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Analyse der CO₂-Emissionen

CO₂-Emissionsziele bei Gebäude und Verkehr auch 2023 verfehlt

Die Denkfabrik Agora Energiewende hat die CO₂-Emissionen für 2023 ausgewertet. Viele Einsparungen seien nicht nachhaltig, sondern gingen auf die Konjunktur zurück.

Lesezeit: 7 Minuten

2023 sanken Deutschlands Treibhausgasemissionen auf 673 Mio. t CO₂. Damit gingen die Emissionen um 46 % gegenüber dem Referenzjahr 1990 zurück – und fielen auf den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren. Dies zeigen vorläufige Berechnungen von Agora Energiewende, die der Thinktank in seiner Bilanz des Energiejahres 2023 vorgelegt hat. Zugleich lag der CO₂-Ausstoß rund 49 Mio. t CO₂ unter dem vom Klimaschutzgesetz abgeleiteten Jahresziel von 722 Mio. t CO₂ (Zur besseren Lesbarkeit verzichtet Agora Energiewende auf die exakte Bezeichnung CO2-Äq verzichtet: Gemeint sind alle Treibhausgasemissionen; inklusive Stoffe wie Methan und Lachgas, die als CO2-Äquivalente umgerechnet in die Emissionsbilanz eingerechnet werden.).

Weniger Kohle und Industrieemissionen

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Verantwortlich für den Rückgang von 73 Mio. t CO₂ gegenüber 2022 waren im Wesentlichen zwei Entwicklungen:

  • Erstens sank die Kohleverstromung auf den tiefsten Stand seit den 1960er Jahren, wodurch allein 44 Mio. t CO₂ eingespart wurden. Gründe hierfür waren ein deutlicher Rückgang der Stromnachfrage, vermehrte Stromimporte aus Nachbarländern – rund die Hälfte davon aus Erneuerbaren Energien – sowie im gleichen Umfang gesunkene Stromexporte und eine leicht gestiegene Ökostromerzeugung.
  • Zweitens gingen die Emissionen aus der Industrie deutlich zurück. Ursächlich hierfür war insbesondere der krisen- und konjunkturbedingte Produktionsrückgang der energieintensiven Unternehmen. Während die gesamtwirtschaftliche Leistung nach vorläufigen Zahlen um 0,3 % schrumpfte, ging die energieintensive Produktion 2023 um 11 % zurück.

Emissionen im Gebäudesektor unverändert

Der CO₂-Ausstoß von Gebäuden und Verkehr blieb 2023 nahezu unverändert – damit rissen die Sektoren ihre Klimaziele zum vierten beziehungsweise dritten Mal in Folge. Mit den ausbleibenden Emissionsminderungen in diesen beiden Bereichen verfehlt Deutschland voraussichtlich bereits 2024 seine europäisch vereinbarten Klimaziele aus der sogenannten Effort Sharing Regulation. Eine solche Zielverfehlung muss die Bundesregie­rung mit dem Zukauf von Emissionsrechten aus anderen EU-Mitgliedstaaten kompensieren – ansonsten drohen Strafzahlungen.

Statt der gesetzlich vorgeschriebenen Maximal­menge von 101 Mio. t CO₂ verursachten Gebäude 109 Mio. t CO₂. Damit verfehlte der Gebäudesektor zum vierten Mal in Folge das Jahresziel. Im Vergleich zum Vorjahr sanken die Emissionen um 3 Mio. t CO₂. Dies war im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Haushalte mit Gasheizungen be­­sonders im ersten Quartal weiterhin Energie gespart haben und der Heizbedarf aufgrund milder Temperatu­ren niedriger ausfiel.

