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Polnischer Marktkenner: „Ukrainische Importe sind aktuell nicht das Problem“

In Polen gab es zuletzt besonders heftige Proteste gegen Importe aus der Ukraine. Wir haben unseren Kollegen von top agrar Polska nach seiner Einschätzung gefragt.

Lesezeit: 6 Minuten

Julius Urban ist Marktredakteur bei top agrar polska bestens mit dem Getreidemarkt in Polen aus. Er arbeitete zehn Jahre als Einkaufsleiter in einem Unternehmen, das landwirtschaftliche Betriebsmittel vertreibt. Er war zudem Einkaufsleiter bei ADM und Präsident eines Rapsverarbeiters. Außerdem war er als Makler tätig.

Herr Dr. Urban, beschreiben Sie die aktuelle Marktlage in Polen bei Getreide?

Dr. Juliusz Urban: Der Getreidehandel in Polen ist seit Wochen und Monaten sehr zäh und in letzter Zeit regelrecht zum Erliegen gekommen. Zunächst wurde der Handel durch die fallenden Weltmarktpreise gebremst, da die Landwirte, die das Getreide eingelagert hatten, nicht so „billig“ verkaufen wollten. Nach Ostern ging die Verkaufsbereitschaft gegen Null, weil die Landwirte sich lieber um die Feldarbeit auf den lange Zeit zu nassen Feldern kümmerten. Außerdem warten sie auf die Regelungen zur Subventionierung des Getreideverkaufs, die die Regierung nach den Bauernprotesten versprochen hatte. Die Verarbeiter beunruhigt die mangelnde Abgabebereitschaft der Landwirte nicht, denn sie sind gut versorgt. Die Preise bleiben stabil niedrig.

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Für welche Getreidearten ist die Situation derzeit besonders schwierig? Welche durchschnittlichen Preise können Landwirte in Polen für Getreide ab Hof erzielen?

Urban: Brotweizen kostet in Polen derzeit durchschnittlich 720 PLN/t (ca. 168 €/t). Die Spanne ist jedoch mit 600-800 PLN/t (140-186 €/t) sehr groß. Futterweizen wird im Durchschnitt für ca. 617 PLN/t (ca. 144 €/t) angekauft. Auch hier ist die Spanne mit 550-700 PLN/t sehr groß. Die sehr niedrigen Preise für Futterweizen sind auf die schlechte Qualität und den niedrigen Proteingehalt des Weizens zurückzuführen. In Polen gab es noch nie zu dieser Jahreszeit einen so hohen Preisabstand zwischen Futterweizen und Brotweizen von über 15 %. Das entspricht aktuell etwa 100 PLN/t bzw. ca. 23-24 €/t. Die schlechten Futterweizenpreise hängen auch mit dem Rückgang der Schweinehaltung in Polen und der entsprechend geringeren Nachfrage zusammen. Triticale leidet doppelt und kann im Durchschnitt nur zu 550 PLN/t (ca. 128 €/t) vermarktet werden. Normalerweise liegt Triticale um diese Jahreszeit auf einem ähnlichen Niveau wie Futterweizen. Beim Roggen ist die Situation katastrophal. Der Durchschnittspreis lag zuletzt bei nur 490 PLN/t (ca. 114 €/t) mit einer Spanne von 430-570 PLN/t. Die Getreidepreise im Osten des Landes, vor allem im Südosten Polens, sind in der Regel am niedrigsten, nicht weil wir die Ukraine direkt hinter der Grenze haben, sondern weil die Getreideverarbeitung und Viehzucht in dieser Region weniger entwickelt und die polnischen Häfen sehr weit entfernt sind. Es sind die Transportkosten zu den Häfen und ihr steigender Anteil am niedrigen Getreidepreis, die den Leidensdruck im Südosten am größten machen.

Wie schätzen Sie den Einfluss des ukrainischen Getreides auf die Preise auf dem polnischen Markt ein? Was würde ein Ende des zollfreien EU-Zugangs für ukrainisches Getreide wirklich bewirken?

