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Treibhausgase: Mit Computermodellen Emissionen berechnen

Prof. Uwe A. Schneider erforscht an der Universität Hamburg unter anderem, wie man Emissionen in der Landwirtschaft möglichst exakt bestimmen kann. Denn es gibt viele Hürden. Ein Interview.

Lesezeit: 6 Minuten

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, hat die Bundesregierung Sektorziele definiert. Die klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft sind jedoch nicht zu 100 % auf Null zu bringen, da Tiere und Böden natürlicherweise Treibhausgase ausstoßen. Gleichzeitig hat die Landwirtschaft das Potenzial CO2 zu speichern. Beides ist aber fast unmöglich zu messen. Im Interview mit top agrar erläutert Prof. Uwe A. Schneider von der Universität Hamburg, ein System, mit dem er Emissionen in der Landwirtschaft nachhalten und besteuern würde.

top agrar: Herr Professor Schneider, Sie sind Agrarökonom, der sich viel mit Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft auseinandersetzt. Außerdem sind sie selbst auf einem Hof aufgewachsen. Haben Sie dadurch einen besonderen Blick auf die Herausforderungen durch den Klimawandel?

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Schneider: Ich schätze das, was die Landwirtschaft leistet, ungemein. Daher ist mir wichtig, dass bei der ganzen Diskussion rund um Klimaschutz die Landwirtschaft nicht verteufelt wird. Es ist nun mal für jemanden, der Nahrungsmittel produziert, sehr schwierig, seine Emissionen auf null zu bringen.

Können Sie vielleicht einmal kurz ­erklären, was Sie bei Ihrer ­Arbeit genau machen?

Schneider: Der Fokus meiner Arbeit liegt darauf, herauszufinden, wie man Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft gut einbeziehen kann, damit Landwirte sie in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen berücksichtigen können. Wenn man möglichst zuverlässige Informationen zu den Emissionen auf den Höfen hat, kann man über den CO2-Preis Anreize setzen, Emissionen einzusparen. Oder aber durch finanzielle Belohnungen das ­Einspeichern von CO2 im Boden oder der Biomasse fördern.

Ich schätze das, was die Landwirtschaft leistet, ungemein." - Prof. Uwe A. Schneider

Wären dann auf jedem Hof und jedem Feld Messstationen nötig?

Schneider: Nein, das wäre viel zu ­aufwendig. Aber die Frage trifft den Kern des Problems. Wenn ein Landwirt auf einer seiner Flächen Weizen anbaut, kann es sein, dass er dabei sehr CO2-intensiv wirtschaftet. Ein ­anderer kann beim Weizenanbau vielleicht sogar Kohlenstoff im Boden aufbauen. Da kommt es auf ziemliche Details an, denn die lokalen Stand­ortbedingungen sind sehr variabel. ­Unser Ansatz ist daher ein anderer.

Wie sieht der aus?

Schneider: Man berechnet die Emis­sionen mit wissenschaftlichen Modellen. Es wäre eine kleine Revolution, obwohl es in der Wissenschaft solche Modelle bereits lange gibt. Man müsste sie nur in die Praxis bringen. Dafür bräuchte es ein effektives ­Zusammenspiel von Landwirten, Wissenschaftlern, Behörden und Herstellern von Buchhaltungssoftware für landwirtschaftliche Betriebe.

Warum machen wir das noch nicht?

Schneider: Es gibt zwar die Modelle, aber damit sie verlässliche Ergebnisse liefern, brauchen sie tagesgenaue Daten zur gesamten Bewirtschaftung einzelner Schläge. Vieles davon müssen Landwirte bereits dokumentieren, aber es müsste zentral gesammelt werden, um die Modelle damit füttern zu können. Während Wetterdaten sehr gut ­erfasst werden, sieht es bei den Daten zur Art und Zustand des Bodens hingegen nicht so gut aus. Da gibt es regional unterschiedliche Qualitäten. Hier wäre es gut, aktuellere Daten zu erheben. Wenn man die einmal hätte, könnte man wahrscheinlich damit auch erst mal viele Jahre arbeiten.

Wäre es auch möglich, mit weniger Daten zu ausreichend guten Ergebnissen zu kommen?

Schneider: Da kriegt man dann viel heiße Luft, weil es zu ungenau ist. Wenn man zum Beispiel nur unterscheiden würde, ob jemand biologisch oder konventionell wirtschaftet, wäre das zu pauschal. Es ist durchaus möglich, dass unter gewissen Voraussetzungen der konventionelle Landwirt klimafreundlicher wirtschaftet als sein ­Biokollege.

