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topplus Reportage: Chia im Norden

Chia: Aztekengold aus Norden Deutschlands?

Mit viel Überzeugungskraft etabliert Rebekka Stünkel die exotische Chia auf dem heimischen Betrieb – trotz zunächst niederschlagender Entwicklungen. Dabei helfen alte Technik und findige Tüftler.

Lesezeit: 8 Minuten

"Während der Blüte bleiben öfter mal Spaziergänger oder Radfahrer stehen. Die wollen wissen, was dort wächst“, erzählt ­Rebekka Stünkel lachend. „Deshalb steht dort auch immer ein Feldschild. Chia haben die meisten noch nie gesehen, schon gar nicht bei uns in der Region.“ Die sympathische junge Frau freut sich sichtlich über das Interesse an den blau blühenden Chia­pflanzen aus der Bevölkerung.

Zusammen mit ihrem 63-jährigen Vater, Bernd Scharein, sitzen wir im ­April bei entsprechendem Wetter gemütlich im Wintergarten im niedersächsischen Rethem an der Aller. Auf dem Tisch liegen ein paar kleine Scheiben vom Chiabrot; dabei liegen Chiasamen, die Ernte aus dem letzten Herbst: Ovale, gut 2 mm kleine weiß bis schwarz gefärbte Samenkörner, alle unterschiedlich gesprenkelt und gestreift. Sie werden auch als Nüsschen bezeichnet.

Superfood Chia: Aus Mexiko an die Aller

Auf dem Acker steht bei unserem Besuch noch kein Chia – das zentralamerikanische Salbeigewächs ist extrem frostempfindlich. „Wir säen erst nach den Eisheiligen“, sagt Bernd Scharein. Er war zunächst skeptisch, solch einen Versuch zu wagen. Im Jahr 2022 haben Vater und Tochter das erste Mal Chia auf 1,2 ha der sandig-lehmigen Böden mit durchschnittlich 35 Bodenpunkten angebaut.

„Ich habe bestimmt ein halbes Jahr gebraucht, um meinen Vater von der Idee zu überzeugen“, erzählt Rebekka Stünkel. Landwirtin im klassischen Sinn ist sie nicht. Zwar ist sie auf dem Hof ihres Vaters aufgewachsen, hat sich aber für eine Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin entschieden und arbeitet nun am Institut für Bodenkunde der Leibniz-Uni Hannover.

Um den Betrieb mit 72 ha Acker- und 50 ha Grünland sowie 70 Bullen und 30 Rindern voranzubringen und ihren Vater nach dem Tod der Mutter zu unterstützen, hat sie sich mit alternativen Kulturen beschäftigt. Gerade ein gutes Jahr zuvor wurde in Deutschland die erste Chiasorte „Juana“ für den Anbau zugelassen. Die Kurztagspflanze beginnt bereits im Sommer zu blühen anstatt wie in Südamerika im Herbst. Nun wächst blaublühender Chia dort, wo sonst meist nur Getreide und Mais stehen.

Selbst umbauen ist Trumpf - getüftelt wird immer

Vor zwei Jahren zum ersten Mal mit einer normalen Drillmaschine gesät, wuchs das Unkraut der Juana buchstäblich über den Kopf. Melde und Gräser standen dicht an dicht mit der Chia, ständig kam neues Beikraut nach. Hinzu kam die Trockenheit auf dem mit durchschnittlich 700 mm Regen sonst gut versorgten Standort. Obwohl Chia Trockenstress relativ gut verträgt, war die Ernte nach der Reinigung von Meldesamen und Co. sehr ernüchternd. „Wir haben ganze 15 kg Chia geerntet“, sagt Rebekka Stünkel.

Chia in Deutschland

Chia (Salvia hispanica) ist als glutenfreies Pseudogetreide durch den ­hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren als sogenanntes Superfood ­beliebt. Die quellfähigen Samen werden in Smoothies gemixt, über Müsli gestreut oder dienen als Ei-Ersatz.

