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Energiewende paradox: Biogasbranche ist extrem frustriert und verunsichert

Bei der Vorstellung der aktuellen Branchenzahlen macht der Fachverband Biogas deutlich: Ohne die vielen bürokratischen Hürden könnten die Anlagen deutlich mehr günstiges Gas, Wärme und Strom liefern.

Lesezeit: 10 Minuten

Zum wiederholten Mal hat der Fachverband Biogas sein Unverständnis darüber geäußert, warum die politischen Entscheidungsträger in Berlin das Potenzial der heimischen Biogasanlagen ungenutzt lässt. „Seit Anfang März weisen wir die Politik darauf hin, dass wir sofort mehr Biogas, Strom und Wärme erzeugen könnten, wenn die Deckel weg wären. Aber bis September ist nichts passiert“, kritisiert Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas. Erst dann habe es eine Botschaft von Wirtschaftsminister Robert Habeck gegeben, die erst kürzlich in dem Energiesicherungsgesetz umgesetzt worden seien. „Damit sind aber nur ein Teil der Bremsen gelöst worden“, bemängelt auf der heutigen Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der neuen Branchenzahlen des Fachverbandes.

Verunsicherung durch Gewinnabschöpfung

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Parallel dazu wird jegliche Euphorie gleich wieder gebremst durch die nebulöse Diskussion um eine Gewinnabschöpfung. „Es weiß heute noch keiner, wie diese Diskussion ausgeht“, sagt Seide. Die EU-Kommission hatte hierzu vorgeschlagen, Gewinne oberhalb von 18 ct/kWh einzukassieren. Allerdings sollen Biomethananlagen sowie Anlagen, die höhere Produktionskosten haben sowie Anlagen unter 1 MW davon ausgenommen werden. „Für Vorortverstromungsanlagen müssen wir also eine individuelle Lösung finden“, sagt Seide. Trotz der Versorgungskrise ist da momentan sehr viel Bewegung in der Debatte: „Wir können leider nichts Verbindliches sagen“, bedauert Seide.

Der Erlös der Biogasanlagen setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Dazu gehört der Stromverkauf an der Börse über die Direktvermarkter, aber auch Erlöse aus der Bereitstellung von Regelenergie. Wovor er dringend warnt: Würde die Politik in diesen Markt eingreifen, hätte das gravierende Auswirkungen auf den Strommarkt. „Es wäre fatal, wenn flexible Biogasanlagen abends um 20 Uhr, wenn die Preise nach oben gehen, nicht mehr einspeisen, weil sie Angst haben, dass sie keinen Gewinn mehr machen dürfen“, sagt Seide. Solange diese Diskussion noch anhält, startet die Branche weiterhin nicht durch, erwartet er.

Weitere Hemmschuhe

Völlig unverständlich ist dem Fachverband auch die Haltung der Bundesnetzagentur zum Thema Redispatch 2.0. bei dem neuen Netzengpassmanagement werden Anlagen zeitweise abgeregelt, um Probleme im Stromnetz zu vermeiden. „Es ist aber widersinnig, dass wir in der aktuellen Versorgungslage auch Biogasanlagen abregeln, bei denen dann das zuviel erzeugte Gas abgefackelt werden muss und die Wärme dann aus anderen Quellen stammen muss“, kritisiert Dr. Claudius da Costa Gomez, Hauptgeschäftsführer im Fachverband Biogas. Bisherige Gespräche mit der zuständigen Bundesnetzagentur hätten zu keiner Lösung geführt. Jetzt sucht der Verband nach einer politischen Lösung.

