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topplus Bauern im Überlebenskampf

So dramatisch ist die Lage für die Bauern in der Ukraine - ein Praxisbericht

Jeden Tag fehlte ein weiterer Mitarbeiter: Für die Bauern in der Ukraine geht es ums Überleben. Sie sind gezwungen zu improvisieren. Der Planungshorizont liegt bei zwei Wochen.

Lesezeit: 15 Minuten

Dramatisch ist nach Einschätzung von einem der führenden Agrarunternehmer der Ukraine, Dr. Alex Lissitsa, die derzeitige Lage der Landwirtschaft in seinem Heimatland. Acht Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges sei die fehlende Liquidität das größte Problem der Betriebe, sagt das Präsidiumsmitglied im Ukrainian Agribusiness Club (UCAB) im Interview mit AGRA-EUROPE.

Es geht ums Überleben

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Dr. Alex Lissitsa war früher einige Jahre am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle tätig und hatte an der Berliner Humboldt-Universität promoviert.

AgE:Sie sind Chef einer großen Agrarholding. Wie ist das Unternehmen aufgestellt, wie ist es ihm seit Beginn des Krieges ergangen?

Lissitsa: Wir bewirtschaften rund 120.000 ha Land, verfügen über sechs Siloanlagen mit einer Gesamtlagerkapazität von 550.000 t und betreiben eine Milchviehanlage mit 1.000 Milchkühen. Unsere Betriebe liegen im Norden und der Zentralukraine. Bis auf einen waren alle Betriebe in den ersten vier Kriegstagen okkupiert. Wir hatten keinen Zugang zu unseren Büros, zu unseren Konten, zu unserer Technik und fast allen unserer Silos.

Jeden Tag fehlte jemand

Wer waren die Besatzer?

Lissitsa: Die Soldaten waren teilweise aus Sibirien, Angehörige ethnischer Volksgruppen aus weit abgelegenen Landesteilen in Russland. Die sind zum Teil brutal vorgegangen, angefangen von Diebstählen über Zerstörungen bis hin zu Vergewaltigungen. Schon am dritten Tag fehlten ihnen Nahrungsmittel und Wasser. Was sie brauchten, haben sie sich geholt.

Gab es Gewaltexzesse?

Lissitsa: Ja! Es hat Tote gegeben, auch unter unseren Mitarbeitern.

Was war Ihre Aufgabe?

Lissitsa: Ich war bei Beginn des Angriffs in Kiew und bin dann zunächst Richtung Lwiw gefahren. Der Arbeitstag begann bei mir mit der simplen Frage im Chat mit 36 leitenden Angestellten, wer nicht mehr am Leben ist. Jeden Tag fehlte jemand. Das war eine heftige Herausforderung für uns alle.

Die Kämpfe waren im Norden von Kiew, an der Grenze zu Chernihiv. In den 44 Tagen, in denen dieses Gebiet besetzt war, war unsere Milchviehanlage komplett von der Versorgung abgeschnitten. Der Veterinär ist auf dem Weg zur Anlage, die zu den modernsten im Land gehörte, ermordet worden. Es gab keinen Strom. Unsere Mitarbeiter haben versucht, die Tiere mit den Händen zu melken. Milchverkauf ging gar nicht mehr, die Milch haben unsere Leute in den Dörfern verschenkt.

Als wir nach dem Abzug der Russen zurückgekommen sind, war von der Herde praktisch nichts mehr übrig. Einige Tiere waren verendet, andere krank. Wir haben die übrig gebliebenen Tiere schlachten müssen. Endgültig ist die Milchviehanlage am 1. September geschlossen worden.

Ähnliches gilt für eine große Siloanlage am Rand der Stadt Chernihiv mit 100.000 t Getreide. Die ist von 46 Raketen getroffen worden. Die Anlage aus Sowjetzeiten ist schwer beschädigt, steht aber noch. Immerhin konnten wir 76.000 t Mais retten. Mit Hilfe der ukrainischen Armee haben wir alle Raketen rausholen können.

Überall Minen, oft Luftalarm

Wie funktioniert der Transport?

Lissitsa: Um die Stadt Chernihiv herum, meine Heimatstadt, führt ein Fluss namens Desna. Die Eisenbahnbrücke über die Desna ist zerstört worden. Inzwischen ist sie weitgehend repariert und der Transport läuft wieder. Allerdings können nicht wie früher Züge mit 55 Waggons über die Brücke fahren, sondern nur mit fünf oder sechs Waggons, da sie ansonsten zusammenbrechen könnte. Wir haben einiges abtransportieren können, haben aber noch Mais aus 2020/21.

