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Sind 30 % Ökolandbau gut für die Umwelt? Das denken die deutschen Agrarforscher

Ist das 30 % Ökoziel erreichbar und werden die Kunden zugreifen? Und was bringt mehr Ökolandbau überhaupt für die Natur? Stehen die Mindererträge nicht auch im Widerspruch zur Ernährungssicherung?

Lesezeit: 7 Minuten

Das Bundeslandwirtschaftsministerium will den Ökolandbau bis 2030 von aktuell 11 % auf 30 % der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands ausweiten. Das ist das Ziel der Bio-Strategie, die Cem Özdemir am 16. November auf einer Pressekonferenz vorgestellt hat und die die deutsche Landwirtschaft umwelt- und klimafreundlicher machen soll.

Zwischen 2010 und 2020 ist die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland laut Daten des Statistischen Bundesamts jährlich um circa 5 % angestiegen, schreibt sciencemediacenter.de. Auf dem aktuellen Kurs wird sie bis 2030 auf etwa 20 % der gesamten landwirtschaftlichen Fläche anwachsen.

Das SMC hat in dem Zusammenhang Experten nach ihrer Meinung über die Bio-Strategie des Agrarministeriums befragt. Wir fassen hier einige Aussagen zusammen, die vollständigen Einschätzungen lesen Sie hier.

Bio-Lebensmittel kommen nicht nur vom idyllischen Familienbetrieb

Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Georg-August-Universität Göttingen argumentiert, dass der Ökolandbau seinen Anspruch eines umfassenden win-win-win Vorteils – Vorteile für Gesundheit, Umwelt und Ertrag – nicht einlöst. Die Ernährung durch Bio-Produkte sei grundsätzlich nicht gesünder, sondern es komme vielmehr auf die Diät an. Und der Ertrag des Ökolandbaus liegt deutlich unter den Möglichkeiten, sodass für die gleiche landwirtschaftliche Produktion in Deutschland entweder die Flächen ausgeweitet werden müsste oder auf mehr Lebensmittelimporte auszuweichen ist – oft ohne die in der EU geltenden Umweltstandards.

Tscharntke bezweifelt auch, dass die Kunden auf mehr Ökolebensmittel warten. „Eine eingeschränkte Nachfrage ist auch deswegen zu erwarten, weil die Vorzüge des Bio-Anbaus oft überschätzt werden. Bio-Lebensmittel kommen nicht nur vom idyllischen Familienbetrieb mit Hofladen, sondern werden oft wenig biodiversitätsfreundlich produziert – beispielsweise auf riesigen Ackermonokulturen, in Landschaften, die großflächig mit Plastikfolien bedeckt sind, oder auch unter Einsatz großer Mengen ,natürlicher‘ Pestizide. Beispielsweise werden im Wein-, Apfel-, Gemüse- und Kartoffelanbau häufig Kupfermittel gespritzt.“

Die Artenvielfalt auf einer Fläche des Öko-Landbaus ist laut dem Professor auch nur rund 34 % höher als beim konventionellen Anbau. Wird die Artenvielfalt auf den Ertrag bezogen, gebe es sogar keinerlei positiven Effekt auf die Artenvielfalt. Im Ökolandbau ist der Ertrag durchschnittlich 19 bis 24 % reduziert, bei Getreide sogar 40 bis 50 %. Wenn man die Artenvielfalt fördern will, müssten die Flächen drastisch kleiner werden, so der Leiter der Abteilung Agrarökologie. Auch eine deutliche Erhöhung der Anbauvielfalt führe zu viel größerer Artenvielfalt. Mindestens 20 % der Agrarlandschaft sollten dabei für naturnahe Lebensräume reserviert sein.

Mindererträge werden durch Importe ausgeglichen

Prof. Dr. Matin Qaim von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn weiß, dass das politische Ziel, den Ökolandbau immer weiter auszuweiten, populär ist. Für die global nachhaltige Entwicklung ist es aber nicht förderlich.

„Die Erträge im Ökolandbau sind deutlich niedriger. Durch eine großflächige Umstellung wird in Deutschland und Europa weniger produziert, sodass mehr von anderswo importiert werden muss“, so Qaim. Als Folge sieht er weitere Flächennutzungen weltweit, die Rodung von Wäldern und Trockenlegen von Sümpfen. Mehr Ökolandbau bei uns habe also anderswo negative Umweltauswirkungen.

„Klar müssen wir auch den Konsum umstellen, weniger Fleisch essen und weniger verschwenden, aber trotzdem ist immer mehr Ökolandbau bei knappen Landressourcen kein geeignetes Rezept. Stattdessen müssen wir Technologien und Systeme entwickeln, die hohe Erträge und weniger Chemie gleichzeitig ermöglichen.“

Qaim thematisiert zudem den Unwillen der Verbraucher, mehr für Biolebensmittel zu zahlen. Aktuell steige die Nachfrage nach teureren Ökoprodukten kaum noch an. Wenn man die Ökolandwirtschaft dennoch politisch weiter ausdehnen möchte, geht das nur durch eine noch größere staatliche Subventionierung. „Die Entwicklung der Marktnachfrage allein wird dafür nicht ausreichen, zumal Lebensmittel ohnehin heute teurer sind als noch vor einigen Jahren.“

Verbraucher müssen Qualität von Bio schätzen lernen

Dr. Antje Risius von der Uni Göttingen empfiehlt die Schaffung von Managementstrukturen und Bewertungssystemen, die die Umwelt honorieren, resiliente Strukturen aufbauen und Ertragsunterschiede ausgleichen. Neben dem Anbau aus regenerativen Landbausystemen gilt es, auch die Produktketten, Konsummuster und Lebensstile infrage zu stellen und Alternativen zu schaffen.

