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Schweine mit Ringelschwanz auf Vollspalten halten – so klappts!

Gesine und Karl Harleß halten seit fünf Jahren ausschließlich Schweine mit Ringelschwanz in ihrem konventionellen Warmstall. Hier verraten sie ihr Rezept gegen das Schwanzbeißen.

Lesezeit: 10 Minuten

Das Thema Ringelschwanz wird derzeit intensiv diskutiert, denn die Politik macht beim Verbot des Schwänzekupierens weiter Druck. Gesine (56) und Karl (65) Harleß beschäftigen sich bereits seit 13 Jahren mit dem Ringelschwanz – und das in einem konventionellen Warmstall mit Vollspaltenboden (siehe Kasten "In Etappen zum Kupierverzicht").

Seit 2019 mästen sie in ihrem Betrieb im niedersächsischen Landkreis Uelzen auf insgesamt 864 Plätzen ausschließlich unkupierte Schweine. Mittlerweile bleiben bis zum Ende der Mast knapp 90 % der Schwänze intakt – ein Erfolg von dem viele andere Schweinehalter nur träumen können. Wie lautet ihr Rezept gegen Schwanzbeißen?

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Optimal strukturierte Bucht

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die Buchtenstruktur. Aus ehemals zwei Buchten für jeweils neun Schweine haben Harleß eine große Bucht gemacht, indem sie das hintere Drittel der Trennwand abgeschnitten und leicht schräg wieder eingebaut haben. „Die Tiere können sich nun dahinter verstecken und sich gegenseitig ausweichen“, erklärt Karl Harleß. Außerdem ist dadurch die Wandfläche in der Bucht größer geworden, an der sich die Schweine gerne ablegen. Zudem steht jedem Schwein 1,1 m² Platz zur Verfügung.

In den Trennwänden zu den Nachbarbuchten haben die beiden im hinteren Bereich Trenngitter eingebaut. Das soll die Schweine zum Koten anregen. Vorne befinden sich mittig die Breiautomaten. Neben den Nippeltränken an den Futterautomaten sind weitere Beckentränken zwischen dem Aktivitäts- und Ruhebereich montiert.

Damit die Schweine die gewünschte Buchtenstruktur einhalten, hat das ­Ehepaar eine Seite der Deckenlampen ­verdunkelt. „Dadurch ist der Liege- und Fressbereich dunkler. Und die Tiere koten dort nicht ab“, berichten sie.

Auch die Beschäftigung spielt eine große Rolle. Und das beginnt für Familie Harleß bereits beim Futter. Sie setzen ein zweiphasiges Fertig­mastfutter in Mehlform ein. „Im Vergleich zu Pellets fressen die Schweine das Mehl langsamer und speicheln es stärker ein. Dadurch sind sie länger ­beschäftigt“, hat Karl Harleß festgestellt. Wichtig ist auch, dass alle Schweine genügend Futter aufnehmen können und satt werden. Ansonsten herrscht Unruhe.

Beschäftigung an Ketten

Außerdem steht den Tieren über einen zylinderförmigen Automat Raufutter zur Verfügung. Die müsliartige Mischung besteht zu 10 bis 15 % aus gequetschtem Hafer, 0,5 % Bruchmais und zum Rest aus Dinkelspelzenpellets. „Damit die Tiere das Raufutter aufnehmen, muss die Mischung schmackhaft sein. Bei Dinkelspelzen ist jedoch Vorsicht mit Mykotoxinen geboten“, warnt der Landwirt.

Damit die Familie das Futter nicht per Hand in die Automaten füllen muss, haben sie eine dritte Futterkette installiert. Über Volumendosierer bekommen die Schweine per Zeitschaltuhr zweimal täglich frisches Beschäftigungsfutter zugeteilt. Täglich kontrollieren die beiden, ob alle Automaten einwandfrei funktionieren. Denn ist ein Automat verstopft, z. B. durch aufgequollenes Futter, steigt das Risiko für Schwanzbeißen rapide an.

