Interview

Prof. Windisch: Können wir uns die Rinderhaltung noch leisten?

Klimakrise, Umweltschutz, Tierwohl. Außerdem knappe Flächen und wachsende Weltbevölkerung. Ist die Haltung von Rindern noch gerechtfertigt oder ist eine vegane Ernährung die Lösung?

Wir sprachen mit Prof. Wilhelm Windisch. Er ist ­Leiter des Lehrstuhls für Tierernährung der Technischen Uni München.

top agrar: Herr Prof. Windisch, ist die Kuh ein Klimakiller?

Windisch: Nein, das ist sie nicht. Denn ein Passiv-Haus kühlt auch nicht das Klima. Es ist klimaneutral. Genauso ist eine Kuh klimaneutral, weil das von ihr produzierte Methan in relativ kurzer Zeit wieder abgebaut und der ­Kohlenstoff von Futterpflanzen aufgenommen wird. Das ist ein Kreislauf.

Natürlich ist Methan ein Treibhausgas. Wir müssen aber unterscheiden, ob wir zusätzliche Emissionen produzieren oder die Emissionen auf einem konstanten Niveau bleiben. Methan ist ein Nebenschauplatz der Klimadis­kussion. Viel wichtiger ist der Umgang mit essbarer bzw. nicht essbarer Biomasse als Tierfutter.

Welche Rolle spielt nicht essbare Biomasse in der Klimadiskussion?

Windisch: Die Landwirtschaft produziert keine Lebensmittel, sondern ­Biomasse. Nur ein kleiner Teil davon ist essbar. Oder anders gesagt: Mit 1 kg veganer Lebensmittel entstehen mindestens 4 kg nicht essbare Biomasse.

Diese unvermeidlich anfallende ­Biomasse ist zum Beispiel das Stroh beim Getreideanbau oder das Kleegras in der Fruchtfolge. Dazu kommt das absolute Grünland und die großen Mengen nicht essbarer Nebenpro­dukte der industriellen Verarbeitung. Deshalb ist das wichtigste Ziel der Landwirtschaft, den Kreislauf von Nährstoffen zu erhalten. Nutztiere haben ihre Berechtigung, wenn sie nicht essbare Biomasse als Sekundärverwerter nutzen und wir diese Nährstoffe dann wieder aufs Feld zurückbringen. Deshalb sind Fleischproduktion und vegane Ernährung kein Gegensatz, sondern eine sinnvolle und notwendige Kombination.

Das heißt, wir brauchen Nutztiere, um das Klima zu retten?

Windisch: Wenn wir die Emissionen auf die Menge begrenzen, die aus ­unvermeidlich anfallender Biomasse entsteht, befinden wir uns im Kreislauf. Man kann es auch so sehen, dass Wiederkäuer quasi veganes Protein produzieren. Nämlich aus nicht essbarer Biomasse. Damit liefern sie Lebensmittel, ohne Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Ohne Wiederkäuer müssten wir mehr vegane ­Lebensmittel produzieren, bräuchten dafür mehr Ackerflächen und Energie und würden mehr nicht essbare...


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