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Premium-Rindfleisch: So kooperieren Handel, Landwirte und Naturschützer

Das Markenfleischprogramm „Earl of Lowlands“ vermarktet Premiumfleisch vom Deutschen Schwarzbunten Niederungsrind bundesweit - und bringt dabei unterschiedliche Parteien an einen Tisch. 

Lesezeit: 9 Minuten

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Earl of Lowlands heißt das Markenfleischprogramm, unter dem das Groß­handelsunternehmen Handelshof das ­Premiumrindfleisch vom Schwarzbunten Niederungsrind verkauft.

In dem Programm sind der Handelshof, Landwirte, das Landvolk und der Natur- sowie Artenschutz beteiligt.

Ein Vertrag regelt für alle Seiten z. B. Preise und Haltungsbedingungen.

Die Projektpartner sehen sich als Team, das das Programm gemeinsam wachsen lassen will.

Wenn sowohl Landwirte als auch Großhandel, Natur- und Artenschutz zufrieden sind, kann es nicht mit rechten Dingen zugehen? Vielleicht doch: Mit dem Programm „Earl of Lowlands“ vertreibt das Großhandelsunternehmen Handelshofdeutschlandweit Fleisch der gefährdeten Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind im Premium­sektor. Rund 40 Betriebe im Norden Deutschlands ziehen dafür Rinder auf. Ein Vertrag sichert Preis und Absatz. Ein Teil der Tiere grast auf Flächen des Nationalparks Wattenmeer und hält die Vogelbrutplätze strauchfrei.

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Die Suche nach Lieferanten

Dirk Nennen leitet den Warengruppenbereich Fleisch beim Handelshof, der mittlerweile zur Edeka Unternehmensgruppe gehört. Kunden des Unternehmens sind insbesondere die Gastronomie, Caterer und Kantinen. 2016 machte Nennen sich nach der erfolgreichen Einführung eines Markenfleischprogramms für Schweine auf die Suche nach passenden Partnern für ein Rindfleischpendant.

Die Grundvoraussetzungen dazu klingen erstmal einfach: Weidegang, eine Rasse mit Fleischqualität, Stroh im Stall, irgendwo in Deutschland. Die Suche danach war es nicht. Nennen wollte zum Start mit rund 50 Schlachttieren pro Woche rechnen. „Eine dafür nötige Mastherde von rund 5.000 Tieren mit Weidegang schließt sich zum Beispiel in Wasserschutzgebieten aus“, so Nennen. Viele Besuche von der Eifel bis nach Bayern später, brachte der Zufall nach zwei Jahren den entscheidenden Kontakt.

Kiebitz bestimmt den Schnitt

Derweil im hohen Norden: Landwirt Uwe Osterndorff aus Berentsch bei Cuxhaven hat 2017 aufgehört zu melken. Viele seine Berufskollegen in seiner Region ebenso. Traditionell haben die Betriebe – wie hier an der Wurster Küste – das Grünland im Außendeich mit Milchvieh bewirtschaftet. Mit der Vergrößerung des Nationalparks Wattenmeer kaufte die Verwaltung sukzessive die Flächen am Meer auf.

Heute zählt der gesamte Park 3.000 ha Salzwiesen und Sommerpolderflächen. „Als wir aufgehört haben, die Flächen zu bewirtschaften war allen Seiten schnell klar, dass bald nur noch Sträucher wachsen“, sagt Osterndorff. Gemeinsam entwickelten Nationalparkmitarbeiter (siehe Interview mit Peter Bartz) und Landwirte ein Konzept: Die Weiden sollen durch das Schwarzbunte Niederungsrind gepflegt werden. Für die Rasse spricht, dass sie ursprünglich aus der Gegend stammt. Die Rinder zeichnen sich dadurch aus, dass sie gut mit der Futtergrundlage zurechtkommen und durch ihren Schutzstatus zu den Werten des Naturschutzes passen.

Allein für die Beweidung der 800 ha Sommerpolder der Wurster Küste sind ca. 1.600 Niederungsrinder erforderlich, inklusive der Winterfutterernte. Besitzer der Herden sind die Landwirte, die unter den Rahmenbedingungen des Nationalparks zu einem sehr geringen Pachtsatz die Flächen nutzen, so Uwe Osterndorff. Den Naturschutz hat die Verwaltung im Blick. „Brut- und Setzzeit geben meist vor, ob wir zum Beispiel mähen können oder welche Besatzdichten möglich sind“, erklärt Osterndorff die Zusammenarbeit.

Er hat für den Start mit seiner rund 120 Kopf starken Herde seinen Bullenstall und Anbindestall für die Mutterkuhhaltung umgebaut und ist in Vorleistung getreten, wie viele andere auch. „Ich habe auf die Zusammenarbeit mit dem Naturschutz vertraut. Zudem muss man sagen, dass ohne diese Möglichkeit in unserem Dorf fast niemand mehr Rinder halten würde“, sagt Osterndorff. Er ist froh, dass so auch die Struktur der Gegend erhalten bleibt. Geplant war zunächst, dass die Landwirte das Fleisch selbst an Restaurants der Umgebung vermarkten.

