Widerstand

Weidetiere statt Wolfsreviere: Tierhalter demonstrierten in Gießen

Am Montag hat die Arbeitsgruppe "Wolf in Hessen" des Agrarministeriums über den Wolfsmanagementplan beraten. Die Weidetierhalter werten den Plan als unmöglich und warnen vor hohen Populationen.

Am Montag haben in Gießen 150 Weidetierhalter für ein besseres Wolfsmanagement demonstriert. Anlass war die Auftaktveranstaltung der vom hessischen Landwirtschaftsministerium eingesetzten Arbeitsgruppe „Wolf in Hessen“, die zuvor über den Stand der Umsetzung des hessischen Wolfsmanagementplans in Gießen beraten hatte.

Der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, Volker Lein, wies in seiner Ansprache nochmals darauf hin, dass die Wolfspopulation jährlich um etwa 30 % wächst. "2020 wurden laut amtlichen Angaben rund 4.000 Nutztierrisse gemeldet – eine Verdoppelung im Vergleich zu 2018. Angesichts dieser alarmierenden Zahlen sorgen sich unsere Schaf-, Ziegen-, Rinder- und Pferdehalter zunehmend um die Sicherheit ihrer Weidetiere. Wir brauchen in Hessen keine Wolfsreviere, sondern Weidetiere“, sagte Lein.

Die Weidetierhalter kritisieren, dass in dem im April 2021 veröffentlichten hessischen Wolfsmanagementplan der Schutz des Wolfes einen weitaus höheren Stellenwert als der Schutz der Weidetiere habe. „Hier werden die Prioritäten falsch gesetzt“, so Lein.

Herdenschutzmaßnahmen, in Form von Zäunen oder Herdenschutzhunden, lösten das Problem nicht, weil sie nicht überall anwendbar sind und, wie die Praxis zeigt, keinen ausreichenden Schutz bieten. Im Übrigen werde das Landschaftsbild durch hohe Zäune verunstaltet.

Lein zeigte sich sehr enttäuscht darüber, dass HMUKLV-Staatssekretär Oliver Conz die Arbeitsgruppensitzung schon nach 15 Minuten wegen eines wichtigen Termins verlassen hatte. Seitens der Behördenvertreter gab es zumindest die Zusage, dass es künftig regelmäßig stattfindende Arbeitsgruppentreffen mit Vertretern der Weidetierhalter zur Abstimmung des Wolfsmanagements geben soll.

Noch reichlich Defizite

Aus Sicht der Tierhalter fehlt dem Wolfsmanagementplan fehlt ein konkreter Rahmen für Präventionsmaßnahmen (Vergrämung, Abschreckung), schnelle Entnahmen und zügigen Schadensausgleich sowie für eine Bestandsregulierung.

„Wir brauchen vor allem ein möglichst frühzeitiges und konsequentes Eingreifen gegen den Wolf. Dazu bedarf es klarer Regelungen. Es muss alles darangesetzt werden, den Wolf von Siedlungen und Weidetieren fernzuhalten, bevor Tiere oder gar Menschen zu Schaden kommen“, hob Lein hervor. Sollte es zu Wolfsrissen kommen, seien diese schnell und in vollem Umfang zu entschädigen. Gleiches gelte für Verdachtsfälle.

Unmöglichen Wolfsmanagementplan zurückzunehmen

Thorsten Schmale, Schäfer aus Hohenahr und Initiator der Demo, forderte Hessens Landwirtschaftsstaatssekretär Conz auf, den nach seinen Worten unmöglichen Wolfsmanagementplan zurückzunehmen und endlich mit den Weidetierhaltern zu reden.

Stefan Köhler, Umweltpräsident des Bayerischen Bauernverbandes und BBV-Bezirkspräsident Unterfranken, wohnhaft im Landkreis Aschaffenburg, plädierte dafür, den strengen Schutzstatus des Wolfes auf europäischer Ebene zu lockern und eine Initiative zur Umstufung des Wolfes von Anhang IV in Anhang V der FFH-Richtlinie zu starten.

Dr. Michael Weiler, Wolfsbeauftragter des Pferdesportverbandes Hessen, stellte die Schutzwürdigkeit des Wolfes grundsätzlich in Frage. Dagegen müsse man das unsägliche Leid gerissener Nutztiere vielmehr im Blick haben. Im Übrigen sei der eurasische Wolf nicht gefährdet.

Der Vorsitzende des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer in Hessen, Armin Müller, bekundete seine Solidarität mit den Nutztierhaltern. Die Überbetonung des Wolfsschutzes in Deutschland sei ein Angriff auf das Eigentum, was zu einer Entwertung von Jagdrevieren führe.

Günstige Erhaltungszustand längst erreicht

Aus Sicht der Weidetierhalter ist der günstige Erhaltungszustand des Wolfes mit rund 1.800 Wölfen in Deutschland längst erreicht und mehr als erfüllt. Ein Blick auf das europäische Ausland, insbesondere Skandinavien, lehre, dass dort bei geringeren Wolfspopulationen auf größerer Fläche die Erhaltung der Art gewährleistet ist. Deshalb sei der absolute Schutzstatus, den der Wolf aufgrund europa- und bundesrechtlicher Regelungen innehat, nicht mehr gerechtfertigt, argumentierten die Demonstranten.

Und der HBV kritisiert: "Aufgrund der Tatenlosigkeit von Bund und Ländern werden sich Wölfe in Deutschland weiterhin ungebremst verbreiten. Deshalb ist die Weidetierhaltung in Deutschland und Hessen in hohem Maße gefährdet."

Forderungen des Bündnis der Weidetierhalter:

  • Den tatsächlichen Wolfsbestand in Deutschland zeitnah, nachvollziehbar und realistisch erfassen sowie aktuell veröffentlichen!
  • Obergrenzen für den Wolfsbestand in Deutschland festlegen!
  • Präventive Förderung von sämtlichen Herdenschutzmaßnahmen!
  • Rissereignisse unbürokratisch, zügig und umfassend entschädigen!
  • Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht!
  • Zügige Entnahme von übergriffigen Wölfen ermöglichen!
  • Keine Ausweisung von Wolfsgebieten, ganz Hessen ist Wolfspräventionsgebiet!
  • Ausweisung von Gebieten, in denen wolfsabweisende Maßnahmen nicht möglich sind!
  • Regelmäßig stattfindende Arbeitsgruppen-Treffen mit Vertretern der Weidetierhalter zur Abstimmung des Wolfsmanagements!

Dem Bündnis der Weidetierhalter gehören an:
Hessischer Bauernverband e.V., Hessischer Schafzuchtverband e.V., Bundesverband der Berufsschäfer e.V., Hessischer Ziegenzuchtverband e.V.,Pferdesportverband Hessen e.V., Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Hessen e.V., Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen e.V.


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