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Agroforst: Der Bauernhofidylle eine Renaissance geben

2018 war aufgrund der Dürre ein Katastrophenjahr auf Rieckens Eichhof. Hofnachfolger Felix beschäftigte sich mit Agroforst, um den Betrieb resilienter zu machen – und hat neue Mitarbeiter gewonnen.

Lesezeit: 8 Minuten

Ich will zeigen, dass eine Bullerbü-Landwirtschaft mit Kühen, die gemeinsam mit ihren Kälbern auf einer Streuobstwiese weiden, wirtschaftlich möglich ist“, beschreibt Felix Riecken seine Vision. Der 28-Jährige, weiß was er will – und hat auf seinem Bio-Milchkuhbetrieb bereits vier verschiedene Agroforstsysteme etabliert.

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Das Dürrejahr 2018 war Auslöser für Felix Riecken, sich mit dem Thema Agroforst zu beschäftigen.

Beispielbetriebe mit Milchkuhhaltung gab es in Deutschland noch nicht. Mithilfe von Beratern entwickelte er ein Konzept.

Eine Futterlaubhecke war das erste Projekt. Sie soll Windschutz spenden und langfristig Protein für die Fütterung sowie Holz für Zaunpfähle liefern.

Eine Ackerfläche ist inzwischen ebenfalls bepflanzt. Weitere Pflanzungen sind geplant.

Agroforstwirtschaft bezeichnet Landnutzungssysteme bei denen Bäume oder Sträucher mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung auf einer Fläche kombiniert werden, erklärt der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft auf seiner Homepage. Ziel ist, dass zwischen den verschiedenen Komponenten ökologische und ökonomische Vorteilswirkungen entstehen sollen.

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Auf das Thema Agroforst gekommen ist Felix Riecken im Dürrejahr 2018. „Ich habe damals noch in Witzenhausen in Hessen ökologische Landwirtschaft studiert und einen Kumpel in ­seinem Garten unterstützt“, sagt er und erinnert sich an unzählige geschleppte Gießkannen. Das eigentliche Ausmaß der Dürre wurde ihm allerdings erst im Oktober bewusst, als er zurück auf den elterlichen Betrieb nach Großbarkau (Schleswig-Holstein) kam: „Meine Eltern mussten zwölf Kühe zum Schlachter geben, weil das Futter fehlte. Eine Kuh starb sogar an einem Hitzeschlag“, sagt er und beschreibt die Zeit als „Katastrophe“ für den Betrieb.

15.000 € für 1.400 Bäume

Als es wieder anfing zu regnen, beobachtete der gelernte Landwirt, dass das Gras neben Bäumen als erstes grün wurde. „Ich habe mich gefragt, warum das so ist und mich deshalb intensiver mit dem Thema Agroforst beschäftigt“, erklärt er. Zu dem Zeitpunkt befand er sich noch im Studium, las sich intensiv in das Thema ein und belegte Kurse dazu. Felix Riecken wollte sich im nächsten Schritt Agroforstsysteme auf Milchviehbetrieben in der Praxis ansehen und musste resigniert feststellen, dass es in Schleswig-Holstein auf ähnlichen Böden und zu gleichen klimatischen Bedingungen keine gab. Er nahm Kontakt zu dem Agroforst-Berater Burkhard Kayser auf und entwickelte gemeinsam mit ihm ein Konzept für den eigenen Betrieb.

Im Oktober 2020 investierte er 15.000 €, ohne Arbeitszeit gerechnet, und pflanzte gemeinsam mit 100 Unterstützern 1.400 Bäume. Die vielen helfenden Hände fand er über die hofeigene Direktvermarktung.

80 % der Milchmenge in Direktvermarktung

Direktvermarktung gibt es seit 2006 auf dem Hof. Rund 80 % der Milch ihrer rund 70 Milchkühe vermarktet die Familie direkt. Familie Riecken setzt von April bis Oktober auf Vollweide. Zweimal wöchentlich werden 1.100 Haushalte, Cafés, Büros oder Kindergärten mit hofeigener Milch beliefert. Zum Sortiment gehören Trinkmilch, Joghurt, Frischkäse und Käse. Die übrige Menge geht an die Meierei Horst. „Mein Großvater hat den Betrieb auf Milchvieh spezialisiert, meine Eltern haben den Hof mit der Direktvermarktung und mit der Umstellung auf bio im Jahr 2017 diversifiziert“, fasst der Landwirt zusammen. Inzwischen ziehen sie die Kälber muttergebunden auf. Für Felix Riecken ist das ein attraktives Hofkonzept, das darüber hinaus für einen Betrieb dieser Größe rentabel ist, sagt er. Sein Ziel ist, den Hof wieder breiter aufzustellen und resilienter zu machen – auch gegen den ­Klimawandel. So liegt die Größe der agroforstlich genutzten Flächen inzwischen bei 6 ha Weide und 8,5 ha Acker. Der Flächenanteil der Agroforstgehölze je ha beträgt etwa 3 %.

