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Prof. Windisch im Interview: Warum Kühe keine Klimakiller sind

Klimakrise, Umweltschutz, Tierwohl. Außerdem knappe Flächen und wachsende Weltbevölkerung. Ist die Haltung von Rindern noch gerechtfertigt oder ist eine vegane Ernährung die Lösung?

Lesezeit: 6 Minuten

Wir sprachen mit Prof. Wilhelm Windisch zur Frage: Ist die Haltung von Rindern mit Blick auf die Klimadiskussion noch gerechtfertigt?.

Prof. Dr. Dr. habil. Wilhelm Windisch ist Leiter des Lehrstuhls für Tierernährung der Technischen Uni München (TUM). Alle Infos zu seinem Werdegang und seinen aktuellen Positionen finden Sie hier: www.lte.wzw.tum.de/mitarbeiterinnen/prof-dr-wilhelm-windisch

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top agrar: Herr Prof. Windisch, ist die Kuh ein Klimakiller?

Windisch: Nein, das ist sie nicht. Denn ein Passiv-Haus kühlt auch nicht das Klima. Es ist klimaneutral. Genauso ist eine Kuh klimaneutral, weil das von ihr produzierte Methan in relativ kurzer Zeit wieder abgebaut und der ­Kohlenstoff von Futterpflanzen aufgenommen wird. Das ist ein Kreislauf.

Natürlich ist Methan ein Treibhausgas. Wir müssen aber unterscheiden, ob wir zusätzliche Emissionen produzieren oder die Emissionen auf einem konstanten Niveau bleiben. Methan ist ein Nebenschauplatz der Klimadis­kussion. Viel wichtiger ist der Umgang mit essbarer bzw. nicht essbarer Biomasse als Tierfutter.

Welche Rolle spielt nicht essbare Biomasse in der Klimadiskussion?

Windisch: Die Landwirtschaft produziert keine Lebensmittel, sondern ­Biomasse. Nur ein kleiner Teil davon ist essbar. Oder anders gesagt: Mit 1 kg veganer Lebensmittel entstehen mindestens 4 kg nicht essbare Biomasse.

Diese unvermeidlich anfallende ­Biomasse ist zum Beispiel das Stroh beim Getreideanbau oder das Kleegras in der Fruchtfolge. Dazu kommt das absolute Grünland und die großen Mengen nicht essbarer Nebenpro­dukte der industriellen Verarbeitung. Deshalb ist das wichtigste Ziel der Landwirtschaft, den Kreislauf von Nährstoffen zu erhalten. Nutztiere haben ihre Berechtigung, wenn sie nicht essbare Biomasse als Sekundärverwerter nutzen und wir diese Nährstoffe dann wieder aufs Feld zurückbringen. Deshalb sind Fleischproduktion und vegane Ernährung kein Gegensatz, sondern eine sinnvolle und notwendige Kombination.

Das heißt, wir brauchen Nutztiere, um das Klima zu retten?

Windisch: Wenn wir die Emissionen auf die Menge begrenzen, die aus ­unvermeidlich anfallender Biomasse entsteht, befinden wir uns im Kreislauf. Man kann es auch so sehen, dass Wiederkäuer quasi veganes Protein produzieren. Nämlich aus nicht essbarer Biomasse. Damit liefern sie Lebensmittel, ohne Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Ohne Wiederkäuer müssten wir mehr vegane ­Lebensmittel produzieren, bräuchten dafür mehr Ackerflächen und Energie und würden mehr nicht essbare Biomasse erzeugen, die sich nicht voll­ständig verwerten ließe. Daher ist es günstiger, eine bestimmte Menge ­Methanemissionen in Kauf zu nehmen: Wir brauchen eine gewisse Mindestzahl Wiederkäuer!

Wiederkäuer produzieren vegane Proteine aus nicht essbarer Biomasse.

Ist in einer solchen Kreislaufwirtschaft der Einsatz von Soja aus Übersee oder Silomais gerechtfertigt?

Windisch: Man muss das Gesamtsystem sehen. Zum Beispiel ist ergän­zendes Kraftfutter in der Laktationsspitze einer Kuh sinnvoll, damit sie das Raufutter optimal verwerten kann. Solche Kraftfuttermittel sollten möglichst aus nicht essbarer Biomasse ­bestehen wie etwa Rapsextraktionsschrot und Rübenschnitzel.

Der Anbau von Silomais geht aber schon in Richtung Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Es wird nur ein Futter- und kein Lebensmittel produziert. Das durchbricht die Kreislaufwirtschaft und die Tierproduktion muss für die ökologischen Folgen die volle Verantwortung übernehmen. Ganz anders zu beurteilen wäre eine Maisernte mit Körnern als Lebensmittel und Maisstroh als Futtermittel.

