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AGÖ Infoveranstaltung

Alternativloses Programm „Tierhaltung Plus“?

Die Infoveranstaltung „Tierwohl Plus“ und die Konsequenzen für die heimische Landwirtschaft verfolgten am Montag über 600 Bauern. Hier einige Ausschnitte daraus.

Lesezeit: 10 Minuten

„Es ist ein Zeichen der Stärke, ein Zeichen, dass wir zusammenhelfen“, zeigte sich AGÖ-Geschäftsführer Johann Konrad bei der Begrüßung sichtlich erfreut über die etwa 600 anwesenden Bäuerinnen und Bauern bei der Veranstaltung zum Programm „Tierhaltung plus“ in Neukirchen an der Vöckla am Montag. Der Saal im Gasthof Frodlhof jedenfalls quoll über.

Die AGÖ hatte zu dem Abend Vertreter von AMA, Molkereien und Interessenvertretung eingeladen, um über Hintergründe und Details zu dem Programm zu diskutieren. Von der AMA waren Milchmarketing-Manager Dr. Peter Hamedinger und Rüdiger Sachsenhofer, Bereichsleiter Qualitätsmanagement,  der Einladung gefolgt. Von der Interessenvertretung war dabei Josef Hechenberger, Präsident der Lk Tirol und vom BB Tirol. Von Seiten der Molkereien saß Robert Leitner, Obmann der SalzburgMilch, am Podium.

Stefan Lindner, Obmann der größten Molkerei Berglandmilch, blieb dagegen der Veranstaltung fern. Gerade an ihn hätten die Bauern vermutlich einige Fragen gehabt. Hechenberger meinte, Lindner habe an einer zeitgleichen Veranstaltung in der Steiermark teilgenommen.

Laut Konrad habe man auch vom TGD jemand eingeladen. Die Person sei aber dann doch nicht gekommen. Begründung laut Konrad: "weil die AGÖ ihnen zu politisch ist". Moderiert wurde der Abend von AGÖ-Sprecher Manfred Muhr aus Moosburg in Kärnten, ehemals Vizepräsident der LK Kärnten.

"Müssen früher eingebunden werden"

„Wir müssen künftig früher und mehr eingebunden sein, und wir wollen einen fairen Lohn haben“, formulierte Konrad in seiner Einstiegsrede, worauf es den AGÖ-Bauern u.a. ankommt. Tenor: Beim neuen Gütesiegel sei man zu spät und zu schlecht informiert worden. Dies bestätigte auch Martina Mittermair: „Seit drei Jahren wird über das Gütesiegel Tierhaltung Plus verhandelt. Und wann wurden wir informiert? Vor einigen Wochen. Deshalb möchte ich wissen: Wer saß hier am Verhandlungstisch, wer hat das zu verantworten? Und warum werden die Bauern erst fünf vor 12 informiert? Da darf man sich nicht wundern, wenn sie aufgebracht sind.“

In ihren Eingangsstatements gingen die AMA-Mitarbeiter näher auf das AMA-Gütesiegel und im Speziellen das Gütesiegel Tierhaltung Plus ein. Peter Hamedinger meinte: „Tierwohl bekommen wir aus der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht mehr weg. Das Einkaufsverhalten zeigt aber ein konträres Bild.“ Der Konsument wolle sich Urlaube leisten etc., und spare dafür bei Lebensmitteln. Aus dem Grund müssen wir eine Strategie wählen, dass Lebensmittel den Verbrauchern wieder mehr wert sein müssen. Es brauche eine Qualitätsoffensive, um Verbraucher mehr abzuholen. Dazu gehöre auch das AMA-Gütesiegel Tierhaltung plus.

