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Tierwohl wird nicht bezahlt: Ist Aldis #Haltungswechsel nur ein großer Marketing-Gag?

Der Discounter Aldi prescht mit seiner #haltungswechsel-Kampagne vor und will Fleisch der Haltungsstufe 2 verbannen. Für den Umstieg fehlen aber Konzept und Geld, die Bauern sind sauer.

Lesezeit: 5 Minuten

Aldi Süd bewirbt massiv seinen #haltungswechsel auf höhere Tierhaltungsstufen. Montag erst kündigte der Discounter an, ab März 2024 Putenfrischfleisch ausschließlich aus der höheren Haltungsform 3 und zu 100 % aus deutscher Herkunft anbieten.

Dass zwischen Anspruch bzw. Marketing und der praktischen Umsetzung aber eine enorme Lücke klafft, verdeutlicht die kritische ARD/NDR-Doku mit dem Titel „Das scheinheilige Fleisch-Versprechen“, die am 4. September erschien.

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Autor David Hohndorf wirft Aldi bei der #haltungswechsel-Kampagne (Werbevideo hier) vor, gar keine konkrete Strategie zum Haltungswechsel zu haben und Tierwohlfleisch nicht angemessen zu entlohnen. Auch viele Landwirte fühlen sich vom Discounter überrumpelt und fürchten, dass sie den Preis für die Aldi-Kampagne zahlen.

Praxisbeispiel 1: Haltungsform 4 ist nicht kostendeckend!

Hohndorf macht den Test: Das Fleisch aus der höheren Haltungsstufe ist kaum teurer als das aus der niedrigen; Schnitzel der Haltungsstufe 1 kostet 23,99 €/kg, Biofleisch 25,99 €/kg.

Um herauszufinden, wie das sein kann, besucht er einen Landwirt, der für das Aldi-Programm „fair und gut“ produziert und in einem Werbeclip zu sehen ist.

Ulrich Schulze Vowinkel aus Laer (NRW) hält über 2.000 Schweine, überwiegend in Haltungsstufe 2. Ca. 350 Tiere mästet er in Stufe 4 und verkauft sie über Tönnies an Aldi.

Die konventionellen Schweine werden jede Woche neu über die VEZG bepreist. Der Preis ist derzeit so hoch wie lange nicht mehr, erklärt der Sender den Zuschauern. In Haltungsstufe 4 mit doppelt soviel Platz bekommt der Mäster dagegen von Tönnies für fünf Jahre einen Festpreis. Das funktionierte für ihn gut, solange die Haltungskosten stabil blieben.

„Die absurde Situation ist momentan, dass die Tiere in der konventionellen Haltung teurer sind als die Tiere in der Haltungsstufe 4. Momentan bekommen wir sogar 10 € mehr für die Tiere, die wir in der Haltungsstufe 2 vermarkten. Obwohl wir in der Haltungsstufe 4 sehen, dass wir einen deutlich höheren Aufwand haben“, schildert der Betriebsinhaber dem NDR.

Versuche einen höheren Preis zu bekommen seien fehlgeschlagen, da der Handel nicht dazu bereit war. Kostendeckend sei die Haltungsform 4 derzeit bei ihm nicht. Auf Anfrage des Senders erklärte Aldi, ab September 2023 einen deutlich höheren Betrag an Tönnies für die Haltungsform 3 zahlen zu wollen.

Praxisbeispiel 2: Stallumbau auf Haltungsstufe 3

Mitmachen beim Haltungswechsel würde auch gern Landwirt Jürgen Dierauff aus Markt Nordheim (Bayern). Er hat konkrete Vorstellungen, wie er den Stall mit heute 2.500 Schweinen von Haltungsstufe 2 auf 3 umbauen kann. Aber dafür müsste er konkrete Abnehmer haben, die auch mehr zahlen.

Sein Problem: Bislang wollen weder Schlachthöfe noch Supermärkte oder Discounter wie Aldi die teureren Schweine haben, berichtet er dem Journalisten. „Ich habe aus Eigeninitiative bei der Firma Tönnies nachgefragt. Die haben mir erklärt, dass sie grundsätzlich schon Interesse haben, aber der Markt im Moment noch sehr klein ist, dass das noch Zeit braucht. Weil der Lebensmitteleinzelhandel, der dahinter steht, dieses Fleisch nur sporadisch in die Regale legt“, so Dierauff.

Der NDR merkt dazu an, dass Aldi schon vor zwei Jahren den Haltungswechsel werbewirksam ausgerufen habe. Das findet auch der Schweinemäster wenig seriös: „Sie wollen ab 2030 nur noch Fleisch der Haltungsstufe 3 und 4, aber auf der anderen Seite werden den Landwirten über die Händler noch gar keine Verträge angeboten.“ Er könne also noch nicht umbauen und werde auch nicht mehrere hunderttausend Euro in die Hand nehmen, bevor kein Vertrag unterzeichnet ist, schilderte der Bayer die Situation.

Praxisbeispiel 3: Walter Heidl ärgert sich

Als ehemaliger Präsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) ärgert sich Walter Heidl schon lange über Aldi. Der Landwirt aus Simbach (Bayern) hatte Aldi am 1.2.2022 in einem offenen Brief scharf angegangen; Auszug:

„Aldi inszeniert sich aktuell mit einseitigen Anzeigen in vielen Tageszeitungen und Slogans wie "Tierwohl ist eine Frage der Haltung". Tatsächlich erleben wir Bauernfamilien Aldi aber anders: Aggressive Niedrigpreisstrategien, auch für Tierwohlfleisch. Und in den rund zweijährigen Verhandlungen über ein branchenweites Tierwohlprogramm für Rindfleisch und Milch für die Haltungsform 2 mussten die Vertreter der Landwirtschaft um jeden Zehntelcent an Kostenausgleich für die Umsetzung von mehr Tierwohl auf den Betrieben erbittert kämpfen.

Die Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels verhinderten einen umfangreicheren Katalog an Tierwohl Kriterien für das Programm, da sie den Kostenausgleich für die Landwirte nicht bezahlen konnten oder wollten. Wenn gleichzeitig offenbar große Budgets für Medienkampagnen vorhanden sind, dann passt das einfach nicht zusammen!“, schrieb Heidl. Eine Antwort von Aldi bekam er nicht.

Heidl spricht von einem Marketing-Gag, bei dem Aldi die interessierten Landwirte vor den Kopf stößt. Er prangert an, dass die Haltungsstufe 2 aussortiert werden soll, während die höheren Stufen derzeit überhaupt keine Unterstützung bekommen und es kein Finanzierungskonzept gibt.

Aldi lehnte gegenüber dem NDR ein Interview dazu ab, teilte aber mit, dass „alle gemeinsam einen Schritt in die gleiche Richtung gehen müssten: Kunden, der Handel insgesamt, Landwirte, Lieferanten und die Politik“.

In der weiteren Doku thematisiert der NDR die Haltungsbedingungen in höheren Stufen und auf Biobetrieben. Gezeigt werden Tierrechtleraufnahmen von Gesundheitsproblemen bei Schweinen und Geflügel. Fazit: Auch vermeintlich bessere Haltungen garantierten nicht mehr Tierwohl. Sie seien ebenso auf maximale Tierleistung ausgerichtet. Das verschweige Aldi und erzeuge das Bild, dass es Biotieren besser geht, heißt es.

Und jetzt sind wir auf Ihre Meinung gespannt:

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