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Naturschutz: Hier ticken die Uhren langsamer

Wiesen, Weiden, Weite: Die Wulfener Bruchwiesen umfassen rund 150 ha Naturschutzflächen. Eine gemeinnützige Organisation bewirtschaftet sie. Wir durften über die Schulter schauen.

Lesezeit: 7 Minuten

Schon von Weitem sind in der satten grünen Landschaft schwarze Punkte zu sehen, die sich im Galopp der Straße nähern. „Wir haben Glück“, sagt Dr. Stefan Reinhard. Auf der 27,5 ha großen, von Kopfweiden umgebenen Fläche leben zehn Heckrinder und sechs Pferde. „Oft bekommt man die Tiere nur von Weitem zu Gesicht“, erklärt er, während er seinen Geländewagen am Straßenrand parkt.

Der Geschäftsführer der „Primigenius Köthener Naturschutz und Landschaftspflege gGmbH“ steigt über die Litze und gibt den Rindern etwas Brot und Heu. Die Tiere kennt er beim Namen. Anfassen lassen sie sich aber nicht. Im Gegenteil: „Wenn wir die Rinder ins Panel locken, um sie bspw. auf den Anhänger zu verladen, kommt es schon mal vor, dass sie uns angreifen“, erklärt der gelernte Landwirt. Ein Panel, also ein aus Gittern abgetrennter Bereich, in dem die Tiere zusammengetrieben werden können, gibt es auf jeder Fläche. „Wir achten darauf, dass nie jemand alleine mit den Rindern arbeitet und dass immer Metall zwischen Rind und Mensch ist“, erklärt er.

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Schafe, Rinder und Pferde

Sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind fest oder als Minijobber angestellt. Sie betreuen rund 200 Tiere, die auf den 150 ha großen Wulfener Bruchwiesen bei Köthen (Sachsen-Anhalt) und der 40 km entfernten Oranien­baumer Heide mit ca. 800 ha weiden. Das ergibt insgesamt fast 1.000 ha Naturschutzflächen. Zum Bestand gehören 20 Schafe, 105 Heckrinder und 85 Pferde der Rasse Konik. Alle stehen ganzjährig draußen. Unterstände gibt es nicht, Hecken und Bäume bieten ausreichend Schutz. Die Tiere übernehmen die Weidepflege. „Wir schleppen, mulchen und düngen nicht“, erklärt Stefan Reinhard. Die Rinder und Pferde ergänzen sich vom Vertritt und Verbiss ideal.

Seit sechs Jahren leitet er die Organisation, die eine Tochtergesellschaft des Nabu Köthen ist. Zuvor hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner auf verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet. Die Arbeit mit Rindern und Maschinen mochte er immer am meisten. In seinem jetzigen Job spielt Landtechnik kaum eine Rolle. Im Gegenteil: Vieles geschieht in Handarbeit.

Insbesondere das Freischneiden der Zäune kostet viel Zeit. Denn der Großteil der Weiden im Wulfener Bruch ist wolfssicher eingezäunt. Das bedeutet: Fünf Litzen und die unterste ist 20 cm vom Boden entfernt. Besonders im Frühjahr wächst sie also schnell zu.

Besuch vom Wolf

„In den Wulfener Bruchwiesen hatten wir bisher noch keinen Wolfsangriff“, berichtet der Geschäftsführer. Anders sieht das in der Oranienbaumer Heide aus. Dort kam es vor einigen Jahren immer wieder zu Rissen von Jungtieren. Seitdem findet auf dem 800 ha großen ehemaligen Truppenübungsplatz keine Reproduktion mehr statt.

Sobald wir merken, dass ein Tier schwächelt, bringen wir es zu den wolfssicher eingezäunten Wulfener Bruchwiesen."
Stefan Reinhard

Seitdem hat es keine Übergriffe mehr gegeben. Obwohl sich der Agraringenieur einerseits freut, dass der Wolf zurück ist, weiß er auch, wie viel Arbeit und Sorge er den Landwirten bereitet und dass nicht jeder die Personalausstattung hat wie Primigenius.

Die Personalkosten machen neben den Pachtzahlungen den größten Kostenblock der Organisation aus. „Das Projekt trägt sich über die Flächenprämien“, erklärt der Geschäftsführer. Gut die Hälfte der Flächen ist antragsfähig. „Wirtschaftlich klappt es hier nur durch die Beschränkung auf eine ganzjährige Weidehaltung ohne Stall und Technik“, ist er überzeugt.

