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topplus Futteraufnahme und Kosten

Hähnchen lieben Larven - Aktuelle Versuche mit der Soldatenfliege

Insekten wären ein artgerechtes Futtermittel für Geflügel und Schweine. Bis zur landwirtschaftlichen Praxis ist es noch ein weiter Weg. Hürden sind die hohen Kosten und das Futtermittelrecht.

Lesezeit: 5 Minuten

Unsere Autorin Brigitte Stein hat diesen Bericht erstmals veröffentlicht im bioland-Fachmagazin 8/2023:

Broiler zögern nicht, wenn sie Maden der Schwarzen Soldatenfliege angeboten bekommen: Sie picken um die Wette und in wenigen Sekunden ist der Futtertrog leer. Das zeigen Versuche an der Technischen Hochschule Bingen im EIPAgri-Projekt InsectProÖko und Insect4Wel.

Insektenmehl ist eine hochwertige Proteinquelle und kann Sojaextraktionsschrot und Fischmehl in konventionellen Futtermischungen für Masthühner bis zu einem Anteil von 10 % ersetzen. Mit einer solchen Menge Larvenmehl im Futter wuchsen die Broiler genauso gut heran wie mit herkömmlichem Mastfutter. Bekamen sie allerdings noch mehr von dem Larvenmehl, verdauten sie Protein und Energie im Futter während der Starterphase deutlich schlechter.

In der Growerphase beeinträchtigte die Fütterung mit Larvenmehl die Verdaulichkeit von Protein auch dann nicht, wenn es das Sojaschrot vollständig ersetzte. Diese aktuellen Ergebnisse präsentierte Nathalie Stöhr vom Fachbereich Tierernährung der TH Bingen Mitte Juli 2023 den Besuchern im Rahmen einer Exkursion der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume und des Netzwerks Fokus Tierwohl.

Bereits in einem ersten Versuch an der TH mit lebenden Larven der Schwarzen Soldatenfliege hatte sich gezeigt, dass die Broiler weniger Basisfutter verbrauchen und schneller zunehmen, wenn sie 5 % der Ration als lebende Fliegenlarven picken dürfen, berichtete die Forscherin.

Mit Beginn der Finisherphase wurde die Menge an lebenden Larven auf 10 % erhöht und es zeigten sich weiter deutlich bessere Wachstumsraten bei geringerem Futterverbrauch. „Darüber hinaus ist es schön zu sehen, wie sich die Tiere über den täglichen Snack freuen“, erklärte Stöhr.

Reststoffe gezielt gemischt

In dem Projekt InsectProÖko erforschen Wissenschaftler umfassend das Potenzial der Schwarzen Soldatenfliege für regionale Wertschöpfungsketten: Von der Fütterung mit regionalen Reststoffen bis hin zur Verwertung der Reste aus der Larvenmast, dem „Insektenfrass“. In dieser Wertschöpfungskette ist die Larve der Soldatenfliege das erste Nutztier.

„Als Tierernährerin will ich genau wissen, mit welcher Futtermischung die Larven am besten wachsen und wie ich ihre Inhaltsstoffe, also ihren Futterwert, beeinflussen kann“, sagte Laura Schneider von der Arbeitsgruppe Tierernährung von Prof. Dusel. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin hat gemeinsam mit Kollegen die „Binger Diät“ für die Schwarze Soldatenfliege entwickelt.

Nahe der Hochschule in Rheinland-Pfalz fallen Gemüsereste und Trester als regionale Reststoffe in großen Mengen an. Eine effiziente Larvenmast gelingt damit aber nicht. Darum enthält die Binger Diät auch noch Rapspresskuchen, Weizenschlempe, Altbrot und Keksmehl. „Auf Basis dieser Nebenprodukte ist eine effiziente Aufzucht der Larven möglich. Damit können wir das hochwertige Broilerfutter, das Insekten sonst bekommen, ersetzen und regionale Nebenprodukte verwerten, die sonst in der Biogasanlage landen“, berichtete Schneider.

Im Lauf der zwölf Tage, die sie bis zum Mastende benötigen, verändert sich der Nährstoffbedarf der Larven. „Sie können bei falscher Ernährung sogar verfetten“, hat Schneider beobachtet.