650 m Futterlaubhecke

Sein erstes Projekt war das Anlegen einer 650 m langen sogenannten Futterlaubhecke entlang der Treibewege. „Die größte Frage war, welche Arten ich dafür nutzen kann“, erinnert er sich. Er suchte sich Literatur und sammelte Informationen darüber, welche Pflanzen Rinder gut vertragen. Entschieden hat er sich für Hasel, Holunder, Ahorn, Erle, Esskastanie, Maulbeere und Wildkirsche. Die Esskastanie ist in der Gegend nicht üblich: „Das Holz ist widerstandsfähig und hart“, zählt Felix Riecken die Vorteile auf. Der Baum liefert Nahrungsmittel, spendet Schatten und dient der Insektennahrung. Darüber hinaus liefert es später gutes Holz für Zaunpfähle.

Die Futterlaubhecke soll 3,5 – 4 m hoch werden: „Wir brauchen Schatten und Windbruch für mehr Feuchtigkeit auf den Flächen“, ist er überzeugt. Zusätzlich sollen die Gehölze in Zukunft mal eine attraktive Futterquelle werden. „Die in der Hecke integrierte Maulbeere hat spannende Proteinwerte“, erklärt der Junglandwirt. Geplant ist, dass die Kühe, dort wo sie rankommen, selbst von der Hecke fressen dürfen und der übrige Teil geerntet wird. Felix Riecken schätzt aber auch den Erosionsschutz und die entstandene Artenvielfalt.

Ein Jahr nach dem Anlegen der Futterlaubhecke pflanzte er auch auf 8,5 ha Acker im Abstand von 34 m Baumreihen. Die Anpflanzung der Walnüsse und des Wertholzes soll zu Windreduktion und Schatten und damit zu mehr Feuchtigkeit auf der Fläche führen. „Durch die Baumreihen sinkt die Effizienz der Fläche, aber die Produktivität steigt langfristig“, erklärt Felix Riecken. Der Mehrertrag kompensiert also den höheren Aufwand, wie unterschiedliche Versuche gezeigt haben.

Auf 6 ha Weide hat er inzwischen außerdem in Abständen von 17 m Obstbäume gepflanzt. Weitere Bepflanzungen auf der Weide sind geplant. „An unserem Standort ist es wichtig, als erstes schnell wachsende Gehölze zu pflanzen, die die Windkorridore brechen“, erklärt er. Im zweiten Schritt können so Pflanzen dazwischen gesetzt werden, die weniger windstabil sind. Seitdem der Biolandwirt das Agroforstsystem auf seinem Hof etabliert hat, hat sich vieles geändert, sagt er. Er führt jetzt nicht nur zahlreiche Fachführungen für Interessierte durch, sondern beobachtet mehr Biodiversität auf seinen Flächen: „Ich sehe Vögel, die vorher nie da gewesen sind“, erklärt er. „Für die Kühe macht es bislang keinen großen Unterschied“, vermutet er. Wenngleich er mittlerweile auf den Treibwegen zwischen den Futterlaubhecken ein anderes Mikroklima wahrnimmt als in den Bereichen ohne Bepflanzung.

Aus Fehlern lernen

Rückblickend würde er heute ein paar Dinge anders machen: „Ich würde die Futterlaubhecke in einer Linie und nicht mehrreihig pflanzen, um weniger hacken zu müssen“, sagt Felix Riecken. Er empfiehlt außerdem von Beginn an Vogelsitzstangen aufzustellen. Seine Erfahrung ist, dass die Vögel sich sonst auf die Haupttriebe setzen, die in der Folge abbrechen. Außerdem hält der Landwirt es für wichtig, eine sogenannte Baumscheibe anzulegen. Das ist ­ein Ring aus Stroh, Kompost und Hackschnitzel um den Setzling herum. „Die Baumscheibe sorgt für Feuchtigkeit und mehr Bodenleben“, erklärt er.