Sind Ihre Flächen nutzbar?

Lissitsa: In dieser Region haben wir knapp 32.000 ha. Die waren zum Teil vermint. Hinzu kommt, dass die Russen Minen an allen möglichen Stellen liegen gelassen haben, angefangen von Landstraßen bis in irgendwelchen Wäldern und Feldern. Es gab auf den Feldern viele Reste von Raketen, von denen man nicht wusste, ob die explodiert sind oder nicht. Es hat noch einmal vier Monate gedauert, diese Felder zu räumen.

Komplett?

Lissitsa: Wir dachten im Sommer, dass wir durch sind mit Hilfe der ukrainischen Armee. Wir wollten dann noch 3.000 ha Weizen ernten, bis wir von unserer Armee erfahren hatten, dass sie dieses Gebiet vermint hatte. Mittlerweile wissen wir, wo die Minen liegen. Unsere Mitarbeiter wissen, wo sie auf dem Feld hinfahren dürfen und wo nicht.

Mittlerweile sind schon 400 unserer Leute bei der Armee

Aktuell wird die Ukraine mit Raketen- und Drohnenangriffen überzogen. Wie erleben Sie das?

Lissitsa: Wir haben auf dem Handy ein Programm das Luftalarm anzeigt. Letztes Mal wurde heute, am 12. Oktober, um 12.49 Uhr Luftalarm ausgelöst. Der hat vier Stunden gedauert, bis 16.20 Uhr. Diese Raketen und Drohnen fliegen aus allen möglichen Ecken und man weiß nur eine Richtung. Zwei Raketen heute wurden in der Nähe von Chernihiv abgeschossen, und alle müssen jetzt Schutz finden. Es muss schnell vorbereitet werden, was man bei Alarm mit der Technik macht. Das ist ein Riesenaufwand.

Sie hatten nach meinen Informationen zu Kriegsbeginn 2.000 Mitarbeiter. Wie ist der Stand heute?

Lissitsa: 200 sind bereits zu Kriegsbeginn eingezogen worden. Zwar wurden dann landwirtschaftliche Betriebe zunächst für sechs Monate von der Mobilisierung freigestellt. Diese Frist ist aber mittlerweile abgelaufen. Außerdem gilt die Freistellung nicht für Mitarbeiter unter 35. Die werden jetzt zunehmend eingezogen.

Mittlerweile sind schon 400 unserer Leute bei der Armee. Gerade bei uns in der Grenzregion ist es sehr schwierig, überhaupt Arbeitskräfte zu finden. Wir greifen inzwischen auf Rentner zurück, die für die Feldarbeit geeignet sind.

Ist es bislang gelungen, den Betrieb am Laufen zu halten?

Lissitsa: Ja, der Betrieb läuft, auch wenn ich im August gedacht habe, dass wir auf Stand-by gehen sollten, weil wir nicht mehr wussten, wohin mit dem Getreide. Wir haben in dieser Zeit 10.000 t bis 15.000 t pro Monat exportiert. Normalerweise sind es zwischen 80.000 t und 100.000 t. Alles war alles voll mit Getreide. Es gab die Überlegung, zunächst nicht weiter anzubauen und stattdessen in den nächsten fünf bis sechs Jahren Lagermanagement zu machen und nur zu verkaufen.

Wir haben dann beschlossen, doch weiter zu machen. Wir können nicht die Arbeit auf den Feldern einstellen, während die Armee an der Front kämpft.

Rund 80 % der Devisen werden derzeit vom Agrarsektor erwirtschaftet. Das heißt, von unserer Arbeit hängt die ganze Volkswirtschaft ab. Diese Überlegung hat ebenfalls eine Rolle gespielt. Wir sind auch ein Vorbild für viele andere Betriebe im Land. Hätten wir unsere Produktion eingestellt, wäre das ein verheerendes Signal gewesen. Wir machen also mit Vollgas weiter.

Was bedeutet das?

Lissitsa: Das bedeutet zum Beispiel, dass wir den Winterweizenanbau von 17.000 ha im letzten auf 33.000 ha in diesem Jahr fast verdoppeln.