Wenn der Handel klopft

Dass die Abnehmerseite zum Flaschenhals für solche Projekte werden könnte, erkannte Dr. Bernhard Schuirmann vom Ostfriesischen Landvolk. Ihn beschäftigte schon länger der massive Strukturwandel auf dem Grünland in der Region. Er erfuhr über Bekannte von Dirk Nennens Suche und brachte den Vertreter des Handelsriesen mit den Küstenlandwirten an einen Tisch. „Mit der großen Zahl an potenziellen Landwirten bzw. Rindern in der Region und dem schon bestehenden Praxisprojekt mit dem Niederungsrind hatten wir Dirks Interesse geweckt“, sagt Schuirmann.

Nicht nur das: 2018 begannen die Beteiligten nach diversen Kennenlerntreffen und Kalkulationen gemeinsam Produktrichtlinien für Erzeugung, Naturschutz und Verarbeitung zu erarbeiten. Das Gemeinsam wird dabei groß geschrieben: „Solche Vorgaben kann man nicht nur aus der Verbraucherseite sehen“, sagt Dirk Nennen, dem der Austausch mit den Landwirten wichtig ist. Für ihn standen Weidegang und Strohhaltung im Winter als Mindestkriterien fest. Dazu einigten sich die Beteiligten auf Punkte wie 75 % Gras- bzw. Grasprodukte als Futter, kein Soja oder Mais in der Fütterung, Platzangebot auf Bioniveau und Einbezug des Natur- und Artenschutzes.

Konsumerlebnis bieten

Und auch die Produktqualität rückt ins Blickfeld. „Nicht nur Emotionen sind wichtig, der Verbraucher muss ein Konsumerlebnis über den Geschmack haben, um ein Produkt weiter zu kaufen“, sagt Dirk Nennen, der als gelernter Metzger zu Beginn Testschlachtungen durchführen lassen hat. Diese zeigten: Das Niederungsrind bringt einen hohen Anteil intramuskuläres Fett mit. Der Fokus auf Ochsen- und Färsenmast erhöht die Qualität des Fleisches ebenso wie die extensive Fütterung und das Schlachtalter von rund 34 Monaten.

„Nicht nur Emotionen​

sind wichtig, der Verbraucher​

muss ein Konsumerlebnis​

über den Geschmack haben.“​
Dirk Nennen​

Damit die Landwirte für den Aufwand einen fairen Preis erhalten, ist dieser nach gemeinsamer Kalkulation vertraglich festgehalten. Dazu gehört auch die Möglichkeit, diesen in einem Lenkungsgremium anzupassen – für alle Seiten. Den Erzeugerpreis wollen die Parteien nicht nennen. Er liege aber circa auf dem Niveau von Biofleisch. 2019 unterzeichneten alle Projektpartner die ersten Zehn-Jahres-Verträge – von der Haltung, Organisation, Natur- und Artenschutz bis zur Schlachtung. „Das Programm hat die Produktionsstufen der Rinderhaltung zusammengebracht und die Vermarktung professionalisiert“, sagt Bernhard Schuirmann. Die ersten Rinder wurden 2020 vermarktet. Der Handelshof versucht seitdem, das ganze Tier „from nose to tail“ über die Schiene anzubieten. Der Verkaufspreis beträgt das zwei- bis dreifachen des Standardsortiments.

Mehr Partner als Lieferant

„Früher haben wir abgeliefert und irgendwann das Milchgeld bekommen. Heute schreiben wir die Rechnung“, sagt Renke Westerman, ein weiterer teilnehmender Landwirt aus Esens (Nds.). Auch er ist 2017 aus der Milchviehhaltung ausgestiegen und hält nun rund 180 Niederungsrinder in Mutterkuhhaltung. „Der Milchpreis hat die Arbeit, die meine Familie mit der Erzeugung hatte, nicht widergespiegelt“, sagt er. Das hat sich geändert.

Er ist froh, sein Grünland mit einer lokalen Rasse zu nutzen, zudem gefällt ihm die Wertschätzung und der Produktbezug, den er durch das Earl-Programm zu seiner Produktion erhält. „So bieten wir nicht nur Transferleistungen durch Naturschutz, sondern auch ein gutes Produkt für den Markt.“

Beim Earl of Lowland sind neben Mutterkuhhaltern wie Osterndorff und Westerman auch Aufzüchter und Milchviehhalter mit Niederungsrindern beteiligt, die Kälber zur Aufzucht oder Zuchtvieh verkaufen. Weiterhin nehmen zahlreiche Landwirte teil, die Flächen außerhalb des Nationalparks bewirtschaften. Denn das Projekt ist längst über die Wurster Küste hinausgewachsen. Alle Rinder werden im Herdbuch geführt. Der Verein zur Erhaltung des Deutschen Schwarzbunten Niederungsrindes war von Beginn an aktiver Teil der Kooperation.

