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VLI-Frühjahrstagung

Lebensmittel: Verliert Gunststandort Deutschland an Attraktivität?

Der Markt und die Politik setzen die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft unter Druck. Der Gunststandort Deutschland verliert an Attraktivität. Wie kann die Wende gelingen?

Lesezeit: 6 Minuten

Das Gesellschaftliches Problembewusstsein zu Themen wie Klimaschutz und Tierwohl nimmt zu. Immer mehr Konsumenten legen Wert auf nachhaltige und gesunde Lebensmittel. Durch die vielfältigen Herausforderungen, auch durch marktseitige und politische Treiber, müssen die Akteure der Agrar- und Ernährungsindustrie neu denken. Strategische Allianzen, Neuausrichtungen und Vernetzung sollten dabei im Fokus stehen.

So lautet ein Fazit der Frühjahrstagung der Verbindungsstelle Landwirtschaft und Industrie (VLI), die am Mittwoch im Hause des Landwirtschaftsverlages (LV) im nordrhein-westfälischen Münster stattfand. Verschiedene Experten diskutierten unter der Moderation von LV-Geschäftsführer Ludger Schulze Pals über Verbrauchertrends und darüber, was in Zukunft auf den Tisch kommt.

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„Say-do-gap“ baut sich aus

Das Konsumverhalten der deutschen Verbraucher ist aus Sicht der Unternehmensberater Christoph Havermann und Dr. Marius Ziegan von der Ebner Stolz-Gruppe von vier Megatrends geprägt: Individualisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Gesundheits- und Wellness-Bewusstsein. Die Verbraucher bestellen beispielweise vermehrt Lebensmittel online und informieren sich über Social Media über die Lebensmittelerzeugung. Das aktuelle Agrarmodell stoße dabei immer wieder auf Widerstand. Die Experten sprachen vom Phänomen der „Say-do-gap“, also dem Wunsch nachhaltig zu leben, dies jedoch nicht in der Realität umzusetzen. Die Menschen wollten sich beispielsweise gesünder ernähren, Chips und Knabbergebäck verzeichneten jedoch im vergangenen Jahr große Umsatzsteigerungen. „Das passt nicht zum Gesundheitstrend“, so Havermann.

Derzeit sei eine fortschreitende Substitution tierischer durch alternative Proteine zu beobachten. In den Jahren 2021/22 wurden auf der Welt in der alternativen Proteinindustrie laut der Experten des Ebner Stolz Management Consultants inklusiv von Insekten 7,7 Mrd. € an Risikokapital investiert. „Das Thema ist ernst zu nehmen“, so Havermann.

Diese Treiber setzen die deutsche Ernährungsindustrie unter Druck

Neben den veränderten Konsumverhalten der Bürger stellen marktseitige und politische Treiber die deutsche Ernährungsindustrie vor Herausforderungen. Der Gunststandort Deutschland verliere an Attraktivität für Produzenten und Verarbeiter. Ausgewählte Treiber sind z.B. erhöhte Unsicherheit aufgrund von Handelsembargos, Sanktionen, Regulatorik und soziale Unruhen. Auch Kostensteigerung insbesondere bei Agrarrohstoffen und Energie führen zu großen Herausforderungen.

Standortnachteil wird größer

Im eigenen Warenkorb beim Wocheneinkauf, aber auch in der Gastronomie erleben wir in Deutschland eine unendliche Vielfalt an Produkten aus aller Welt. Dem gegenüber stehen aber auch 800 Mio. Menschen die hungern, 2 Mrd. Menschen werden nicht bedarfsgerecht versorgt, verdeutlichte Holger Hübner, Geschäftsführer der German Export Association for Food and Agriproducts GEFA aus Berlin. Ist regional die Lösung? Hübner meint: „Wir sollten alles tun regionale Produkte zu verwenden. Doch ohne den Export können wir nicht leben.“ Der Selbstversorgungsgrad liege in Deutschland bei 83 %. „Wir könnten uns ohne Importe ernähren, aber für eine Vielzahl an Produkten müssten wir erhebliche Einschränkungen machen. Wir kaufen in Deutschland einen sehr erheblichen Teil an Lebensmittel zu.“

Agrarexporte sind unterrepräsentiert

Hübner sieht eine mangelnde Überstützung bei den Agrarexporten. Die Agrar- und Ernährungsindustrie sei mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen der viertstärkste Wirtschaftszweig in Deutschland. Vor diesem Hintergrund sei Deutschland im Vergleich zu anderen Branchen „deutlich unterrepräsentiert. Wir genießen als Branche nicht den Stellenwert, der uns zustehen müsste.“ In anderen Ländern sei die Unterstützung beim Agrarexport ganz anders. „Wenn wir uns mit Kollegen aus den USA unterhalten, reagieren diese mit Unverständnis, wie Deutschland den Beitrag so zurückfährt.“ Nachbarländer würden deutlich mehr Unterstützung in der Exportförderung bekommen.