Beim Soja wird häufig sehr emotional über den Anbau in anderen Ländern, den langen Transport und den Einfluss auf das Klima diskutiert. Im Grunde ist es aber vollkommen egal, ob Soja bei uns oder woanders als ­Futtermittel angebaut wird. In jedem Fall wird Ackerfläche der Produktion von Lebensmitteln entzogen. Lokal angebautes Soja zu verfüttern ist ökologisch also nicht unbedingt viel besser.

Nutztiere wären also nur noch Zweitverwerter der Lebensmittelproduktion. Ist das wirklich umsetzbar?

Windisch: Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie wandern schon jetzt so gut wie vollständig in die Tierfütterung. Und der Austausch von essbaren gegen nicht essbare Komponenten kann problemlos laufen, wie etwa der fast völlige Ersatz von Soja gegen Raps in der Milchviehfütterung zeigt. Viel schwieriger würde es mit dem ­Silomais werden. Das ist in der Tat ein hochwertiges Grobfutter, das leider in indirekter Nahrungskonkurrenz steht.

Wir müssen uns davon verabschieden, dass die Produktion von Pflanzen und Tieren getrennt voneinander möglich ist. Diese Entkopplung hat uns die Umweltprobleme eingebrockt.

Wie bewerten Sie Mutterkuhhaltung, die quasi „Fleisch aus Gras“ erzeugt?

Windisch: Milchkühe wandeln die Biomasse sehr effizient in Lebensmittel um und haben daher einen Vorteil gegenüber Fleischrindern. Doch auch die haben ihre Berechtigung. Das ist eine Standortfrage, um die Flächen möglichst effizient zu nutzen. In intensiven Grünlandgebieten und Ackerstandorten ist die Milchproduktion effizienter. Extensive Regionen sind aber für ­Mutterkuhherden prädestiniert.

Müssen wir also mit möglichst ­wenigen Tieren möglichst effizient ­Lebensmittel produzieren?

Windisch: Die Methanmenge hängt nicht unbedingt von der Anzahl der Tiere ab, sondern von der verzehrten Futtermenge. Das Futter ist der limitierende Faktor und muss möglichst effizient zur Produktion von Lebensmitteln genutzt werden. Dabei hilft eine möglichst hohe Leistung bis an den Rand dessen, was man mit nicht essbarer Biomasse erfüttern kann. Das liegt unter unseren Verhältnissen bei grob geschätzt etwa 7.500 kg Milch. Wir könnten also durchaus klimaneutrale und gleichzeitig gut vorzeigbare Produktion betreiben.

Effizienz erreichen wir grundsätzlich nicht dadurch, dass wir die Milchleistung auf über 12.000 kg steigern. Sondern durch eine maximale Grobfutterleistung. Das sollte das Zuchtziel sein.

Weitere Möglichkeiten die Effizienz zu erhöhen, sind eine hohe Lebensleistung, ein geringes Erstkalbealter oder eine kurze Zwischenkalbezeit. Diese Faktoren reduzieren den Futtereinsatz und die Methanproduktion.

Tierhaltung ist gerechtfertigt, solange sie nicht essbare Biomasse verwertet.

Wie würde sich eine konsequente Kreislaufwirtschaft auf die Produktion und Erlöse der Tierhalter auswirken?

Windisch: Wenn wir die Tierernährung ausschließlich auf nicht essbare Biomasse umstellen, reduziert sich die tierische Produktion drastisch. Entsprechende Schätzungen für die Schweiz zeigen, dass rund 30 % weniger Milch und 40 % weniger Rindfleisch erzeugt würden. Das würde auch die Zahl der Tiere und die Methanemissionen senken. Das müssten Landwirte der ­Politik und Gesellschaft anbieten: „Wir entlasten das Klima, fahren die Methan-­Produktion zurück und produzieren trotzdem so viele Lebens­mittel wie möglich.“

Angenommen in Deutschland verfüttern wir nur noch nicht essbare Biomasse. Kommen Milch und Fleisch dann zukünftig aus dem Ausland?

Windisch: Das ist natürlich eine Gefahr. Mit einer konsequenten Kreislaufwirtschaft werden wir die aktuelle Nachfrage nicht decken können und verlieren Exportanteile. Dann müssten wir importieren oder weniger Fleisch konsumieren, was ja sowieso gefordert wird. Es ist also sinnvoll und es erzeugt keinen Widerspruch. Weniger Fleisch essen ist auch möglich. Den Preis dafür muss die Politik mit der Gesellschaft aushandeln. Wichtig ist mir: Ich fordere diese Veränderungen nicht! Ich bin aber überzeugt, dass diese Veränderungen auf Landwirte zukommen. In absehbarer Zeit werden Ackerflächen für Futtermittel zu teuer. Wir brauchen Innovationen, zum Beispiel um die Futterqualität der unvermeidlich anfallenden Biomasse zu verbessern. Die Landwirtschaft hat jetzt die Chance die Veränderungen zu gestalten.

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