Landwirtschaft im Dialog

Fendt-Chef: „Unsere Landwirtschaft ist sehr wettbewerbsfähig“

Der Druck auf die Tierhaltung wächst. Das sei vor allem ein Phänomen in wohlhabenden Staaten, sagt Christoph Gröblinghoff, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Fendt.

Weniger Tiere, weniger Flächenverbrauch = weniger Hunger: Stimmt die Gleichung? Am 22. September diskutiert top agrar im Rahmen von „Landwirtschaft im Dialog“ in Berlin über „Tank, Trog oder Teller“. Die Veranstaltung findet im Umweltforum in Berlin statt und ist kostenlos. Die Anmeldung und weitere Infos finden Sie auf www.seminare.lv.de. Die Diskussion wird zudem ab 19:00 Uhr live über den top agrar-YouTube-­Kanal www.youtube.com/topagrar übertragen. Wir sprachen vorab mit dem Podiumsteilnehmer Christoph Gröblinghoff. Er ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei Fendt.

Sie vermarkten Ihre Maschinen weltweit. Welche Bedeutung hat die deutsche Landwirtschaft für Ihre Unternehmen?

Gröblinghoff: Die deutsche Landwirtschaft gehört im weltweiten und auch im EU-Vergleich zu den bestentwickelten. Wir haben eine effiziente Struktur, einen hohen Ausbildungsstand, gute Unis und Hochschulen sowie eine sehr wettbewerbsfähige Infrastruktur. Das haben viele einfach nicht auf dem Schirm. Das vorab. Nach Frankreich ist Deutschland der zweitgrößte Markt für die Landtechnikindustrie in Europa, für Fendt der größte. Hier setzen wir über 20 % unseres Volumens ab. Historisch hat unser Unternehmen einen starken Bezug zur Landwirtschaft. Das zeigt sich auch bei den Mitarbeitern: 70 % kommen aus der Landwirtschaft bzw. dem landwirtschaftlichen Umfeld. Das Feedback der Praxis schlägt sich in unseren Produkten nieder. Das ist ein Gradmesser für neue Technik, denn für deutsche Betriebe stehen Qualität, Funktionalität und die Wirtschaftlichkeit immer im Mittelpunkt und für uns zählt bei der Maschinenentwicklung der Kundennutzen.

Die Kritik an der Tierhaltung wächst. Es werden zunehmend Forderungen laut, die Tierbestände abzubauen. Welche Folgen hätte das für Deutschland und ganz konkret für Ihre Unternehmen?

Gröblinghoff: Bei der Diskussion über die Tierhaltung müssen wir differenzieren. Meiner Ansicht nach bezieht sich die aktuelle Kritik vor allem auf die Schweinehaltung, weniger auf Rindfleisch, Milch, Eier oder Geflügel. Und die Auswirkungen konzentrieren sich vor allem auf die Veredlungsregionen im Nordwesten.

Meiner Ansicht nach bezieht sich die aktuelle Kritik vor allem auf die Schweinehaltung, weniger auf Rindfleisch, Milch, Eier oder Geflügel."

Auch steht fest: Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich. Es gibt bereits 10 % Vegetarier in Deutschland, Tendenz steigend. Und wie jede Branche, muss sich auch die Landwirtschaft auf ein verändertes Kaufverhalten einstellen. Zum Einfluss auf unser Unternehmen: Veredlungsbetriebe sind oft gut mechanisiert. Wenn sie schließen, gehen die Flächen meist an größere Betriebe, die Zahl der Maschinen pro Hektar sinkt. Es kann im Landtechnikbereich mit einem Rückgang von bis zu 5 % in den jeweils betroffenen Regionen gerechnet werden. Aber das kommt nicht schlagartig, es ist ein Prozess, der sich mit dem Generationswechsel ergibt.

Wie nehmen Sie die gesellschaftlichen Debatten in anderen Ländern wahr? Ist die Diskussion um mehr Tierwohl und den Abbau der Bestände ein rein deutsches Phänomen?

Gröblinghoff: Das ist vor allem eine Debatte in Skandinavien, in Deutschland und besonders deutlich gerade in den Niederlanden. Es ist eine Diskussion, die sich vor allem die wohlhabenden EU-Länder leisten. Im Baltikum, im Mittelmehrraum oder auch in Groß-Britannien hören wir deutlich weniger davon. Die Branche muss allerdings auch zugeben, dass es nicht gelungen ist, den Konsumenten bei der Entwicklung mitzunehmen. Jahrzehntelang ging es um Kosten, Optimierung und mehr Output. Der Wunsch der Kunden spielte weniger eine Rolle. Die Branche hat so die Verbindung zur urbanen Bevölkerung verloren, es kam zu einer Entkopplung. Wenn ein Industriebetrieb merkt, dass ein Produkt nicht mehr ankommt, muss er schnell umsteuern. Hier reagiert die Grüne Branche zu langsam. Es geht vor allem um Kommunikation – und die braucht Zeit. Ich glaube, die Interessenvertreter der Landwirtschaft haben viel innerhalb der Branche diskutiert, aber die Verbraucher außen vor gelassen.

