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Erdmandelgras: Vom Knöllchen zum überwucherten Acker

Das Erdmandelgras breitet sich auf immer mehr Flächen aus. Die invasive Art ist nur wenig bekannt - und sehr schwer bekämpfbar. Wir stellen Ansätze zur Bekämpfung vor.

Lesezeit: 7 Minuten

Kartoffelpflanzen sind Ende August auf dem Acker bei Vechta in Niedersachsen keine mehr zu sehen. Stattdessen wächst dort kniehoch Erdmandelgras. Die Kartoffeldämme lassen sich unter der dichten Grasmatte nur noch erahnen. Das Feld ist nicht das einzige. In der gesamten Region breitet sich das Ungras auf den Äckern aus.

„Dabei kennen viele Landwirte das Erdmandelgras gar nicht“, sagt ­Alfred Luhmann. Der gelernte Landwirt beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit Erdmandelgras und den Schwierigkeiten, die es den Landwirten bereitet. Vor seinem Ruhestand gründete er ein Unternehmen, das Gastanks aufbereitet. Heute informiert er nicht nur über den Neophyten, sondern entwickelt auch Strategien dagegen.

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Diese Regionen sind betroffen:

Denn in Niedersachsen sind schätzungsweise mehrere 1.000 ha Ackerfläche mit dem Ungras befallen, wie Dr. Arnd Verschwele vom Julius-Kühn-Institut (JKI) berichtet. Nicht nur im Westen, wo Erdmandelgras (Cyperus esculentus) 1987 erstmalig gemeldet wurde, sondern auch im Osten des Bundeslandes. Auch in Sachsen-Anhalt sind Flächen betroffen. Bundesweite aktuelle Zahlen gibt es ­allerdings nicht.

„Viele Betroffene melden den Befall nicht“, sagt Verschwele. „Mein Eindruck ist aber, dass sich die Probleme verstärken.“ Schuld daran ist auch der Klimawandel mit seinen wärmeren Temperaturen. Hauptverantwortlich dafür, dass sich das Ungras immer weiter ausbreitet, ist aber der überbetriebliche Maschineneinsatz.

Wie Erdmandelgras den Mais überwuchert

Eindrucksvoll zeigen das zwei Maisflächen in der Region bei Vechta, die direkt nebeneinander liegen. Während der Mais auf der einen Fläche etwa hüfthoch in der dichten Grasmatte vor sich hin vegetiert, steht der Mais nebenan üppig grün und 2 m hoch.

„Auf der ersten Fläche wurde das Erdmandelgras durch ungereinigte Maschinen eingeschleppt“, sagt Alfred Luhmann. Er ist in der Region gut vernetzt und beobachtet genau, wie sich das Gras ausbreitet. „Der Landwirt der Nachbarfläche war vorsichtiger und lässt nur gereinigte Maschinen auf den Acker“, berichtet er.

Hunderte Knöllchen im Boden

Erdmandelgras vermehrt sich in Mitteleuropa ausschließlich vegetativ, über Wurzelknöllchen, die sogenannten Erdmandeln. Die Vermehrung über Samen tritt nur in wärmeren Ländern auf.

Ein Knöllchen ist 2 bis 12 mm groß und kann mehrere Rhizome bilden, an ­denen wiederum neue Erdmandeln ­entstehen. Während das auffällig hellgrüne Sauergras im Winter oberflächlich abfriert, überdauern die Knöllchen im Boden und treiben im Frühjahr wieder neu aus. Nach Angaben der schweizerischen Forschungsanstalt Agroscope kann eine Muttererdmandel Hunderte neuer Erdmandeln bilden. Dabei liegen die Knöllchen nur 7 bis 12 cm tief im Boden.

Erdbewegungen tragen die Mandeln weiter, über- und innerbetrieblich. „Durch die Bodenbearbeitung verteilen sich die Erdmandeln und damit das Gras über den ganzen Acker“, hat Luhmann beobachtet. Rüben- und Kartoffelroder tun ihr übriges.

So helfen saubere Maschinen gegen Verschleppung

In den ersten drei Jahren entdecken viele Landwirte die kleinen Befallsnester gar nicht, so Luhmann. Doch nach wenigen Jahren kommt man nicht mehr dagegen an. Die Flächen werden dann zum Totalausfall. Der Aufwuchs lässt sich nicht einmal als Futter nutzen, da Rinder und Schafe die harten Stängel verschmähen.

Um die Erdmandeln nicht weiter zu verbreiten, sind saubere Maschinen unbedingt notwendig. „Die Erdmandeln bleiben auch in den kleinsten Ecken kleben. Also ist das Reinigen der Maschinen die einzige Möglichkeit“, sagt Luhmann.

Deshalb hat er eine Lösung entwickelt, um die Maschinen direkt auf dem bearbeiteten Acker zu säubern: Einen Fronttank mit integrierter Hochdruckpumpe. Eine Schlauchwasch­anlage verhindert, dass nicht einmal der verschmutzte Hochdruckreinigerschlauch Erdmandeln verschleppt.

Herbizide mit geringer Wirkung

Wie herausfordernd es ist, das Erdmandelgras zu beseitigen, zeigen Versuche des JKI. In dem Projekt ENVISAGE testeten die Wissenschaftler von 2016 bis 2019 verschiedene chemische und mechanische Bekämpfungsmethoden gegen das Erdmandelgras.

