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CRISPR/Cas: So argumentiert der Gentechnik-Befürworter von Bayer

Für die einen ist es eine riesen Chance, für die anderen ein unüberschaubares Risiko – die Debatte über die Nutzung neuer Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas nimmt Fahrt auf.

Lesezeit: 8 Minuten

Die EU-Kommission wird voraussichtlich im Juni einen Vorschlag für eine Neubewertung neuer Züchtungsmethoden vorlegen. Im Kern geht es um die Frage: Sollen bei der Nutzung die strengen Gentechnikregeln gelten oder nicht? Eine klare Meinung dazu hat Matthias Berninger, Leiter Nachhaltigkeit der Bayer AG. Er vertritt die Pro-Seite.

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P R O

Transparenz wird Vertrauen schaffen

Ernährungssicherheit trotz Klimawandel – das lässt sich laut Matthias Berninger nur mithilfe der neuen Züchtungstechnologien erreichen. Transparenz für den Verbraucher ist ihm dabei wichtig.

top agrar:Die Züchtungsmethode CRISPR/Cas, welche einen zügigeren Züchtungsfortschritt verspricht, wird derzeit durch das EU-Gentechnikrecht geregelt. Demnächst steht auf EU-Ebene eine Neubewertung der Methoden an. Wird CRISPR/Cas zu Recht als Gentechnik geregelt?

Berninger: Der heutige Regulierungsrahmen, der CRISPR/Cas als Gentechnik einstuft, heißt die neuen Möglichkeiten nicht willkommen. In anderen Teilen der Welt gibt es große Fortschritte mit den neuen Biotechnologienmethoden und in Europa nicht.

Wir wünschen uns einen Rechtsrahmen, der die Potenziale dieser Innovation in Europa voll nutzbar macht. Das heißt, dass man Pflanzen, die mit Hilfe der Präzisionszüchtung auf den Markt kommen, auch in Europa anbauen darf. Dafür muss es spezifische Regelungen geben, die sich von der klassischen Gentechnikregulierung unterscheiden.

Im Gegenzug sollten wir zu einer Kennzeichnung kommen, die vergleichbar ist mit dem Biolabel. Dieses kann dann auch auf die Vorteile der neuen Züchtungsmethoden hinweisen, wie z.B. für den Klimaschutz, die Haltbarkeit von Produkten oder Verbesserungen beim Geschmack – alles Dinge, die für Verbraucher relevant sind. Eine Prozesskennzeichnung ist wichtig, weil sich Geneditierung im Endprodukt nicht von herkömmlicher Züchtung unterscheiden lässt. Transparenz wird Vertrauen schaffen.

Leider verschaffen sich einige zurzeit Wettbewerbsvorteile, indem sie Innovationen verteufeln. Um es klar zu sagen: Die Gegner der Biotechnologie agieren oft wie die Impfgegner während der Corona-Pandemie. Von Panikmache, wie das bei den Impfstoffen der Fall war, müssen wir dringend weg. Wir haben nichts zu verstecken. Die Vorteile sprechen für sich.

Was spricht für die Methode?

Berninger: Das Verfahren ermöglicht es, Züchtung zu beschleunigen – das ist wichtig, weil der Druck auf die Landwirtschaft u.a. durch den Klimawandel extrem ist. Wir benötigen beispielsweise dringend hitze- und trockenresistente Sorten, um die Ernährung von 8 Mrd. Menschen sicherzustellen.

Gleichzeitig übt die Öffentlichkeit Druck aus, Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. In beiden Bereichen können uns die neuen Züchtungsmethoden helfen, schneller, bessere und nachhaltigere Lösungen auf den Acker zu bringen. Hinsichtlich des Klimawandels ist es wichtig, die gesamte Landwirtschaft mehr an Trockenheit, Insekten- und Pilzbefall anzupassen. Mit der Präzisionszüchtung können wir Toleranzeigenschaften in diesen Bereichen schneller in Pflanzen bringen und mit den Vorteilen hoher Erträge kombinieren.