Jeder 4. Liter Milch geht nach Deutschland

Rüdiger Sachsenhofer erklärte die Eckpunkte von Tierhaltung Plus. Er sagte, dass 88 % der Konsumenten Tierschutz wichtig sei. Und auch der Exportmarkt sei wichtig. „Jeder vierte Liter Milch geht nach Deutschland. Um dem gerecht zu werden, entspricht das „AMA Gütesiegel Tierhaltung Plus“ künftig der Haltungsstufe 2 in Deutschland.“ Diese sei vom deutschen Lebensmitteleinzelhandel als Mindestanforderung für eine Listung im Regal ausgegeben worden.

Weiters erklärte er die Anforderungen an Tierhaltung plus Gütesiegel, wie zum Beispiel 120 statt 90 Tage Alm, Weide oder Auslauf vorgeschriebene Scheuermöglichkeiten, Mitgliedschaft TGD, Zellzahlmonitoring mit 200.000 Zellen über LKV, besondere Anforderungen Fütterung wie palmölfrei, Kontrollfrequenz jährlich. Weiters sei die Einwilligung der Teilnahme bei Molkereien notwendig. Und er erklärte, dass 80 % der Kontrollkosten gefördert werden, voraussichtlich bis 2027. Aber er meinte auch: „Wir haben immer die Möglichkeit, die Programme anzupassen, wenn es nicht optimal funktionieren sollte.“

Dialog mit betroffenen Berufskollegen führen

Josef Hechenberger meinte: „Es war uns als Kammer immer wichtig, den Dialog mit den betroffenen Berufskollegen zu führen. Deshalb bin ich auch hier.“ Der wirtschaftliche Druck auf vielen Höfen sei groß. Einerseits würden die Kosten und die Auflagen steigen, gleichzeitig sinke der Ertrag. „Warum diskutieren wir das Thema heute?“, fragte Hechenberger, um gleich die Antwort zu geben: „Weil der deutsche Handel sagt, wir brauchen eine Haltungskennzeichnung. Edeka, Aldi und Lidl fordern dies bei Eigenmarken.“ Und Deutschland sei nun einmal ein wichtiger Exportmarkt. Für die Molkereibranche gebe es keine Alternativmärkte. Weiters ging Hechenberger auf sein Heimatbundesland ein: „In Tirol haben 75 % der Betriebe Kombihaltung, darüber dürfen wir keine Debatte führen. Ich werde dafür kämpfen, dass auch die Kombihaltung in die höchsten Stufen kommt.“

„Alternativlos, deshalb können wir nichts anderes tun“

Robert Leitner bestätigte zu Beginn seiner Ausführungen, dass es um ein hitziges, ungutes Thema gehe. Er werde über die Marktseite berichten. Die österreichische Molkereibranche habe eine Exportquote von 45 %. Die SalzburgMilch vermarkte mehr als 90 % ihrer Produkte in Deutschland und Österreich. In der Marke habe Österreich keine Mengen in Deutschland. Das AMA Gütesiegel sei für Österreichs Milchwirtschaft daher wichtig. Ab 1. April müsse z.B. für Aldi Deutschland die Haltungsstufe 2 auf den Milchprodukten stehen. „Die halten uns am kurzen Faden“, so Leitner.

„Denen ist es egal, ob wir liefern oder nicht. Als Verarbeiter sind wir nicht in der Position, das zu bestimmen. Wenn etwas alternativlos ist, können wir nicht aus. Und wenn jemand sagt, er kann nicht mittun, können wir es nicht vermarkten.“ Die Aufgabe der Molkerei sei es, die bestmögliche Verwertung des gesamten Rohstoffes zu leisten. Leitner: „Das Thema Haltungsform gewinnen und verlieren wir nicht in Österreich, das können wir nur in Deutschland verlieren.“ Darum appellierte er an die Bauern, mitzumachen.

In der anschließenden Diskussion kam zu Beginn die Frage: Lässt man sich von Konsumentenwünschen täuschen? Alle fordern Tierwohl, nur zahlen will es keiner?

