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Interview: Wie geht es weiter, wenn man einen Betriebszweig aufgeben muss?

Wie können Landwirte wieder Fuß fassen, wenn sie einen Betriebszweig aufgeben mussten? Das haben wir Bauernsohn und Coach Eberhard Breuninger gefragt.

Lesezeit: 6 Minuten

Veränderungen auf dem Betrieb sind Teil der Unternehmensentwicklung. Für die Familie ist der Hof eine Form von Sicherheit. Deshalb sind auch sie häufig zumindest emotional ebenfalls betroffen, wenn sich größere Umstrukturierungen ankündigen.

Eberhard Breuninger berät Unternehmer in solchen Prozessen und gestaltet mit ihnen Zukunftsbilder und den Wandel im Unternehmen zu gestalten. Er ist unter anderem Coach und auf einem Ferkelerzeugerbetrieb in Hohenlohe aufgewachsen. Wir haben mit ihm über die emotionale Seite in schweren Veränderungsprozessen in der Landwirtschaft gesprochen.

Herr Breuninger, wie geht man mit den Emotionen rund um Veränderungen um, wenn z. B. die Tierhaltung aufgeben werden muss?

Breuninger: Bei manchen löst der ­Gedanke an einen Umbruch Ängste aus, andere verfallen in Euphorie und Tatendrang. Das sind Gefühle, die ­einen Wert haben. Eine gewisse ­Ängstlichkeit hilft z. B. dabei, Risiken genauer zu betrachten. Natürlich ist das keine Heldengeschichte, wenn ein Landwirt z. B. die Kühe abschaffen muss. Die Verlustgefühle oder Sorgen, die damit einhergehen, sind normalerweise auch nichts, auf das man stolz ist. Doch genau diese Gefühle sind es, die uns neue, konstruktive Schritte ­ermöglichen und uns durch die Veränderung hindurch helfen. Was steckt hinter meinen Emotionen? Das sollte ich herausfinden, bevor ich aktiv werde.

Wie gewinne ich meine Motivation ­zurück, wenn ich aktuell ratlos bin und innerlich vor einem Loch stehe?

Breuninger: Wenn ich es geschafft habe, meine Emotionen anzunehmen, kann ich probieren, einen Schritt zur Seite zu treten. Das ist nicht leicht und dabei können z. B. ein Coach oder das Umfeld helfen. Was ist es wirklich, das mich jetzt belastet? Habe ich meine Situation vielleicht schon mal etwas positiver betrachten können? Was war der Auslöser dafür? Wenn ich morgen aufwachen würde und alle Sorgen wären verflogen, was wäre dann anders?

Oft werden große Veränderungen so lange hinausgezögert, bis sie ­unumgänglich sind. Wie komme ich früher ins Handeln?

Breuninger: Im Grunde sind unsere Gehirne ständig dabei, Vorausberechnungen anzustellen und Schlüsse daraus zu ziehen. Wir wollen gar nicht überrascht werden. Deshalb neigen wir dazu, Aspekten, die unsere Ansichten belegen, mehr Bedeutung zuzurechnen als widersprüchlichen Informationen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Breuninger: Stellen Sie sich einen Landwirt vor, dessen Kühe eine gute Milchleistung haben. Züchterisch hat er in letzter Zeit ebenfalls hervorragende Entscheidungen getroffen, die man auch sehen kann. Außerdem hat er eine super Grundfutterqualität und ist besonders geschickt im Einkauf. Er ist in jeder Hinsicht ein richtig begabter Milchviehhalter – keine Frage, der hats drauf. Muss er sich dann aber eingestehen, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen und er sein Können nicht in Geld umwandeln kann, ist das hart. Auch wenn es von außen vielleicht logisch erscheinen würde, die Kühe abzuschaffen, für den Betriebsleiter steckt viel mehr dahinter als die reine Zahlenwirtschaft. Wir alle befinden uns ständig in Situationen, die wir uns selbst ganz unbewusst schönreden.

Welche Rolle spielt die Familie, wenn auf dem Hof große Verände­rungen ­anstehen?