Zusätzlich gibt es weitere Hemmschuhe wie lange Genehmigungsverfahren oder andere rechtliche Hürden wie das EEG. So könnten viele Landwirte auch in Güllekleinanlagen aus Gülle und Mist deutlich mehr Biogas produzieren, sind aber per Gesetz in der Produktion gedeckelt. Daran ändert auch das Energiesicherungsgesetz nichts. „Wäre Biogas fossiles LNG, würde es viel schnell gehen“, sagt da Costa Gomez sarkastisch. Das führe dazu, dass die Branche hochgradig frustriert und aufgebracht sei. „Es ist schizophren: Die Bundesregierung sagt ständig, wir bräuchten jede Kilowattstunde. Wir könnten Energie verlässlich zu jeder Zeit und zu jedem Nutzen liefern, dürfen aber nicht“, kritisiert er. Dazu kommt: Selbst, wenn die Anlagen jetzt investieren würden, wüssten sie nicht, wie in zwei Jahren der Markt aussieht. Zuviel Vertrauen in die Politik ist in der Vergangenheit verloren gegangen.

Kaum Zubau im Jahr 2021

Der Zubau an neuen Anlagen (netto, abzüglich der Stilllegungen) lag 2021 bei lediglich 138 neuen Anlagen, die meisten davon sind Güllekleinanlagen bis 100 kW Bemessungsleistung. Nur zwei größere neue Vorortverstromungsanlagen sind in Betrieb gegangen sowie zwei Bioemethananlagen. Insgesamt 14 Anlagen wurden stillgelegt. „Das waren vor allem kleinere, ältere Anlagen im Süden“, berichtet Fachverbandsgeschäftsführer Manuel Maciejczyk. 2022 werden voraussichtlich 109 neue Anlagen dazu kommen, auch wieder überwiegend Güllekleinanlagen, dazu drei Vorortverstromungsanlagen und sechs mit Aufbereitung von Biogas zu Biomethan.

Weitere Branchenentwicklungen:

  • Beim Zubau der installierten Leistung gab es ein leichtes Plus auf 5860 MW und eine leichte Erhöhung der arbeitsrelevanten (nicht flexiblen) Leistung auf 3528 MW. Das bedeutet: Rund 2 Gigawatt (2000 MW) Leistung sind flexibel und können dem jeweiligen Bedarf angepasst werden. Diese Leistung wächst kontinuierlich.
  • Bei den Bundesländern hat sich nichts verändert: Die meisten Anlagen stehen weiterhin in Bayern (2641, Stand Ende 2021), gefolgt von Niedersachsen (1735) und Nordrhein-Westfalen (1136), Baden-Württemberg (1012) und Schleswig-Holstein (879).
  • Bei der installierten Leistung dagegen liegt Niedersachsen vorn mit 1451 MW, gefolgt von Bayern (1362 MW) und dann mit einem Abstand Baden-Württemberg (560 MW) und Schleswig-Holstein (511 MW).
  • Der Zubau 2021 war mit 56 Güllekleinanlagen in Bayern am größten, gefolgt von Niedersachsen (26 Güllekleinanlagen) und Schleswig-Holstein (16 Güllekleinanlagen).
  • Nach Bayern (64 MW) gab es den größten Leistungszwangs in Brandenburg (plus 26 MW), sowie Baden-Württemberg und Niedersachsen (jeweils plus 25 MW). „Bayern sticht hier heraus, weil hier die Installation der flexiblen Leistung verzögert erfolgt. In den Jahren davor war Niedersachsen hier Vorreiter“, sagt Maciejczyk.
  • Die Zahl der Biomethananlagen könnte von 238 im Jahr 2021 auf 244 in 2022 steigen.
  • Im Jahr 2021 haben Landwirte auf 1,2 Mio. ha Energiepflanzen für Biogasanlagen angebaut, davon 940.000 ha Mais und 201.700 ha Getreide (für Ganzpflanzensilage). Der Rest sind Körnergetreide und sonstiges. Zusätzlich haben die Anlagen Grassilage von 107.000 ha vergoren. „Die Tendenz der Maisanbaufläche ist seit Jahren sinkend und wird auch weiter sinken“, ist der Geschäftsführer überzeugt.
  • Die Anlagen haben 2021 33,5 Mrd. kWh Strom und 15,4 Mrd. kWh Wärme erzeugt. „Die genutzte Wärmemenge steigt im Jahr 2022 auf ca. 17,4 Mrd. kWh, weil die Anlagen Wärmenetze ausbauen, aber auch mehr frisches Holz trocknen, das dann sofort als Brennstoff noch in diesem Jahr eingesetzt werden kann“, sagt Maciejczyk. In einigen Regionen ist die Nachfrage nach Biogas-Abwärme so groß, dass gar keine Wärme mehr zur Verfügung steht.
  • Die Umsätze könnten aufgrund der gestiegenen Preise für Strom und Wärme von 9,9 Mrd. € im Jahr 2021 auf 11,1 Mrd. € im Jahr 2022 steigen.
  • Weil aber weniger Anlagen neu gebaut werden und auch die Nachrüstung auf den flexiblen Betrieb nachlässt, erwartet der Fachverband, dass die Zahl der Arbeitsplätze von 2021 von 50.000 auf 49.000 im Jahr 2022 sinkt.

