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topplus Interview

Nach Austritt aus der VÖM: Frischer Wind bei der Gmundner Molkerei

Über die aktuelle wirtschaftliche Lage, den Bedarf an 150 Mio. kg Milch und die Gründe für den Austritt aus der VÖM sprach top agrar Österreich mit den beiden Geschäftsführern der Gmundner Molkerei.

Lesezeit: 10 Minuten

Fast ein wenig untypisch für ihre Position, locker und leger in Jeans mit hellblauem Hemd, empfangen mich die beiden Geschäftsführer der Gmundner Molkerei GmbH. Christoph Engl und Stefan Stein teilen sich ein überschaubar großes Büro, wo wir an einem runden Stehtisch auf Hockern Platz nehmen. Keine obere Vorstandsetage mit Direktor-Besprechungszimmer, wie man es sonst oft zu sehen bekommt.

Schnell gelesen

Als äußerst positiv beurteilen ­Christoph Engl und Stefan Stein den bisherigen Weg der mit dem Milchwerk ­Jäger ­fusionierten Molkerei Gmunden.

Das Sortiment wurde gestrafft. Man konzentriert sich auf erfolgversprechende Produkte wie Käse.

Die Verarbeitung soll steigen. Engl und Stein sehen Kapazitäten für 150 Mio. kg.

Am Projekt Tierhaltung Plus nimmt die Gmundner Molkerei vorerst mit rund 500 Bauern und 90 Mio. kg teil.

Jung und Dynamisch

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Erfrischend jung und dynamisch wie ihr Auftreten ist ihr Alter. Christoph Engl, seit der Fusion von Gmunden mit Jäger aus Haag in Bayern im November 2022 zuständiger Geschäfts­führer für den Vertrieb und das Kaufmännische, ist erst 35 Jahre alt. Aber er ist schon seit mehr als sieben Jahren in der Gmundner Molkerei tätig.

Stefan Stein (40) ist bereits seit 17 Jahren beim Milchwerk Jäger als technischer Leiter tätig. Seit November 2022 ist er in Gmunden als weiterer Geschäftsführer für Produktion und Technik verantwortlich. Stein betont, dass man Hermann Jäger zugutehalten müsse, dass er gerne jungen Leuten eine Chance in der Verantwortung geben würde. top agrar Österreich bat beide zum Gespräch.

Herr Engl, Herr Stein, die Gmundner Molkerei und die Milchwerke Jäger wurden mit 1. November 2022 fusioniert. Wie sind die Besitzverhältnisse im Unternehmen geregelt?

Engl: Die Gmundner Molkerei GmbH ist eine 100%ige Tochtergesellschaft der Milchwerk Jäger GmbH. Die Molkerei Genossenschaft, in der 1.770 Mit­glieder zusammengeschlossen sind, ist an Jäger, also an der Muttergesellschaft, beteiligt. Die Kapitalanteile sind 40,15 % bei der Gmundner ­Molkerei Genossenschaft und 59,85 % bei der Familie Jäger. Aber die Stimmrechte sind 50 : 50 geteilt.

Wie sieht Ihre Grundidee für den Standort Gmunden aus?

Stein: Wir versuchen im Zuge dieser Fusion, Gmunden so zu konsolidieren, dass wir das im Sinne vom Hause Jäger weiterführen. Die Molkerei ist ja operativ komplett aus der Genossenschaft heraus und wird jetzt wie der Standort Haag als GmbH geführt. Wir versuchen, auch Gmunden wie ein Privat­unternehmen zu führen, und ­flexibel und schnell zu agieren. Grundsätzlich ist es ja so: Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnelle frisst den Langsamen. Von daher versuchen wir da schon, den Standort aktiv umzugestalten, dass wir effizienter und schlagkräftiger werden.

„Wir erfassen AMA Gütesiegel Plus-Milch nur auf passenden Touren.“
Christoph Engl

Wie hat sich das Geschäft für die Gmundner Molkerei seit der Fusion vor gut anderthalb Jahren entwickelt?