Allerdings stammt ein Großteil der in Deutschland verkauften Ware aus Mexiko und Zentralamerika. Dass das Salbeigewächs überhaupt in deutschen Anbauregionen bestehen kann, ist maßgeblich der Landessaatzuchtanstalt der Univer­sität ­Hohenheim zu verdanken. In ­einem Projekt haben Forscher Sorten der ­eigentlichen Kurztagspflanze ­gefunden, die auch im Langtag ­blühen. Zugelassen hat das Bundessortenamt 2021 die Sorte „Juana“. Das Saatgut übernommen hat ­daraufhin der Züchter Südwestsaatzucht, der „Juana“ und die zweite ­zugelassene, in der Schweiz gezüchtete Chiasorte „Pablo“ vertreibt.

Mittlerweile hat sich ein richtiges Team gebildet, das Vater und Tochter bei dem Anbau unterstützt, fleißig tüftelt und Unkraut entfernt. Den Anbau haben sie wie folgt optimiert: Zwei bis drei Wochen vor der Saat wird gepflügt, dann im Abstand von gut einer Woche zweimal mit der Federzinkenegge gearbeitet, um das Unkraut einzudämmen. Als Grunddüngung dienen 200 kg/ha Kali und 10 m³/ha Rindergülle.

Ab einer Bodentemperatur von 10 °C werden mit einer umgebauten mechanischen Drillmaschine sechs Reihen auf 3 m gesät. So, als Reihenkultur, lässt sich der Chia auch hacken – das macht deutlich weniger Arbeit.

„Weil die Samen so klein sind, findet sich in der Maschine fast nichts wieder, schon gar nicht bei einer Saatstärke von 1.850 g/ha“, sagt Bernd Scharein. Die Tausendkornmasse des Lichtkeimers liegt bei nur ca. 1,5 g, eine Einheit enthält 1,2 Mio. keimfähige Körner. „Wir haben mit dem Pinsel gearbeitet, damit auch die letzten Samen auf den Boden kamen.“

Unkraut wächst über den Kopf, was ist mit Herbiziden?

Schon fünf Tage nach der Saat sind die ersten Reihen zu erkennen. Dann muss zum ersten Mal gehackt werden, damit das Unkraut nicht überhand nimmt. Acht bis zehn Tage später erfolgt der nächste Hackgang. Dazu hat Bernd Scharein eine alte Rübenhacke auf die Reihenweiten angepasst.

Als Zugmaschine dient der alte Hanomag des Großvaters von Rebekka Stünkel. Bis zum letzten Jahr stand der Oldie mit 57’er-Baujahr noch unter Brombeeren, nun wurde er in Schuss gebracht. „Damit passt die Spurweite und er verbraucht unglaublich wenig Sprit“, freut sich Rebekka Stünkel über den positiven Nebeneffekt.

Die Chia wächst nach ihren Erfahrungen recht schnell (bei passender Witterung), bis zum Reihenschluss kommt allerdings immer wieder Unkraut nach. Da hilft nur Handarbeit: Mit Familie und Freunden investierte Rebekka Stünkel letztes Jahr rund 200 Stunden auf der 2,25 ha großen Fläche, um Unkraut zu ziehen.

Könnte man nicht einfach Herbizide einsetzen? Rebekka Stünkel schüttelt den Kopf: „In Chia ist kein Pflanzenschutz zugelassen und es war bislang auch nicht notwendig. Wir bauen die Pflanzen in Bioqualität an.“ Das immerhin kommt den Insekten zugute. Sie fliegen zahlreich die Blüten an, die die Pflanzen immer wieder neu hervorbringen, eine richtige Bienenweide. Selbst im Herbst zur Ernte schimmert es blau in den Stoppeln durch.

Chia-Ernte herausfordernd

„Den optimalen Erntezeitpunkt zu finden, ist unheimlich schwierig“, erzählt Rebekka Stünkel. Samen und Pflanzen reifen von oben nach unten ab, sind also zur Ernte noch grün. Im letzten Jahr sah die Chia gut aus, war ca. 2 m hoch­gewachsen mit gut gefüllten Samenständen und unkrautfrei. Aber in dem nassen Herbst, nach 21 l Regen am Vortag und einer stürmischen Nacht lagen die Nerven blank. „Durch den Sturm haben wir bestimmt die Hälfte der Ernte verloren“, sagt Stünkel. Losgefahren ist der Drescher trotzdem, der Bestand war trocken genug. Gereinigt ernteten sie noch gut 780 kg Chia.