Warum?

Lissitsa: Aus zwei Gründen. Zum einen müssen wir das Saatgut nicht unbedingt kaufen, sondern können auf unsere Vorräte zurückgreifen. Zum anderen wird Winterweizen in der Ukraine im nächsten Jahr knapp. Die ukrainischen Landwirte werden nicht in der Lage sein, die Aussaat vom letzten Jahr zu wiederholen.

2022 wurde in der Ukraine auf rund 6 Mio. ha Winterweizen angebaut. Geerntet wurden etwas über 30 Mio. t. Davon sind 10 Mio. t für den Eigenverbrauch; der Rest geht in den Export. Nach den aktuellen Zahlen liegt die Anbaufläche in diesem Jahr nicht mehr bei 6 Mio. ha, sondern bei lediglich 1,8 Mio ha. Wenn wir mit einem Durchschnittsertrag von bestenfalls Fall 5 t pro Hektar rechnen, kommen wir auf eine Gesamternte von 9 Mio. t.

Wir müssen sehen, wie der Winter wird und wie viele Düngemittel im Frühjahr zur Verfügung stehen. Ich glaube aber nicht, dass die Ukraine im nächsten Jahr in der Lage sein wird, Weizen zu exportieren. Damit könnten 2023 rund 10 % vom globalen Handel ausfallen. Das meine ich, wenn ich sage, die Lage unserer Landwirtschaft ist katastrophal.

Wie ist die wirtschaftliche Lage der Betriebe?

Lissitsa: Die Liquidität der ukrainischen Landwirte ist derzeit so schlecht wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wenn wir es im Frühjahr geschafft haben die Felder zu bestellen, war das nur möglich aufgrund der hervorragenden Ergebnisse im Vorjahr. Viele Betriebe haben 2021 Spitzenerträge und Spitzenergebnisse erzielt. Das ist jetzt aufgebraucht.

Der Krieg keine Logik

Inzwischen verkaufen wir unser Getreide zu Preisen unterhalb der Kosten. Es ist gut, dass durch den Grain Deal überhaupt Bewegung in den Markt gekommen ist, nachdem in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn so gut wie nichts exportiert wurde. Aber wir gehen klar ins Minus.

Woran liegt’s?

Lissitsa: Zu Buche schlagen vor allem die enormen Transportkosten. Das gilt sowohl für den Transport mit dem Zug als auch per Lkw. Früher lagen die Kosten für den Transport von Chernihiv nach Odessa mit dem Zug bei 25 €/t. Jetzt rechnen wir mit 75 €/t. Die Weizenpreise sind für die Ukraine, auch in Odessa, deutlich nach unten gegangen, weil die Versicherungen und die Fracht teurer geworden sind. Wenn der Preis in Ravenna 320 €/t beträgt, liegen wir in Odessa bei 210 €. Wenn wir von 210 € noch 75 € Transportkosten abziehen, dann kommen wir auf ein Ergebnis von 130 € bis 140 € die Tonne. Die Vollkosten belaufen sich aber bei mir auf 170 € bis 180 € die Tonne. Ich habe also unter dem Strich ein Minus von 40 €.

Wie gehen Sie damit um?

Lissitsa: Es geht ums Überleben. Ich habe für mich in den letzten sieben Monaten gelernt, dass der Krieg keine Logik hat. Ich habe einen Zeitplan oder einen Planungshorizont von zwei Wochen. Ich muss also in zwei Wochen alles tun was möglich ist, weil ich nicht weiß, was nach den zwei Wochen kommt.

Ich verkaufe so viel wie möglich, weil ich nicht weiß, ob nach diesen zwei Wochen der Grain Deal mit den Russen noch funktioniert. Putin möchte mehr Düngemittel und Getreide aus Russland verkaufen und hat angekündigt, den Grain Deal nicht zu verlängern, wenn die Partner seine Bedingungen nicht erfüllen. Schon jetzt bekommen wir für den November keine Schiffe mehr, weil keiner weiß, wie es weitergeht. Wir müssen also jetzt verkaufen, was geht.

Neue Kredits gibt´s nicht

Haben die Betriebe Zugang zu Krediten?

Lissitsa: Es wird schwieriger, weil die Banken auch nicht mehr so wahnsinnig viel Geld, die ukrainischen gar kein Geld mehr haben. Landwirte bekommen von ukrainischen Banken nur dann Kredite, wenn der Staat für die Absicherung sorgt. Abgedeckt sind 150 Mio. €. Der Bedarf liegt aber bei über 10 Mrd. €. Das heißt, da geht nichts.