Dazu meinte Rüdiger Sachsenhofer: „Wir in der AMA schauen seit 2017 auf Tierwohl in Milchviehbetrieben, damit keine negativen Bilder aus dem Milchbereich an die Öffentlichkeit kommen. 99 % der Milchviehbetriebe halten Tiere ordnungsgemäß. In Tierhaltung plus ist nicht so viel mehr zu erfüllen als ohnehin schon besteht. Auch Kombinationshalter werden hier mitgenommen.“

Warum keine klare Herkunftskennzeichnung?

Ein Landwirt fragte: Warum dürfen Produkte aus dem Ausland schrankenlos geliefert werden, z.B. 2 Mio. Schweine? Hier nutzt man das positive Image von Österreich aus. Warum gibt es keine klare Herkunftskennzeichnung?

Antwort von Josef Hechenberger: „Die Standards gibt der Handel in Deutschland vor. Wir sind gut beraten, zu schauen, wie begegnen wir dem in Österreich. Zur Herkunftskennzeichnung: In der öffentlichen Küche ist dies bereits gesetzlich geregelt. Hier haben wir aber noch viel Luft, dies zu transportieren. In der Gastronomie gibt es noch zu wenige, die faire Partnerschaft leben. Die Herkunftskennzeichnung allein löst nicht alle Probleme. Es ist ein Baustein, aber wir sind da dran, dass wir es zusammenbringen.“

Weitere Frage dazu: Warum kommt die umfassende Herkunftskennzeichnung nicht, wenn gleichzeitig das Tierhaltung plus im Handumdrehen geht? Von Hechenberger kam hierzu keine Antwort.

Weitere Frage: Ist das Tierhaltung plus wirklich freiwillig?

Dazu räumte Peter Hamedinger ein: "Die Freiwilligkeit hält sich in Grenzen, denn wenn man keinen Abnehmer findet, bleibt einem nichts anderes über."

Ein weiterer Landwirt meinte: Uns bürdet man mehr Auflagen auf als in Deutschland. Die lachen uns aus.

Dazu Robert Leitner: „Die norddeutschen Molkereien haben diese Haltungsbedingungen der Stufe 2 schon, die meisten müssen nichts tun. Wir Österreicher wundern uns, dass die Bayern nicht dagegenhalten. Das liegt daran, dass hier noch viele Anbindehalter arbeiten. Es sind ja keine richtigen Verhandlungen gewesen, sie haben uns akzeptiert. Wir müssen froh sein, dass der deutsche Markt erhalten geblieben ist.“

„Bei deutschem Verarbeiter brauchen wir nichts zu tun“

Ein Landwirt erklärte, wie er auf die Ankündigung von Tierhaltung Plus der SalzburgMilch reagiere: „Wir haben sofort die Kündigung Richtung Salzburg geschickt. Ich akzeptiere das nicht. Wir sollen mehr tun, für keine Abgeltung. Wir haben bisher immer alles akzeptiert, jetzt reichts. Wir stehen jetzt mit einem deutschen Verarbeiter in Verhandlungen. Da braucht man gar nichts von dem, was uns heute präsentiert wird.“

Ein Landwirt meinte: Bei uns gibt’s Tierwohl zum Nulltarif.  Wie kann man das verhindern? Wir müssen dafür sorgen, dass es einen Wert hat.

Peter Hamedingers Antwort dazu: „Das Gütesiegel hat uns den Fleisch- und andere Märkte abgesichert. Das ist ein wesentlicher Pfeiler für die Landwirtschaft.“ Wenn es nicht gelinge, das Gütesiegel mit neuen Dingen aufzuladen, dann setze es der Handel selbst um. Es diene zur Marktabsicherung. Hamedinger weiter: „Wir als AMA sind ein Dienstleister, aber das Thema Preise steht nicht in unserer Agenda.“

Dazu ergänzte Martina Mittermair von der AGÖ: „Wenn man den Bauern sagt, sie sollen nach dem AMA-Gütesiegel jetzt noch ein weiteres mit dem Tierhaltung plus Siegel erfüllen, und das zum Nulltarif, darf es einen nicht wundern, dass sie aufgebracht sind. Wir sind ein Highlevel Qualitätsland bei Milch, aber wir haben es nicht geschafft, dies auch im Preis für die Bauern umzusetzen. Bei diesem neuen Gütesiegel kann man die Politik nicht aus der Verantwortung lassen.