Der Sprung hin zu einem hohen Bio-Konsum ist laut Risius jedoch bei vielen Verbrauchern nicht direkt naheliegend. „Nachhaltige Produktionszweige bei Lebensmitteln, egal welcher Prozessqualität, bedürfen eines Vertrauensvorschusses, weil die Prozessqualität und das zusammenhängende Kontrollregime häufig unbekannt sind. Erst wenn die Qualitäten, die Bio-Produktketten auch jetzt schon leisten, als Alternativen verstanden und akzeptiert werden, wird sich die Nachfrage deutlicher ändern.“

Mindererträge haben auch eine positive Seite

Dr. Karin Stein-Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) weist auf die positiven Effekte des Ökolandbaus hin. Dass die Erträge geringer sind werde in Cem Özdemirs Bio-Strategie 2030 differenziert Rechnung getragen. Das sollte man nicht generell negativ sehen. So könnten geringere Erträge aus Sicht der Förderung von Biodiversitätsleistungen Teil der Lösung sein.

„Es geht nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität und wie die Produkte weiterverwertet werden – als Futter, Energie oder Nahrungsmittel – und zu welchem Preis. Aktuell gehen circa 50 % des Getreides in die Tierfütterung, bis zu 20 % der Ernte wird zur Energie- und Treibstoffproduktion verwendet“, so Stein-Bachinger.

Betrachte man das Konsumverhalten, so käme es durch Reduktion der Lebensmittelabfälle und des Fleischkonsums selbst bei flächendeckender Umstellung auf Ökolandbau zu keinen Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung, glaubt sie. Und negative Umwelteffekte würden nicht ins Ausland verlagert, wenn sich neben der Umstellung auf Ökolandbau in der Fläche die gesamte Wertschöpfungskette und das Ernährungssystem anpassen, worauf aktuelle Entwicklungen hindeuten.

Stein-Bachinger verweist auch auf die Folgekosten der landwirtschaftlichen Produktion, die nicht in den Lebensmittelpreisen eingepreist sind. Diese externen Kosten belaufen sich jährlich auf zweistellige Milliardenbeträge, die von der Gesellschaft getragen werden müssten. Ihrer Ansicht nach sollten da nicht allein die Verbraucher in die Pflicht genommen werden. Auch die Förderstrukturen im Agrarbereich müssten verbessert und an die erbrachten Umweltleistungen der Landbewirtschaftung geknüpft werden. Hierbei könne der Ökolandbau deutlich punkten.

Pflanzenschutz halbieren, Dünger um 20 % reduzieren

Und ihr ZALF-Kollege Dr. Moritz Reckling betont, dass Gemeinwohlleistungen des Ökolandbaus sichtbar gemacht und honoriert werden müssten. Aktuell würden unter anderem eine schwierige Vermarktung und die geringen Preisunterschiede eine Ausweitung des Ökolandbaus für die Betriebe erschweren.

„Parallel zur Ausweitung des Ökolandbaus müsste das Ziel der EU, den Pestizideinsatz um 50 % und den Stickstoffeinsatz um 20 % zu reduzieren, deutlich stärker in der Fläche umgesetzt werden“, so Reckling weiter. Diversifizierung der Fruchtfolgen unter anderem mit Leguminosen und Mischanbau könnten diese Ziele unterstützen. „Leguminosen können den mineralischen Stickstoffeinsatz um 24 bis 38 % reduzieren und die Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität fördern. Ein nötiger Schritt wäre, den Mischanbau praxisreif zu entwickeln – inklusive der Aufbereitung und Verarbeitung.“

Zur Erhöhung der Rentabilität und damit der Akzeptanz des Anbaus dieser Kulturen empfiehlt er eine langfristige Honorierung.

Leben über die planetarischen Grenzen hinaus nicht länger möglich

Für Dr. Jürn Sanders vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) steht fest, dass die heutige Landwirtschaft nicht nachhaltig sein kann, wenn dadurch in Deutschland externe Kosten in Höhe von rund 90 Mrd. € pro Jahr entstehen.

„Es ist bekannt, dass der Verlust der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft, die mitunter schlechte Gewässerqualität oder der Verlust der Bodenfruchtbarkeit zu einem nennenswerten Teil eine Folge der Produktionsintensität ist. Um die agrarökologischen Herausforderungen zu meistern, bedarf es also einer Reduktion des heutigen Intensitätsniveaus. Oder anders ausgedrückt: Die Landwirtschaft muss Ressourcen so nutzen, dass die planetaren ökologischen Belastungsgrenzen nicht überschritten werden. Eine Möglichkeit dafür ist der ökologische Landbau. Deshalb ist eine Ausdehnung positiv zu bewerten.“

Um die Mindererträge abzufangen schlägt Sanders vor, die Lebensmittelabfälle von heute 30 % zu vermeiden und den Fleischkonsum zu senken. Denn für das Tierfutter seien 40 % der Ackerfläche reserviert; 50 % des Getreides würde an die Tiere verfüttert.

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