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topplus Obst- und Gemüsebau

Reif für den Roboter

Das Start-up „Organifarms“ entwickelt einen automatischen Pflückroboter für Erdbeeren. Künftig soll er den Obst- und Gemüseanbau in „Vertical Farming“-Anlagen regionaler und nachhaltiger machen.

Lesezeit: 6 Minuten

Langsam bringt sich der Greifarm in Position. Knapp oberhalb einer roten Erdbeere stoppt er. Mehrere Kameras melden im Verborgenen, ob die Frucht auch von hinten rot und reif ist. Dann schneidet der auf den Namen „Berry“ (z. dt. Beere) getaufte Roboter die Frucht am Stiel ab und legt sie in eine 500-g-Schale. Der Vorgang dauert etwas über acht Sekunden. Bald soll alles doppelt so schnell gehen.

Was in einer Testumgebung in der Nähe von Konstanz stattfindet, soll nur der Anfang sein: Derzeit macht das Start-up „Organifarms“ seinen Pflückroboter für den Einsatz im Gewächshaus fit. Geplante Marktreife: 2022. Später könnte der Roboter in sogenannten Vertical Farming-Anlagen zum Einsatz kommen – jenen Hallen, in denen in 10 bis 12 m hohen Hydroponik-Regalen abgeschottet von äußeren Einflüssen Salate, Kräuter und bald Obst und Gemüse wachsen.

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In beiden Fällen soll „Berry“ ein Problem entschärfen, von dem viele Obstbau- und Sonderkulturbetriebe ein Lied singen können: Arbeitskräftemangel. Die Grundlast der Ernte soll der Roboter tragen. Nur bei Saisonspitzen helfen Menschen. Ersparnis bei den Personalkosten: 20 bis 30 %.

Lokale Produktion fördern

Dominik Feiden, Marian Bolz, Hannah Brown und Mario Schäfer sind die Köpfe hinter dem mehrfach gründerpreisgekrönten Start-up. Sie wollen den Obstbau profitabler machen – und so in Deutschland halten. Langfristig lassen sie noch größere Ziele durchblicken: Einen nachhaltigen Obstbau fördern, Ressourcen sparen und die Lebensmittelverschwendung reduzieren.

„Etwa die Hälfte der in Deutschland verzehrten Erdbeeren wird importiert“, sagt der 24-jährige Gründer Dominik. „In Spanien oder Marokko ist der Anbau nicht gerade nachhaltig. Sobald sich der Anbau hierzulande rechnet, können wir den Druck aus großen Anbaugebieten herausnehmen, Wasser sparen und Böden schonen.“ Der Weg zum Ziel von morgen führt heute also erst mal über die hiesigen Obstbauern. „Unsere Zielgruppe sind Direktvermarkter, die Verbraucher oder Supermärkte beliefern“, sagt Mitgründerin Hannah. Wer Abnehmer aus der Industrie hat, dürfte weniger interessiert sein, weil die Ernte mit Stiel teurer ist und nur für Frischware infrage kommt.

Pro 2 000 m² Erdbeeranbaufläche ist ein Roboter mit einem Arm nötig. Das entspreche, je nach Kultivierungsart, etwa ein bis zwei Arbeitskräften.

Einsatzzeiten, Kosten & Co.

Was Obstbauern die Technik kosten wird, entscheidet das Team, wenn es die Erfahrungen der Pilotkunden ausgewertet hat. Geplant ist, dass Kunden den Roboter für rund 100 000 € kaufen und Lizenzgebühren für die Software zahlen, die Qualitätssicherung und Ernteprognosen übernimmt.

Unsere Zielgruppe sind Direktvermarkter, die Verbraucher oder Supermärkte beliefern. - Hannah Brown

Im Gewächshaus soll der Roboter auf Schienen oder Heizrohren zu den Früchten fahren. Das funktioniert am besten, wenn die Erdbeeren nicht am Boden, sondern auf Stellagen wachsen; das sind hüfthohe Stelzen. Der Roboter soll rund 40 kg ernten, bevor die Schalen in den Auffangbehältern aufs Gramm genau voll sind. Für das Leeren der Körbe muss derzeit noch ein Mensch helfen. In Zukunft soll das ein weiterer Roboter übernehmen.