Auch Johann Konrad ging noch einmal auf die Interessenvertretung und den Milchpreis ein: „Es wäre unser Wunsch, dass wir Bauern eine ordentliche Vertretung haben und das ist die Landwirtschaftskammer“, so Konrad. Von dieser erwarte er sich, dass sie die Interessen dahingehend besser wahrnehme. Konrad weiter: „Wir haben von Seiten der AGÖ immer probiert, dass wir der Landwirtschaftskammer die Hand reichen.“ Doch alle Versuche seien bisher erfolglos geblieben. „Zeigts mir einen in der OÖ Kammer, der hinter der AGÖ steht?“, fragte Konrad.

Hoffnung in Josef Moosbrugger

Gleichzeitig machte er deutlich: „Wir sind die Stimme der Landwirtschaft und wir haben einen Hausverstand. Und wir brauchen eine Vertretung, die gemeinsam mit uns zum Handel geht. In diesem Zusammenhang zeigte sich Konrad aber zuversichtlich, weil „ich mit Josef Moosbrugger ein sehr gutes Verhältnis habe. Ich habe ihm gesagt, wir müssen gemeinsam gehen. Schauen wir einmal, ob wir etwas zusammenbringen. Mein Ziel ist eine Landwirtschaftskammer, die endlich wieder hinter uns steht. Wir brauchen aber auch Molkereien, die gemeinsam mit uns zum Handel gehen. Ich möchte wissen, wie wir eine Milchpreiserhöhung bekommen. Die Kosten rennen uns davon. Auf der Leinwand prangte die Forderung der AGÖ nach 10 Ct mehr Milchgeld mit der Frage, wie schaffen wir das? „Zumindest 5 Ct müssen drin sein heuer“, meinte Konrad. „Da hat bestimmt kein Konsument etwas dagegen.“ Verbunden damit die Aufforderung an Josef Hechenberger: „Ihr müsst etwas machen für uns. Ich will in der nächsten Woche in der Kammerzeitung lesen, Bauern fordern gegenüber dem Handel eine Milchpreiserhöhung.

„Nur einen höheren Preis zu fordern, ist mir zu wenig“

Der angesprochene Hechenberger antwortete: „Das wir gemeinsam arbeiten müssen, besser zu werden, das nehme ich für mich mit. Die Forderung nach der Milchpreiserhöhung nehme ich auch gern mit und schreib sie auch in die Zeitung. Aber am Ende werdet ihr mich nach drei Monaten fragen: Und hast du deine Forderung schon umgesetzt? Das heißt, nur etwas zu fordern, ist mir zu wenig. Ich bin der Meinung, fordern ja, aber es muss gemeinsam mit den Verarbeitungsbetrieben umsetzbar sein. Sonst gaukele ich den Bauern etwas vor. Und der Kammerpräsident ergänzte abschließend: „Wir müssen wesentlich besser kommunizieren mit den betroffenen Berufskollegen, das haben wir mitgenommen.“

Für AGÖ-Geschäftsführer war die Veranstaltung jedenfalls nach eigener Meinung ein Erfolg. „Ich habe gewusst, dass die Bude voll ist. Es war ein gutes Zeichen heute. Wir müssen gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer und den Molkereien dem Handel gegenübertreten. Nicht probieren ist schon verloren. Ich bin froh über alle, die heute da waren.  

Die ganze Veranstaltung können Sie hier im Video nachschauen (Quelle: Agrargemeinschaft Österreich)

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