Insgesamt verbrauchten Haushalte im Vergleich zum Energiekrisenjahr 2022 im Jahr 2023 4 % weniger Erdgas. Im vierten Quartal zeichnete sich jedoch ein leichter Anstieg beim Heizverbrauch der Haushalte ab. „Nach der politischen Weichenstellung mit dem neuen Heizgesetz und dem Gesetz für die kommunale Wärmeplanung kommt es jetzt auf eine konsequente Umsetzung an. Nur so können im Gebäudesektor die Emissionen endlich wirksam gesenkt werden“, sagt Simon Müller. Gleichzeitig werde Heizen mit fossilen Energieträgern perspektivisch immer teurer, spätestens mit dem Start des europäischen Emissionshandels für Gebäude und Verkehr 2027. „Die Bundesregierung muss auch mit der neuen Haushaltslage ihre Wärmepolitik umfassend flankieren, damit sich alle Einkommensgruppen klimafreundliches Heizen leisten können.“

Auch keine Verbesserung im Verkehr

Zum dritten Mal in Folge verfehlte der Verkehrssektor das im Klimaschutzgesetz festgelegte Sektorziel. Um gerade einmal 2 % sanken die Emissionen gegenüber 2022. 145 Mio. t CO₂ stieß der Verkehr in Deutschland laut Agora-Berechnungen aus, was gegenüber 1990 einer Minderung von lediglich 11 % entspricht. Damit überschritten die Verkehrsemissionen die gesetzliche Höchstmenge von 133 Mio. t CO₂ um 12 Mio. t CO₂.

Das Ziel von 15 Mio. Elektroautos bis 2030 bleibt in weiter Ferne: Der Anteil von E-Autos bei den Neuzulassungen lag wie im Vorjahr unverändert bei knapp 20 %. Um den Verkehr in Deutschland auf Klimaschutzkurs zu bringen, braucht es der Agora-Studie zufolge ein schlüssiges Gesamtkonzept. Dazu gehöre es, die Steuern, Abgaben und Subventionen rund um den Pkw anzupassen, den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs abzusichern sowie den Kommunen durch ein modernes Straßenverkehrsrecht die Verkehrswende vor Ort zu erleichtern.

Emissionen aus der Landwirtschaft sinken weiter

Die Emissionen aus der Landwirtschaft lagen im Jahr 2023 bei rund 61 Mio. t CO2 und unterschritten damit das Klimaziel für den Bereich von 67 Mio. t CO2. Ein wesentlicher Grund für diese Zielunterschreitung ist die veränderte Berechnungsmethode der Emissionen von Lachgas. Diese führt in der Statistik zu geringeren Treibhausgasemissionen, was sich bisher jedoch nicht in einer Anpassung des Sektorziels widerspiegelt. Die im Vergleich zum Jahr 2022 um etwa 1 Mio. t CO2 verminderten Treibhausgasemissionen ergeben sich vor allem aus dem Rückgang der Schweine- und Rinderbestände sowie einer verringerten Stickstoffdüngung.

Mehr Strom aus erneuerbaren Energien importiert

Die Emissionen aus der Stromerzeugung sanken um 46 Mio. t CO₂ auf 177 Mio. t CO₂ – und haben sich damit im Vergleich zu 1990 mehr als halbiert. Der Emissionsrückgang von 21 % gegenüber 2022 ist überwiegend auf den starken Rückgang der Kohleverstromung zurückzuführen: Die geringere Stromproduktion aus Braunkohle sparte 29 Mio. t CO₂ ein, bei der Steinkohleverstromung waren es 15 Mio. t CO₂. Für diese Entwicklung nennt der Agora-Bericht drei Gründe:

  • Erstens einen außergewöhnlichen Rückgang beim Stromverbrauch von 3,9 % gegenüber 2022 in Folge der fossilen Energiekrise.
  • Zweitens führte die europaweit starke erneuerbare Stromerzeugung dazu, dass Deutschland mehr Strom importierte, statt diesen in heimischen Kohlekraftwerken zu produzieren. Über das Jahr hinweg verkaufte Deutschland rund 58 Terawattstunden des heimisch erzeugten Stroms ins Ausland und importierte 69 Terawattstunden. 49 % der Stromimporte stammten dabei aus erneuerbaren Energien – vor allem Wasser- und Windkraft – und 24 % aus Kernkraft.
  • Drittens verzeichneten die erneuerbaren Energien ein Erzeugungsplus von 5 %. Die Gesamtemissionen der Energiewirtschaft, die neben dem Stromsektor auch Raffinerien und Fernwärme erfasst, betrugen 210 Mio. t CO2 und lagen damit 46 Mio. t CO₂ beziehungsweise 18 % unter dem Vorjahresniveau.

