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topplus Wetterprognose und Versicherungen

Wetterextreme: Zeit, die Ernten abzusichern?​

Hagel, Starkregen, Sturm und Trockenheit werden künftig wohl öfter zuschlagen. Was eine verbesserte Wetterprognose oder Versicherungen leisten können, klären wir im Interview.

Lesezeit: 7 Minuten

Lassen sich Schäden durch eine bessere Wetterprognose und durch Versicherungen minimieren? Antworten geben der Meteorologe Jörg Kachelmann und Thomas Gehrke, Mitglied des Vorstandes bei der Vereinigten Hagelversicherung VVaG.

Hitze im Juni, Nässe im August und Temperaturen von über 30 °C im ­September – sind solche Wetterlagen wie in diesem Jahr noch normal?

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Kachelmann: Der Klimawandel be­deutet, dass es immer wärmer wird und dass Monate, die kälter sind als der Durchschnitt, extrem selten werden. Auch dieser Sommer war generell ­deutlich zu warm, auch wenn das ­manche Menschen gar nicht so empfunden ­haben. Aber die durchschnitt­liche Höchsttemperatur im Hochsommer lag auf den Nord- und Ostseeinseln bei knapp 20 °C, ganz im Südwesten bei 25 °C. Viele Leute haben das Gefühl ­etwas verloren, was normal ist.

Mit den höheren Temperaturen geht auch ein erhöhter Wasserdampf in der Luft einher – das erhöht die Gefahr von Unwettern. Durch das Abschmelzen des Grönlandeises sind zudem veränderte Strömungsformen der Atmosphäre denkbar, durch die trockene Wetter­lagen im Sommer zunehmen. Im Winter sind dagegen keine Dürre­effekte durch den Klimawandel zu erwarten. Generell wird künftig im Winter eher zu viel als zu wenig Wasser das Problem sein. Sollten sich die persistenten Wetterlagen mit wenig Niederschlag häufen, wird sicher mit der Zeit die Frage zu stellen sein, wie man Wasser in den Starkregenphasen speichern kann, statt dieses oberflächlich ablaufen zu lassen.

Warum treten Unwetter eher lokal auf?

Kachelmann: Die Gefahren Hagel, Sturm und kurze, aber intensive Starkregenfälle im Sommer treten meistens in Verbindung mit schweren Gewitterzellen auf. Diese sind von Natur aus lokal begrenzt. So kommt es häufig vor, dass es an einem bestimmten Ort zu massiven Schäden kommt, während es wenige Kilometer weiter trocken bleibt. Um rechtzeitig punktgenaue Warnungen zu erhalten, eignen sich Warndienste wie z. B. Meteosafe.

Inwieweit nimmt die Gefahr zu, dass sogar Tornados oder großflächige Überschwemmungen wie im Ahrtal in Deutschland öfter vorkommen?

Kachelmann: Insgesamt kann im Zuge des Klimawandels davon ausgegangen werden, dass beide Gefahren mit einer erhöhten Intensität auftreten, wenn die meteorologischen Voraussetzungen gegeben sind. Während man großflächige Überschwemmungen wie im Ahrtal schon direkt einem Klimawandeleffekt zusprechen kann, so ist die Gefahr bei Tornados etwas schwieriger zu bewerten. Das liegt daran, dass Tornados generell selten auftreten und keine Langzeitmessungen vorliegen.

Studien des DWD zur sogenannten Attributionsforschung gehen davon aus, dass Ereignisse wie im Ahrtal jetzt schon 1,2- bis 9-mal wahrscheinlicher geworden sind. Im Zuge weiter steigender Temperaturen wird sich die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen.

Lässt sich anhand der Statistik der Vereinigten Hagelversicherung bzw. an den Schäden erkennen, ob und ­welche Extreme zugenommen haben?

Gehrke: Nach wie vor ist Hagel die Gefahr, die im Schnitt die höchsten Schäden verursacht. In den letzten Jahren haben Schäden durch Starkregen und Sturm aber stark zugenommen. Weil an den Pflanzen häufig Beschädigungen durch mehrere Ursachen festzustellen sind, überlegen immer mehr Landwirte, neben Hagel auch Sturm und/oder Starkregen mitzuversichern.

In den letzten Jahren war Deutschland besonders von Trockenheit betroffen. Im Gegensatz zu den anderen Gefahren verursacht Trockenheit aber sogenannte Allmählichkeitsschäden, die nicht durch ein einmaliges Un­wetter, sondern über die ganze Vege­tationsperiode entstehen. Es kann aber auch zu Kumulschäden kommen, wenn z. B. größere Regionen bis hin zu ganzen Bundesländern betroffen sind. Dagegen ist aber bislang nur ein kleiner Teil der Anbaufläche versichert. Dies liegt vor allem an den hohen Kosten für die derzeitige Absicherung.

Generell wird künftig im Winter eher zu viel als zu wenig Wasser das Problem sein."
Jörg Kachelmann

In welchen Regionen kommen diese Extreme am häufigsten vor?

Gehrke: Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt, dass vor allem der Süden Deutschlands oder die Bodenseeregion besonders betroffen sind. Dort treten die Unwetter nach wie vor häufig und heftig auf. Immer öfter sind aber auch andere Gebiete betroffen. Mehrfach hat es dieses Jahr z. B. den Norden Hessens, das Rheinland, das Emsland, den Harz oder die Ostseeküste erwischt. Es gibt 2023 fast keinen weißen Fleck mehr auf unserer Schadenkarte. Wirklich ­hagelfreie Gebiete gibt es nach unserer Schadenstatistik keine mehr.

