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Gummirüben: Neue Krankheit in Zuckerrüben?

In der aktuellen Kampagne bereiten gummiartige Rüben vor allem Landwirten im Süden Kopfzerbrechen. Handelt es sich um eine neue Krankheit? Wir haben uns umgehört.

Lesezeit: 6 Minuten

Aktuell laufen die Rübenkampagnen an, dabei findet man im Süden Deutschlands verstärkt gummiartige, leicht verschrumpelte Rüben. Bislang waren solche Symptome unbekannt.

Kranke Rüben finden Medienecho

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So titeln nun auch verschiedene Medien wie z.B. die Mainpost „Eine neue Krankheit bereitet Landwirten Kopfzerbrachen“, der Bayerische Rundfunk (BR) greift das Thema auf „Zuckerrübenernte: Neue Krankheit beunruhigt fränkische Landwirte" und auch SAT1 berichtet darüber.

Welche Fläche ist betroffen?

Aufgefallen sind die Gummirüben unter anderem in Franken und Baden-Württemberg. So berichtet Dr. Klaus Ziegler, Geschäftsführer des Verbandes fränkischer Zuckerrübenanbauer, dass von insgesamt 21.000 ha im Anbaugebiet etwa 7.000 ha betroffen seien. Überwiegend würden auf den Flächen Gummirüben auftreten.

Auch in Baden-Württemberg werden veränderte Rüben geerntet. Vor drei Wochen waren die Symptome in den nun befallenen Beständen augenscheinlich nicht sichtbar. In Rheinland-Pfalz und Südhessen überwiegt noch die klassische SBR-Symptomatik mit gelben Rüben und niedrigeren Zuckergehalten.

Symptome der Gummirüben

Bei ISIP beschreibt Annika Vetter von der Pflanzenschutzberatung im Landwirtschaftsamt Heilbronn die Symptome. Demnach sind meist ganze Felder befallen. Auffällig ist dabei, dass die Rüben ihren meist verbräunten Blattapparatt komplett hängen lassen – sie schlafen.

Infizierte Rüben sind kleiner, deformiert und der Rübenkörper ist von einer gummiähnlichen Konsistenz. Anstatt dass die Rüben brechen, wie das bei frischgerodeten normalerweise der Fall ist, lassen sich die Rübenkörper biegen und drehen. An den Rübenkörpern krabbeln häufig die Nachkommen des Krankheitsüberträgers, der Schilf-Glasflügelzikaden. Zu erkennen sind diese Nymphen an ihrem federartigen Hinterteil.

Auslöser der Gummirüben: Stolbur

Verursacher der gummiartigen Rüben ist wohl hauptsächlich das Bakterium Candidatus Phytoplasma solani. Bekannt ist diese zellwandlose Bakterienart bisher eher als Kartoffelschädling. Dort löst es die Stolbur-Krankheit aus. Spätestens seit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen des Beta-Sol-Forums in Worms ist bekannt, dass der Erreger auch in Rüben vorkommt.

Überträger des Stolbur-Erregers ist die Schilf-Glasflügelzikade. Die adulten Zikaden befliegen nicht nur Zuckerrüben, sondern auch Kartoffeln. Vermutlich wird der Erreger durch andere Zikaden, wie die Winden-Glasflügelzikade in die Bestände der Kulturpflanzen hineingetragen. Dann jedoch braucht es weder fremde Zikaden noch Zwischenwirte wie Unkrautpflanzen. Da die Schilf-Glasflügelzikaden sich jetzt an mehreren Kulturpflanzen wie Kartoffeln und Rüben vermehren können, übertragen sie fortan die beiden Erreger weiter. Die dort sich entwickelnden Jungtiere infizieren sich bereits früh und tragen dann den Erreger wahrscheinlich lebenslang weiter.

Überall, wo sie später als erwachsene Tiere hinfliegen, bringen sie den Erregerkomplex mit. Wie das genau funktioniert, will ein Konsortium aus der BETA-SOL-Gruppe in den nächsten Jahren erforschen, wenn die Förderung gewährt wird.

Doppelinfektionen bringen neue Symptome von SBR

Bekannt geworden ist die Zikade als Überträger eines anderen Bakteriums, des Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus (y-Proteobakterium). Es galt als wichtigster Auslöser von SBR (Syndrome Basses Richesses ), dem Syndrom niedriger Zuckergehalte in Rüben. Allerdings steht seit wenigen Jahren fest, dass ein Erregerkomplex aus den beiden Bakterien dahinter steht.

