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Bioland-Chef warnt vor Gentechnik: "Die Abhängigkeiten werden wachsen"

„Die neuen Züchtungsmethoden sind keine Allheilsbringer – viel wichtiger ist es, die Anbausysteme resilienter zu machen“, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge.

Lesezeit: 9 Minuten

Die EU-Kommission wird voraussichtlich im Juni einen Vorschlag für eine Neubewertung neuer Züchtungsmethoden vorlegen. Im Kern geht es um die Frage: Sollen bei der Nutzung die strengen Gentechnikregeln gelten oder nicht? Am Sonntag lasen Sie hier die Argumente von Matthias Berninger von der Bayer AG. Nun hat Jan Plagge, Präsident von Bioland das Wort. Er vertritt die Kontra-Seite.

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top agrar: Die Züchtungsmethode CRISPR/Cas, welche einen zügigeren Züchtungsfortschritt verspricht, wird derzeit durch das EU-Gentechnikrecht geregelt. Demnächst steht auf EU-Ebene eine Neubewertung der Methoden an. Wird CRISPR/Cas zu Recht als Gentechnik geregelt?

Plagge: Ja, auf jeden Fall. Rechtlich hat der Europäische Gerichtshof bereits im Jahr 2018 entschieden, dass ein Eingriff über Genome Editing bzw. CRISPR/Cas eindeutig eine gentechnische Methode ist, die auch zu einem gentechnisch veränderten Organismus führt.

Technisch ist es ebenfalls eindeutig Gentechnik – das sagen auch Wissenschaftler. Von bestimmten Interessensgruppen wird nun versucht, das umzudefinieren. Das empfinden wir als Taschenspielertrick, mit dem man davon ablenken will, was es eigentlich ist.

Um es nochmal klarzustellen: Beim Thema Gentechnik gibt es vor allem zwei Bereiche, die europäisch geregelt sind – das sind die EU-Freisetzungsrichtlinie und die EU-Ökoverordnung. Zusätzlich gibt es in fast allen Handelsräumen eine Definition für ökologisch gekennzeichnete Lebensmittel.

Schaut man sich die Freisetzungsrichtlinie an, hat die EU-Kommission nun den klaren Auftrag, die gegenwärtige Rechtsprechung zu prüfen und gegebenenfalls eine Neue vorzuschlagen. Diese sollte an den Stand des Wissens angepasst sein.

Die EU-Kommission hat nun angekündigt, bis spätestens Juni 2023 einen Vorschlag dafür zu machen. In punkto EU-Ökoverordnung gibt es zurzeit keinen Prüfauftrag. Das wäre auch jenseits aller Vernunft, weil wir gerade erst eine neue Ökoverordnung bekommen haben.

Geht man ins Detail, schaut sich die Kommission gerade den Zulassungs- und Kennzeichnungsprozess und die Themen Rückverfolgbarkeit und Koexistenz an. Dafür soll es eventuell andere Rahmenbedingungen geben. Die Basis muss dabei aber immer sein: man braucht eine Risikoprüfung, die Rückverfolgbarkeit muss gewährleistet sein, ein Mitgliedstaat muss nationale Koexistenzregelungen erlassen und es gibt eine Kennzeichnungspflicht.

Wäre es nicht sinnvoll, die Regelungen zu vereinfachen, um die neuen Züchtungsmethoden nutzbar zu machen?

Plagge: Der Ökolandbau wirtschaftet laut Definition gentechnikfrei. Dass das möglich ist, garantiert die aktuelle Regelung und deswegen haben wir mit ihr auch kein Problem. Es gibt jedoch einen Passus, den wir als Fortschritt empfinden würden: Derzeit ist die Koexistenzfrage eine freiwillige für die Mitgliedstaaten – funktionierende Koexistenzregelungen wären sicherlich eine Weiterentwicklung nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Das ist zwingend notwendig, wenn die EU-Kommission auf der anderen Seite über den Einsatz neuer Gentechniken nachdenkt.

Welche Folgen fehlende Koexistenzregeln haben, zeigt sich in Spanien: Überall dort, wo sich der Anbau von gentechnisch verändertem Mais durchgesetzt hat, ist der Ökolandbau verschwunden – das sieht man an den Anbaustatistiken. Das liegt daran, dass ein Ökobetrieb die Gentechnikfreiheit über die gesamte Wertschöpfungskette nachweisen muss. Wird neben diesem Betrieb aber GVO-Mais angebaut, ist dieser Nachweis enorm aufwendig und risikoreich. Um am Ende nicht doch für Rückstände haften zu müssen, wandert die Ökoproduktion in Regionen ab, in denen diese Risiken nicht bestehen.

