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Stickstoff: Wohl dem, der schon Dünger gekauft hat

Wegen hoher Gaspreise ist die Ammoniakproduktion in Europa nicht wettbewerbsfähig. Die Produktion von ausreichend Stickstoffdünger für 2023 scheint ungewiss. Ändert die Gaspreisbremse daran etwas?

Lesezeit: 7 Minuten

Dieser Artikel erschien zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Kurz vor knapp hat die Bundesregierung die Gaspreisumlage, die ab Oktober fällig sein sollte, gestoppt. Diese hätte Düngemittelproduzenten zu einem dauerhaften Produktionsstopp gezwungen. Um die Kehrtwende zu komplettieren, stellt sie sogar 200 Mrd. € zur Verfügung – unter anderem für eine Gaspreisbremse. Doch wird sich die Gaspreisbremse auf Verfügbarkeit und Preise von Düngern auswirken? Ein Interview mit YARA und SKW Piesteritz.

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Wochenblatt: Noch kurz vor dem 1. Oktober hat die Bundesregierung die gefürchtete Gasumlage gestoppt. Stattdessen stellt sie 200 Mrd. €, unter anderem für eine Gaspreisbremse, zur Verfügung. Deren Ausgestaltung ist aber noch unklar. Was erhoffen Sie sich von der Politik?

Fleischmann: Wir begrüßen natürlich, dass die Gasumlage weg ist, weil es für eine deutsche Industrie selbst im europäischen Wettbewerbsumfeld natürlich nicht gut ist, wenn für den Hauptproduk­tionsrohstoff noch einmal zusätzlich höhere Kosten entstehen.

Das Wichtigste für uns ist aber, ­einen sicheren Zugang zu Gas zu haben. Wir drängen darauf, dass wir als kritische Industrie für die Nahrungsmittelproduktion gesehen werden, sodass wir auch dann Gas bekommen, wenn dieses in Summe nicht über den gesamten Winter ausreichen sollte. Das ist besonders deshalb wichtig, weil wir ein Werk nicht beliebig hoch- und runterfahren können.

Profitlich: Es ist schwierig für uns, eine konkrete Maßnahme zu fordern. Vor allem wünschen wir uns faire Wettbewerbsbedingungen. Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland extrem hohe Gas­preise bezahlen, mit denen wir nicht in der Lage sind, mit importierten Düngern, oft unter deutlich schlechteren sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen produziert, mithalten können.

Sie hatten oder haben Ihre Produktion gedrosselt. Wie ist der aktuelle Stand und auf welchem Niveau soll im kommenden Winter produziert werden?

Fleischmann: Hier müssen wir unterscheiden zwischen der Düngemittelproduktion an sich und Ammoniakproduktion. Bei der Ammoniakproduktion als Vorstufe zu Stickstoff-Düngemitteln haben wir unsere Werke in Europa im Moment um 70 % gedrosselt, weil die Produktion hier aktuell einfach nicht wettbewerbsfähig ist. Nichtsdestotrotz wird in anderen Teilen der Welt ausreichend Ammoniak produziert und so versuchen wir, dieses über unser weltweites Netzwerk auch hierher zu bekommen.

Es gibt Werke, die das importierte Ammoniak zu Stickstoffdüngern weiterverarbeiten können.

Profitlich: Wir betreiben hier zwei Ammoniakanlagen, von denen wir eine vor einer Weile wieder hochgefahren haben. Somit läuft unsere Produktion aktuell wieder – allerdings nicht auf dem gewohnten Niveau. Wir hoffen natürlich, im kommenden Winter mindestens auf diesem Niveau produzieren zu können.

Die Gaspreisbremse ist auf den ersten Blick eine gute Nachricht für Sie und für Landwirte, auch mit Blick auf die Preise für Dünger. Doch wie wird sich dieser entwickeln?

Fleischmann: Das ist so unsicher wie noch nie. Ich denke, jetzt eine Preisvorhersage zu treffen, ist unmöglich. Für Landwirte muss sich die Frage stellen: Lohnt sich die Düngung bei den aktuellen Kosten? Und wenn wir in unsere Stickstoff-Steigerungsversuche schauen, sagen wir: Ja, eine Düngung lohnt sich und auch die Höhe der optimalen Stickstoff-Düngermenge hat sich kaum verändert.

Profitlich: Kurz gesagt: Keine Ahnung. Das gleicht einem Blick in die Glaskugel. Der Gaspreis macht mit Abstand den größten Teil un­serer variablen Kosten aus, ist momen­tan aber extrem volatil. Ob die Gaspreisbremse dazu beitragen kann, den Preis für Düngemittel tatsächlich zu senken, hängt auch davon ab, wie sie am Ende ausgestaltet wird.