Wollen und müssen wachsen

Derzeit schlachtet ein Partnerschlachthof alle zwei Wochen rund 30 – 40 Tiere. „Immer passende Tiere liefern zu können, ist eine Daueraufgabe“, sagt Bernhard Schuirmann, der als Mitarbeiter des Landvolks die Schlachtplanung und Logistik für die Landwirte und Landwirtinnen aus dem Ammerland, Ostfriesland und Emsland übernimmt.

Dazu plant er circa 15 – 18 Monate im Voraus, wie viele Tiere er von welchen Betrieben zu welcher Zeit einsammeln lassen kann. „Mal sind es zwei, mal fünf, mal 20 Stück pro Station“, erklärt Schuirmann. Dabei fährt er selbst vorher zu den Herden und schaut sich die Entwicklung der Tiere an. Bei Ochsen sind 300 – 400 kg Schlachtgewicht bei einer Fettklasse von drei bis vier das Ziel.

Parallel bleibt er stets in Kontakt mit den Landwirten, wie Uwe Osterndorff bestätigt: „Im Oktober ist hier Sturmflutzeit, und unsere ersten Weiden werden überschwemmt. Um fast fertige Schlachtochsen nicht für vier Wochen aufstallen zu müssen, frage ich, ob Bernhard die früher anholen lassen kann.“ Dafür muss ein anderer Landwirt warten. „Als Partner im gleichen Projekt herrscht weniger Konkurrenz, sodass jeder jedem etwas gönnt“, erklärt Renke Westerman.

Das ist auch nötig, denn Dirk Nennen sagt: „Wir müssen und wollen wachsen. Ich will den Earl zusätzlich in allen Edeka-Foodservice-Standorten haben. Ich habe keine Angst davor, 100 Tiere die Woche zu vermarkten!“

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Interview

Rinder für den Naturschutz

Sie sind Mitarbeiter der National­parkverwaltung. Wie wurde die ­Wurster Küste zum Nationalpark?

Bartz: Für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer haben die Sommerpolderflächen, wie hier an der Wurster Küste zwischen Bremerhaven und Cuxhaven als Vogelbrutflächen hohe Priorität. Ziel ist es, die Sommerdeiche zu öffnen und mit dem Zufluss des Wassers aus der Marsch Salzwiesen entstehen zu lassen. 2007 haben wir damit begonnen. Die Küste war komplett im Privatbesitz, mittlerweile ­haben wir bis auf wenige Ausnahmen alles aufgekauft. Das ist erstmal nicht das beliebteste Modell.

Wie kamen die Landwirte ins Boot?

Bartz: Beweidung führt hier zu einer höheren Artenvielfalt. Daher wollten wir Rinder halten. Veterinäre haben uns bestätigt, dass die feuchten ­Flächen dauerhaft nicht mit Holsteinrindern zu bewirtschaften sind. Die Futtergrundlage ist zu energiearm. So kamen wir auf das Niederungsrind, das historisch in dieser Gegend genutzt wurde. In vielen Gesprächen mit Landwirten konnten wir erst einen und dann mehrere dafür gewinnen, diese Rinder auf unseren Flächen zu halten. Wichtig ist, sich zu vertrauen und sein Wort zu halten. Durch die Zusammenarbeit wurden Existenzen gegründet bzw. ermöglicht.

Warum haben Sie die Rinderhaltung nicht selbst in die Hand genommen?

Bartz: Wir haben einen alten Hof gekauft, auf dem Rinder gehalten werden sollen. Das ist spannend. Aber noch toller finde ich, dass ich Projekte zusammen mit Landwirten machen kann. Die haben Ahnung und Lust und Freude an der Arbeit mit den Tieren. Wir lernen voneinander. Das fördert das Verständnis für den Nationalpark.

Wie sind sie an „Earl of Lowlands“ beteiligt?

Bartz: Das ist handfest vertraglich ­geregelt. Für die Landwirte im Nationalpark gibt es zusätzliche Regeln im Vergleich zu Betrieben im Binnenland. Hier haben wir z. B. eine an die Brutzeit angepasste Beweidungsintensität: Zwei Kühe plus Kalb pro ha während und drei nach der Brutzeit. Das Earl of Lowlands-Programm kam genau richtig. Die Landwirte hatten mit ­Direktvermarktung wenig Erfahrung. Es gab Restaurants, die sind mir nach dem ersten Start mit den Niederungsrindern gefolgt und wollten wissen, wo denn das Fleisch aus dem Park bleibt. Da hatten wir die Vermarktung nicht zusammen. Das ist nun anders. Auch wir stehen für die Qualität der auf unseren Flächen erzeugten Produkte ein.

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