Licht und Schatten

„2023 war das Jahr der zwei Geschwindigkeiten beim Klimaschutz in Deutschland: Die Energiewirtschaft verzeichnete mit dem historischen Hoch bei den erneuerbaren Energien einen klimapolitischen Erfolg, der uns näher zum 2030-Ziel bringt“, sagt Simon Müller, Direktor von Agora Energiewende Deutschland. „In der Emissionsreduktion bei der Industrie sehen wir hingegen keine nachhaltige Entwicklung. Der krisenbedingte Produktionseinbruch schwächt den Industriestandort Deutschland. Wenn in der Folge Emissionen lediglich ins Ausland verlagert werden, ist auch für das Klima nichts gewonnen. Auch die Bereiche Gebäude und Verkehr hinken beim strukturellen Klimaschutz hinterher.“

Um die CO₂-intensive Stromerzeugung dauerhaft im Strommix zu ersetzen, müsse die positive Dynamik beim Erneuerbaren-Zubau im kommenden Jahr weiter verstärkt werden. Die Industrie brauche adäquate Rahmenbedingungen, um in Deutschland investieren zu können – etwa in die klimaneutrale Stahlherstellung und den Umstieg von Gas auf Strom für Prozesswärme. Im Bereich Gebäude gelte es 2024, die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen konsequent voranzutreiben. Und im Verkehr brauche es grundsätzlich die politischen Weichenstellungen für den Durchbruch klimafreundlicher Mobilität.

Viele Einsparungen nicht nachhaltig

Den Agora-Berechnungen zufolge sind nur rund 15 % des CO₂-Rückgangs langfristige Einsparungen, die sich vor allem aus dem Zubau erneuerbarer Energien, Effizienzsteigerungen sowie dem Umstieg auf CO₂-ärmere oder klimafreundliche Brennstoffe beziehungsweise Alternativen ergeben. Etwa die Hälfte der Emis­sions­minderungen geht der Analyse zufolge auf kurzfristige Effekte zurück, wie krisenbedingte Produkt­ions­rückgänge und einen geringeren Stromverbrauch.

Daher weist die Denkfabrik darauf hin, dass der Großteil der Emissions­­einsparungen 2023 weder industrie- noch klimapolitisch nachhaltig ist – so könnten Emissionen konjunkturbedingt wieder steigen oder sich längerfristig Teile der Industrieproduktion ins Ausland verlagern.

Finanzierung schwieriger

Trotz der Minderungen gegenüber 2022 klafft zum Erreichen der Klimaziele 2030 weiterhin eine deutliche Lücke. Um diese zu schließen, ist die Einführung zusätzlicher Klimaschutzmaßnahmen im Jahr 2024 zentral. Dazu kommt, dass nach dem Karlsruher Haushaltsurteil die Finanzierung für Klimaschutzmaßnahmen schwier­i­ger geworden ist. „Deutschland braucht eine Investitionsoffensive zum Erreichen der Klimaziele“, sagt Müller. Notwendig seien staatliche Mittel etwa für klimaneutrale Heizungen und die Transformation der Industrie. Auch im Bereich der Strom-, Wärme- und Wasserstoffnetze stehen erhebliche Investitionen an. „Die Bundesregierung steht 2024 vor der Aufgabe, die erforderlichen Investitionen für die Klimaneutralität endlich zuverlässig abzusichern. Ein kluger Instrumentenmix kann sicherstellen, dass wir mehr Klimaschutz für jeden Euro aus der Staatskasse erreichen.“

Die Studie „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2023“ fasst die wesentlichen Entwicklungen zur Energiewende und Klimazielen des vergangenen Jahres zusammen und steht unter www.agora-energiewende.de zum kostenfreien Download bereit.

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