Und wenn man die Emissionen hofindividuell berechnen kann – wie geht es dann weiter?

Schneider: Wenn ein Landwirt klimafreundlicher produziert, sollte er höhere Prämien bekommen. Jemand, der klimaunfreundlich produziert, hätte ­finanzielle Nachteile. Meine Idee ist, dass Landwirte nicht verpflichtet sind, genaue Bewirtschaftungsdaten anzugeben, aber dann werden eher nachteiligere Werte für sie angenommen.

Wenn der Landwirt sagt: Ich will meine Daten nicht preisgeben, dann wird halt eine Pauschalsteuer eingesetzt. Und diese Pauschalsteuer ist, wie im normalen Steuersystem auch, nicht so vorteilhaft wie die finanzielle Behandlung, wenn man die Daten bereitstellt. Es muss auch hier Anreize geben. Man kann Klimaschutz nicht nur in ausgewählten Sektoren, wie dem Energiesektor, betreiben. Alle ökonomischen Bereiche müssen einbezogen werden. Da die Landnutzung signifikant zu Treibhausgasemissionen beiträgt, macht es keinen Sinn, sie von klimapolitischen Maßnahmen auszuschließen.

Und hätten Landwirte dann auch ­Einblicke in die Modelle?

Schneider: Ja, der Landwirt sollte auch die Möglichkeit haben, damit zu planen. Er könnte dann in der Planung schon sehen, welche Bewirtschaftungsweisen und Fruchtfolgen welche Auswirkungen auf Erträge und Treibhausgasbilanz in seinem Betrieb hätten. Wir haben in der Vergangenheit mal eine Umfrage unter Landwirten durchgeführt. Da war eigentlich ein großes Interesse erkennbar, dass die Landwirte zum Klimaschutz beitragen wollen.

Alle ökonomischen Bereiche müssen mit einbezogen werden." - Prof. Uwe A. Schneider

Die von Ihnen erwähnte Steuer, wie sie Ihnen vorschwebt, würde jedoch auch zu Problemen führen. Landwirte hier hätten dann deutlich höhere Produktionskosten als in anderen Ländern.

Schneider: Das stimmt. Letztlich könnte ein solches System nur EU-weit etabliert werden, allein schon wegen des Binnenmarkts. An den Außengrenzen wären dann Schutzzölle einzuführen, die sogenannten „Carbon Border Taxes“. Denn wenn man nur innerhalb der EU die CO2-Preise berücksichtigt, aber weiterhin Waren ungehindert aus anderen Erdteilen importiert werden könnten, hätten die heimischen Landwirte ungerechtfertigte Wettbewerbsnachteile.

Könnte man auch Anreize schaffen, dass in anderen Ländern auch klimafreundlicher gewirtschaftet würde?

Schneider: Man kann nicht immer alles gleich global umsetzen. Wir leben in einer Welt mit vielen souveränen Staaten. Die könnten sich theoretisch zwar einigen, aber in der praktischen Klimapolitik funktioniert das bisher noch nicht. Und wenn man politische Instrumente nicht auf der ganzen Welt umsetzen kann, dann sollte man zumindest dafür sorgen, dass ­Akteure in voranschreitenden Ländern keine unfairen Nachteile tragen.

Durch die zusätzliche Steuer würden sich letztlich auch die Preise für Lebensmittel erhöhen. Einige Menschen können sich das vielleicht nicht leisten. Wie bewerten Sie das?

Schneider: Ich plädiere stark dagegen, verschiedene Probleme miteinander zu vermischen. Armut und Mangelernährung in anderen Ländern oder auch in Deutschland sind Probleme, die separat gelöst werden sollten. Man sollte diese wichtigen Fragen nicht gegen den Klimaschutz ausspielen.

Wie optimistisch sind Sie, dass so ein System, wie Sie es vorschlagen, in näherer Zukunft auch umgesetzt wird?

Schneider: Ich bin relativ optimistisch, dass es spätestens in zehn Jahren etabliert sein könnte. Natürlich nur in bestimmten Regionen, nicht weltweit, aber vielleicht in der EU. Und wie gesagt: Ich würde das System auf frei­williger Basis machen. Landwirte ­sollen nicht verpflichtet sein, an unserem System teilzunehmen. Aber ich würde die Anreize so gestalten, dass sie daraus Vorteile ziehen können.

Herr Professor Schneider, vielen Dank für das Gespräch.

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