Dabei kamen sie zu folgenden Ergebnissen: Eine rein chemische Strategie mit verschiedenen Pflanzenschutzmitteln erzielte im Versuch keine zufriedenstellenden Erfolge. Die acht eingesetzten Herbizide erreichten Wirkungsgrade zwischen 8 und 84 %.

Den höchsten Wirkungsgrad erzielte hierbei das Glyphosat. Doch auch gegenüber thermischen Verfahren zeigte sich das Gras hartnäckig. Zweimaliges Abflämmen erzielte keinerlei Wirkung, achtmaliges Abflämmen immerhin einen Wirkungsgrad von 56 %.

Pflügen führte zur Verlagerung der Erdmandeln in tiefere Bodenschichten, Bodenbearbeitung und Hacken konnten die Ausbreitung immerhin etwas reduzieren.Die Wissenschaftler des JKI kamen zu dem Schluss, dass es ohne eine mehrjährige und kombinierte Strategie gegen das Erdmandelgras nicht geht.

So geht die Schweiz gegen Erdmandelgras vor

Auch in der Schweiz gibt es bereits einige Erfahrungen zum Umgang mit dem Erdmandelgras. Dort beschäftigen sich die Behörden intensiv mit dem Neophyten.

Die Erdmandel tritt in allen Kantonen auf. Die betroffenen Flächen sind in einigen Kantonen sogar meldepflichtig. Behörden arbeiten hier eng zusammen und die Pflanzenschutzdienste erarbeiten mit den Betroffenen individuelle Bekämpfungskonzepte. Seit diesem Jahr ist dort z. B. die dreijährige Schwarzbrache auf stark befallenen Flächen ­gegen das Ungras zugelassen.

Hierbei baut der Landwirt drei Jahre lang keine Kultur auf der Fläche an. Im Frühjahr und Sommer bearbeitet er den Boden mehrmals mit Egge oder Fräse. Im ­Winterhalbjahr unterdrücken Ölrettich oder Senf das Ungras und schützen den Boden vor Erosion.

Hacke und Brenner ­kombinieren

Mechanische Verfahren wirken kombiniert am besten gegen das Ungras, davon ist der Niedersachse ­Alfred Luhmann überzeugt. Seine Strategie sieht wie folgt aus: Zwei Hackdurchgänge vor Reihenschluss öffnen den Boden und holen die Rhizome so an die Bodenoberfläche.

An dem selbst konstruierten Hackgerät hat er Gasbrenner installiert, die freigelegte Rhizome und Fadenwurzeln während des Hackdurchgangs gezielt verbrennen. Die Gasbrenner erreichen dabei Temperaturen bis zu 1.900 °C.

Luhmann setzt das Verfahren ein, solange die Maispflanzen bis zu 40 cm groß sind: „Der Mais ist besonders robust“, sagt er. „Die äußeren Blätter verbrennen zwar, aber der Pflanzenkern treibt wieder aus.“ Andere Kulturen vertragen die Hitze der Brenner hingegen nicht. Alle Rhizome erwischt er so nicht, aber er schwächt das Gras.

Fräse und Schälpflug auf Stoppeln

Nach der Maisernte und auf Getreidestoppeln fräst Luhmann die Fläche und setzt dann einen Schälpflug ein, der den Boden 13 cm tief wendet. Dadurch gelangen die Erdmandeln an die Bodenoberfläche.

Luhmann geht davon aus, dass der Frost einen Teil der Knöllchen unschädlich macht. Im nächsten Mai lässt er den Boden mit einem selbst entwickelten Gerät in 6 cm Tiefe unterfahren. Dabei werden die rund 12 cm hohen Gräser und die zu dem Zeitpunkt fest daran hängenden Erdmandeln aus der oberen Bodenschicht entnommen.

Die Mischung aus Gras, Knöllchen und Erde behandelt Luhmann anschließend thermisch bei Temperaturen von 150 °C. Der Ofen, der ursprünglich zur Behandlung von mit Kartoffelkrebs kontaminierter Erde entwickelt wurde, tötet die Biomasse ab.

Die Überreste lassen sich anschließend auf dem Acker ausbringen. Das Verfahren erprobt Luhmann aktuell gemeinsam mit der Hochschule Osnabrück. Im nächsten Jahr folgt dann ein erneuter Durchgang Maisanbau mit ther­misch-mecha­ni­scher Ungrasbekämpfung.

Ungrasbekämpfung erfordert langen Atem

Doch auch mit Luhmanns Strategie ist die Fläche kurzfristig nicht komplett frei von Erdmandeln. „Man braucht bei der Bekämpfung einen langen Atem“, räumt er ein. „Das Erdmandelgras lässt sich nur über Jahre zurückdrängen. Das kostet Zeit und Geld.“ Luhmann ist aber überzeugt, dass sich die Flächen nur durch aufwendige Maßnahmen vor Totalausfällen bewahren lassen.

„Das Wichtigste ist aber, dass man das Gras gar nicht erst auf den Acker lässt“, zieht Luhmann Fazit. Er erhofft sich künftig ein entschiedeneres Vor­gehen, um endlich eine Lösung für das Gräserproblem zu finden.

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