Preisdruck so hoch bleibt, werden dann am Ende doch wieder die günstigsten Anbieter bzw. die großen Betriebe - vielleicht sogar aus dem Ausland – das Rennen machen?

Nienhoff: So einfach ist die Rechnung meines Erachtens nicht. Größere Betriebe können Kostenvorteile haben. Wir merken aber doch in der Schweinehaltung jetzt, dass auch große Betriebe in Schwierigkeiten kommen. Bei der anstehenden Transformation der Tierhaltung gewinnen am Ende die Betriebe, die ihre Produktion besser managen und sich frühzeitig zukunftsgerichtet aufstellen.

Und was passiert mit den Betrieben, die ihre Produktion nicht transformieren können?

Nienhoff: Wir müssen den Betrieben, den Landwirten ermöglichen, selbst entscheiden zu können. Die Bauern sind Unternehmer und keine abhängig Beschäftigten. Da ist der Betrieb, die Generationenfrage und die Familie entscheidend. Ich würde auch eine Ausstiegs- oder Umstellungsprämie nach niederländischem Modell begrüßen. Das könnte einerseits den Betrieben helfen, die aussteigen wollen und anderseits den Landwirten, die ihre Betriebe weiterentwickeln möchten. Das wurde von Politik und Verbänden bisher versäumt. Entscheidend sind am Ende die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft.

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