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topplus Widerstandsfähig bleiben

So lernen Landwirte aus Krisen

Die Stimmung in der Landwirtschaft ist aufgeladen, der Ton wird rauer. Rolf Brauch wirft einen Blick auf die Haltung der Branche und gibt Impulse für den Umgang mit künftigen Krisen.

Lesezeit: 6 Minuten

Als Redner war ich auf zahlreichen Veranstaltungen von Landwirten, Verbänden, Berufsvertretern oder Unternehmen. Oft sitze ich zu Beginn selbst im Publikum und lausche den Grußworten derer, die mich und alle anderen Anwesenden eingeladen haben. Häufig geht es in den Eingangsreden um die mannigfachen Krisen in der Landwirtschaft, ausufernde Bürokratie, die schlechte Stimmung unter den Bauern oder die Verbraucher, die sich an der Kasse stets falsch entscheiden.

Schon lange vor den Protesten der vergangenen Wochen war die Stimmung auf solchen Veranstaltungen oft spürbar. Gefühle aufzugreifen und Unzufriedenheit auszudrücken, ist per se nichts Schlechtes. Doch in meinen Augen sollte man eines dabei beachten: Stimmung zu machen, bedeutet nicht, Lösungen aufzuzeigen und zukunftsfähige Wege zu finden. Stattdessen ist Stimmung ein Instrument, das vordergründig Emotionen anspricht und der Manipulation und Verführung dienen kann.

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Die Verbandsvertreter, Unternehmer und Persönlichkeiten unserer Branche scheinen sich dessen nicht immer bewusst zu sein. Gelegentlich überbieten sich die Sprecher und Sprecherinnen sogar gegenseitig, was Wut und Lautstärke angeht. Dabei sollte gerade in ihrer Rolle jedes Wort und die Tonart weise gewählt werden, denn der Ton macht die Musik. Wenn die Vertreter der Branche so negative Bilder malen, hat das Folgen – unerwünschte und oftmals unüberlegte Folgen, wie ich hier unterstellen möchte.

Menschen, die unsere Branche vertreten, kommt – egal in welcher Sparte oder Ebene – hohe Verantwortung zu: Durch ihre Netzwerke haben sie einen anderen Blick auf das Geschehen und oft tiefere Einsicht in Prozesse und Entscheidungen. Kein Wunder also, dass ihr Verhalten und ihre Stimmungsmache andere leicht anstecken, also beeinflussen können – teils auch zu Recht.

An angebrachter Stelle ist es richtig, sich durchzusetzen, Einigkeit zu fordern oder auf den Tisch zu hauen. Und gleichzeitig muss klar sein: Die Sprecher selbst müssen in ihrer Funktion häufig eine gewisse Sprache bedienen, um den Zuspruch aus den eigenen Reihen nicht zu verlieren. Denn ist der Frust unter den Bauern hoch, aber die Bemühungen der gewählten Vertreter erscheinen eher wie die von Bittstellern, schlägt der Zorn gerne auf die eigenen Leute über. Beide Seiten üben also Einfluss aufeinander aus. Bei vielerlei großen und kleinen Anlässen ist es leicht zu beobachten, wie die Akteure sich aufschaukeln und antreiben.

Emotional oder Rational?

In der Soziologie spricht man bei diesem Phänomen von der Resonanztheorie. Das Fatale ist, dass dieser Vorgang rein auf Emotionen beruht, die sich gegenseitig anfachen. Fakten geraten in den Hintergrund.

Ich würde behaupten, dass es mancherorts zu unbedarft aufs Podium und vor die Leute geht: Entweder ignorieren die Redner den Zusammenhang zwischen sich und ihrem Publikum, oder sie nehmen ihn wissentlich in Kauf. Einige haben sich dieses Phänomen vielleicht auch schlicht nie bewusst gemacht. Wer eine öffentliche Position innehat, sollte in meinen Augen vorm Sprechen abwägen, welchen Einfluss die eigenen Worte auf die Zuhörer haben. Welche Botschaft vermittelt mein Wettern jungen Unternehmern, die versuchen, sich richtig für die Zukunft aufzustellen? Was hören Altenteiler, die seit Jahren unsicher sind, wann und wie sie übergeben sollen – wenn sie überhaupt noch einen Übernehmer finden. Und was nehmen Betriebsleiter mit, die sich nach jeder Veranstaltung oder jedem Besuch bei Berufskollegen neuen Problemen gegenübersehen? Viele Bauern sind emotional inzwischen so erschöpft, dass sie gedanklich dicht machen.