Darüber hinaus können sich die Schweine mit Seilen, Jutesäcken, Beißhölzern und umfunktionierten Futterketten beschäftigen. In jeder Bucht hängen im Aktivitätsbereich mittig vier Ketten, an denen Harleß die Materialien mithilfe von Karabinern befestigen.

In Etappen zum Kupierverzicht

Im Jahr 2009 sind Gesine und Karl Harleß mit einem neu gebauten Stall mit 1.200 Plätzen in die Schweinehaltung eingestiegen. Bereits zwei Jahre später entschieden sie sich dazu, unter wissenschaftlicher Begleitung beim damals neu entwickelten Tierschutzlabel des deutschen Tierschutzbundes mitzumachen. Das bedeutete u. a., dass sie den Tieren mehr Platz zur Verfügung stellen und zwei Drittel der Ringelschwanzlänge unversehrt lassen mussten.

2015 bekamen die gelernte Hauswirtschafterin und der Landwirtschaftsmeister dann die Chance, gemeinsam mit ihrem damaligen Ferkelerzeuger am Modell- und Demonstrationsvorhaben (MUD) Tierschutz für „verbesserte Haltungsbedingungen gegen Schwanzbeißen“ teilzunehmen. In dieser Zeit haben sie viele Betriebe besichtigt und sich mit anderen Schweinehaltern ausgetauscht. Gleichzeitig stallten sie im eigenen Betrieb immer größere Partien von Schweinen mit intaktem Ringelschwanz ein.  

Dank der sogenannten Ringelschwanzprämie, die 2019 in Niedersachsen eingeführt wurde, ist der Kupierverzicht für die Familie auch nach Ende des MuD-Projekts wirtschaftlich tragfähig. Deshalb haben sie sich vor fünf Jahren entschieden, ausschließlich unkupierte Schweine einzustallen. Pro Schwein bekommen sie derzeit 21,50 €. Dafür müssen sie verschiedene Haltungskriterien erfüllen und am Ende der Mast muss der Schwanz bei 70 % Schweine intakt sein. 

In den insgesamt dreizehn Jahren ihrer „Ringelschwanz-Reise“ haben Gesine und Karl Harleß viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie nun mit anderen interessierten Schweinehaltern teilen möchten. Deshalb bieten sie im November 2024 ein Seminar auf ihrem Hof an. Interessierte Landwirte können sich per E-Mail unter  schwein-harless@t-online.de  anmelden.

„Wichtig ist, dass das Beschäftigungsmaterial nicht an der Außenwand im Liegebereich der Schweine hängt. Ansonsten können ranghöhere Tiere die Spielzeuge blockieren“, weiß Gesine Harleß. Außerdem muss das Material bis auf den Boden hängen. Denn die Schweine bearbeiten die Beschäftigungsmaterialien von unten nach oben.  Und so können sich auch liegende Tiere damit beschäftigen Über die Karabinerhaken justieren sie die Höhe nach.

Um Stress bei den Schweinen zu reduzieren, ist auch ein optimales Stallklima wichtig. Zu Anfang der Mast heizt die Familie den Stall auf 20 °C auf. Am Ende senken sie die Temperatur auf 16 °C ab. Im Sommer nutzen sie außerdem eine Hochdruckkühlung. Sie feuchtet die ­frische Luft an. Ein Sensor überwacht, dass die Luftfeuchte im Abteil nie über 80 % steigt. „Ansonsten wird das Kli­ma für die Schweine unangenehm“, berichtet Karl Harleß.

Darüber hinaus steht den Schweinen eine Mikrosuhle zur Verfügung. Dazu hat die Familie in jeder Bucht eine Wasserleitung von der Einweichanlage abgezweigt und am Ende eine Vierfachwasserdüse montiert. Bei hohen Außentemperaturen tropft daraus tagsüber drei- bis viermal 30 Sekunden lang Wasser auf eine Kunststoffmatte.

