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topplus Weidepflicht für Milchkühe?

"Weidegang ja, aber nicht um jeden Preis!"

Weidegang für Milchkühe soll unter anderem das Tierwohl verbessern. Aber ist eine Weidepflicht die richtige Lösung? Dr. Edmund Leisen stellt im Interview seine Sicht dazu dar.

Lesezeit: 4 Minuten

Lebensmitteleinzelhandel, Molkereien, Bioverbände, Wissenschaft: Viele Parteien fordern mehr Weidegang für Milchvieh. Die einen nennen als Grund das Tierwohl, die anderen die Wünsche der Verbraucher. Gerade der Biobranche bereitet die Weidepflicht der EU-Öko-Verordnung für Milchkühe Sorgen. Deutschland und die Bioverbände lassen noch Ausnahmen zu. Denn nicht jeder Betrieb kann seine Rinder rund um die Uhr weiden lassen. Hürden sind z. B. fehlende arrondierte Flächen, Witterung, Standort oder Genetik.

Wenn Weide, dann richtig!

Als Kompromiss gilt ein stundenweiser Auslauf auf der Weide. Nachteile ergeben sich, wenn die Futteraufnahme nicht zur Nährstoffausscheidung passt, warnt ­Dr. Edmund Leisen vom Ökoteam der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen im Interview.

Herr Leisen, empfehlen Sie für ­Milchkühe grundsätzlich Weidegang?

Leisen: Weidegang gilt als das Nonplusultra fürs Tierwohl und kann ­weitere positive Auswirkung z. B. auf die Biodiversität oder die Wirtschaftlichkeit haben. Deswegen sollte auf ­jedem Betrieb die größtmöglichste ­Weidenutzung erfolgen. Zudem fordern Verbraucher und Handel dies ein. ­Somit befürworte ich insgesamt die Weidepflicht auf Bio-Betrieben – aber nicht um jeden Preis.

Weshalb? Was wären Folgen?

Leisen: Vielfach lässt sich Weide aufgrund der Lage des Betriebes nur zum Teil oder gar nicht umsetzen, da die Betriebe z. B. in Ortsnähe liegen und vom Stall keine Weideflächen direkt zugänglich sind. Wo keine Weide möglich ist, können diese Betriebe bestmögliches Tierwohl mit anderen Maßnahmen erreichen, wie zum Beispiel mit einem Auslauf oder komfortablen Liegeboxen. Handel und Gesellschaft schätzen das allerdings weniger wert. Eine allgemeine Weidepflicht wäre der Todesstoß für viele alte und gute Biofamilienbetriebe.

Und auch die Auswirkungen auf die Nährstoffkreisläufe werden unterschätzt. Deswegen müssen bei der Weidepflicht die einzelbetrieblichen Bedingungen berücksichtigt werden und wo die Weidepflicht fachlich nicht vertretbar ist, Alternativen möglich sein.

Welche Nachteile hat eine Weidepflicht für die Nährstoffkreisläufe, wenn die einzelbetrieblichen Bedingungen nicht berücksichtigt werden?

Leisen: Ein gesunder, innerbetrieblicher Nährstoffkreislauf funktioniert so: Mit der Ernte werden der Fläche Nährstoffe entzogen und mit betriebseigenen Düngern zurück aufs Feld gebracht. Auf einer gut geführten Weide ist das im Prinzip genauso, nur, dass die Nährstoffe über Kot und Harn ­direkt wieder auf die Fläche gelangen. Da Kot und Harn dabei getrennt anfallen entstehen sogar weniger klimaschädliche Gase.

Nachteile für die innerbetrieblichen Nährstoffkreisläufe ergeben sich aber, wenn über Kot und Harn mehr Nährstoffe auf die Weide kommen, als von ihr entzogen werden. Dann kommt es zu einer Anreicherung auf der Weide und zu einer Verarmung auf den übrigen Flächen. Dies gilt besonders bei begrenzter Fläche, wenn es sich eher um einen Grünauslauf als um eine Weidefläche zur Futteraufnahme handelt. Das ist nicht nachhaltig und reduziert langfristig die Produktivität des Betriebes.

Welchen Einfluss haben Vorgaben zu Mindestweidedauer oder Mindestweidefläche?

Leisen: Diese Vorgaben lassen sich zwar leicht kontrollieren. Ohne Berücksichtigung der einzelbetrieblichen und aktuellen Witterungsbesonderheiten können sie aber auch hier in ­wenigen Jahren zu gravierenden Ertrags­einbrüchen führen. Praxisbeispiele ­zeigen, dass es leider keine rein theo­retische Überlegung ist.

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Leisen: Der Umfang der Weide muss zum einzelnen Betrieb passen. Nur die wenigsten Milchkuhbetriebe in Deutschland können Vollweide umsetzen. Bei begrenzter Weidefläche oder begrenztem Aufwuchs gilt: Die Tiere sollten möglichst nur so lange auf der Weide bleiben, wie sie tatsächlich ­weiden. Die Futteraufnahme und die Nährstoffausscheidung müssen ­zu­einander passen.

Der Umfang der Weide muss zum einzelnen Betrieb passen. - Leisen

Ist Weidegang auch bei extremer ­Trockenheit oder Nässe sinnvoll?

Leisen: Wenn das Futter auf der Weide fehlt, sollten die Tiere die Fläche nur kurzzeitig zur Bewegung, aber nicht längere Zeit und nicht zum Abliegen nutzen. Denn Kühe koten häufig direkt nach dem Aufstehen.

Zufüttern auf der Weide sollte soweit möglichst vermieden werden. Ausnahme ist, wenn die Silage oder das Heu, bezogen auf die Fruchtfolge, genau von der Auslauffläche kommt. So würden die Nährstoffe im Kreislauf bleiben. Deswegen sollte viel Weide auf möglichst allen Betrieben, betriebsindividuell und auf die aktuelle Situation angepasst, umgesetzt werden. Wo kein Weidegang möglich ist oder die aktuelle Situation es nicht zulässt, sollten Alternativen möglich sein.

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