In welchen Kulturen treten meist die größten Schäden auf?

Gehrke: Flächenmäßig werden Getreide, Ölfrüchte und Mais am häufigsten geschädigt. Das liegt einfach daran, dass sie den größten Teil der Ackerfläche einnehmen. Entschädigt wird hier immer der mengenmäßige Ernteverlust. Betrachtet man hingegen den monetären Schaden auf der Fläche, sind Obst, Gemüse und Wein zu nennen. Gerade bei Obst und Gemüse führen die Schäden sehr schnell dazu, dass die Früchte nicht mehr zu vermarkten sind. Daher beinhalten hier sogenannte Schadenklassen auch Qualitätsverluste. Über pauschale Zuschläge oder ein besonderes Verwertungsinteresse kann der Erzeuger diese Risiken minimieren.

Mit einem besonderen Unwetterereignis steigt auch die Nachfrage nach Absicherungen."
Thomas Gehrke

Für Landwirte wird es wegen der zunehmenden Unwetter immer wichtiger, dass die Wettervorhersagen präzise und kleinräumig sind. Wie exakt sind die Wetterprognosen zurzeit?

Kachelmann: Wetterprognosen haben jetzt schon eine hohe Qualität und verbessern sich stetig. „Normale“ Wetterverhältnisse lassen sich bereits drei Tage gut vorhersagen, ein grober Trend ist abhängig von der Wetterlage bis zu 10 Tage möglich.

Schadenverursachende Wetterlagen sind allerdings Extremwettereignisse, die von Natur aus – abgesehen von Dürre – lokal und daher punktuell schwer vorhersagbar sind. Diese an Ort und Fläche über mehrere Tage genau zu prognostizieren, ist leider noch nicht möglich. Dennoch lassen sich großflächige Gebiete ausmachen, die an Unwettertagen das Potenzial für schwere Gewitter haben. Am ­Unwettertag selbst sollte man immer ­einen Blick aufs Radar werfen. Damit lässt sich kurzfristig abschätzen, ob der eigene Standort betroffen ist.

Wirklich ­hagelfreie Gebiete gibt es nach unserer Schadenstatistik keine mehr."
Thomas Gehrke

Wird daran gearbeitet, die Wetterprognose weiter zu verbessern?

Gehrke: Selbstverständlich wird daran gearbeitet, die Wetterprognosen weiter zu verbessern. Immer leistungsfähigere Computer erlauben es, immer größere Datenmengen in höherer räumlicher Auflösung zu verarbeiten. Auch die Beschreibung der physikalischen Prozesse in der Atmosphäre wird immer ausgefeilter. Je ­genauer die Wetterparameter und die Vorgänge der Atmosphäre an jedem Ort erfasst werden können, desto besser wird die Wettervorhersage.

Auch wir als Vereinigte Hagelversicherung leisten gemeinsam mit der Kachelmann GmbH im Rahmen unseres sogenannten Meteosol-Messnetzes einen entscheidenden Beitrag dazu. Natürlich gibt es aber auch Grenzen. Die klassische Wettervorhersage ist ­seriös nicht über den Zeitraum von 10 bis 14 Tage machbar. Innerhalb dieses Vorhersagehorizontes gibt es Potenzial für Verbesserungen.

Inwieweit steigt zurzeit das Interesse der Landwirte, ihre Kulturen gegen Extremwetter zu versichern?

Gehrke: Wir beobachten immer wieder, dass nach einem besonderen Unwetterereignis die Nachfrage nach einer Absicherung deutlich steigt. Über die sozialen Medien verbreiten sich die Schreckensbilder sehr schnell. Fast immer wird dabei gepostet, dass man zum Glück gut versichert ist.

In diesem Jahr haben wir das besonders deutlich gesehen. Hagel war immer schon großflächig versichert und ist auch heute noch bei jedem Vertrag enthalten. Eine Absicherung gegen Schäden durch extreme Niederschläge bzw. Starkregen und Sturm wird zurzeit stark nachgefragt. Aber auch Trockenheit ist durchaus ein ­Gesprächsthema.

Versicherungen gegen Trockenheit bzw. Dürresind immer noch ein ­Nischenprodukt. Woran liegt das?

Gehrke: Die Versicherung gegen Hagel, Sturm, Starkregen und Frost ist schadenbasiert. Das heißt, dass nach der Meldung die Sachverständigen kommen und den Schaden auf jedem einzelnen Acker konkret feststellen.

Im Gegensatz dazu ist die Dürreversicherung in Deutschland bisher nur als Indexprodukt erhältlich. Das heißt: Wenn ein bestimmter ­Index – z. B. Regenmenge in einem gleitenden Zeitfenster – unterschritten wird, erhält der Landwirt eine pauschale Entschädigung. Der Schaden auf dem konkreten Feld wird dabei nicht berücksichtigt. Demnach kann er auch höher oder niedriger als die Entschädigung sein. Mit Hilfe der kleinräumigen meteosol-Wetterinformationen werden wir eine Dürreversicherung entwickeln, die das tatsächliche Geschehen auf dem Feld deutlich besser abbildet.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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