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BayWa in Insolvenzgefahr Ernte 2024 GAP-Vereinfachungen

topplus Interview

Steckt die Initiative Tierwohl in der Krise?

Warum kündigen ­einige Vermarkter die ITW-Verträge, wie gewinnt man weitere Teilnehmer, reicht ein Bonus von 3,57 € je Ferkel und warum ist das Interesse an QM+ so gering?

Lesezeit: 8 Minuten

Vertragskündigungen bei Schwein, kaum Anmeldungen bei Rind und Konkurrenz durch das staatliche Label: Bei der Initiative Tierwohl gab es schon ruhigere Zeiten. Die ITW-Geschäftsführer sehen sich trotzdem auf Kurs.

Bei Inflationsraten von 8 % sparen viele Verbraucher beim Lebens­mitteleinkauf. Welche Auswirkungen hat das auf den Absatz von Tierwohlfleisch im LEH bislang?

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Hinrichs: Das Einkaufverhalten ver­ändert sich durch die hohe Inflation spürbar. Der Absatz von Fleisch geht generell zurück und das trifft logischerweise auch ITW-Ware. Die Absatzprobleme sind bei Haltungsform 3 und 4 aber ungleich größer. Denn die Verbraucher greifen nun stärker zu günstigeren Angeboten. Der Marktanteil der höheren Haltungsformstufen lag vor dem Ukraine-Krieg über alle Tierarten bei etwa 10 %. Einzelhändler berichten, dass er nun sehr deutlich darunter liegt.

Wir glauben nicht, dass wir die durchgängige Nämlichkeit ab 2024 ohne ausländische Ferkel hinbekommen - Römer

Was tut der LEH konkret, um den ­Absatz von ITW-Fleisch anzukurbeln?

Römer: Der LEH versucht mit Aktionen gegenzusteuern. Die ITW ist trotz der schwierigen Gesamtlage gut aufgestellt, weil der LEH sein Frischfleisch bei Schwein und Geflügel fast zu 100 % auf ITW-Ware umgestellt hat. Dort ist Haltungsform 2 der Preis­einstieg.

Wie kann man den Absatz von ­ITW-Ware weiter forcieren?

Römer: Wir diskutieren immer, was die ITW-Teilnehmer noch tun können, um den Absatz zu fördern. Die Dis­kussion halte ich aber für falsch. Wir sollten uns stattdessen fragen, wie weitere Teilnehmer ins System kommen. Beim Fleischerhandwerk kommen wir hoffentlich bald in kleinen Schritten voran, die Gastronomie fehlt fast komplett. Wenn wir hier weiter kämen, wäre der Hebel viel größer.

Die Molkereien gehen von Null auf Nämlichkeit. Da kann es schon mal ruckeln - Hinrichs

Wie stehen die Chancen, dass Sie die Gastronomen noch überzeugen?

Römer: Das Marktumfeld war schon mal besser. Denn aktuell kommen zu den Inflationssorgen auch noch die Diskussionen um das staatlich Tierwohllabel. Wir hören in unseren ­Gesprächen immer wieder das Argument: „Wir warten erst mal ab, was aus Berlin kommt.“

Es heißt, dass sich auch die Fleisch­warenindustrie mit der ITW schwer tut und lieber günstige Standardware einkauft. Ist der Drops angesichts der schwierigen Gesamtlage jetzt gelutscht?

Römer: Nein. Ich schätze, dass im LEH bereits 50 % der Wurst- und Fleischerzeugnissen das ITW-Logo tragen. Wir haben 195 Verarbeitungsbetriebe im System und darunter vor allem die großen Fleischverarbeiter Deutschlands.

Trotz dieser Erfolge hat man den Eindruck, dass das ITW-Boot bereits voll ist und es zu viele Programm-Schweine gibt. Steckt die ITW in einer Krise?