Mit den ausländischen Banken, die in der Ukraine arbeiten, kann man Absprachen treffen, dass man die Tilgung von Krediten aus dem letzten Jahr aussetzt. Neue Kredite bekommt man gar nicht. Inzwischen verlangen aber sogar ausländische Banken peu-á-peu, Kredite wieder zu bedienen. Die Zinsen steigen, von 2,5 % bis 3 % im vergangenen auf etwa 5 % in diesem Jahr. Damit kommen wir noch gut davon. Andere Unternehmen sind schon glücklich, wenn sie 14 % oder 15 % angeboten bekommen.

Sie waren gerade bei der Weltbank in Washington. Mit welchem Ziel?

Lissitsa: Die Weltbank finanziert normalerweise Staaten. Unterhalb der Weltbank ist es jedoch die International Finance Cooperation (IFC), die auch Business finanziert. Ich habe in Washington intensiv geworben, dass die IFC sich im ukrainischen Agrarsektor engagiert.

Mein Eindruck ist, dass ich da auf Verständnis gestoßen bin, weil es international Riesenprobleme geben wird, wenn die Ukraine keinen Weizen mehr exportiert. Wenn dies auch für die Sommerkulturen der Fall sein würde und die Ukraine komplett als Lieferant ausfällt, wäre das eine globale Katastrophe. Denken Sie nur daran, dass Länder wie der Jemen derzeit zu 100 % von ukrainischen Weizen abhängig sind.

Von welchen Größenordnungen reden wir, wenn die Ukraine in die Lage versetzt werden soll, weiter zu exportieren?

Lissitsa: Wir reden jetzt von 20 Mio. ha, die bewirtschaftet werden sollen. Angenommen pro Hektar müssen zwischen 700 € oder 800 € finanziert werden, geht es um eine Summe zwischen 14 Mrd. € und 16 Mrd. €, die jetzt fehlt.

Die Agrarstruktur in der Ukraine sehr unterschiedlich. Sie reicht von Holdings wie in Ihrem Fall über Unternehmen mit bis zu 2.000 ha bis hin zu Hauswirtschaften. Wie stellt sich die Situation in den einzelnen Segmenten im Moment dar?

Lissitsa: Das ist sehr unterschiedlich und nicht vorrangig von der Größe oder der Struktur abhängig, sondern von der Region. Die Betriebe nahe der russischen Grenze haben durchweg Probleme. Alle kämpfen ums Überleben. Im Süden und Osten ist die Lage katastrophal. In der Westukraine funktioniert es noch ganz gut. Die Liquidität ist aber bei allen das Problem.

Knackpunkt wird im Frühjahr die Kapitalbeschaffung sein. Die kleinen und mittleren Betriebe, also Betriebe bis 2.000 ha, haben aus unterschiedlichen Gründen nie Bankkredite genommen, sondern über Landhandelsunternehmen finanziert, 30 % Vorkasse, 70 % nach der Ernte. Das funktioniert jetzt nicht mehr.

Wie sehen Sie die Rolle der ukrainischen Regierung mit Blick auf den Agrarsektor?

Lissitsa: Normalerweise werfe ich der Regierung ziemlich viel vor und diskutiere heftig mit denen. Aber was kann ich ihnen momentan vorwerfen? Sie haben in den letzten sieben Monaten acht Mal Haushaltsänderungen vornehmen müssen und die Ausgaben für die Armee erhöht. Das muss doch irgendwoher kommen. Es gibt nichts zu meckern. Es gibt kein Geld, und wir sind auf internationale Hilfe angewiesen.

Wir sollen mit dem zurechtkommen, was wir haben und es ist nun mal nicht so wahnsinnig viel. Die ukrainische Hrywnja ist um 40 % abgewertet worden. Alle Einkommen der Menschen sind um 40 % gegenüber der Vorkriegszeit gesunken. Aber keiner meckert und sagt, dass er höheren Lohn oder mehr Geld braucht. Alle sagen, dass wir jetzt etwas für die Ukraine tun müssen. Darum geht es momentan.

Mit Rentnern weiterarbeiten?

Wie ist die Lebensmittelversorgung auf dem Lande und in den Städten?

