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Landwirte berichten: Wenn Weidelgras zur Plage wird

Regional lösen Weidelgräser Ackerfuchsschwanz als Ungras Nr. 1 ab. Resistenzen gegen Herbizide nehmen stark zu. Wir haben mit Betroffenen über ihre Strategien gesprochen.

Lesezeit: 9 Minuten

Auf den ersten Blick fällt an dem Weizenfeld am Straßenrand nichts Ungewöhnliches auf. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Viele Weidelgrasähren überragen den Weizen, die Gräser ziehen sich entlang des Feldrands bis in die Fahrgassen hinein. „So fängt das Problem mit dem Weidelgras an“, erklärt Landwirt Martin Hofmann. „Erst ist es nur der Rand, und dann das ganze Feld.“

Auch die von Hofmann bewirtschaftete Fläche sieht auf den ersten Blick gut aus, nur hier und da überragen Weidelgrasähren den Weizenbestand. „Lassen Sie sich nicht täuschen“, bemerkt er. „Die Fläche haben wir schon zweimal gespritzt und dreimal die Weidelgrasähren über dem Bestand abgemäht. Und trotzdem ist es noch da.“

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Martin Hofmann leitet den Betriebszweig Ackerbau für Landwirt Peter Seeger. Der Betrieb mit 350 ha Ackerbau und 2 500 Mastschweinen liegt bei Darmstadt in Südhessen – in einem der Hotspots für herbizidresistentes Welsches Weidelgras in Deutschland.

Die Flächen des Betriebs reichen von 20 bis 90 Bodenpunkte, der Jahresniederschlag liegt bei rund 650 mm. Die Fruchtfolge auf dem Betrieb Seeger besteht aus Zuckerrüben, Winterweizen, Mais, Winterweizen und Wintergerste. Teilweise ersetzt Raps die Rüben in der Fruchtfolge. Auf fast allen Flächen des Betriebs wuchert resistentes Weidelgras.

Ähnlich sieht es bei Landwirt Jens Hoffarth aus. Er bewirtschaftet einen Betrieb mit 100 ha Ackerbau, Grünland und 50 Milchkühen im Odenwald, ebenfalls in Südhessen. Seine Böden haben im Schnitt 50 Bodenpunkte, auf den Feldern stehen Winterweizen, Wintergerste, Winterhafer, Mais und Raps.

Das Weidelgrasproblem wächst

In Deutschland lag der Fokus bei Herbizidresistenzen lange vor allem auf Ackerfuchsschwanz und Windhalm. International gesehen, gilt hingegen das Welsche Weidelgras wegen umfassender Resistenzen als das hartnäckigste unter den Ungräsern, z. B. in den USA oder Australien. Aber auch in Deutschland ist das Ungras mittlerweile auf dem Vormarsch.

Neben dem südlichen Hessen gibt es in Sachsen und angrenzenden Teilen Thüringens einige Schwerpunkte der resistenten Weidelgräser. Auf problematischen Flächen mischen sie sich zusätzlich mit Windhalm und Ackerfuchsschwanz. „Grundsätzlich ist Weidelgras ein Profiteur des Klimawandels – im Gegensatz zum Fuchsschwanz, der ein kühleres Klima bevorzugt“, sagt Dr. Johannes Herrmann, Geschäftsführer der Firma Agris42. Sein Unternehmen bietet Resistenztests für Ungräser an und betreibt ein bundesweites Monitoring. „Im mediterranen Raum mit den milden Wintern und heißen Sommern gibt es schon länger Probleme mit Weidelgräsern“, sagt er.

In Südhessen hat das Problem vor rund 15 Jahren begonnen. Epizentrum war ein Betrieb im Odenwald, berichten die Landwirte. Dort fand der erste Betroffene Weidelgras im Getreidebestand. Als er versuchte, die Pflanzen mit einem Herbizid zu entfernen, zeichnete das Gras nur, starb aber nicht ab. Nach etwa drei Jahre stießen auch Hoffarth und andere Landwirte auf die ersten Gräser in ihren Flächen. In der neuen Weidelgraspopulation tauchten mit den Jahren mehr und mehr Herbizidresistenzen auf.