Welche generellen Risiken haben die neuen Züchtungstechnologien aus Sicht von Bioland?

Plagge: Die Verfahren sind enorm mächtig. Mit ihnen besteht eine Möglichkeit, neue Konstrukte zu züchten, wie sie weder die alte Gentechnik noch die klassische Züchtung hat. Dieser Vorteil auf der technischen Ebene ist aus unserer Sicht gleichzeitig ihr Nachteil. Wichtig ist daher, Aspekte wie Risikoprüfung und Rückverfolgbarkeit weiter zu bewahren – das muss für alle gelten, die diese Technik anwenden wollen. Die Kommission darf nun die Regelungen zu den Techniken zwar aktualisieren, diese jedoch nicht deregulieren. Ihnen einen Freibrief zu geben, wäre fahrlässig.

Befürworter sagen, wir brauchen die Techniken, um dem Klimawandel zu begegnen und die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Was antworten Sie denen?

Plagge: Das ist ja der Klassiker aber leider falsch. Was wir brauchen, sind weltweit angepasste Landwirtschaftssysteme, die innerhalb der planetaren Grenzen funktionieren. Wir müssen die Ziele, die wir uns bei der Artenvielfalt und Klimaneutralität gesetzt haben, so früh wie möglich in unser System integrieren. Dahingehend bietet uns die neue Gentechnik noch keine Lösung, das sagen auch Molekularbiologen.

Generell treffen hier zwei Argumentationsstränge aufeinander: Die einen vertreten ein Geschäftsmodell und wollen möglichst schnell Rendite. Uns geht es im Kern darum, die Anbausysteme resilienter zu machen. Um künftig 10 Mrd. Menschen ernähren zu können, ist es z.B. wichtig, den Anbau vielfältiger zu gestalten, den Einsatz von Wasser vor allem in immer trockeneren Gebieten effizienter zu machen und natürlich auch die Ernährungsgewohnheiten umzustellen sowie Lebensmittelverschwendung zu begrenzen. Auf diese Punkte sollte man sich konzentrieren.

Wissenschaftler haben modelliert und berechnet, ob und mit welchen Maßnahmen ein Umbau der Landwirtschaft in relativ kurzer Zeit möglich ist. Die neue Gentechnik kommt da so gut wie nicht vor. Diese also immer wieder als Heilsbringer in die Debatte zu werfen, ist nicht zielführend und lenkt von wichtigen Themen ab, wie: Welche Verfahren eignen sich zur Bodenbearbeitung am besten? Wie halte ich Wasser regional verfügbar? Wie erhöhe ich dauerhaft den Humusgehalt? Welche Untersaaten lege ich an?

Und dann kommt noch die Energiefrage hinzu: Wie integriere ich Energiepflanzen, Agri-PV und Agroforst? Trotz dieser vielen zentralen Systemfragen wird oft nur über die grüne Gentechnik gesprochen und das Anbausystem bleibt außen vor

Bleiben wir noch kurz bei der grünen Gentechnik. Wenn es mithilfe dieser Techniken gelingen würde, z.B. eine langfristig krautfäuleresistente Kartoffelsorte zu züchten, würde Bioland dann schwach werden?

Plagge: Nein, weil es die nicht geben wird. Da der Erreger sehr anpassungsfähig ist, werden Sortenresistenzen relativ schnell gebrochen. Deshalb müssen Bioland-Betriebe laut unseren Richtlinien derzeit nur 10 % ihrer Anbaufläche mit resistenten bzw. toleranten Sorten bestellen.

Wir haben Jahrzehnte Erfahrung in der Praxis mit unterschiedlichsten Kulturen und der Dauerhaftigkeit von deren Resistenzeigenschaften und teilen diese auch mit den Züchtern. Wichtig ist ein Resistenzmanagement in der Fläche, damit das begrenzte und fragile Potenzial an bekannten Resistenzen nicht sofort wieder gebrochen wird.

Rein auf monogenetische Resistenzen zu setzen, führt nach unseren Erfahrungen in eine Sackgasse. Je schneller man an der Resistenzschraube dreht, desto schneller habe ich resistente Pathogene. Was ich sagen will: Die Herangehensweise „ich habe ein Problem, ein Pathogen, ich kenne das Gen und ich kann das Problem vielleicht mit einem Schnitt lösen“ funktioniert nicht. Vor allem für die Landwirte geht diese Gleichung nicht auf.

Kommen wir zum Umbau der Anbausysteme. Wie könnten diese aussehen und welche Rolle spielt dabei die Züchtung?