Exportrückgang beim Fleisch

Auch die deutsche Schweinefleischvermarktung steht unter Druck. Gründe sind u.a. die Verschlechterung und teilweise der Stopp der Exportfähigkeit deutscher Ware als auch der Aufbau einer Eigenproduktion von Schweinefleisch im Exportland China. Deutsche essen zudem immer weniger Schweinefleisch.

Michael Schulze Kalthoff, Mitglied des Vorstands bei Westfleisch, sieht die Politik in der Pflicht: „Liebe Regierung, lieber Herr Özdemir. So richtig weit sind sie bisher nicht gekommen. Die Tierhaltungskennzeichnung die uns gerade angedroht wird, ist in vielen Bereichen ein Broken“. Eine „Say-do-gap“ innerhalb der Regierung.“

Es brauche Finanzierung-, Planungs-, Versorgungs- und Rechtssicherheit. Eine Milliarde Euro reiche für vier Jahre nicht aus. „Wer will in einen Stall investieren, wenn ich eine Planungssicherheit von ein bis zwei Jahren habe?"

Keine Planungssicherheit für Landwirte

Viele Landwirte seien bereit in mehr Tierwohl zu investieren. Zahlreiche EU-Gesetze und klimapolitische Initiativen sowie nationale Regelungen forcieren den Umbau der Landwirtschaft. Doch diese seien häufig wenig detailliert und zum Teil sogar widersprüchlich. Planungssicherheit fehle. Die folgende Grafik zeigt anschaulich, welchen zahlreichen agrarpolitische Regulierungen Landwirte und die Agrar- und Ernährungsindustrie ausgesetzt sind:

Die Krisen haben zur Verschiebungen im Konsumverhalten geführt. Profiteure der hohen Inflation und des Pandemie-Endes seien vor allem Discounter. Die Preisorientierung rücke wieder vermehrt in den Fokus. Verbraucher würden auf „teure“ Lebensmittel verzichten und zu günstigeren Alternativen wechseln. Bio wird weiterhin gekauft, aber es sei eine Verschiebung hin zu günstigeren Bio-Lebensmitteln zu erkennen. Reine Biofachhändler haben es schwer, so die Unternehmensberater der Ebner Stolz-Gruppe.

Unterschiede zwischen Bio und Konventionell stärker kommunizieren

Michael Radau, Vorstandsvorsitzender der SuperBioMarkt AG in Münster berichtete am Mittwoch von äußerst volatilen Märkten. Der SuperBioMarkt gehöre als Anbieter ökologisch angebauter und hergestellter Produkte zu den ältesten Naturkostunternehmen in Deutschland. Mit rund 600 Mitarbeitern sind die 26 Supermärkte vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen vertreten. Unternehmer Radau machte deutlich: „Wir müssen deutlich aggressiver die Unterschiede zwischen Bio und Nicht-Bio kommunizieren.“ Vielen Verbrauchern wäre der Unterschied nicht bewusst. Er forderte zudem eine schnellere Umstellung der Landwirtschaft. „Wir brauchen neue Wertschätzung für Lebensmittel“, so der Vorstandsvorsitzende.

Kommunikation und Dialog der Schlüssel?

„Mehr miteinander als übereinander reden. Besser zuhören.“ Das möchte die Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft (ZKHL) fördern. Der Protest der Landwirte und das Aufstauen der Emotionen habe gezeigt: „Es reicht jetzt. Wir müssen was tun“, meint Peter Jürgens, Geschäftsführer der ZKHL. Die Koordinationsstelle biete die Chance des direkten Austausches zwischen den Branchen und Organisationen „auf Augenhöhe“. „Man habe den Eindruck, man muss als Erzeuger alles liefern und wissen. Das Bild der Einbahnstraße passt dort ganz gut. Der Handel will alles wissen, gibt aber nichts zurück.“ Ein erster große Meilenstein der ZKHL soll Mitte des Jahres erreicht werden: Die Herkunftskennzeichnung. Mehr Details verriet Jürgens auf der Veranstaltung nicht.

Auszeichnung für Dr. Kirchberg

Auf der Frühjahrstagung wurde zudem der langjährige VLI-Vorsitzende Dr. Thomas Kirchberg gebührend verabschiedet. Als Dank seiner Verdienste im Deutschen Agribusiness bekam Kirchberg den Freiherr von Wilmowsky-Preis überreicht. Die Nachfolge tritt Peter Müller, Repräsentant der Bayer CropScience GmbH und Head of Crop Strategy Fruits & Vegetablesder der Bayer AG, an.

Zudem überreichte die VLI den top agrar-Chefredakteuren Matthias Schulze Steinmann und Guido Höner einen Scheck für die top agrar-Spendenaktion „Gemeinsam für die Ukraine“. Anstelle von Geschenken für die Referenten hat die VLI das Geld an die Hilfsaktion gespendet.

Die Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie (VLI) versteht sich als bundesweite Plattform für den Dialog zwischen Landwirtschaft und Industrie. Sie verstehen sich nicht nur als Repräsentant der einzelnen Sektoren des Agribusiness, sondern des gesamten Wirtschaftsbereiches. Dabei sehen Sie sich als Forum für die Entscheider im Agribusiness.

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