Breuninger: Eine ganz wichtige! Natürlich muss man sich als Landwirt erst selbst durchringen, einen neuen Kurs einzuschlagen. Vor allem dann, wenn dieser mit Traditionen bricht. Wenn man dann am Tisch erzählt, was man sich vorstellt und das auch begründet, schafft das Raum zum ­Austausch. Das Gespräch mit der ­Partnerin, dem Nachfolger oder dem Senior, kann neue Sichtweisen und Mög­lichkeiten eröffnen. In der Wirtschaft ­passiert das genauso. Dort hat die ­Einschätzung der „Stakeholder“ ­einen hohen Wert, also der Leute, die in ­irgendeiner Weise involviert sind.

Natürlich muss man zwischen den ganzen Aspekten, Sorgen und Äußerungen der Familie seinen Weg finden. Ich glaube aber auch, dass der Dialog mit dem engen Umfeld auf den Höfen viel zu selten stattfindet. Dass es oft wirklich einsame Entscheidungen gibt, die schwer auf der Seele des Bauern lasten und mit vielen Verlustängsten einhergehen, über die nicht gesprochen wird.

Ich glaube, dass es oft wirklich einsame Entscheidungen gibt, die schwer auf der Seele des Bauern lasten."
Eberhard Breuninger

Dass der ein oder andere Sorgen um den Familienfrieden hat, kommt aber auch nicht von ungefähr…

Breuninger: So nach dem Motto „Wer den Teich trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen“? Es ist ebenfalls selbstgefällig zu denken, dass das, was man selbst ausgebrütet hat, auch genau das ist, was die anderen jetzt mitzutragen haben. Sich zu wundern, dass es Widerstände gibt, wenn man seine Überlegungen nicht mitteilt, setzt voraus, dass der Hof dem Rest der Familie völlig egal ist. Natürlich muss der Betriebsleiter später die Entscheidung treffen und vertreten können. Das ist schwer. Aber man darf das auch sagen: „Ich möchte das so und so machen, bevor ich jedoch etwas entscheide, wollte ich Euch erst mal anhören.“

Veränderungen anzuschieben und gut zu kommunizieren, ist sicherlich auslaugend. Kann man die Situation nicht einfach aussitzen?

Breuninger: Veränderungen sind schlicht notwendig. Sich drumherum zu winden, bringt langfristig keine ­Lösung. Als Unternehmer muss ich mich immer fragen, ob das, womit ich jetzt Geld verdiene, in 5, 10 oder 20 Jahren noch ein ertragreiches Feld ist. Dadurch, dass der Landwirt meist selbst Entscheider und Kapitaleigner ist, kann er Veränderungen häufig viel schneller und leichter umsetzen als manch anderer Unternehmer. Auf der anderen Seite ist der Hof auch das Zentrum der ganzen Familie. Er verkörpert Stabilität und Status. Ein an­gestellter Manager hat weniger zu ­verlieren und kann den Wandel deshalb viel nüchterner betrachten.

Zu Veränderungsprozessen gibt es viel Lektüre und Theorie. Was wird in der Praxis oft unterschätzt?

Breuninger: Die Trauerphase, die ­fester Bestandteil jedes Veränderungsprozesses ist. Die Mitarbeiter großer Unternehmen stecken darin meiner ­Erfahrung nach übrigens länger fest als Landwirte. Trotzdem ist es wichtig, diese Trauer nicht nur bei sich selbst, sondern auch in der Familie zuzulassen. Etwas schmerzlich zu vermissen und trotzdem mutig und unerschrocken voranzugehen, muss kein Widerspruch sein.

Auf der einen Seite kann man beispielsweise traurig sein, dass die Kühe oder die Sauen gehen – mit ihrem ­Geruch und den beruhigenden Aspekten, die das Arbeiten mit den Tieren oder den Jahreszeiten bringt. Auf der anderen Seite ist man froh und womöglich sogar erwartungsvoll: Jetzt wirds leichter und unternehmerisch wieder interessanter. Jetzt kommt ­etwas Neues!

Haben Sie weitere Tipps oder Fragen?

Möchten Sie selbst über Ihre Erfahrungen mit Veränderungsproessen auf dem Betrieb berichten? Haben Sie Tipps, Anmerkungen oder Hinweise? Gibt es weitere Frage rund um Familienthemen, dem Umgang mit Stresssituationen oder dem Leben auf dem Hof? Schreiben Sie mir gerne unter katharina.meusener@topagrar.com

Wir behalten uns vor, besonders interessante Zuschriften gekürzt zu veröffentlichen.

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