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topplus Schweinehaltung in Deutschland

Spitzt sich der Strukturbruch in der Schweinehaltung zu?

Die Schweinehaltung in Deutschland hat in den letzten Jahren einen nie da gewesenen Strukturbruch erlebt. Wo steht die Branche aktuell?

Lesezeit: 5 Minuten

Wenn dynamische Betriebsleiter, die gerne Schweinehalter sind und überdurchschnittliche Leis­­tungen erzielen, nicht mehr in diesen Betriebszweig investieren oder ihn sogar ganz aufgeben, dann ist das ein deutliches Alarmzeichen für eine Branche. Wenn noch dazu, so geschehen zwischen November 2018 und ­November 2023, etwa 33 % der Sauenhalter und 28 % der Schweinemäster in Deutschland die Produktion einstellen, muss man von einem massiven Strukturbruch sprechen.

Dass sich der Rückgang der Tier­zahlen fast auf gleicher Höhe bewegt, ist ein weiterer Beleg dafür, dass in den vergangenen Jahren viele zukunftsfähige Betriebe aufgegeben haben. Besonders drastisch fällt das Minus bei den Sauen und Mastschweinen in Schleswig-Holstein sowie in Ost- und Süddeutschland aus mit einem Rückgang von 25 bis 35 % (Übersicht unten). In den Veredlungshochburgen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind die Tierzahlen hingegen etwas weniger gesunken als die Zahl der Betriebe.

2024: Auf Sicht fahren

Auch wenn sich die wirtschaftliche Lage der Betriebe aufgrund der besseren Preise im letzten Jahr etwas entspannt hat und die Zahl der Betriebsaufgaben zurückging, ist die Stimmung bei den Schweinehaltern aktuell sehr verhalten. „Die Löcher der vorherigen Jahre müssen noch gestopft werden“, sagt Annika Frank von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Hinzu kommen die Herausforderungen, durch die gesetzlich geforderten Umbaumaßnahmen im Deckstall bis 2029 und im Abferkelstall bis 2036. Zusätzlich sorgt die geringe gesellschaftliche Akzeptanz für Schweinehaltung bei den Landwirten für schlechte Stimmung. „Das größte Problem: Es fehlt an Verlässlichkeit und klaren Vorgaben aus der Politik“, sagt Bernhard Linder, Berater am Landwirtschaftsamt im schwäbischen Wertingen. Als Beispiele nennt er die fehlenden Ausführungsbestimmungen für das Tierkennzeichnungsgesetz oder die unklare Ausgestaltung des Bundesprogramms.

Mit Investitionen sind Schweinehalter deshalb sehr zurückhaltend. Mäster investieren derzeit nur in eine höhere Haltungsstufe, wenn sie langfristige Abnahmeverträge haben.

Für beinahe jeden Betrieb lautet die Devise: „Auf Sicht fahren“. Wenn die wirtschaftliche Situation so bleibt wie derzeit, werden Sauenhalter noch die nächsten zwei Jahre bis zum Umbau des Deckzentrums weiterwirtschaften und dann je nach Preislage entscheiden, ob sie einen Bauantrag stellen oder ­endgültig aussteigen. Wie sich der internationale Schweinemarkt mittelfristig entwickeln könnte, lesen Sie in der top agrar 3-2024, Seite 146.

Planungssicherheit nötig

Alle Experten sind sich einig: Die Schweinehalter brauchen mehr politische Planungssicherheit und langfristig stabile Preise. Um die neuen politischen Auflagen für die Haltung umzusetzen, müssen die Sauenhalter tief in die Tasche greifen. Das gilt auch bei einem Umbau in eine höhere Haltungsform. Der Umbau muss sich für die Betriebe aber auch langfristig rechnen. „Die Landwirte brauchen von der Politik die Sicherheit, dass die aktuell gesetzlich geforderten Haltungsbedingungen auch noch in zehn bis 15 Jahren gültig sind“, fordert Beraterin Annika Frank. Die Vergangenheit habe leider gezeigt, dass schnell auf bestehende Vorgaben aufgesattelt wurde.

Welche Optionen Ferkelerzeuger und Mäster noch haben, lesen Sie hier.

Gesamte Branche kämpft

Der Strukturbruch und die derzeit angespannte Situation auf den Höfen trifft die ganze Branche, also auch den vor- und nachgelagerten Bereich. Nicht verwunderlich ist es, dass z. B. die Besamungsstationen beim Absatz der Spermatuben insbesondere 2021 und 2022 radikale Rückgänge verzeichnet haben.

2023 lief der Absatz wieder besser, da die Aufgaberaten zurückgingen. Die Entwicklungen der letzten Jahre brachten einige Konsequenzen mit sich. So schraubten die Unternehmen z. B. an den Kostenstrukturen, optimierten Lieferrouten sowie Liefer- und Bestellzeiten, nahmen personelle Umstrukturierungen vor und gingen Kooperationen ein. Beispielsweise sind die Schweine­besamungsstation Weser-Ems e. V. und die Genossenschaft zur Förderungen der Schweinehaltung (GFS) im letzten Jahr eine Zusammenarbeit im Vorstufenspermabereich eingegangen.

Als weitere Konsequenz mussten einige Besamungsstationen schließen. So hat z. B. German Genetic in den letzten Jahren seine sechs Besamungsstationen auf vier zusammengelegt.

Auch der Markt für Schweinefutter ist rückläufig ist. Hier geht der Trend wieder weg von Einkaufsgemeinschaften. Schweinehalter suchen vermehrt individuelle Strategien beim Futtermitteleinkauf. „Es fällt auf, dass mehr und mehr Schweinehalter versuchen, ihre Entscheidungen vom aktuellen Börsenstand zu lösen“, berichtet Tobias Bolte vom Mischfutterhersteller Bröring.

Schlachthöfe unter Druck

Der Strukturwandel trifft auch die Schlachtunternehmen. So wird die Vion Food Group ihren Schweineschlachtbetrieb im brandenburgischen Perleberg veräußern und den Standort Emstek in Niedersachsen schließen. „Die Schließung betrifft einen der größten Schweineschlachtbetriebe Norddeutschlands und leistet damit einen signifikan­ten Beitrag zur Konsolidierung der Schlachthoflandschaft sowie dem Abbau der branchenweiten Überkapazitäten“, so Vion.

Bei Westfleisch rechnet man zwar weiter mit einem scharfen Wettbewerb, sagt Michael Schulze Kalthoff, COO von Westfleisch. Schließungen oder ­Zusammenlegungen von Schlachthöfen stünden jedoch nicht zur Debatte. Auch Arbeitsplätze würden nicht gestrichen. Das Unternehmen habe sich bereits vor Jahren vom reinen Mengenwachstum verabschiedet und werde weiterhin „voll auf die Karte Qualität“ setzen.

Auch bei Müller Fleisch sind Schließungen von Standorten derzeit kein Thema. Das Unternehmen bereitet eigenen Angaben zufolge derzeit vielmehr in Ulm Investitionen in die Schweineschlachtung vor. Bei Tönnies, das verstärkt auf Regionalität und Diversität setzt, kann man dem derzeitigen Strukturbruch auch etwas Positives abgewinnen: „Die gesamte Branche steckt in einer Transformation, die sich aber dem Ende zuneigt. Diesen Kraftakt haben andere europäische Länder noch vor sich. Deshalb ist der Standort Deutschland bereits gestärkt und lässt uns ­op­timistisch in die Zukunft blicken“, so Robert Elmerhaus, Geschäftsführer Tönnies Livestock.

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