Plagge: Natürlich spielt die Züchtung bei den Anbausystemen eine wichtige Rolle. Wenn ich mir den Getreideanbau in den nächsten 10 bis 20 Jahren vorstelle, weiß ich noch nicht genau, ob es z.B. in Richtung Anbau von Populationssorten geht oder eher Anbau von Mischkulturen, die wir im Ökolandbau vielfach bereits ausprobiert haben.

Man muss schauen, welches System bzw. welche Mischungen auch bei schwankenden Witterungen robust sind und ausreichend Ertrag bringen. Fragen, mit denen wir uns heute beschäftigen sind: Was funktioniert zusammen? Mische ich mehrere Sorten einer Art oder baue ich besser mehr Mischkultursysteme an, wenn Anbaurisiken steigen?

Die Frage, welche Rolle darin jetzt explizit die Genschere CRISPR/Cas spielt, ist für mich noch nicht abschließend beantwortet – dafür braucht es mehr Forschung und dagegen hat niemand etwas bei uns. Vor allem braucht es mehr Forschung, die sich mit den Chancen und Risiken beschäftigt.

Wichtig ist nun, dass die EU die Rechtssetzung bei der Gentechnik jetzt nicht so stark ändert, dass man die Innovationsschmiede Ökolandbau verliert. Wenn es nicht mehr möglich ist, in dem System Ökolandbau zu arbeiten, so wie in einigen Regionen in Spanien, dann verlieren wir Innovationspotenzial – das wäre schlecht für alle Anbausysteme. Ohne Ökolandbau gäbe es z.B. heute viele Leguminosenzüchter nicht mehr – und damit auch keine Vielfalt an Lupinen- und Kleesorten.

Teilen Sie die Sorge einiger Landwirte, dass die neuen Züchtungsmethoden den Mittelstand verdrängen könnten?

Plagge: Da sind wir bei dem wichtigen Thema Patente – also wie mit dem Modell Geld verdient wird. Es wird oft gesagt, die Gentechnik sei ein Züchtungs- und Mutationsbeschleuniger. Das ist sie faktisch auch. Aber sie ist vor allem ein Patentbeschleuniger. Jedem Landwirt sollte klar sein, dass es für große Konzerne ein Geschäftsmodell ist, in dem ganz wenige Patentinhaber versuchen, sich das Geschäft von morgen zu sichern. Dem sollten wir nicht alle Schranken nehmen, damit wir Bauern nicht noch abhängiger werden.

Wenn man sich die Patentanmeldungen anschaut, zeigt sich, dass sich die Konzerne nicht nur die Sequenzen patentieren lassen, sondern auch die Techniken, die dort hinführen. Als Züchter muss ich mir dann eine Lizenz zur Anwendung der Technik holen. Ob das nun den Mittelstand verdrängt, weiß ich nicht. Ich vermute, dass der Mittelstand entweder verstärkt aufgekauft wird oder ein Großteil der Wertschöpfung zum Patentinhaber fließt. Die Hoffnung, dass sich die Wertschöpfung in Richtung der Bauern verschiebt, habe ich jedenfalls nicht – es wird stattdessen so sein, dass die Abhängigkeit der Landwirte von den großen Agrochemie-Konzernen steigt.

Könnte Europa ohne die Nutzung von Genome Editing-Methoden nicht abgehängt werden?

Plagge: Wovon sind wir in den letzten drei Jahrzehnten denn abgehängt worden? Wir haben unseren Markt doch für alle eher geschützt und gesichert. In den politischen Verhandlungen zu den Handelsverträgen werden unsere Regelungen regelmäßig mit Aussagen wie „ihr schützt mit eurem Gentechnikrecht euren europäischen Binnenmarkt“ angegriffen. Ich frage mich, was war denn daran schlecht? Wir haben bestimmte Fehlentwicklungen durch diesen europäischen Konsens gar nicht mitgemacht, wie z.B., dass weltweit immer öfter herbizidtolerante Gräser auftreten.

Unser europäisches Modell legt, anders als in Südamerika, Nordamerika und China, Wert auf Vorsorge und Verbrauchertransparenz/-rechte sowie weiterhin auf ein existierendes Leitbild für eine familiengebundene bäuerliche Landwirtschaft. Das unterscheidet uns von anderen Anbauregionen – und das ist richtig. Andere Handelsräume, insbesondere Nordamerika, üben zurzeit Druck auf Europa aus, sich hinsichtlich des Gentechnikrechts an den Mainstream anzupassen. Wir sollten vorsichtig sein, wenn es darum geht, die Gentechnikregeln aufzuweichen, denn es droht nicht etwa, dass wir abgehängt werden, sondern vielmehr, dass wir abhängiger werden.

Das Interview führten Friederike Mund und Matthias Bröker

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