Martin Hofmann vermutet, dass das in der Vergangenheit auch an zu geringen Aufwandmengen lag: „Bei niedrigen Mengen selektieren sich die stärksten Biotypen aus. Irgendwann bleibt nur noch Gras übrig, das gegen fast alles resistent ist.“

Generell sind Weidelgräser Kulturpflanzen und – anders als Ackerfuchsschwanz oder Trespe – auf Leistung gezüchtet. Auch das macht die Bekämpfung der herbizidresistenten Ungräser laut Hofmann so schwierig: „Weidelgras keimt das ganze Jahr über, es bestockt sehr stark und regeneriert sich immer wieder“, zählt der Landwirt die Besonderheiten auf.

Im Gegensatz zu anderen Ungräsern ist das Welsche Weidelgras nicht immer gleich sichtbar. Selbst wenn keine Ähren über dem Getreidebestand zu sehen sind, das Weidelgras wächst unten im Bestand trotzdem weiter, wie eine Untersaat. Von dort aus schiebt es immer wieder Ähren nach, deren Samen dann auch schnell keimfähig sind. Oft blüht das Gras quasi unsichtbar auf Höhe der Ähren oder in der Zwischenfrucht und samt dort unsichtbar aus.

Ungras Nr. 2:

„In unseren Resistenztests ist das Welsche Weidelgras nach Ackerfuchsschwanz mittlerweile die Nr. 2 bei den ­Ungräsern“, erläutert Dr. Johannes Herrmann von der Firma Agris42. „Der Anteil an den eingesendeten Proben nimmt stetig zu und liegt bei rund 15 %.“ Bei den französischen Kunden sei die Problematik bereits präsenter. Hier enthielten 90 % der Proben Welsches Weidelgras. Probleme mit dem Deutschen Weidelgras gebe es kaum, außer in Teilen Dänemarks.

Auf den Spritztermin kommt es an

Herbizide sind in der Gräserbekämpfung eins von mehreren Werkzeugen – aber ein besonders wichtiges. Darin sind sich die drei Landwirte einig. Allerdings schrumpft die Palette an Wirkstoffen, die noch gut gegen die Unkräuter wirken, und neue Wirkstoffe kommen nicht hinzu.

Damit ein Herbizid seine Wirkung noch richtig entfalten kann, kommt es auf den richtigen Einsatzzeitpunkt an. „Das Weidelgras in der Keimphase zu erwischen, ist das A und O. Spritzt man zu spät, zeichnet es nur und man schafft sich weitere Resistenzprobleme“, betont Hoffarth. Damit das gelingt, hat sich die Pflanzenschutzsaison auf den Betrieben verlängert.

„Früher haben wir die Spritze im Herbst kaum gebraucht. Mittlerweile sind wir dann fast jede Woche unterwegs, um exakt den Keimzeitpunkt der Gräser zu erwischen“, ergänzt Seeger. „Leider lassen sich dabei Spritzschäden an den Kulturen nicht immer vermeiden.“

Um zu prüfen, welche Mittel noch wie gut gegen die Weidelgräser wirken, lassen die Landwirte regelmäßig Resistenztests bei Agris42 durchführen. Viele Herbizide, wie z. B. Axial 50, Bandur oder Agil-S, wirken auf den südhessischen Betrieben kaum noch gegen die Weidelgraspopulation.

In Kulturen wie Mais oder Raps lässt sich hingegen noch auf potente Mittel zugreifen, wie z. B. MaisTer Power oder Kerb Flo. Dabei setzen Seeger und Hofmann volle Aufwandmengen ein. „Wir müssen den Acker so lange sauber halten, bis der Bestand oben drüber das Licht wegnimmt“, erklärt Hofmann.

Bodenbearbeitung hilft

Herbizide allein reichen aber nicht aus, um die Gräser in Schach zu halten. Jens Hoffarth setzt bei der Gräserkontrolle vor allem auf den Pflug. Bis auf die Rapsflächen pflügt er seine Felder jedes Jahr nach der Ernte. Da seine Flächen etwas hügelig sind, steigt zwar die Erosionsgefahr, das Weidelgras hat er nun aber nach eigenen Angaben besser im Griff. „Weidelgras könnte selbst gegen Glyphosat resistent werden“, sagt er. „Aber nicht gegen den Pflug. So schaffe ich ein sauberes Saatbett.“ Da im Odenwald 800 mm Regen jährlich fallen, funktioniert die Strategie für ihn auch in Trockenjahren.