Angefangen hat alles vor 21 Jahren als Untergruppe des Nabu Köthen mit 1 ha. Heute ist ein Großteil der Fläche gepachtet, etwa 50 ha sind in Besitz der gemeinnützigen GmbH. „Was wir nicht wollen, ist mit Nachbarbetrieben um Flächen zu konkurrieren“, so der Naturschützer. „Wir haben langjährige Tauschvereinbarungen, in denen Acker gegen Grünland getauscht wird.“

Die Wulfener Bruchwiesen befinden sich im ehemaligen Überschwemmungsgebiet der Elbe. Auch die nicht von Primigenius bewirtschafteten Flächen stehen hier unter Naturschutz. Hier darf erst nach der Brut- und Setzzeit gemäht werden. Da es in der Region kaum Tierhaltung gibt, landet der Großteil des Aufwuchses in Biogasanlagen. „Wir sind froh, dass wir den Naturschutz hier mit Weidetieren aufrecht erhalten und so zu mehr Artenvielfalt bei Pflanzen und Insekten beitragen können“, so der Landwirt.

Seinen Arbeitstag verbringt er zur Hälfte im Büro und zur Hälfte draußen auf den Flächen: „Ich prüfe bspw. ob die Flächen über- oder unterbeweidet und ob die Zäune lagegerecht aufgebaut sind“, beschreibt er seinen Tagesablauf. Der Aufgabenschwerpunkt liegt in der Pflege von Lebensräumen, in denen sich gefährdete Pflanzen und Tiere ansiedeln können. Fachlich wird die Organisation von den Landschaftsökologen der Hochschule Anhalt in Bernburg unterstützt. Das En­gagement hat Erfolg, wie der Naturschützer berichtet: „Die ‚Halboffene Weidelandschaft Oranienbaumer Hei­de‘ wurde gerade mit dem Umweltpreis UN-Dekade-Projekt des Jahres 2023 ausgezeichnet. Das Natura-2000-Gebiet gilt als eines der artenreichsten Gebiete in Sachsen-Anhalt.“

Täglich fahren die Mitarbeiter alle Flächen an, um die Tiere zu sehen – auch am Wochenende. Im Winter bekommen Pferde, Rinder und Schafe Heu zu fressen. Das Futter kauft Primigenius zu oder lässt es auf den eigenen Flächen ernten. Wichtig ist der Biostatus, da die Organisation über den Verbund Ökohöfe, einem regionalen Bioverband in Sachsen-Anhalt, biozertifiziert ist. „Wir bräuchten das nicht, aber wir sind überzeugt von der Sache“, so Stefan Reinhard.

Keine Hofstelle

Das Futter sowie das wenige Equipment, das für die Arbeit auf den Flächen nötig ist, ist auf einem Gelände einer ehemaligen Melioration untergebracht, das Primigenius vor einigen Jahren günstig kaufen konnte. Eine richtige Hofstelle gibt es nicht. Auf dem Gelände können sie bei Bedarf aber kranke Tiere unterbringen und behandeln. Auch ein Fangstand gehört zur Ausstattung. „Was wir regelmäßig bei den Tieren machen, ist die jährliche Blutentnahme“, erklärt er. Alles Weitere erfolgt nach Bedarf. Auch routinemäßige Trächtigkeitsuntersuchungen gibt es nicht. „Bei uns kommt es nicht so darauf an, ob jede Kuh jedes Jahr ein Kalb bekommt“, so der Geschäftsführer. Wird ein Tier nicht tragend, ist das für Primigenius kein Grund, es zu merzen. So ist die älteste Kuh bereits 20 Jahre und das älteste Pferd 25 Jahre alt. Auch die Ochsen werden älter als fünf Jahre. Jedes Jahr werden nur fünf bis sechs Rinder per Kugelschuss auf der Weide geschlachtet und handwerklich verarbeitet. Das Rindfleisch vermarkten sie per Mund-zu-Mund-Propaganda.

Stefan Reinhards Wunsch für die Zukunft ist, dass Grünland mehr wertgeschätzt wird und dass mehr Landwirte von einem Konzept, wie dem von Primigenius, leben können. Das Projekt stößt aber nicht nur auf Gegenliebe. Gerade zu Anfang habe es immer wieder Kritik gegeben. Begriffe wie „der Distelvermehrungsbetrieb“, seien öfter gefallen. Doch inzwischen ist der Austausch mit anderen Berufskollegen der Region sehr gut. „Ich schätze das sehr“, sagt er. Stefan Reinhard hofft, dass irgendwann ein paar Ideen der Primigenius auf die konventionelle Landwirtschaft abfärben. Denn er ist überzeugt von dem, was er tut: „Ich wollte einen Job, bei dem das Tierwohl oberste Priorität hat – und den habe ich hier gefunden.“

Warum mir das Thema wichtig ist

Das Projekt zeigt, wie relevant Tierhaltung für Artenvielfalt und Grünlanderhalt ist – auch wenn das Konzept nicht auf die breite Masse übertragbar ist. Es macht außerdem deutlich, wie bunt und vielfältig die Landwirtschaft ist.

Innerhalb der Branche sollten Betriebe gegenseitig Stärken und Schwächen anerkennen, sich unterstützen und voneinander lernen.

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