„Auch wenn das Wachstum nur gering ist: Angesichts der früheren Prognosen verschiedener Institute, dass die Biogasbranche schrumpft, sind das immerhin positiv stimmende Ergebnisse“, sagt Präsident Seide. Das Wachstum ist zudem marktgetrieben. Das führt dazu, dass auch Anlagen weiter betrieben werden können, die nach zwanzig Jahren keine Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehr erhalten oder Anlagen reaktiviert werden, die bereits stillgelegt werden.

Er sieht den Biomethanmarkt weiterhin wachsen. Dieses werde nicht nur durch die aktuelle Lage getrieben, sonder war schon vor dem Krieg da. Grund ist der Anreiz, der sich mit dem Verkauf von Treibhausminderungsquoten im Kraftstoffmarkt ergibt. „Wir haben aber noch viele bürokratischen Hemmnisse, um eine Biomethananlage ans Netz anzuschließen. Das dauert zwei bis fünf Jahre je nach Standort“, bemängelt Seide. Die Branche selbst hätte großes Interesse: Weit über ein Drittel der Anlagen beschäftigt sich mit dem Thema Biomethan, schätzt der Präsident.

Länder sind gefordert

Silke Weyberg, Geschäftsführerin des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) Niedersachsen-Bremen, erläutert die aktuelle Entwicklung: „Wir erkennen die angekündigten und teilweise beschlossenen, bundespolitischen Maßnahmen zur Steigerung der Biogasproduktion an. Jetzt ist aber auch das Land ist gefordert, klare genehmigungsrechtliche Vorgaben für Biogasanlagen zu machen.“ So müsse die externe Gärrestlagerung der Güllelagerung gleichgestellt und ein schneller Wechsel der Inputstoffe erleichtert werden. „Leider ist auch dies in Niedersachsen besonders schwierig, da die Genehmigungsbehörden ein Verwertungskonzept fordern.“

Darüber hinaus sei es elementar, die Sonderrolle der Biogasanlagen im Energiesystem anzuerkennen, so Weyberg weiter. „Es sind vor allem diese Anlagen, die in der aktuellen Energiekrise kurzfristig und erneuerbar ihre Energiebereitstellung ausweiten können und damit insbesondere in flexibler Fahrweise Gaskraftwerke ersetzen können. Hierzu müssen konsequent rechtliche Hürden ausgesetzt werden und für die Betreiber endlich Sicherheiten geschaffen werden, auf die aktuelle Situation reagieren zu können.“

„Die Biogasbranche in Schleswig-Holstein kann einen noch größeren Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten und die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Wir hoffen, dass die Landesregierung über die auf Bundesebene erforderlichen Gesetzesänderungen hinaus Maßnahmen ergreift, um dieses Potenzial zügig zu nutzen“, betont auch Marcus Hrach, Geschäftsführer LEE SH. Hrach weiter: „Insbesondere in Schleswig-Holstein bietet sich die Bündelung und der Anschluss von sogenannten Biogaspools an das Gasnetz an, sowie der Ausbau von kommunalen Wärmenetzen auf Basis erneuerbarer Energien.“

Wo der Ausbau stockt

In anderen Ländern stockt der Ausbau stärker: „In Thüringen ist 2021 keine neue Biogasanlage ans Netz gegangen“, sagt Jana Liebe, Geschäftsführerin des Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerks (ThEEN). Dagegen ist sogar eine Anlage stillgelegt worden. Damit verringerte sich die Gesamtzahl der Anlagen auf 277.