Natürlich muss man Stimmung aufgreifen und ernst nehmen. Bangt jemand um seine Existenz, würde er sich inmitten schwerer Entscheidungen aber nicht wahrgenommen fühlen, wenn man seine Situation nicht anerkennt. Dennoch ist es leichtsinnig, sich von aufgewühlten Emotionen in unternehmerischen Entscheidungen oder in der Kommunikation mit Politik und Öffentlichkeit leiten oder gar bestimmen zu lassen.

Eine so präsente und anhaltende Krisenstimmung, wie die Landwirtschaft sie seit Jahren erlebt, löst Ängste aus. Das lähmt, macht handlungsunfähig und eng in Herz und Hirn. Zudem ist Angst, wie wir wissen, ein schlechter Ratgeber.

Krisen nicht schlecht reden

Von Winston Churchill stammt angeblich der Rat, nie eine gute Krise zu verschwenden. Das Wort „Krise“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wendepunkt“. Unsere Welt verändert sich mannigfach. Die entscheidende Frage ist, wie lern- und handlungsfähig Menschen und Institutionen sind. Nehmen sie die Zukunft in die Hand, reiben sie sich am Widerstand gegen das Neue auf oder lassen sie sich treiben?

Angst macht handlungsunfähig und eng in Herz und Hirn."
Rolf Brauch

Was habe ich z. B. in der Milchkrise 2009 als Berater für Sprüche gehört, was man gerade jetzt alles ändern will: mehr Marktmacht, mehr Gremienkompetenz und – ganz wichtig – die Kosten der Arbeitserledigung dauerhaft senken, um mit dem Preisdruck zukünftig besser umgehen zu können. Dann, als der Milchpreis deutlich anstieg, gerieten viele gute und sinnvolle Vorsätze doch wieder in Vergessenheit. Aus Krisen zu lernen, sie als Wendepunkt und Chance zum Überdenken der eigenen Abläufe zu sehen, sieht für mich anders aus.

Und wir wissen, dass viele Landwirte in den vergangenen Jahren auch körperlich und seelisch an ihre Grenzen gekommen sind, ja diese vielfach überschritten haben: Burn-out und Depressionen sind die Folgen.

Positives in den Fokus nehmen

Nach dem Theologen Paul Tillich sind Grenzen die eigentlichen Orte der Erkenntnis. Was tun wir also für eine geringere Arbeitsbelastung, resilientere Beziehungen oder besseres Risikomanagement, auch bei der Betriebsorganisation? Drei Vorschläge finden Sie hier.

Wir haben die Wahl, worauf wir den Fokus und unsere Energie richten: auf den Käse oder die Löcher. Mit anderen Worten, reden wir ressourcen- und stärkeorientiert oder defizit- und problemorientiert. Wie heißt es so treffend? Über Probleme zu reden, schafft Probleme. Über Lösungen zu reden, schafft Lösungen. Doch sich auf Lösungen zu konzentrieren, wenn das Gehirn unter Berufskollegen beständig auf negative Emotionen eingestimmt wird, ist kein einfaches Unterfangen.

Wir brauchen keine neue Rhetorik, sondern eine neue Haltung."
Rolf Brauch

Sowohl unternehmerisch als auch mit Blick auf die eigenen Gefühle ist es motivierender, mit einem Fokus der Stärke über Grenzen und Krisen zu sprechen. So entwickelt sich nach und nach der Blick für die Chance, eine Krise ins Positive zu wenden. Dieser Lernprozess macht es zukünftig leichter, Herausforderungen gelassen zu begegnen.

Stärken machen stärker

Wir müssen unsere Stärken häufiger in den Mittelpunkt stellen. Das heißt nicht, sich die Welt schönzureden! Doch wer immerzu die Schwächen in den Vordergrund stellt oder die Schuld bei Politik und Verbrauchern sucht, macht die eigene Situation und sich selbst schwach, fühlt sich mit dem Rücken zur Wand und vergibt Wege und Entwicklungsmöglichkeiten.

Deshalb brauchen wir gerade von den Verantwortungsträgern der Landwirtschaft keine neue Rhetorik, sondern eine neue Haltung. Das könnte den ganzen Berufsstand stärken und Zufriedenheit ­stiften.

Wer handlungskräftig und stärkeorientiert seinen Weg geht, hat eine gute Zukunft in der Landwirtschaft. Also verschwenden Sie nicht die Krise. Sie ist Ihre Chance!

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