Wir brauchen Schatten und Windbruch für mehr Feuchtigkeit auf den Flächen.“
Felix Riecken

Mindestens genau so viel Arbeit und kostspielig wie das Pflanzen, ist das Einzäunen der Bäume. Die Wurzelballen sind gegen Wühlmäuse mit unverzinktem Draht umschlossen. Oberhalb des Bodens befindet sich ein 50 cm hoher verzinkter Draht, um Hasenverbiss vorzubeugen. Damit die Kühe die Bäume nicht beschädigen, sind die Stämme zusätzlich mit einem 2,10 m hohen Baumschutz umgeben. Weil jedes Jahr ein Pflegeschnitt notwendig ist, hat er Klappen konzipiert, die sich auf Höhe der Krone öffnen lassen, sodass er direkt daran arbeiten kann.

Pionier mit Vision

Felix Riecken ist ein Pionier, der für seine Arbeit brennt: „Ich möchte ein ökologisches Gleichgewicht herstellen und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, beschreibt er seine Motivation. Seine Erfahrungen teilt er gerne mit anderen Landwirten und Interessierten. Durch sein Engagement haben sich nicht nur seine Flächen, sondern auch die Außenwirkung des Betriebes verändert: „Mit unserem Betriebskonzept haben wir keine Probleme, gute Mitarbeiter zu finden“, erklärt er. Er ist überzeugt: „Muttergebundene Kälberaufzucht im Agroforst ist die Zukunft. So schaffen wir Akzeptanz und Wertschätzung für die Landwirtschaft.“

Für die Zukunft hat er große Pläne: Seine Vision ist, dass die Streuobstwiese nicht nur von den Kühen genutzt, sondern auch zu einem sozialen Treffpunkt wird. „Ich stelle mir vor, dass Menschen dort zusammen kommen und ­gemeinsam ernten oder Pflegeschnitte durchführen“, beschreibt er seine Vorstellung der Zukunft. Eine weitere Idee ist, aus dem Obst der Bäume Säfte pressen zu lassen, um das Sortiment der Direktvermarktung zu erweitern. Geplant ist außerdem, Hühnermobile zu bauen: „Hühner auf Rinderweiden sind ideal, weil die Fliegenlarven in den Kuhfladen etwa 90 Stunden nachdem die Rinder dort geweidet haben, eine super Proteinquelle sind“, so der Hofnachfolger. „Im Umkehrschluss werden die Kühe von weniger Fliegen belästigt. Das ist eine menschengemacht Symbiose“, ist er überzeugt.

Felix Riecken beschreibt sich selbst nicht als Land-, sondern als Ökosystemwirt. Bisher sind die Ökosystemleistungen wie die Klimawandelbekämpfung oder soziale Aspekte des Agroforstsystems noch nicht eingepreist.  „Ich bin sicher, dass Landwirt:innen, die solche Systeme etablieren, in ein paar Jahrzehnten die einzigen sein werden, die überhaupt noch ernten werden“, ist er überzeugt.

Betriebsspiegel

Betrieb Rieckens Eichhof, Großbarkau (Schleswig-Holstein)

Anzahl Kühe:60

Milchleistung: 8.500 l/305 Tagelaktation

Flächenausstattung: 90 ha (Acker und Grünland)

Ackerbau: Mais, Wickroggen, Kleegras, Luzernegras, Brotdinkel, Hafer

Mitarbeitende: 2 Auszubildende, ein ­rüstiger Altenteiler, Senior- und ­Juniorchef in Vollzeit, das Vermark­tungsunternehmen Rieckens Landmilch ­beschäftigt 15 Arbeitskräfte

Zusätzlich zur Hofarbeit kümmert er sich um das Nachhaltigkeitsmanagement und die -bilanzierung des Betriebes: „Ich dokumentiere viel und ver­suche, Entwicklungen nach Außen zu tragen“, sagt der Junglandwirt. Sein Antrieb ist, Menschen dafür zu sensibilisieren, was ein landwirtschaftlicher Betrieb für Umwelt und Gesellschaft leistet: „Werden zukünftig Agrarfördergelder an Nachhaltigkeitsleistungen gekoppelt, ist die Agroforstwirtschaft das Geschäftsmodell der Zukunft!“

Er weiß genau, wo der Betrieb in zehn Jahren stehen soll: Bis dahin soll ein neuer Kuhstall gebaut sowie sich der Anbau von Gemüse und Pilzen als weitere Standbeine etabliert haben. Der Ökosystemwirt möchte andere Menschen weiterbilden zum Thema nachhaltige Entwicklung: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Bäume auf jedem Betrieb sinnvoll integriert werden können. Allerdings braucht es dafür Zeit, Leidenschaft und auch Geld.“

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