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Hirschfelder: Politik diskutiert beim Tierwohl an der Bevölkerung vorbei

Klimaschutz, Tierwohl, Nachhaltigkeit: Alles Themen, die erhebliche Teile der Bevölkerung wenig bis gar nicht interessieren, so der Regensburger Kulturwissenschaftler Hirschfelder.

Lesezeit: 3 Minuten

Die Bundesregierung dreht nicht erst seit dem Start der Ampel meist das große Rad, wenn es um Klima- und Naturschutz oder das Tierwohl geht. Dabei wird das Einverständnis der Bevölkerung gern vorausgesetzt, immerhin gibt es viele Umfragen, aus denen sich überwiegend Unterstützung und Zahlungsbereitschaft für diese Themen herauslesen lassen. Aber wie sieht es in der Realität aus?

Jedenfalls längst nicht so homogen, wie es Medien und Politiker oft darstellen. Darauf hat Prof. Gunther Hirschfelder vom Lehrstuhl für vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg hingewiesen. Nach seiner Einschätzung driftet die Gesellschaft nämlich auch in solch „großen“ Fragen immer weiter auseinander, was die politische Umsetzung derartiger Ziele nicht einfacher machen dürfte.

Migranten und Prekariat nicht abgeholt

Bei der Agrarfinanztagung der Deutschen Rentenbank und des DBV stellte Hirschfelder vergangene Woche in Berlin klar, dass es in Deutschland etliche Bevölkerungsgruppen gibt, die er „jenseits der aktuellen Debatten“ verortet. Dazu zählt er beispielsweise die Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Diese mache inzwischen mindestens 23 % der Einwohnerschaft aus, bei den Jüngeren schon deutlich über 30 %. „Die fühlen sich von den ganzen Diskursen hier überhaupt nicht abgeholt. Die leben sozusagen in einem anderen Informationskosmos“, betont Hirschfelder.

Wenig Interesse für hochgesteckte Ziele beim Fleischverzehr oder die ethische Dimension einer fossilen Heizung dürfen Politiker laut dem Regensburger Soziologen auch bei der leider wachsenden Bevölkerungsschicht erwarten, die in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen leben muss. Deren Anteil sieht Hirschfelder zwischen 25 und 30 %, wobei durchaus Überschneidungen mit der migrantisch geprägten Bevölkerung bestehen dürften.

Statt Tierwohl „bitte erstmal Menschenwohl“

Gerade im unteren Einkommensbereich besteht laut Hirschfelder wenig Verständnis für Nachhaltigkeitsthemen. Diese Bürger könnten ihm zufolge sagen: „Why Tierwohl? Bitte erst mal Menschenwohl!“. Das Interesse für beispielsweise Tierschutz sei in diesen Bevölkerungskreisen jedenfalls gering. Ökonomischer oder psychosozialer Druck übertreffe dort ethisch-moralisch aufgeladene Themen deutlich.

Und noch eine Gruppe existiert in Deutschland, die Politik bei Nachhaltigkeitsthemen kaum oder gar nicht erreichen kann: Die bezeichnet der Regensburger Wissenschaftler als „Rücksichtslose“. Die wollten nicht die Welt verbessern, sondern nur ihr eigenes Leben optimieren, verdeutlichte Hirschfelder. Er kritisiert, dass sich die politische und mediale Diskussion von solchen großen Bevölkerungsteilen zunehmend entkoppelt und damit gesellschaftliche Brüche provoziert.

Politische Denkzettel möglich

Hirschfelder gibt auch zu bedenken, dass auch die „untere Hälfte der Bevölkerung“ einen Anspruch auf eine proteinreiche und fleischhaltige Ernährung hat und behalten muss. Wenn man den Menschen das verbiete, werde dieser Teil der Gesellschaft irgendwann auch politisch reagieren und sei es, um der etablierten Politik einen Denkzettel zu verpassen. Wer also die Demokratie stärken wolle, brauche nicht nur teures Tierwohlfleisch, sondern auch „normales“ und preiswertes Fleisch, so das Fazit des Regensburger Wissenschaftlers.

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