Behutsam beim Einstallen

Den Grundstein für einen intakten Ringelschwanz legt die Familie bereits beim Einstallen. „Ein Hauptgrund von Schwanzbeißen ist Stress. Und den gilt es bei den Tieren von Anfang an zu minimieren“, erklärt Karl Harleß. Die Ferkel stammen von einem Betrieb aus Brandenburg. Sie sind eine Kreuzung aus dänischer Sau und Duroc Eber.

Zur optimalen Vorbereitung gehört:

  • das Abteil passend aufzuheizen,

  • alle Beschäftigungsmaterialien aufzuhängen und das Raufutter aufzufüllen,

  • Standwasser aus den Leitungen abzulassen und alle Tränken zu überprüfen;

  • Häckselstroh auf die Matte unter der Suhle zu streuen und

  • Futter in alle Automaten zu füllen.

„Die ersten 30 Minuten im Stall sind entscheidend dafür, dass sich die Ferkel schnell an die neue Umgebung und die Gruppe gewöhnen“, sagt der Landwirt.

Das Mastfutter ergänzt die Familie in den ersten Tagen um eine Zusatzmischung. Sie besteht u. a. aus Magnesium und Vitamin C. Bei Bedarf setzt das Ehepaar außerdem Huminsäure und Benzoesäure hinzu. „Sie sollen Toxine binden, den Darm stabilisieren und dadurch die Futterumstellung erleichtern“, erklärt Karl Harleß. 

Zum Verteilen hat sich der Landwirt einen praktischen Träger mit acht Blechdosen gebaut – einen für jeden Futterautomaten im Abteil. Darüber hinaus dosiert er 0,5 % Gesteinsmehl ins Futter ein. Das soll den Magen-Darm-Trakt der Tiere zusätzlich stabilisieren.

Auch der Umgang mit den Ferkeln ist entscheidend. Gesine und Karl Harleß sehen sich dabei als „Erzieher“ der Tiere. „Wir vermeiden hektisches Treiben und laute Rufe. Stattdessen sprechen wir die Tiere mit ruhiger Stimme an, damit sie sich an uns gewöhnen“, erklärt der Landwirt. In jede Bucht stallen sie zunächst 27 Ferkel ein. Danach suchen sie die jeweils neun kleinsten Tiere ab und stallen sie in ein extra Abteil um. So können sie die Ferkel später besser beobachten und versorgen. Danach verlassen die beiden den Stall, sodass die Ferkel ankommen können.

In den ersten sieben bis zehn Tagen streuen Harleß zweimal täglich eine Handvoll entstaubtes Häckselstroh auf die Matte unter der Suhle. „Die Ferkel können darin gemeinsam wühlen. Das fördert die Gruppenbildung“, weiß Gesine Harleß. Außerdem befestigen sie einen Jutesack mit Kabelbindern an den Beschäftigungsketten. „Je schneller die Ferkel den Sack verbrauchen, desto höher ist ihr Stresslevel“, sagt sie.

Alles parat für den Notfall

Kommt es bei Einzeltieren dennoch zu Beißereien, ist schnelles Handeln gefragt. Bis ein blutender Schwanz verheilt ist, dauert es in der Regel zwei Tage. Diese Zeit ist besonders kritisch.

Im Notfall stellt das Ehepaar zu allererst einen Trog mit einem speziellen Müslimix in die Bucht. Es besteht aus Luzernepellets, Bruchmais, Fasermix, Huminsäure, Gesteinsmehl, Häckselstroh, Magnesium und der Aminosäure Tryptophan. Die Mischung soll helfen, einen potenziellen Nährstoffmangel bei den Tieren ausgleichen. „Wenn das Zusatzfutter nach einigen Tagen uninte­ressant wird, hat sich die Lage häufig stabilisiert“, erklärt Karl Harleß.

Außerdem stillen die beiden die Blutung am Schwanz. Dazu tunken sie den Schwanz in eine Pflegetinktur mit Teebaumöl, das normalerweise zur Klauenpflege bei Rindern verwendet wird. Die Tinktur wirkt des­infizierend und entzündungshemmend. Gleichzeitig vergrämt sie den Beißer durch einen unangenehmen Geruch.