Letztlich ist es die Frage, ob wir im Bereich der Pflanzenzucht weiterhin mit der Kutsche durch die Gegend fahren wollen oder mit einem Hochgeschwindigkeitszug. Und es gibt noch viel mehr Vorteile: Momentan arbeiten wir z.B. an Pflanzen, die weniger Dünger brauchen. Mais, Weizen, Reis und Baumwolle werden so verändert, dass ihre Wurzeln mehr Stickstoff von Mikroben aufnehmen. Das hat nicht nur enorme Vorteile für konventionell wirtschaftende Bauern, sondern auch für Biobauern.

Aber es geht auch um sensorische Eigenschaften. Während z.B. bei Gemüse die Züchtung auf Haltbarkeit oder Geschmack normalerweise Jahrzehnte dauert, wäre das mit modernen Züchtungstechnologien in einigen Jahren machbar – das sind direkte Konsumentenvorteile.

Gibt es aus Ihrer Sicht auch Nachteile der neuen Züchtungstechnologien?

Berninger: Bei Innovationen gibt es immer den Vorwurf, dass große Unternehmen über den Patentschutz Produkte anbieten, die Abhängigkeiten schaffen. Bayer vertritt die Meinung, dass auch Kleinbauern diesen Zugang haben sollten.

Ein Beispiel: Mit diesen neuen Technologien haben wir eine Viren-resistente Cassava-Pflanze entwickelt, die im vorletzten Jahr in Kenia zugelassen wurde. Diese Pflanze wurde frei zugänglich für Kleinbauern in den Markt gebracht. Wir haben das Signal gesetzt, dass das Thema „Geistiges Eigentum“ für uns nicht allein entscheidend ist und Europa nicht daran hindern sollte, die Bremse zu lockern.

Allerdings muss man auch sagen: Wir investieren jährlich 2,5 Mrd. € in Forschung und Entwicklung. Ich kann Bayers Investoren nicht davon überzeugen, dass Geld dafür in die Hand zu nehmen, wenn wir gleichzeitig keinen Patentschutz haben. Es geht hier um die richtige Balance.

Welche weiteren Argumente tragen Kritiker vor?

Berninger: Viele sagen, man könne das Risiko nicht abschätzen. Dazu sage ich: Das größte Risiko ist der Klimawandel, der so schnell voranschreitet, dass wir die Welt nicht verlässlich ernähren können. Die Zahl der Hungernden nimmt immer weiter zu.

Dem gegenüber steht ein theoretisches Risiko, dass Geneditierung eventuell z.B. eine Allergie auslösen könnte. Viele vergessen dabei aber, dass im Rahmen der Zulassung auch eine sorgfältige Risikoprüfung stattfindet. Meiner Meinung nach darf es nicht nur um das potenzielle Risiko des Neuen gehen, sondern auch um das Risiko der unterlassenen Hilfeleistung.

Einige Kritiker sagen auch, dass noch gar nicht bewiesen sei, dass die neue Technologie wirklich hilft. Meines Erachtens ignorieren sie dabei schlichtweg die vielen Möglichkeiten, die teils heute schon gängige Praxis sind. Ein häufiges Argument gegen die neuen Methoden ist zudem, das Transparenz fehle. Deswegen sagen wir vonseiten der Industrie, dass wir ein Regelwerk benötigen, das genauso wirkt, wie das vom Ökolandbau.

Geht es um Herbizidtoleranz neuer Sorten ist die Skepsis oft groß. Warum gehen Konzerne wie Bayer trotzdem diesen Weg?

Berninger: Wir arbeiten daran, die Biologie dieses Jahrtausends mit der Chemie dieses Jahrtausends zu verknüpfen. Zurzeit entwickeln wir eine völlig neue Generation von Herbiziden, deren Umweltprofil ganz anders ist als bei den alten Wirkstoffen. Diese bringen wir dann mit herbizidtoleranten Sorten zusammen. Das System ermöglicht es uns, ohne zu pflügen Pflanzenbau zu betreiben.