Nach der vom Fachverband Biogas aktuell veröffentlichten Branchenstatistik sind in Nordrhein-Westfalen nur acht Biokraftwerke neu ans Netz gegangen. „Der Biogasausbau findet in NRW so gut wie nicht mehr statt“, kommentiert LEE-Geschäftsführer Christian Mildenberger die „extrem bescheidene Ausbilanz“. Bereits im Vorjahr 2020 hatte NRW mit nur 15 neuen Anlagen einen Tiefpunkt beim Biogasausbau erlebt.

Dass NRW mit lediglich acht Neuanlagen im Ländervergleich nach Bayern, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein immerhin noch auf Platz 5 gelandet ist, bewertet Mildenberger als deutliches Indiz dafür , „wie sehr die Politik die Biogasnutzung in den zurückliegenden Jahren vernachlässigt hat, was auf falsche Förderbedingungen zurückzuführen ist.“ Das Potenzial des Multitalents Biogas mit dem die grüne Stromerzeugung, die Wärme- sowie die Mobilitätswende gezielt ausgebaut werden könnten, werde nur in Ansätzen genutzt. Eine Trendumkehr sei zudem nicht in Sicht.

Biogas-Gipfel gefordert

Deshalb fordert der LEE NRW sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene einen Biogas-Gipfel, an dem die Politik, Betreiber von Biogasanlagen, der Deutsche Bauernverband und auch die Landwirtschaftskammern teilnehmen sollen. „Wir müssen endlich den Energieträger Biogas entfesseln, dessen Stellenwert für die heimische Energieversorgungssicherheit angesichts der ausbleibenden Erdgasimporte aus Russland einfach größer werden muss“, so Mildenberger.

Von diesen Biogas-Gipfeln verspricht sich der LEE NRW auch, dass eine Reihe von sich widersprechenden Regelungen und Verordnungen für die Biogasnutzung vereinheitlicht werden. So schreibt beispielsweise das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine sogenannte hydraulische Verweilzeit der Substrate in den Fermentern von 150 Tagen vor, da anderenfalls der EEG-Vergütungsanspruch entfällt. Die für Biogasbauern ebenfalls bindende Technische Anleitung (TA) Luft lässt nach Analyse des Restgaspotenzials dagegen eine kürzere Verweildauer zu.

Nach dem jüngst geänderten Energiesicherungsgesetz 3.0, das Biogasanlagen für die kommenden Monate eine höhere Gasproduktion ermöglicht, bedarf es ohnehin neuer gesetzlicher Vorgaben für die Verweilzeit. Experten gehen davon aus, dass mit einer geänderten Substratzusammensetzung die maximale Verweilzeit von 150 Tagen nicht eingehalten werden kann.

Auf der Tagesordnung der Biogas-Gipfel in Bund und Land muss nach Einschätzung des LEE NRW auch eine verpflichtende Einführung einer „Brauen Tonne“ in allen Städten und Gemeinden stehen, mit der biogene Reststoffe eingesammelt und für die Umwandlung zu Biogas genutzt werden. „Es ist der reine Irrsinn, dass dieser wichtige Rohstoff in vielen Kommunen nach wie vor ungenutzt bleibt und teilweise mit hohem Energieaufwand in Müllerverbrennungsanlagen verheizt wird“, klagt Mildenberger.

Für diese Legislaturperiode hat sich die schwarz-grüne Landesregierung den Bau von zusätzlichen 1.000 neuen Windenergieanlagen zum Ziel gesetzt. Mildenberger: „Es wäre schön, wenn wir auch für den Biogassektor noch ein konkretes Ausbauziel bekommen.“

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