Das Thema ist aber nicht verloren. Die Landwirtschaft muss möglichst eingängig erklären, was sie tut. Das braucht von allen Beteiligten viel mehr Intensität, Ressourcen und letztendlich auch Geld. Das Problem wird mit wenigen Einmalaktionen nicht zu lösen sein.

Besteht die Gefahr, dass wir die Fleischproduktion ins Ausland verlagern?

Gröblinghoff: Klar, das kann passieren. Auch weil die Kunden eventuell gar nicht wissen, dass es keine wirklich einheitlichen Standards in der EU gibt. Aber gerade durch die aktuelle politische Lage steigt die Wertschätzung für die heimische Produktion deutlich an. Parallelen sehen wir in der gesamten Industrie: Durch Corona bedingte Lieferausfälle haben uns empfindlich getroffen. Denn viele Bauteile kommen nur noch von einem einzigen Hersteller. Mittlerweile gehen wir dazu über, mindestens zwei Lieferanten für kritische Teile vorzuhalten. Oder man holt ganze Industrien zurück. In Magdeburg wird demnächst eine riesige Halbleiterfabrik errichtet. Der Ausverkauf von Schlüsselunternehmen, wie z.B. Kuka nach Asien, wird heute viel kritischer gesehen als noch vor einigen Jahren. Und so wird es auch in der Erzeugung von Nahrungsmitteln sein.

Nicht nur der Tierhaltung weht ein scharfer Wind entgegen, im gleichen Atemzug fordern einige Politiker und Verbände die Abschaffung der Biokraftstoffe und stellen die Nutzung von Biomasse in Frage…

Gröblinghoff: Ich nehme gerade einen Wandel in der Betrachtungsweise wahr. In der komfortablen Situation der letzten Jahre war z.B. Biogas überhaupt nicht mehr gewollt. Durch den Ukrainekrieg hat sich das gedreht. Und plötzlich werden Dinge kritisch hinterfragt, was vorher kaum möglich war: Haben wir bspw. überhaupt genug Strom, wenn plötzlich alle ihr E-Auto an der heimischen Steckdose aufladen? Oder brauchen wir in der Übergangszeit doch noch länger Verbrenner und die Beimischung von Bio-Fuels?

Christoph Gröblinghoff

Christoph Gröblinghoff, Vorsitzender Geschäftsführung Fendt (Bildquelle: Privat )

Genauso bin davon überzeugt, dass es uns gelingen muss, die Mobilität mittelfristig klimaneutral aufzustellen. Wir werden 2024 mit dem Fendt e100 Vario einen vollelektrischen Traktor mit 80 PS einführen, eventuell können wir das noch bis 150 PS aufweiten. Die benötigte Elektrizität muss nachhaltig produziert werden – sonst hat das Ganze keinen Sinn. Gleichzeitig forschen wir im Bereich der Wasserstoffmotoren, Brennstoffzellen und synthetischer Kraftstoffe. Hier erreichen wir die 200 PS. Aber ich bin sicher, dass wir bis mindestens Ende des Jahrzehnts in Leistungsklassen über 300 PS noch Verbrenner sehen werden.

Würde Deutschland auf E10 und Biodiesel verzichten, fehlen 1,5 Mrd. l Benzin und 3,5 Mrd. l Diesel. Wie sollen diese ersetzt werden? Russland, dem wichtigsten Öl-Exportland der Welt, wird kaum jemand mehr Geld als unbedingt nötig in die Kriegskasse überweisen wollen. Besteht nicht die Gefahr, dass wir uns stattdessen von anderen „Schurkenstaaten“ abhängig machen?

Gröblinghoff: Wir müssen unterscheiden zwischen der kurzfristigen Lage und den langfristigen Zielen. Der Klimawandelwandel lässt sich nicht leugnen. Wir erleben ihn gerade in drastischer Weise als Dürre. Keine Frage, wir müssen das Thema sehr ernst nehmen und die Decarbonisierung voranbringen. Kurzfristig stellt sich die Lage aber komplett anders da: Wir kommen aus einem langen Sommer, stehen aber aktuell vor einem Winter, den wir überstehen müssen. Auch wenn die Gasspeicher zu 100% gefüllt werden würden – wir sind nicht ausreichend gewappnet, über einen kalten Winter zu kommen.

Wir müssen die Versorgung mit allen Mitteln sicherstellen, auch um den sozialen Frieden zu sichern. Deshalb: Fracking-Gas, Katar, Schurkenstaaten – sicher können wir diese Dinge kritisieren. Aber wir sind gerade vor einer kurzfristigen Herausforderung, die wir lösen müssen. Russland ist in der Lage, in einem kalten Winter durch Abdrehen der Gashähne Europa zu destabilisieren. Deshalb müssen wir sparen und alle Ressourcen-Möglichkeiten prüfen – und dazu gehört auch die Landwirtschaft.


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