Engl: Spannend, aber absolut positiv. Gmunden war seit über 90 Jahren eine operative ­Genossenschaft, die vom Vorstand der Genossenschaft mit Geschäftsführern geführt wurde. Da ist der Übertritt in eine Kapitalgesellschaft, wo Entscheidungen viel schneller getroffen werden, schon eine Challenge für die Belegschaft und für uns, dass man alle an Bord hält. Wir glauben aber, dass wir diesen notwendigen Drive gut an die Kollegen weitergegeben haben. Und so haben wir durchaus viel bewegt im letzten Jahr, sowohl von der organisatorischen Struktur, die sich natürlich völlig ­verändert hat, aber auch von der He­rangehensweise an viele Dinge und ­Projekte.

Stein: Wir haben zunächst das Sortiment gestrafft. Wir haben einige Produkte, die wir so nicht mehr herstellen. Als klassische Genossenschaft in Österreich hat Gmunden fast das komplette Sortiment hergestellt. Und wir haben uns vorgenommen, dass wir uns auf wenigere beschränken, aber dafür mit mehr Effizienz, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Voriges Jahr haben wir mit den ersten Becher-Produkten wie Joghurt aufgehört, weil die Anlagen am Ende der Laufzeit waren.

Engl: Ein weiterer Schritt ist, dass wir mit April unseren zweiten Standort in Sattledt schließen. Der ist nur 35 km von hier entfernt. Dort haben wir aus ungefähr 50 Mio. kg Anlieferungsmenge H-Milch und Cottage-Cheese hergestellt. Mit Letzterem hören wir ebenfalls auf. Mit der Schließung von Sattledt haben wir die Produktionsmengen nach Gmunden verlagert. ­Damit ist auch eine Effizienzsteigerung hier am Standort einhergegangen.

Wie viel mehr Milch verarbeiten Sie jetzt hier in Gmunden?

Stein: Wir haben in Gmunden 2023 etwa 10 % mehr verarbeitet. Der Großteil davon stammt aus Sattledt. Nach dessen Schließung wandert noch eine weitere Menge von dort nach Gmunden. Trotz der gesteigerten Verarbeitungsmengen haben wir deutlich weniger Abwasser- und Frischwasseranfall sowie Ener­giebedarf gehabt. Hier haben wir ­dennoch einige Hausaufgaben zu erledigen, dass wir konkurrenzfähig sind.

Engl: Gleichzeitig wollen wir die Auslas­tungen im Werk hier in Gmunden noch steigern. Ein großer Punkt war sicherlich der Bau der zweiten Linie, der Pasta Filata-Käserei, hier am Standort. Diese haben wir zum Jahreswechsel in Betrieb ­genommen und die Verarbeitung in diesem Bereich um 30 % erhöht. Und kürzlich haben wir noch die Molke-Verarbeitungskapa­zität durch Installation einer neuen Anlage erhöht.

Sie sind dabei, den Standort Gmunden noch effizienter zu betreiben. Worum geht es dabei im Detail?

Stein: Früher war dieser Betrieb ein klassischer Verkaufsbetrieb. D. h., er hatte immer Überschussmilch. Wir haben z. B. von 2022 auf 2023 ca. 8 % mehr Anlieferungsmilch von unseren eigenen Landwirten. Diese Mengen sind früher auf dem Spotmarkt ­gelandet. Wir sind durch unsere bisherigen Maßnahmen in der Produktion schon in der Situation, dass wir keine Milch mehr am Sportmarkt verkaufen. Wenn nötig, verlagern wir maximal Milchmengen ins Werk nach Haag. Das ist sicherlich auch ein Synergieeffekt, den wir jetzt nutzen können.

Wie hat sich die verarbeitete ­Milchmenge insgesamt entwickelt?

Engl: Durch das generische Wachstum von 8 % ist die Milchmenge an beiden Standorten auf insgesamt knapp 850 Mio. kg gestiegen. Davon werden rund 500 Mio. kg in Haag verarbeitet. Dort gibt es aber keine Möglichkeiten mehr zum Wachstum. Wir können nur noch effizienter, besser werden und weiter modernisieren. Deshalb ist die Kooperation mit Gmunden auch so positiv zu sehen. Hier verarbeiten wir aktuell etwa 350 Mio. kg, aber das ­Potenzial an diesem Standort ist mindestens so groß wie die aktuelle Menge in Haag. Wir haben die Kapazitäten hier, aber wir müssen noch ­effizienter werden und die Kapazitäten auslasten.