Lissitsa: Die Probleme zu Beginn des Krieges sind auch Dank der Hilfe der deutschen Bundesregierung gelöst worden. Mittlerweile ist es deutlich besser geworden. Alle Nahrungsmittel, die man braucht, kriegt man auch. Wir haben vom Agribusiness Club im Frühjahr eine Initiative mit dem Namen „Borschtsch“ gestartet, wo wir mit Hilfe von Saatgutfirmen über 150.000 Päckchen mit unterschiedlichen Samen und Saatgut an Hauswirtschaften verteilt haben. Inzwischen haben sie im Garten oder auf kleinen Parzellen etwas ernten können.

Hauswirtschaft spielt eine wichtige Rolle bei der Versorgung mit Gemüse oder Obst. Wenn wir die nicht hätten, wäre es noch schlimmer gekommen. Man darf nicht vergessen, dass Cherson das Tomatenanbaugebiet der Ukraine und Mariupol das Kirschenanbaugebiet ist.

Wenn Sie an den Wiederaufbau nach dem Krieg denken, was macht Ihnen am meisten Sorge?

Lissitsa: Ich weiß im Moment nicht, wie wir junge Menschen zurück aufs Land holen sollen. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich weiß nicht, wie viele Mitarbeiter wir nach dem Krieg aus dem Krieg bekommen. Vielleicht können wir dann nur mit Rentnern weiterarbeiten, ich weiß es nicht.

Wir haben das ganze Unternehmen schon auf Precision Farming und Digital Farming umgestellt. Bekommen wir die Menschen, die notwendig sind, um die moderne Technik zu bedienen? Niemand kann das jetzt beantworten.

In meiner Lieblingsstadt Chernihiv haben vor dem Krieg 300.000 Menschen gelebt, jetzt sind es noch 100.000. Kommen da wieder 200.000 dazu? Muss die Infrastruktur gebaut werden? Es gibt tausende Fragen, die im Moment leider nicht beantwortet werden können. Aber ich tendiere dazu, der Regierung zu empfehlen, jetzt schon über eine vernünftige Einwanderung in die Ukraine nachzudenken. Dabei geht es nicht um die Rückkehr geflüchteter Ukrainer, sondern um Menschen aus anderen Ländern. Um die müssen wir werben, damit sie zu uns kommen.

Was gibt Ihnen in diesen Tagen Hoffnung, dass es gut wird?

Lissitsa: Meine Mitarbeiter geben mir Hoffnung. Jeden Tag um 5.30 Uhr morgens habe ich eine Online-Beratung. Wenn sie jeden Tag unter den Bedingungen aufs Feld gehen und mir erzählen, dass es an dem Tag nur 200 oder 250 Raketen waren, also das war nichts, gestern war es ein bisschen mehr, das macht mir dann Hoffnung.

Vor einem Monat war ich auf dem Betrieb an der Grenze zu Russland, in Sumy, und erst einmal haben wir eine kleine Beratung auf dem Silobetrieb gehabt und dann sagte der Chef von dem Silo zu mir, dass wir etwa essen gehen wollen. Er habe schon alles für eine Fischsuppe vorbereitet. Rund 7 km von der russischen Grenze entfernt gibt es einen kleinen Fluss mit sehr vielen Fischen. Wir sind dann dahin gefahren und haben Fisch gefangen und Fischsuppe gemacht.

Während wir zusammen saßen und über die Welt, Politik, Gott und die Lage diskutiert haben, haben die Russen angefangen, auf uns zu feuern. Als ich zu ihm sagte, dass wir vielleicht lieber irgendwo anders hingehen sollten, meinte er nur, ich solle mir keine Sorgen machen, die Raketen schaffen nur 5 km, und wir sitzen in 7 km Entfernung. So weit kommen die nicht.

Dann kamen schwerere Raketen und er meinte, die fliegen deutlich weiter, da mach dir mal keine Sorgen. Die Menschen haben sich angepasst und gehen arbeiten und sie wissen, dass sie vielleicht nicht nach Hause kommen. Aber sie machen den Job für die Familie, das Land, das Unternehmen, und das gibt mir Hoffnung. Hoffnung macht mir auch, dass die Ukraine zusammengewachsen ist, leider auf Grundlage eines Krieges. Aber so, wie die Menschen miteinander umgehen und einander helfen, das ist unglaublich.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

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