Martin Hofmann und Peter Seeger gehen hingegen einen anderen Weg. Der Betrieb wirtschaftet seit 30 Jahren pfluglos – und das soll auch so bleiben. Zudem befürchtet Hofmann, dass durch das Pflügen auch immer wieder Samen von unten an die Bodenoberfläche gelangen. Stattdessen probiert er verschiedene Strategien aus und setzt auf eine wiederholte, möglichst flache Bodenbearbeitung.

Zunächst versucht er, die vorhandenen Samen im Boden zum Keimen zu bringen. „Erst mal ist jedes Weidelgras, das aufläuft, ein gutes Weidelgras – solange man es rechtzeitig erwischt“, sagt Hofmann. Denn nur so lasse sich das Samenpotenzial mit der Zeit abbauen.

Nach der Ernte setzt er zweimal den Strohstriegel ein, damit die ausgefallenen Samen keimen. Sobald die ersten Keimfädchen auftauchen, grubbert er 5 cm tief mit dem Gänsefußgrubber und danach noch einmal 8 cm tief, um das Stroh in den Boden zu bekommen. Das Getreide sät er möglichst spät. Dann striegelt er nochmals vor und nach der Aussaat. Dort wo es erlaubt ist, spritzt er direkt im Anschluss Glyphosat. Das Totalherbizid ist für ihn ein unverzichtbares Werkzeug in der Strategie. „Das Gras in Schach zu halten bedeutet Kosten und vor allem einen Wahnsinnsaufwand“, erklärt Hofmann. „Aber eine Patentlösung gegen das Gras gibt es nicht.“

In diesem Jahr hat Hofmann probiert, die Weidelgrasähren mit einem Mähwerk über dem Getreidebestand abzumähen. Zufrieden ist er damit nicht: Neben dem Weidelgras fehlten auch beim Weizen teils die Spitzen. Zudem bildet das Weidelgras auch unten im Schutz des Weizens seine Ähren aus.

Optimistischer stimmt Martin Hofmann hingegen die Direktsaat, die er nun zum zweiten Mal im Getreide einsetzt. Durch die geringe Bodenbewegung läuft im Getreidebestand nach Hofmanns Beobachtung weniger Weidelgras auf. Er hofft, dass das Bodenleben oben liegende Samen abbaut.

Martin Hofmann und Peter Seeger sind überzeugt, dass sie das Problem mit der Vielzahl an Maßnahmen so besser im Griff haben. „Die Totalausfälle, in denen wir die Ernte nur noch in die Biogasanlage schicken konnten, haben wir zum Glück nicht mehr“, zieht Seeger Resümee. Hofmann und er haben auch schon diskutiert, auf extrem befallenen Flächen Ackerfutter zu erzeugen. Dafür fehlt aber die Nachfrage in der vieharmen Region.

Keine Ausbreitung über ­Erntemaschinen riskieren

Neben der Resistenzentwicklung auf dem Feld verbreiten sich die resistenten Weidelgräser laut Johannes Herrmann durch Untersaaten und vor allem auch über Maschinen. „Weidelgrassamen fallen nicht so schnell aus der Ähre wie Fuchsschwanzsamen“, erklärt der Experte. Dadurch würden sie beim überbetrieblichen Maschineneinsatz schnell von Feld zu Feld transportiert.

Mähdrescher und Strohpressen als Quelle der Ausbreitung sind auch bei den Landwirten in Südhessen ein großes Problem. Landwirt Hofmann achtet daher penibel darauf, dass der betriebseigene Drescher immer wieder mit dem Kompressor ausgepustet wird, auch wenn das jeden Tag rund etwa eine Stunde in Anspruch nimmt. Zudem verschleppen Rübenroder und Rübenmäuse die Samen über Erntegut und Erde. Hier ist es allerdings schwieriger, das Problem einzudämmen, da sich die Maschinen zwischendurch nicht einfach reinigen lassen.

Die drei Landwirte berichten, dass betroffene Berufskollegen lieber über das Thema schweigen. Denn der Weidelgrasbefall könne ungewollte Konsequenzen haben: Einige Biogasanlagen nähmen z. B. kein Substrat mehr ab, das Weidelgrassamen enthalten könnte.

Für die Zukunft wünschen sich die betroffenen Landwirte mehr Versuche und Forschung zur Biologie der Weidelgräser, um künftig bessere pflanzenbauliche Strategien gegen die Ungräser entwickeln zu können. Auch neue Herbizide halten sie für not­wendig, um weiterhin zukunftsfähigen Ackerbau auf ihren Flächen betreiben zu können – trotz der Weidelgrasplage.

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