Hinrichs: Ich halte das für eine Phantom-Diskussion. Wir stellen bei den Anmeldezahlen derzeit keinen Rückgang fest. Im Gegenteil, wir haben aufs Jahr hochgerechnet nun 27,6 Mio. Mastschweine bei der ITW. Das ist deutlich mehr als die Hälfte des deutschen Marktes. Wir haben seit Mai nochmals 500.000 Mastschweine bzw. gut 200 landwirtschaftliche Betriebe hinzugewonnen. Wir sind auf Kurs.

Wie erklären Sie sich dann, dass ­einige Vermarkter ITW-Verträge ­kündigen?

Hinrichs: Details kennen wir nicht, denn die Verträge werden zwischen Landwirt und Schlachtunternehmen gemacht. Soweit wir das beurteilen können, sind das oft Verträge, die aus unterschiedlichen Gründen, die nichts mit der ITW zu tun haben, nicht verlängert wurden. Außerdem sind es nur wenige Betriebe. Das ist ­definitiv kein Flächenbrand. Genauso hören wir aus andere Regionen, dass Schlachtunternehmen noch ITW-Schweine suchen. Der Markt ist re­gional sehr unterschiedlich.

Dennoch sind viele Bauern verunsichert. Was sagen Sie Landwirten, die sich dennoch für ITW interessieren?

Römer: Wer seinen Betrieb für die Zukunft ausrichtet, kommt an dem Thema Tierwohl nicht vorbei. Das ist Fakt. Und ITW ist nun mal der erste Schritt zu mehr Tierwohl. Ich sage aber auch, dass sich neue Interessenten zunächst einen Abnehmer suchen müssen, mit dem sie Planungssicherheit bekommen. Ohne Vertrag würde ich nicht in Vorleistung gehen.

Ab 2024 wollen Sie die durchgängige Nämlichkeit einführen. Das heißt, Schweinemäster müssen dann ITW-Ferkel einstallen. Haben Sie schon ­ausreichend Sauenhalter im System?

Hinrichs: Davon sind wir noch weit entfernt. Den 27 Mio. Mastschweinen stehen nur 13 Mio. Ferkel gegenüber. Es fehlen uns also rechnerisch über 14 Mio. Ferkel. Deshalb hat im September ja auch unsere neue Registrierungsphase für Ferkelerzeuger begonnen, bei der wir erstmals den Ferkelbonus daran knüpfen, dass die Tiere auch an einen ITW-Mäster gehen.

Glauben Sie, dass der Bonus von 3,57 € je Ferkel ausreicht, um so viele Ferkelerzeuger ins System zu locken?

Römer: Die Kritik an den Bonus­zahlungen hat Tradition. Die Aufschläge sind fair ermittelt worden. Daran wird nicht gerüttelt. Von den Bündlern hören wir zudem, dass durchaus Interesse besteht. Warten wir es ab.

Verliert der Ferkelerzeuger seinen ITW-Bonus, wenn sein Mäster aus ITW aussteigt?

Hinrichs: Solange das Geld für die Ferkel aus dem Übergangsfonds kommt, brauchen sich Bestandsferkelerzeuger keine Sorgen zu machen. Wer allerdings im September neu in die ITW hinzukommt, muss nachweisen, dass seine Ferkel an ITW-Mäster gehen. Perspektivisch werden wir hier auch zu einer Marktlösung übergehen. Spätestens dann sollten alle Ferkelerzeuger an ITW-Mäster liefern.

Es heißt, dass künftig Ferkelerzeuger aus dem Ausland stärkeren Zugang zum System erhalten sollen. Warum?

Römer: Das stimmt. Wir diskutieren gerade in den Gremien, wie wir ausländischen Tierhaltern den Zugang ermöglichen. Das hat mehrere Gründe: Erstens hat uns das Kartellamt das ­damals ins Stammbuch geschrieben. Zweitens sagen uns auch deutsche Mäster, die ausländische Ferkel mästen: „Bitte kümmert Euch um die Zulassung dieser Betriebe zu ITW.“ Und drittens gehen wir derzeit davon aus, dass wir für die durchgängige Nämlichkeit ab 2024 die ausländischen Ferkel brauchen werden.

Marktkenner schätzen das Angebot an deutschen Ferkeln auf knapp 40 Mio. Tiere pro Jahr. Das müsste doch reichen, oder?