Wird parallel die H-Milchproduktion zurückgefahren?

Stein: Die bestehende Kapazität wird nicht ausgebaut. Wir betreiben den ­H-Milch-Bereich so weiter, wie die ­Absatz- und die finanzielle Lage es ­zulassen, mal mehr, mal weniger. Was wir forcieren, ist ­sicherlich der Bereich Käserei. Zum Beispiel haben wir für die Herstellung von Kashkaval, einem Pasta Filata-Käse, der in ganz Europa vertrieben wird, im vergangenen Jahr 100 Mio. kg Milch verarbeitet, sprich fast ein Drittel der Gesamtmenge.

Hieraus kann man ­ableiten, dass Sie sich stark auf den Export ­stützen?

Engl: Richtig, wir sind ganz stark angewiesen darauf, dass wir exportieren können. Wir liegen in beiden Werken bei einer Exportrate von über 50 %. Aber auch der Binnenmarkt ist für uns wichtig. Bayern und Österreich oder gerade auch Oberösterreich, sind für die Milchwirtschaft speziell im Grünland bzw. Dauergrünland unglaublich gut geeignet. Und warum sollten wir da keine Milch produzieren? Wir ­werden schlecht Olivenhaine bei uns pflanzen können. Das wird zumindest derzeit noch nicht funktionieren.

Stein: Südeuropa hat z. B. unter 100 % Selbstversorgung, weil der Standort für die Milch­produktion nicht so gut geeignet ist. ­Deswegen braucht es Gebiete mit Überschuss und es braucht Firmen, die in den Export gehen.

Wenn ich es richtig heraushöre, haben Sie langfristig Kapazitäten von 150 Mio. kg mehr Verarbeitungsmenge in Gmunden. Woher sollen diese ­Mengen kommen?

Engl: Zunächst einmal setzen wir viel Hoffnung auf unsere bestehenden Lieferanten. Wir glauben schon, dass viele davon noch wachsen wollen. Der Strukturwandel bringt auch mit sich, dass bei Aufgabe eines Betriebes die Flächen oft übernommen und effizienter weiterbewirtschaftet werden. Wir merken, dass die für ­österreichische Verhältnisse größeren Betriebe durchaus weiteres Wachstumspotenzial haben. Aber das muss man unbedingt als langfristigen Prozess sehen. Also wir haben keinen akuten Milchmangel.

Was tun Sie, wenn das generische Wachstum nicht so schnell vorangeht, wie Sie mehr Milch brauchen?

Engl: Grundsätzlich gibt es hierfür den Zukauf am Spotmarkt oder über Kanäle, wie z. B. den Verein der Milchproduzenten (VdMP) oder die Milchliefer­gemeinschaft Mühlviertel, zu der das Milchwerk seit mehr als 20 Jahren sehr gute Geschäftsbe­ziehungen hat. Das andere sind direkt Lieferverträge mit der Gmundner Molkerei GmbH oder Milchwerk Jäger GmbH. Die dritte Möglichkeit ist, dass der Landwirt in die Genossenschaft gehen und dort Mitglied werden kann.

Wie viele Mitglieder gibt es?

Engl: In der Gmundner Molkerei ­Genossenschaft sind aktuell rund 1.770 Lieferanten, bei Jäger in Haag 296 Jägerlieferanten aus Österreich und Jäger in Bayern knapp 770. Dazu muss man noch die Erzeuger zählen, die über den VdMP und die Milchliefergemeinschaft Mühlviertel zu Jäger nach Haag liefern. Wir haben im Mühl- und Innviertel viele überschneidende Gebiete, in welchen wir gemeinschaftlich erfassen. Also wir erfassen Jägerlieferanten, Gmundenlieferanten und Lieferanten des VdMP bzw. Milch­liefergemeinschaft Mühlviertel mit­einander und haben daraus durch partnerschaftliche Zusammenarbeit Frachtkostenvorteile geschaffen.

Wie beurteilen Sie die Situation in ­Sachen Milchpreise für die Betriebe?