„Diese Doppelinfektionen können wir in den Projekten schon länger nachweisen“, ordnet Dr. Christian Lang ein. Der Geschäftsführer des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrüben hat bereits vor drei Jahren die Forschungsgemeinschaft Südwest mitgegründet und treibt damit die institutionsübergreifende Erforschung der Schädlinge kräftig voran.

An SBR-erkrankte Rüben wiesen bis dato nur zu einem geringen Anteil Stolbur-Phytoplasma auf, das y-Proteobakterium hatte den größten Anteil. In den jetzt auftretenden Gummirüben ist das allerdings anders: „Dort finden wir bis zu 97% Stolbur-Phytoplasma“, sagt Lang. Bei Kartoffeln war es regional bereits anders. Nun scheint auch bei Rüben der Komplex verändert.

Erregerkomplex durch Zikade verursacht neue Symptome

Damit handelt es sich also nicht um eine neue Krankheit, sondern um andere Symptomausprägung des Erregerkomplexes, die stark von der Witterung und dem Zeitpunkt der Infektion beeinflusst wird. Dass diese in vorherigen Jahren nicht nicht so als Gummirüben aufgefallen ist, wundert Lang nicht: „Letztes Jahr waren diese Rüben zur Ernte schon verfault.“

Tatsächlich sind zur Kampagne 2022 in den von Zikaden und SBR betroffenen Regionen vermehrt faule Rüben aufgefallen, die durch anteilig durch Stolbur-Phytoplasma infiziert waren – das belegen Untersuchungen des SONAR-Projektes und der BETA-SOL-Gruppe. Letztes Jahr litten die Rüben durch den Trockenstress zusätzlich, sodass die Krankheit viel schneller fortgeschritten sei, so Lang. Schließlich war letztes Jahr auch eine zweite Generation der Zikaden festzustellen.

Weniger Zucker und gummiartige Rüben

Dieses Jahr hingegen verzögerte die nasse Witterung die Infektionen und den Krankheitsverlauf durch weniger Trockenstress. Daher würden nun die Gummirüben auftreten, so Lang – faule Rüben habe man bislang jedoch nur sehr selten gefunden. Auch eine zweite Generation ist nahezu ausgefallen.

Ganzflächig vergilbte Rübenflächen mit den bekannten SBR-Symptomen lassen sich dieses Jahr auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt und sogar erstmals in Südbayern beobachten. Die Herzblätter sind dann lanzettlich verformt, die Leitbündel verbräunt – und die Zuckergehalte sind stark gemindert.

Gummirüben und Gummiknollen: Zikade verbreitet Erregerkomplex weiter

Dass immer mehr Rübenflächen befallen sind, ist ebenfalls nicht verwunderlich: In den Monitorings haben sich die Zikadenpopulationen von 2021 auf 2022 und von 2022 auf dieses Jahr jeweils verdoppelt.

Mittlerweile erkranken auch mehr Kartoffeln durch die Doppelinfektionen an der Bakteriellen Kartoffelknollenwelke, sie leiden dann an gummiartigen Knollen mit erhöhten Zuckergehalten.

Allerdings ist noch immer viel unbekannt über die Zikade als Vektor und die Erregermischung, die sie überträgt. „Woran das liegt, dass Stolbur-Phytoplasma dieses Jahr überwiegt, wissen wir noch nicht“, zieht Lang ein kurzes Fazit.

Weniger Zucker auch bei vermehrtem Stolbur-Phytoplasma?

Fest steht, dass gegen die Zikade aktuelle keine Insektizide in Rüben und Kartoffeln zugelassen sind. Und fest steht auch, dass Gummirüben schnellstmöglich verarbeitet werden müssen – lagerstabil sind sie nämlich nicht.

Inwiefern sich die Krankheit mit dem erhöhten Anteil von Stolbur-Phytoplasma auf die Zuckergehalte ausgewirkt hat ist bislang noch unbekannt. Da die Kampagnen gerade erst beginnen, muss man wohl die Ernte abwarten.

Sorten mit Toleranz gegen Zikadenkrankheit?

Was längerfristig hilft, scheinen tolerante Sorten zu sein. Das zeigen Versuchsergebnisse aus den aktuellen Sortenversuchen der ARGE Zuckerrübe Südwest an mehreren Standorten. Der Kampf um Rüben und Kartoffeln sei kein Kurzstreckenrennen sondern eher ein Marathon, meint Lang und hofft auch auf mehr Unterstützung aus der Industrie. Bisher sind die Bundesländer und Europäische Union die mit Abstand größten Förderer aller Aktivitäten. Die Forschungsgemeinschaft arbeite an Ideen wie man mit mehr Tempo und Tiefgang den Wettlauf gegen die Zikaden gewinnen könnte.

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