Hinrichs: Das werden wir ja bald sehen. Die neue Registrierung für Ferkelerzeuger ist nur für deutsche Betrieb zugänglich. Wenn wir hier einen Run ­erleben, müssen wir die Diskussion über den Zugang ausländischer Betriebe gar nicht weiter führen. Ich bin aber skeptisch, dass das reicht.

Kommen wir zu ITW Rind, die im ­April gestartet ist. Wie viele rinder­haltende Betriebe haben sich bisher zertifizieren lassen?

Römer: Aktuell sind es 250 Betriebe, die rund 64 000 Rinder liefern könnten. Das reicht natürlich noch lange nicht, ist aktuell aber unproblematisch, weil die Schlachtbetriebe die Abläufe und Warenströme organisieren müssen. Zur Nagelprobe kommt es zum Jahreswechsel. Dann will der LEH in der Fläche auf Haltungsform 2 bei Rindfleisch umstellen und braucht sehr viel ITW-Ware.

Wie viele Tiere brauchen Sie, damit ITW-Rind keinen Fehlstart hinlegt?

Römer: Für einen guten Start bräuchten wir schätzungsweise ein Drittel des Marktes. Das wären etwa 250 000 ­ITW-Jungbullen und vielleicht 300 000 QM+ Schlachtkühe. Mit dieser Grundlage könnte der LEH schon ein Großteil des Frischfleischsortiments auf ITW umstellen.

Der Jahreswechsel ist schon sehr nahe. Glauben Sie, dass das gelingt?

Hinrichs: Bei den Bullen mache ich mir wenig Sorgen, weil die großen Schlachtunternehmen ausreichend Mäster finden, die die meisten Kriterien schon erfüllen. Die größere Herausforderung ist, dass wir hier im Gleichschritt auch ausreichend Milchviehbetriebe finden, die mitmachen.

Warum sind die Milchviehbetriebe mit ihren Schlachtkühen so wichtig?

Römer: Wir wollen bei der Umstellung keine Marktverzerrungen verursachen. Es gibt Einzelhändler, die fast ihr gesamtes Sortiment über Jungbullenfleisch abdecken – auch das Hackfleisch und die Patties. Andere Händler nehmen dafür größere Mengen Kuhfleisch ab. Wenn wir jetzt nur die ­Bullen umstellen, wäre das für einige Händler deutlich teurer als für andere. Das wäre nicht fair.

Bisher gibt es wenig Interesse an QM+ seitens der Bauern und der Molkereien. Verständlich bei einem Milchpreis von rund 60 Cent und ­mageren Zuschlägen von 1,2 Cent pro kg Milch. Müssen Sie bei den ­Zuschlägen nachbessern?

Hinrichs: In einem solchen System ist es nicht möglich, die Zuschläge je nach Marktlage ständig anzupassen. Außerdem wissen wir von QM-Milch, dass sich die ersten Molkereien vorbereiten, um ihre Lieferanten bis Ende des Jahres für QM+ zertifizieren zu lassen. Bedenken Sie auch, dass das Programm für mehr Tierwohl in der Milchviehhaltung bei Null anfängt. Bei ITW Schwein konnten wir uns sechs Jahre auf die Nämlichkeit vorbereiten. Die Molkereien gehen nun von Null auf Nämlichkeit. Für mich ist verständlich, dass das anfangs ruckelt. Die Milchverarbeiter bekommen das aber hin.

Sie hatten angekündigt, dass auch Mutterkuhhalter ab dem Sommer bei ITW Rind mitmachen können. Wie ist der Stand?

Römer: Das Interesse ist bisher gering. Wir haben nur einen Mutterkuhhalter im System. Das ist erstaunlich, denn die Auflagen können viele Mutterkuhhalter relativ schnell erfüllen. Außerdem signalisieren die Schlachtunternehmen, dass sie sich beim Zuschlag eher an den Jungbullen orientieren – also 10,7 Cent statt 4 Cent pro kg SG. Ich glaube, es hat sich noch nicht rumgesprochen.

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