„Wichtig ist, dass man sich bereits vor einem Ausbruch genau überlegt, welche Maßnahmen man ergreifen muss. Denn bei Schwanzbeißen geht es um Minuten“, mahnt Karl Harleß. Dazu gehört auch, die Telefonnummern wichtiger Ansprechpartner im Notfall sofort zur Hand zu haben.

Außerdem gilt es, den Beißer schnellstmöglich zu identifizieren. Dabei kommt die kleine Gruppengröße von 18 Tieren zugute. „Tätertiere irren häufig planlos in der Bucht umher und zeigen damit innere Unruhe“, lautet seine Erfahrung. Auch Tiere, die beim Betreten der Bucht sofort an der Hose knabbern, sind häufig potenzielle Täter. Solche Schweine sollte man vorsorglich markieren, bevor ein Schwanz blutet.

Ist der Täter gefunden, können Harleß ihn in einem extra Krankenabteil separieren. Hier befinden sich zwölf Buchten, die Platz für etwa 5 % des Bestandes bieten.

Eine Frage der Haltung

Der wichtigste Faktor für einen erfolgreichen Kupierverzicht ist für Familie Harleß allerdings die eigene Einstellung. „Die Umsetzung des Ringelschwanzkonzepts beginnt im eigenen Kopf“, erklärt Karl Harleß. Für die tägliche Tierkontrolle nimmt er sich deshalb bewusst viel Zeit. „Wenn ich Stalldienst habe, plane ich direkt danach keine Termine ein. Für den Rundgang brauche ich einen freien Kopf, um die Tiere genau beobachten zu können“, sagt der Landwirt.

Auch der richtige Umgang mit Rückschlägen ist wichtig. „Drei Wochen nachdem wir damals die ersten unkupierten Ferkel eingestallt haben, brach in einer Bucht nach der anderen Schwanzbeißen aus. Es war furchtbar“, erinnert sich Gesine Harleß. Daraufhin suchte sie umgehend Hilfe bei der Landwirtschaftskammer. „In unseren Augen ist die Flucht nach vorn bei Problemen der richtige Weg. Ansonsten bekommen die wichtigen Entscheidungsträger nicht mit, wo es hakt“, sagt sie.

Neueinsteigern raten die beiden, sich langsam an den vollständigen Kupierverzicht heranzutasten. „Am Anfang sollte man alle Auffälligkeiten sorgfältig dokumentieren. So kann man später leichter herausfinden, ob Schwanzbeißen z. B. immer in der gleichen Bucht auftritt oder eine bestimmte Ferkelpartie anfällig war“, beschreibt die Landwirtin. Auch der stetige Austausch mit anderen Berufskollegen hilft – insbesondere mit dem zugehörigen Ferkel­erzeuger. „Am Ende muss jeder Landwirt aber eine individuelle Lösung für seinen Betrieb finden“, lautet ihr Fazit.

Bald wieder kupieren?

Obwohl Harleß so erfolgreich mit ihrem Haltungskonzept sind, könnten sie schon bald wieder zum Kupieren der Schwänze zurückkehren. Der Grund: Derzeit rechnet sich der hohe Arbeitsaufwand nur dank der niedersächsischen Ringelschwanzprämie (Kasten).

Doch diese Prämie läuft vermutlich Ende 2024 aus. Denn dann sollen alle deutschen Schweinehalter einheitlich über das neue Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung gefördert werden. Hier ist die schrittweise Umsetzung des Ringelschwanzes ein Pflicht­kriterium. Allerdings müssen teilnehmende Schweinehalter umfangreiche bauliche Kriterien erfüllen, wie z. B. Außenklima oder einen Auslauf. Der Stall der Familie würde dadurch aus der Förderung herausfallen. „In der aktuell unsicheren Situation wollen wir jedoch nicht noch mehr Kapital in Beton gießen“, erklären Harleß.

Ihre Meinung ist gefragt

Haben auch Sie schon Erfahrung mit der Haltung von Schweinen mit Ringelschwanz? Was sind Ihre Fragen und Anregungen zum Thema?

Schreiben Sie uns gerne an anna.huettenschmidt@topagrar.com

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