Auch wenn die Gaspreise durch die „Bremse“ sinken: Die Verfügbarkeit von Gas ist nicht unendlich, und durch die beschädigten Nord-Stream-Leitungen wird wohl länger kein Gas fließen. Dennoch hoffen Sie, dass Sie im Winter durchgehend produzieren können. Glauben Sie auch daran?

Fleischmann: Schwer zu sagen. Da sind wir von den Prioritäten der Politik abhängig. Ich glaube schon, dass es möglich ist, die Industrie weiter produzieren zu lassen – auch weil die Gasspeicher gut gefüllt sind. Am Ende liegt es aber neben dem Winterwetter vor allem daran, welche Industrie die Politik priorisiert. Aus unserer Sicht gehören wir da natürlich zu.

Profitlich: Wir hätten die Produktion der einen Ammoniakanlage nicht wieder aufgenommen, wenn wir nicht davon ausgehen würden, dass wir zumindest für einige Monate wieder produzieren können. Denn allein das Hochfahren einer solchen Anlage kostet mehrere Millionen Euro. Aktuell glauben wir daran, dass unsere Relevanz für die Gesellschaft politisch wahrgenommen wird und wir über den Winter zu zumindest akzep­tablen Bedingungen weiter produzieren können. Bei allzu hohen Gaspreisen müssen wir aber auch unabhängig von der Verfügbarkeit über eine erneute Abschaltung diskutieren.

Viele Landwirte haben Dünger für das kommende Frühjahr vorgekauft. Ob er ihren Hof aber tatsächlich termingerecht erreicht, scheint ungewiss. Können Sie Landwirten diese Sorge nehmen?

Fleischmann: Ja, wir werden alle verkauften Düngermengen produzieren und ausliefern können.

Profitlich: Wir mussten unsere Produktion zwischenzeitlich komplett einstellen. Die Werke sind aber darauf ausgelegt, ganzjährig bei voller Auslastung zu arbeiten, um die benötigte Menge zu produzieren. Das können wir nicht beliebig aufholen. Wir hoffen aber, bestehende Verträge mit unseren Kunden zu erfüllen. Ob das klappt, liegt am Ende auch an der Logistik.

Das gilt auch für Landwirte, die bisher noch keinen bzw. nicht ausreichend Dünger gekauft haben? Ist hier auch die Logistik ein mögliches Nadelöhr?

Fleischmann: Da gibt es keine Garantie! Und dieses Risiko muss jeder Landwirt selbst abwägen. Aus unserer Sicht ist es daher sinnvoll, sich in diesem Jahr besonders früh um den Düngerbezug zu kümmern. Denn falls das Gas knapp werden sollte, werden wir bevorzugt die Kunden beliefern, die rechtzeitig gekauft haben.

Bei der Logistik sehen wir tatsächlich, dass Schwierigkeiten auftreten könnten – unter anderem wegen des Fahrermangels. Mit einem gewissen Vorlauf bin ich dennoch zuversichtlich, dass wir alles geliefert bekommen.

Profitlich: Zuerst versuchen wir, wie gesagt, die bestehenden Verträge zu erfüllen. Für Landwirte, die jetzt erst kaufen, können wir dagegen leider keine Garantie geben. Das gilt aber natürlich sowohl für unseren Dünger, als auch für Importware.

Kurzfristig große Mengen von Übersee bis in europäische Häfen und von dort aus über die Straße bis zu den Landwirten zu bekommen, ist kaum möglich. Außerdem ist dies weit weniger umweltverträglich, als eine Produktion in unseren Werken.

Mindestens die gleiche Aufmerksamkeit wie die Düngerproduktion an sich bekam in der öffent­lichen Diskussion die Sicher­stellung der AdBlue-Produktion für Logistikunternehmen. Welche Zusagen kann Ihnen die Politik vor diesem Hintergrund machen?

Fleischmann: Wir sind zu diesem Thema in Gesprächen mit der Politik. Denn auch in diesem Bereich sehen wir uns genauso als wich­tigen Teil der Kette. Ohne AdBlue fahren keine Lkw, Landmaschinen und auch viele Autos nicht. Damit wären zusätzlich zur Lebensmittelproduktion noch viele weitere Branchen betroffen, wenn wir kein Gas bekommen. Eine feste Aussage oder gar Zusage seitens der Politik haben wir bisher aber nicht bekommen.

Profitlich: Wir als SKW haben die Diskussion um AdBlue aufgemacht, um der Politik schnell und einfach greifbar zu machen, dass jede Branche – Stichwort Logistik – von der Düngemittelproduktion abhängt. Somit sind wir mittlerweile als systemrelevant erkannt worden. Konkrete Zusagen, was das für uns bedeutet, haben wir aber noch nicht. An dieser Stelle möchte ich aber auch noch einmal betonen, dass wir keine Einzelförderungen fordern, sondern uns einfach für faire Marktbedingungen einsetzen.

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