Urban: Die ukrainischen Getreidelieferungen können in dieser Saison eigentlich nicht mehr für die Preismisere verantwortlich gemacht werden. Das Problem begann in der Vorsaison (22/23). Als die Getreidepreise fielen, haben viele Bauern nicht verkauft und gehofft, dass die Preise wieder steigen. Dann kam die neue Ernte 2023 und das Muster des Wartens wiederholte sich. In dieser Saison ist es jedoch schwierig, dem Getreide aus der Ukraine, das nach Polen transportiert wird, die Schuld zu geben, denn die Weltmarktpreise basieren auf Ausschreibungen in Afrika und Asien, wo ein intensiver Wettbewerb um Importe herrscht. Hier kämpfen Russland, die Ukraine und die EU um Märkte, und dieser Kampf wird über Preise und verlängerte Zahlungsfristen von bis zu 270 Tagen ausgetragen.

Also spielt die Ukraine für die polnischen Getreidepreise keine Rolle mehr?

Urban: Aktuell spielen sie keine Rolle. Natürlich hat die Ukraine das Potenzial, den Markt nicht nur in Polen, sondern auch in Deutschland unter Druck zu setzen. Deshalb ist es notwendig, Regeln und Importbeschränkungen festzulegen. Im Moment haben wir dieses Problem nicht, weil unsere Grenzen blockiert und die Preise für die ukrainischen Bauern nicht attraktiv sind. Sie schicken ihr Getreide per Bahn zu den ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer. Wenn die Grenzen wieder offen sind, können größere Getreidemengen aus einem Gebiet bis zu 200 Kilometer tief in der Ukraine zu uns strömen. Dort gibt es ein sehr gut ausgebautes Schienennetz. Und es geht nicht nur um die Verarbeiter in Ostpolen, sondern auch um die Lagerhäuser in den Ostseehäfen. Die polnischen Häfen können nicht mehr als eine Million Tonnen pro Monat verladen, und wenn ein großer Teil davon Transitgetreide aus der Ukraine ist, bleibt kein Platz für polnische Exporte.

Was wäre aus ihrer Sicht eine wirksamer Regelung, um Landwirte im grenznahen Bereich vor ukrainischen Importen zu schützen?

Urban: Um die Situation langfristig zu beruhigen, ist es wichtig, zunächst den EU-Getreidemarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wir müssen den Binnenmarkt schützen, so dass Spanien, Italien und die Niederlande zuerst EU-Getreide kaufen, bevor sie auf ukrainisches Getreide zurückgreifen. Schließlich wurde die EU gegründet, um den Binnenmarkt zu schützen. Wenn Mais aus der Ukraine in Spanien ein Dutzend Euro billiger ist als zum Beispiel polnischer oder anderer EU-Mais, dann sind es genau diese 12 € pro t, die uns weh tun. Das hat natürlich Auswirkungen auf unseren Absatz. Wir müssen über Zölle und Obergrenzen sprechen.

Gibt es aktuell irgendwelche finanziellen Unterstützungen für polnische Ackerbauern?

Urban: Ja. Zusätzlich zu den üblichen EU-Prämien gibt es Beihilfen für die alte und die neue Saison. So gab es 2022/23 für bis zu 100 ha Mais eine Entschädigung für verspätete Verkäufe. Je nach Region waren dies ca. 120 bis 240 € pro ha. Für die laufende Saison hat sich das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung mit Vertretern der protestierenden Bauern auf zusätzliche Subventionen geeinigt, die pro Tonne gezahlt werden und vom Verkaufsdatum abhängen. Angekündigt sind: umgerechnet 70 € pro Tonne für Verkäufe zwischen dem 11. März und dem 31. Mai 2024 und 47 € pro Tonne Getreide, das zwischen dem 1. Januar und dem 10. März 2024 verkauft wird. Auf die konkrete Verordnung warten wir noch. Sie soll spätestens in der zweiten Aprilwoche veröffentlicht werden. Dann ist wieder mit einer Flut von Lieferungen zu rechnen. Die Preise werden vermutlich wieder sinken.

Ihre Meinung ist gefragt!

Was denken Sie über die ukrainischen Getreideexporte? Wie bewerten Sie die Einschätzung des polnischen Experten? Sollte die EU die Einfuhren stärker regulieren? Wie sehen Tierhalter die ganze Diskussion?

Schicken Sie uns gerne Ihre Meinung per Mail an: andreas.beckhove@topagrar.com

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