In den USA, wo sich No-till Farming wegen der Trockenheit durchgesetzt hat, will doch kein Landwirt diesen Vorteil mehr aufgeben. Die Europäer machen es immer noch anders, je öfter aber Trockenheit vorkommt, desto weniger können wir uns das Pflügen leisten. Dass der Pflug in punkto CO2-Emissionen und Biodiversität im Boden auch nicht toll ist, ist ein extra Thema.

Welche Konsequenzen hätte eine freie Nutzung der neuen Züchtungstechnologien für den Ökolandbau? Ist er dadurch in Gefahr?

Berninger: Nein, viele Dinge aus dem Öko- und konventionellen Anbau werden zusammenkommen. Geht es um Anbausysteme, kann man viel vom Ökolandbau lernen – denn er hat es geschafft, Erträge ohne Kunstdünger über andere Wege zu erhöhen. Das sind Innovationsquellen, die man mitnehmen muss.

Würde er sich nun hinter die neuen Technologien stellen, könnte sich auch der Ökolandbau weiterentwickeln. Allerdings wird er niemals die dominante Anbauweise sein, weil er nicht in der Lage ist, 8 Mrd. Menschen zu ernähren.

Zur Weiterentwicklung des Ökolandbaus ein Beispiel: In den USA haben wir ein Unternehmen namens CoverCress erworben. Bei der gleichnamigen Zwischenfrucht wurde der Ölgehalt von Ackerhellerkraut mittels Geneditierung erhöht.

In nur drei Jahren konnten wir eine Pflanze auf den Markt bringen, die Stickstoff im Boden speichert und nachhaltigen Treibstoff liefert. Und das Beste daran: Ihr Anbau steht nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Warum setzt man so eine Pflanze nicht im Ökolandbau und überhaupt in Europa ein?

Wie beurteilen Sie die offensichtlich unterschiedliche Akzeptanz der Roten und Grünen Gentechnik in der Gesellschaft?

Berninger: In der Medizin ist der individuelle Nutzen sofort spürbar, bei klimaresilienter Landwirtschaft dagegen nicht. Vor allem deshalb nicht, weil wir heute die Vorteile moderner Landwirtschaft und den großen Innovationsschub, der die Weltbevölkerung ernährt, für selbstverständlich halten.

Momentan führen wir meines Erachtens eine irre Diskussion: So ist z.B. Dünger, der dafür sorgt, dass fast 4 Mrd. Menschen ernährt werden, für viele etwas „Böses“. In Sri Lanka haben wir gesehen, was passiert, wenn man Dünger abschafft. Ein armes Land ist dadurch noch ärmer geworden – das führte bis zum Sturm des Präsidentenpalasts. Gleichzeitig haben viele Leute, auch IFOAM, der Regierung dazu gratuliert, Dünger zu verbieten. Das ist für mich absolut unverantwortlich.

Wichtig ist, dass wir die Öffentlichkeit aufklären: Wir müssen die Diskussion führen, dass der Ökolandbau momentan 160 Mio. Menschen ernähren kann, aber nicht 8 Mrd. Wir müssen vermitteln, dass der Nutzen der neuen Technologien für sie genauso hoch ist, wie der Nutzen im Gesundheitsbereich. Das ist schwer, in einem Land, das satt ist. Letztendlich müssen wir alle technischen Möglichkeiten nutzen, mehr auf weniger Fläche zu produzieren und gleichzeitig die negativen Wirkungen von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Wir sind gern dabei, brauchen aber die Innovationen und die Werkzeuge, um das machen zu können. Die Welt wird nicht auf Europa warten. Wenn die Europäer das Jahr 2023 nicht nutzen, verpassen sie enorme Chancen.

Das Interview führten Matthias Bröker und Friederike Mund

Lesen Sie am Montag Teil 2, Kontra-Argumente von Jan Plagge.

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