Nach Ansicht der Gründer liegt die Zukunft im Vertical Farming (VF). Zu deutlich seien die Vorteile – etwa ein standort- und witterungsunabhängiger Anbau, kürzere Transportwege in die Städte und kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Auch das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit werde VF fördern, glaubt Mitgründerin Hannah. „Die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln steigt. Ernteausfälle nehmen im Zuge des Klimawandels zu. Wir werden uns auf einen wasser- und ressourcensparenden Anbau fokussieren.“

Karls Erdbeerhof testet

Weltweit ist das Rennen um die neue Anbauform längst entbrannt. Flächenarme Länder oder trockene Regionen versprechen sich so mehr Versorgungssicherheit. Und auch in der Praxis hierzulande geht es darum, den Anschluss nicht zu verpassen. Axel Stelter soll für den Erdbeeranbaubetrieb „Karls Erdbeerhof“ zukunftsfähige Anbaukonzepte ausfindig machen und auf den landwirtschaftlichen Betrieb nach Rövershagen in Mecklenburg-Vorpommern holen. Dort dienen 10 ha Stellagen-Anbaufläche als Testumgebung. Bei Karls denkt man bereits an morgen: „Die Erdbeeren wachsen bei uns seit hundert Jahren auf den Feldern. Jetzt brauchen wir Lösungen, die den Betrieb in die nächste Phase führen.“

Eine dieser Lösungen ist der Roboter von Organifarms, der in einer künftigen VF-Umgebung übrigens nicht zu den Erdbeeren fahren würde. Die vertikal angeordneten Beet-Kisten könnten mobil am Roboter vorbeifahren. Für das Innovationsteam bei Karls ist noch offen, wie genau VF ausgestaltet sein wird. Das Rennen wird ihrer Meinung nach noch 10 bis 15 Jahre weiterlaufen. „Welche sich bei einer so rasanten Entwicklung am Ende durchsetzt, ist noch nicht abzusehen.“„

„Der Trend kommt“, ist sich auch Organifarms-Gründer Dominik sicher. Ob in fünf oder in zehn Jahren, sei vor allem eine Frage der Energieversorgung.

Knackpunkt Energie

„Derzeit ist Vertical Farming hierzulande weder nachhaltig noch rentabel.“ Das liege am hohen Energieverbrauch, der nicht aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann. Außerdem sei der Strompreis mit allen Steuern so hoch, dass kein deutsches Team mit den USA mithalten könne.

Dennoch geht das Start-up ein hohes Innovationstempo: Ende 2020 testete es seinen Prototypen. Dessen Entwicklung finanzierte es mit Geld aus den eigenen Taschen. 2021 folgte eine Finanzierungsrunde in sechsstelliger Höhe. Dieses Jahr soll der Greifer auf den Markt. Künftig soll er auch Tomaten, Paprika und Beeren pflücken können.

Dieses Jahr soll der Greifer auf den Markt. Künftig soll er auch Tomaten, Paprika und Beeren pflücken können. - Auszug

Das Start-up wähnt sich auf dem richtigen Weg; heute noch im Gewächshaus, morgen vielleicht schon zwischen hohen Regalen. „Es wird noch Jahre dauern, bis man Städte mit Gemüse und Obst aus vertikalen Farmen versorgen kann.“ Aber das „ob“ stellen weder der Gründer noch die Innovatoren von Karls Erdbeerhof infrage. Es geht nur um das „wann“.

Vertical Farming liegt im Trend

Seit Jahren liegt Vertical Farming im Trend. Im Bericht „Vertical Farming Market, 2021 – 2028“ des US-Marktforschungsinstituts Fortune Business Insights heißt es, dass der Markt bis 2028 weltweit auf 17 Mrd. US-$ wachsen wird. Das US-Marktforschungsunternehmen Markets and Markets prognostiziert, dass der Markt bis 2026 auf 9,7 Mrd. US-$ wachsen wird. Aktuell belaufe er sich schätzungsweise auf 3,1 Mrd. US-$. Führend sind derzeit die USA, am schnellsten wächst das Thema im asiatischen Raum. In Vertical Farming-Unternehmen floss, verglichen mit anderen „neuartigen Agrarsystemen”, 2021 am meisten Geld. Weit oben steht das Berliner Start-up „­Infarm”, das 2021 eine Finanzierung in Höhe von 170 Mio. US-$ erhielt. Auch etablierte Unternehmen wie Bayer sind auf die Entwicklung aufgesprungen und entwickeln Saatgut für den Anbau in der Vertikalen.

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