Engl: So wie sich die Situation im ­Moment darstellt, ist aus unserer Sicht eine gewisse Stabilität gegeben. Und das soll auch so sein. Unser Leitsatz lautet: Wir wollen wettbewerbsfähige Milchpreise an unsere Landwirte auszahlen und damit eine dauerhafte und zukunftsorientierte Landwirtschaft gewährleisten. Denn ohne unsere Milchlieferanten ist die Molkerei ein schöner Haufen Altmetall, aber sonst nix.

Derzeit bekommen die Erzeuger in Österreich noch einen anderen Preis als die in Deutschland?

Stein: Das wurde in dem Fusionsprozesses geregelt. Aktuell erhalten die Gmundner Lieferanten ­einen Mindestgarantiepreis. Dieser setzt sich aus je einem Drittel der Durchschnittspreise von Berglandmilch, SalzburgMilch und Jäger zusammen. Ab 1. Jänner 2025 haben wir einen einheitlichen Milchpreis. Für uns ist es wichtig, dass wir den Milchpreis so einfach und übersichtlich wie möglich halten wollen. Wichtig auch: Ab 2025 wird mindestens der bayrische Durchschnittspreis ausbezahlt.

„Ohne unsere Lieferanten ist die Molkerei nur ein Haufen Altmetall.“
Christoph Engl

Themenwechsel: Zum 30. Juni ­kündigt die Gmundner Molkerei ihre Mitgliedschaft in der Vereinigung ­Österreichischer Milcherzeuger (VÖM). Was sind die Gründe?

Engl: Wir sehen uns in der VÖM nicht mehr in dem Ausmaß repräsentiert, wie wir es für notwendig befinden. Die Entscheidungen, die dort mehrheitlich getroffen wurden, sind für uns so weitgehend, dass wir diese nicht mittragen können. Am Ende des Tages müssen wir auf unser Unternehmen schauen und auf unsere Lieferanten. Darum haben wir den Schritt gewählt.

Die Kritik richtet sich in erster ­Linie gegen die Entscheidungen in der VÖM in punkto AMA-Gütesiegel Tierhaltung Plus?

Stein: Ja, wir denken, in Österreich wird der Landwirt gezwungen, von heute auf morgen umzustellen, aufzuhören oder Geld zu investieren. In Bayern sammeln die Molkereien zukünftig zum größten Teil Haltungsstufe 3-Milch oder eben noch Milch aus der Anbindehaltung. In Österreich soll es zukünftig nur noch AMA Tierhaltung Plus-Milch geben und damit keine AMA-Standardmilch mehr.

Sie haben in Österreich einen ­anderen Weg für Ihr Unternehmen ­gewählt.

Engl: Genau, wir erfassen AMA-Gütesiegel Plus-Milch separat auf Touren, auf denen die Betriebe alle Vorgaben sowieso zu 100 % erfüllen. Wir ver­arbeiten diese Milch als eigene Milchsorte dort, wo wir den Absatz dafür haben und wo man sie braucht. Die andere Milch verarbeiten wir weiterhin als Standard AMA-Milch, weil wir die Belastung für die Bauern überschaubar halten müssen.“

Stein: Das ist eine Grat­wanderung, weil wir einem Teil der Betriebe dies abfordern, den anderen nicht. Dafür müssen wir den Lieferanten unseren Weg erklären und warum ­wir das so machen. Unter dem Strich ist es durchaus positiv aufgenommen worden.

Wie viele Betriebe machen in dem ­Projekt mit?

Engl: Es sind jetzt vorerst einmal rund 500 Bauern mit einer Liefermenge von rund 90 Mio. kg zusammengefasst. Für diese Erzeuger übernehmen wir zumindest die Zertifizierungskosten für ­Tierhaltung Plus und zahlen ihnen eine Aufwandsent­schädigung in Höhe von 0,22 Ct/kg, die also in der Höhe des AMA-Marketingbeitrages liegt.

Stein: Es wird ja beim neuen AMA-Gütesiegel plus grundsätzlich kein Zuschlag für die Landwirte generiert, wenn ich mir die anderen Molkereien anschaue. Sondern es gibt bei einigen sogar einen Abschlag für AMA-Standardmilch. Das sehe ich schon als schwierig an.

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