Passend dazu kommt jetzt Manuel Guy um die Ecke und setzt sich im Wintergarten dazu. Der Freund der Familie ist Drescherfahrer – nicht nur für Getreide und Raps, sondern auch mal für Hanf, Öllein oder ähnliches. Auch er ist Tüftler und versucht, immer das beste aus der Maschine herauszuholen. Chia zu ernten, bereitet ihm sichtlich Spaß.

Worauf achtet er beim Ernten? „Die Kunst ist, Chia sauber auszudreschen“, sagt Guy. So funktioniere Schüttler besser als ein Ro­tordrescher. Wichtig sei, die Haspel ganz nach oben zu stellen, die Siebe richtig einzustellen und den Wind an die leichten Chiasamen richtig anzupassen. Dabei verlässt er sich auf seine Erfahrung statt auf die Technik. Letztes Jahr hat er u. a. direkt in einen BigBag abgebunkert, da der Wind im Vorjahr zu viel Erntegut verweht hatte.

Um die restliche Ernte 2022 zu reinigen, hat sich Rebekka Stünkel Hilfe bei einem eine 1 Stunde entfernten Kräuterbetrieb geholt. Nach der Ernte müssen die Chiasamen zudem auf 8 % Feuchtigkeit getrocknet werden, dabei helfen Bekannte aus der Umgebung.

Eigene Vermarktung im Aufbau: Chia direkt vom Bauern zum Kunden

Auch wenn noch keine Direktvermarktung steht, konnte Rebekka Stünkel die Ernte 2023 doch gut unterbringen. Das liegt auch an ihrer Marketingstrategie: Schon früh hat sie ihr Projekt auch auf Social Media platziert, bei Instagram ist sie unter dem Account „chia.up“ aktiv und nimmt die Nutzer regelmäßig mit. Seit kurzem ist auch die eigene Homepage fertig ( www.chia-up.de ).

Dadurch und durch die Artikel der Lokalpresse ist die hannoversche Bäckerei „Göing seit 1920“ auf den Anbau aufmerksam geworden. Das Familienunternehmen suchte nach regionalem Chia, nachdem sie das Chiabrot aus Klimaschutzgründen (zu lange Importwege der Samen) aus dem Regal genommen hatte. Ein Brot mit regionalem Chia gab es in den Filialen dann als Aktion im März 2024 – verlängert bis Ende April, da es so erfolgreich war.

Künftig will Rebekka Stünkel die Chia unter eigenem Logo direkt an den Endverbraucher vermarkten, dabei ist ihr eine nachhaltige Verpackung ebenso wichtig wie eine gute Qualität. Sie hat extra die Samen untersuchen lassen – die Inhaltsstoffe und der Ölgehalt mit 40 % passen. „Ich bin erleichtert, dass die Untersuchungswerte so gut gewesen sind“, sagt sie. Geplant sind 250 g-Gläser mit Korken, 500 g soll es in recycelten Standbodenbeuteln geben.

Zudem ist sie mit einer kleinen Ölmanufaktur im Nachbarort in Kontakt, um Chiaöl pressen zu lassen. „Der erste Versuch war nichts“, sagt Rebekka Stünkel, „wo Sonnenblumenkerne oder Erdnüsse gepresst werden, passt Chia nicht unbedingt rein. Aber wir starten demnächst einen weiteren Versuch, der hoffentlich erfolgreich ist“. Aufgeben kommt nicht in Frage – deshalb will sie dieses Jahr auf 3,8 ha Chia der Sorte „Pablo“ säen. Diese Chia wächst nicht ganz so hoch (nur ca. 1,0 bis 1,4 m) und reift ca. vier Wochen eher ab. Mit ihrem Team hat sie gute Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Erträge dieses Jahr auch deutlich näher an den möglichen 1.000 kg/ha liegen. Dann kann auch die Vermarktung richtig losgehen.

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