Viel Fett zum Protein

Für die Tierernährung mit getrockneten Larven sind die ganzen Larven zu fett. Daher wird aus den getrockneten Maden üblicherweise das Fett abgepresst, so dass proteinreiches Insektenmehl entsteht (siehe Tabelle).

„Bei der einfachen Analyse wird der Proteingehalt überschätzt, weil der Chitinpanzer Stickstoff enthält“, schränkte Dr. Philipp Hofmann von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft ein. Seine Analysen zeigten, dass das Aminosäuremuster der Larven stark variiert.

Für die Geflügelfütterung empfiehlt er, nach individuellen Analysen Aminosäuren gezielt zu ergänzen, was in der Öko-Tierhaltung nicht zulässig ist. Grundsätzlich schließt die EU-Ökoverordnung bislang Insekten und Insektenmehl als Futtermittel für Bio-Tiere aus, weil die notwendige Durchführungsverordnung fehlt.

Für eine Veränderung macht sich in Brüssel Heinrich Katz, Geschäftsführer der Vereinigung Ipiff (International Platform for Insects for food and feed) stark. Er argumentiert unter anderem, dass Insekten als Lebensmittel zugelassen sind. Es gelte nun, sich über die Futterqualität der Insekten zu einigen, die Öko-Tieren als Futter dienen sollen.

Die Binger Diät der Soldatenfliegenlarven besteht aus Nebenprodukten, die EU-anerkannte Futtermittel sind, erklärte Laura Schneider. Dies ist erforderlich, weil die Larven Nutztiere sind und später als Futter für Broiler und Ferkel dienen.

Strenges Futtermittelrecht

Das Futtermittelrecht macht eindeutige Vorgaben und setzt damit der Reststoffverwertung Grenzen. Von ihrem biologischen Potenzial her könnten die Larven auch auf organischen Produkten gedeihen, die nicht für die Lebensmittelproduktion geeignet sind wie Gülle.

Dies schließt das Futtermittelrecht aber aus, betonte Dr. Arnhild Wolter vom Referat für Futtermittelsicherheit beim Bundeslandwirtschaftsministerium. Die EU-Verordnung 767/2009 listet alle Stoffe auf, die in der Tierernährung verboten sind. Dazu zählen verarbeitete tierische Proteine, Küchen- und Speiseabfälle, Fleisch- und Knochenmehl sowie Gülle.

Der Schutz der Lebens- und Futtermittelkette vor einer Kontamination mit unerwünschten Stoffen hat hohe Priorität. Das hob auch Antja Rübekeil von der Futtermittelüberwachung am Regierungspräsidium Gießen hervor. Daher stehen die Behördenvertreterinnen auch der Idee skeptisch gegenüber, für die Verwertung in technischen Prozessen gemästete Insekten mit Stoffen zu füttern, die keine Futtermittelzulassung haben.

Selbst Insekten, die an Heimtiere verfüttert werden, müssen nach EU-Futtermittelrecht gefüttert werden, betonte Wolter. Als Futterinsekten sind mit der EU-Verordnung (EU) 2017/893 acht Insektenarten zugelassen, berichtete Wolter: Soldatenfliege, Stubenfliege, Mehlkäfer, Getreideschimmelkäfer, Heimchen, Kurzflügelgrille, Steppengrille und Seidenspinner.

Zudem schränkt das EU-Recht das Verfüttern der Insekten ein: Verarbeitetes Insektenprotein und -fett darf man an Heimtiere, Fische, Geflügel und Schweine füttern. Ob lebende Insekten als Futter infrage kommen, obliegt nationalen Gesetzen.

Privatleute zahlungskräftig

Derzeit ist Heimtierfutter der größte und wichtigste Markt für Insektenprotein, erklärte Wolfgang Westermeier, Geschäftsführer der Farminsect GmbH. Der Petfoodmarkt ermögliche die notwendige Wertschöpfung für die Insektenaufzucht. Denn der Prozess ist trotz des Futters aus Reststoffen sehr aufwendig, Klimatisierung und Hygienisierung verbrauchen viel Energie.

Auf rund 4.000 Euro/t Insektenmehl bezifferte Westermeier die Produktionskosten. Anderes verarbeitetes tierisches Protein, das dem Futtermittelrecht entspricht (VTP), koste zwischen 800 und 1.000 Euro/t. Farminsect bietet Landwirten Technik und Beratung an, wenn sie in die Insektenmast einsteigen wollen.

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